Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.

Chapter 3

Chapter 33,446 wordsPublic domain

Am 17. Juni in aller Frühe entsandte der Vladika eine Abteilung Montenegriner, damit sie sich, wenn möglich, wenigstens des vordersten französischen Postens bemächtige. Der Feind war nämlich in vier Gefechtsabteilungen gegliedert. Die Montenegriner stürzten leidenschaftlich auf den ersten Posten los, zersprengten ihn und drangen sofort gegen den zweiten vor. Die Franzosen wollten sie offenbar etwas mehr in ihre unmittelbare Nähe locken. Vladika und Vjasemski sahen ein, dass die Lage dieser tapferen Abteilung jetzt sehr gefährlich, fast verzweifelt war. Sie sandten derselben einen Trupp Jäger zu Hilfe. Diese gerieten aber bald in dieselbe gefährliche Lage. Ein türkischer Offizier benachrichtigte den Vladika von dem Nahen einer Verstärkung für die Franzosen. Die Verbündeten sahen, dass sie keine Stunde mehr säumen dürften. Blitzartig bestieg Vladika den eroberten Posten. Die vorgerückten Montenegriner sahen ihren Vladika ihnen zu Hilfe kommen und fassten neuen Mut.[29] Der linke Flügel wurde angegriffen. Lauriston erwartete keineswegs den Angriff von dieser Seite. Er rückte seine Truppen nach links. Französische Batterien feuerten unaufhörlich. Nur ein Schritt zurück hätte für die Slaven Vernichtung bedeutet. Sie mussten also vorwärtsklettern. An einen Rückzug konnte man nicht im geringsten denken. Die Situation war also für die Slaven äusserst schwierig. Inzwischen aber erschien das übrige russische reguläre Heer auf dem Berg. Ein donnerndes «Hurra» erscholl hinter den Montenegrinern und Bokelen. Die Franzosen waren überrascht und erstaunt, doch nicht verworren. In guter Ordnung kämpften sie immer noch tapfer. Mit Schrecken aber sahen sie, wie das unreguläre Heer tollkühn ihrer Festung nahte. Es dauerte nicht lange, und sie erblickten es in unmittelbarer Nähe ihrer Schanze. Nur einen Augenblick zögerten die Montenegriner, bis sich das ganze verbündete Heer gesammelt hatte; dann aber wurde mit einem Schlag die französische Redoute, die mit 10 Kanonen bewaffnet war, erstürmt.[30] Die Franzosen zogen sich zurück und liessen ihre drei Positionen im Stich. Es blieb ihnen nur noch eine vierte am Fusse des Berges, gerade oberhalb von Ragusa. Unterdessen vereinigte sich mit ihnen die gerade angekommene Verstärkungstruppe. Daher fassten sie allen Mut zusammen und griffen die Slaven an, wurden aber wieder bis zu ihrer vierten Position zurückgeschlagen, wo sie haltmachten, doch ohne jede Hoffnung verloren zu haben. Nicht mehr als eine Viertelstunde vermochten sie von da aus Widerstand zu leisten. Die vierte Position wurde erstürmt, die Franzosen auseinandergetrieben. Ungeordnet und verwirrt flohen sie der Stadt zu. Viele Montenegriner kamen ihnen zuvor und legten sich an der Strasse in den Hinterhalt, um ihnen den Einzug in die Stadt zu verwehren. Unter zahlreichen Verlusten bemächtigten sich die Franzosen dennoch gegen 7 Uhr abends Ragusas.

Es herrschte eine unerträgliche Hitze an jenem Tage, was in dieser Gegend nicht selten ist. Gleichwohl dauerte der Kampf unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend fort. Die französischen Verluste waren gross. 800 Tote und Verwundete hatten sie (die Ragusaner mitgerechnet), unter welchen 18 Offiziere sich befanden; zu diesen zählte auch General _Delgogne_. 90 wurden gefangen genommen. Die Russen verloren 16 Gemeine und einen Offizier, zudem zählten sie 33 Verwundete. Die Montenegriner und Bokelen büssten etwa 120 Mann ein.

So endete dieser blutige Kampf vom 17. Juni, dessen furchtbares Ende Lauriston an dem Vorabend nicht vermuten konnte: Er und seine ganze Armee war von allen Seiten eingeschlossen. Diese Belagerung soll uns im Folgenden beschäftigen.

6. Belagerung Ragusas.

Am zweiten Tage nach dem Kampfe bei Brgat belagerten die Slaven Ragusa vom Lande her. Die kleine Insel vor der Stadt, _Locrum_ benannt, hielten die Franzosen noch besetzt. Senjavin versuchte, ihnen diesen Stützpunkt zu entreissen, was ihm nicht gelang. Major Sabjelin nahm diejenigen Franzosen gefangen, die er noch ausserhalb der Stadt fand, sei es in Gravosa oder in den umliegenden Häusern und Schluchten. Nun wollte man nicht stehen bleiben, sondern dachte an weitere Schritte. Die erste Sorge war, wie man die Franzosen zur Uebergabe zwingen könnte. Vergeblich hat man Lauriston zur Kapitulation aufgefordert. Auf das energischste hat er es abgeschlagen. Er erwartete Hilfe aus Dalmatien. Etwas Proviant für das Heer besass er, jedoch nicht genug. Lange hätte er schon dort sich halten können, wäre die Zufuhr der Lebensmittel aus der Herzegovina nicht von den Montenegrinern abgeschnitten worden. Alle Wege nach und aus der Stadt wurden gesperrt und das Wasser abgeschnitten.

Darauf stellten die Russen ihre zwei Batterien auf der Höhe über der Stadt auf und fingen an, dieselbe zu bombardieren. Die Häuser Ragusas waren aus festem Material gleich den Ritterburgen gebaut. Auch eine hohe und dicke Mauer umgab die Stadt. Doch die Kanonenkugeln richteten bedeutende Schäden an. Tag und Nacht waren diese Batterien tätig. Lauriston sandte oft kleinere Abteilungen, damit sie die bokelischen Freiwilligen vertrieben, die sich in den Ruinen um die Stadt verborgen hielten und häufig auf dieselbe Angriffe versuchten.

Die eigentliche Stadt war von Menschen überfüllt. Einmal weil neben den Stadtbewohnern die starke französische Garnison darin weilte, und dann, weil das Volk aus der Umgebung noch vor der Belagerung dort Zuflucht gesucht hatte. Von Anfang an musste man deshalb mit allen Nöten kämpfen, wie Hunger, Durst und Krankheiten. Der schreckliche Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Senjavin war dies sehr wohl bekannt. Ihn und Vladika dauerte es besonders, dass die unschuldige Bevölkerung aus der Umgebung so furchtbar leiden musste. Darum versuchte Senjavin wiederholterweise Lauriston zur Kapitulation zu bewegen, aber jedesmal erfolglos.[31] Der französische General machte zweimal Versuche, um die Stadt von der Belagerung zu befreien. Am 28. Juni griffen seine Soldaten um Mitternacht den russischen rechten Flügel an, wurden aber zurückgeschlagen und liessen 10 Tote und 23 Verwundete auf dem Felde. Und am 3. Juli wurden zum zweiten Male 400 Franzosen nach der Vorstadt _Pilae_ ausgesandt, um das verbündete Heer zu beunruhigen. Eine Abteilung Montenegriner erhielt daher den Befehl, diejenigen Häuser in der Vorstadt anzuzünden, von wo aus die Franzosen ihre Angriffe machten. Der Befehl wurde ausgeführt. Es kam zu einem heftigen Scharmützel, in welchem 100 Franzosen umkamen. (Russen und Montenegriner verloren 11 Mann.) Die übrigen flüchteten sich in die Stadt und wagten nicht mehr herauszukommen, solange die Belagerung dauerte.

Senjavin hatte schon seit Wochen den Befehl aus Petersburg erhalten, die Bocca den Oesterreichern zu übergeben, damit sie dieselbe an die Franzosen ausliefern könnten. Diesen Bescheid hielt er lange geheim. Es ging aber ein leises Gerücht durch die Armee, dass der Admiral einen solchen Befehl in der Tasche trüge. Senjavin liess jenes Gerede nicht unterdrücken oder dementieren, vielmehr schien es, dass er die Verbreitung desselben begünstigte, bis er schliesslich selber die Sache der Armee kund tat. Auf diese Nachricht wurden die Bokelen und Montenegriner bis zum Tode betrübt und entmutigt. Sie konnten gar nicht fassen, dass es des Zaren Wille sei, sie, die so mutig und aufopfernd gegen den gemeinsamen Feind gekämpft hatten, an diesen ausgeliefert werden sollten. Viele verliessen den Kampfplatz sofort und kehrten heim.

Die Belagerung dauerte bis am 6. Juli. An diesem Tage hatten die Slaven noch einen Zusammenstoss mit den Franzosen. Früh am Morgen kam die Nachricht ins russische Lager, dass 500 Mann Ersatztruppen für die Franzosen von Ston heranrücke. Der Vladika sandte zu der Mündung des Flusses _Ombla_ eine Abteilung Montenegriner, den nahenden Feind zu empfangen. Kaum waren die Montenegriner dort angelangt, als ein neues Heer auf den türkischen Hügeln erschien. Das war General _Molitor_ mit 3000 Mann. Ueber Ston hatte er jene 500 Leute ausgesandt, damit er die Aufmerksamkeit der Slaven dorthin lenke, sie dann von hinten überrasche und zwischen die beiden Feuer treibe. Als diese Armee zum Vorschein kam, eilten die Montenegriner und Bokelen ihr entgegen. Sobald die Armee die Grenze überschritt, fielen sie über sie her und zwangen sie, haltzumachen. General Molitor war erstaunt wegen dieses kühnen Streiches eines so kleinen irregulären Heeres. Es kam zu einem heftigen aber kurzen Zusammenstoss. Die Slaven wurden bis Gravosa zurückgedrängt. Molitor vereinigte sich mit der Armee aus der belagerten Stadt. Senjavin wollte sich nicht in einen weiteren Kampf einlassen, da er keinen Vorteil davon erwarten konnte. Die kriegerische Stimmung seines Heeres und insbesondere der Bokelen hatte nachgelassen. Der Vladika schiffte sich mit einem Teil seiner Leute ein und fuhr mit Senjavin und den Russen nach der Bucht di Cattaro. Ein anderer Teil Montenegriner hielt noch eine Zeitlang den Kampf gegen die Franzosen aufrecht. Sie traten langsam den Rückzug in der Richtung auf Zavtat an und gingen von da aus nach Castelnuovo, um sich mit dem übrigen Heere zu vereinigen.

In Castelnuovo war jetzt das Hauptlager der Bokelen, Russen und Montenegriner. Das Volk aus der Umgebung kam haufenweise, um die Krieger zu begrüssen. In diesem Lager ging es wie bei einer politischen Versammlung zu. Das Volk klagte und jammerte, dass es nach so vielen Opfern doch unterjocht werden solle. Es wurden flammende Reden gehalten gegen Franzosen, Oesterreicher und sogar gegen das offizielle Russland (nicht gegen die Russen überhaupt, denn die Russen, welche mit dem Volke gegen den Feind zusammenkämpften, waren in der Bocca sehr beliebt). Man beschloss, eine Deputation zum Zaren nach Petersburg zu schicken, um ihn zu bitten, die Bocca nicht ihrem Feinde auszuliefern. In der Bittschrift erinnerten sie den Zaren, wie die Franzosen wider das Völkerrecht Ragusa besetzt hätten, obwohl diese Republik unter dem Schutz der ottomanischen Pforte, der damaligen russischen Bundesgenossin, stand.[32] Vier Deputierte wurden gewählt und abgesandt.[33]

In Erwartung von Russlands Antwort konnte dieses Volk keine Waffenruhe halten. Die Montenegriner und Bokelen gingen oft nach Ragusa, um die Franzosen herauszufordern. Auch vom Meere aus fuhren sie heran, richteten allerlei Schaden an und kehrten dann in die Bucht zurück. Diese Bandenzüge beunruhigten fast täglich die französische Armee, dass diese--obwohl die Belagerung schon am 6. Juli aufgehoben war--immer noch nicht wagten, aus der Stadt abzuziehen.

Das war ihrerseits natürlich klug. Denn sie wussten, dass es zwischen Napoleon und Russland abgemachte Sache sei, die Bocca di Cattaro an sie auszuliefern. Warum sollten sie nun umsonst Blut vergiessen.

7. Oubrils Vertrag.

Wir haben schon im ersten Kapitel erwähnt, wie sich die politische Situation der europäischen Grossmächte in einem beständigen Hin-und Herschwanken befand. Napoleon hetzte Oesterreich gegen Russland, dieses stand in Ungewissheit, mit wem es nach der Niederlage von Austerlitz halten sollte; in England war seit dem Tode Pitts (23. Januar 1806) eine Wendung in der äussern Politik eingetreten. Diese war, wenn auch nur für kurze Zeit, von Einfluss auf die Lage des übrigen Abendlandes. Das Ministerium _Fox-Grenville_ kam im britischen Reiche ans Staatsruder. Man erwartete allerwegs, dass Fox, der mächtigste Gegner der kriegerischen Politik Pitts, einen neuen Weg in der äusseren Politik einschlagen werde. Man täuschte sich auch nicht. Fox trieb seinem Charakter gemäss eine friedfertige Politik. Er hegte innige Freundschaft für Frankreich. Ein Briefwechsel zwischen ihm und Talleyrand zeigt dies zur Genüge. Er wollte unverzüglich den Krieg mit Frankreich beilegen.

Man kannte in Petersburg die Gesinnung und die Politik des neuen englischen Ministers. Unter Rücksichtsnahme auf die Tatsache, dass dieser Mann jetzt die Führung Englands, d.h. des russischen Verbündeten, hatte, wie auch auf die Absicht Napolens, Oesterreich von Russland loszumachen, entschloss man sich am kaiserlichen Hofe, eine Annäherung an Frankreich zu versuchen. Weil England denselben Schritt zu tun im Begriffe war, war das schon an sich ein genügender Grund, dass auch die Russen zu Napoleon in freundschaftliche Beziehung treten wollten. Daher sandte Alexander den Staatsrat Oubril, den ehemaligen Geschäftsträger in Paris, nach Frankreich. Oubril hielt auf der Durchreise sich in Wien auf und versicherte dem Hofe und dem Grafen Stadion, dass er Instruktionen bekommen habe, bei dem Abschluss von Verträgen auch Oesterreichs Interessen zu wahren.[34] Man atmete in Wien ein wenig freier auf. Diese Versicherung konnte insbesondere den Grafen Stadion beruhigen, da er durch dieselbe nun gewiss war, dass Oesterreich nicht gezwungen werde, sich auf die Kniee vor Napoleon zu werfen.

Es war klar, dass es für die Verbündeten vorteilhafter sei, gemeinsame Friedensunterhandlungen mit Napoleon zu führen. Dem Betragen des russischen Bevollmächtigten nach aber schien es, als ob Oubril die Instruktionen des Zaren hätte, nötigenfalls auch Separatverhandlungen zu übernehmen. Fox sträubte sich insbesondere gegen solche. Er wusste gut, dass Napoleon nur in dem Falle etwas abzuringen sei, wenn alle Verbündeten gemeinsame Sache machen würden. Nicht weniger war das auch Stadions Standpunkt.

Oubril wurde von Talleyrand mit grosser Zuvorkommenheit behandelt. Er versicherte den russischen Unterhändler, dass ein Friede mit Russland für Napoleon die wünschenswerteste Sache sei, wie auch, dass einem russisch-französischen Abkommen nicht viele Hindernisse im Wege ständen.

Auf das diplomatische Intrigenspiel brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Für uns ist nur das Schicksal der Bocca di Cattaro während solch verwickelter diplomatischer Zustände wichtig. Talleyrands Forderungen an Russland gingen darauf hinaus, die Bocca solle den Franzosen geräumt werden. Nur dann könne die Rede sein von einer Räumung des österreichischen Territoriums seitens der Franzosen.

Das Abkommen wurde schliesslich zustande gebracht und am 20. Juli von den beiderseitigen Unterhändlern unterzeichnet. Die Hauptpunkte dieses Abkommens waren: Anerkennung von Napoleons Kaisertitel durch Russland, Räumung des österreichischen Bodens und Uebergabe der Bocca di Cattaro an die Franzosen. Inzwischen begann General Lauriston Verhandlungen mit Senjavin und den österreichischen Diplomaten, den Grafen _Bellegard_ und _L'Epin_. Da er sich mit Senjavin wegen dessen zögernder Haltung nicht verständigen konnte, forderte er von den Bokelen, sich den Franzosen zu ergeben. Bellegard war entschieden dagegen. Denn er meinte, wenn die Franzosen die Bocca nicht von Oesterreich unmittelbar erhielten, so würde die Festung Braunau diesem letzteren verloren gehen.[35]

Lauriston machte Versuche, auch den Vladika Peter zur freundlicheren Gesinnung gegen die Franzosen zu bewegen. Er hatte erfahren, welch unwiderstehlichen Einfluss er auf die Bokelen hatte. Er wusste, dass keine Macht, folglich auch die Franzosen nicht, ohne seine Zustimmung in dieser Gegend ruhig und glücklich zu herrschen vermöchten. Lauriston machte dem Vladika viele Versprechungen. So verhiess er ihm z.B. im Auftrage Napoleons die Patriarchenwürde über ganz Dalmatien.[36] Selbstverständlich lehnte es der Vladika ab. Es gab eine Zeit, von welcher wir schon gesprochen haben, wo er willig war, mit den Franzosen in Bündnisverhandlungen einzugehen, wo er solche sogar sehnsüchtig wünschte. Diese Zeit war aber jetzt vorüber. Die Situation hatte sich geändert. Der Vladika wusste, dass sein Volk nach so vielem Blutvergiessen und nach so vielen Feindseligkeiten mit den Franzosen nicht frohen Herzens mit denselben jetzt ein Bündnis schliessen würde. Er kannte zu gut den Charakter dieses schlichten Volkes, das seine Gefühle nicht nach diplomatischen Erwägungen, sondern nach einem angeborenen Gerechtigkeitsmassstab regulierte. Dieses Volk vermochte nicht heute jemandes Freund zu werden, dessen Feind es gestern gewesen war.

III.

Die Kämpfe bis zum Tilsiter Frieden.

8. Vorbereitung zum neuen Kampf.

Im slavischen Lager zu Castelnuovo erwartete man mit Ungeduld die Antwort des Zaren auf die wegen Nichtauslieferung der Bocca gesandte Bittschrift, Lauristons Verhandlungen scheiterten allenthalben. Er gab sie auf, oder besser gesagt, er übergab sie dem gerade angekommenen Generalissimus der französischen Armee für Dalmatien, dem General Marmont. Am 2. August langte dieser in Ragusa an. Er fand, wie er selbst behauptet,[37] die Armee in einem ganz elenden Zustande. Die französischen Truppen in Dalmatien sollten aus den Mitteln unterhalten werden, die sie von dem Militärlager in Italien bekamen. Die Unterstützung war aber mangelhaft und unregelmässig. Die Kriegkommissäre, die die Lebensmittel aus Italien expedierten und die, welche dieselben in Dalmatien empfingen, lieferten der Armee das verdorbene Korn. «Le pain était infect, les hôpitaux étaient dans le plus grand abandon, les casernes sans fournitures; tout était dans l'état le plus déplorable; plus du quart de l'armée était aux hôpitaux, où la mortalité était effrayante: c'était pire que ce que j'avais trouvé deux ans et demi avant en Hollande.[38] So sagt Marmont, nicht aber von dem Zustande der Armee in der Bocca allein, sondern in Dalmatien überhaupt.

Marmont gab sich alle Mühe, diesen unheilvollen Zustand zu bessern. Er machte die dalmatische Armee finanziell unabhängig von der italienischen. Fleischlieferungen bestellte er von Bosnien, wo das Vieh billig war und Kornlieferungen von Pola und Triest.[39] Grosse Sorgfalt widmete er insbesondere den bis dahin ganz vernachlässigten Spitälern. Es gab zu wenig Spitäler, nämlich nur ein einziges in Zara, sodass viele kranke Soldaten starben, bevor sie ins Spital gebracht werden konnten. Er vermehrte die Spitäler, er richtete sie gut und zweckmässig ein. Somit verminderte sich die Sterblichkeit der Soldaten merklich.[40]

Marmont war überrascht, dass man in der Bocca keine Notiz davon nahm, dass das Land nach dem abgeschlossenen Vertrag vom 20. Juli sofort an die Franzosen auszuliefern sei. Er kam nach der Bocca in der festen Ueberzeugung, dass er nichts anderes zu tun haben werde, als bloss das Land zu besetzen ohne Kampf und Krieg. Als seine Hauptmission betrachtete er, den Bedürfnissen der Armee nachzukommen, die ungeheuer waren.[41]

Die Situation war aber eine ganz andere, und demgemäss musste er nun handeln. Er erinnerte den russischen Admiral an den Pariser Vertrag. Senjavin gab eine zögernde Antwort mit der Bemerkung, dass der Vertrag, obwohl abgeschlossen und durch die Unterhändler unterzeichnet, noch nicht durch den Zaren bestätigt worden wäre. Unterdessen erfuhr Marmont, dass das slavische Heer in der Bocca bei Castelnuovo Verstärkungen erhalte. Es ging auch ein Gerücht durch das Land, dass die Slaven an die Fortsetzung des Krieges dächten. Dem französischen General blieb somit nichts übrig, als sich selber zum Kampfe vorzubereiten. Mit grosser Eile liess er zwei Festungen konstruieren, die eine auf dem oberhalb Ragusa sich befindenden Berge _Sancto-Sergio_ und die zweite auf dem ersten Posten, unweit davon. Grossen Wert legte er auf die Freundschaft mit den benachbarten Türken von Bosnien und Herzegovina. Er knüpfte freundschaftliche Beziehungen mit dem Agha von Mostar, mit dem Pascha von Trebinje und dem Vezier von Bosnien an. Er machte ihnen manche Geschenke in Waffen und Berggeschützen.[42]

Da die wiederholten Vorstellungen bei Senjavin keinen Erfolg hatten, rückte Marmont sein Heer bis ins Gebiet von Castelnuovo vor. Ein Waffenstillstand war am 14. August zwischen Senjavin und Lauriston abgeschlossen worden, der noch Gültigkeit hatte. Bei dem kleinen Hafen _Molonta_ stellte er auf dem Berge seine Batterien auf und traf auch bei _Ostro_ viele Vorkehrungen.

Unterdessen kam der kaiserliche Feldjäger und brachte das Gebot des Zaren vom 12. August an seine Armee, den Kampf unverzüglich fortzusetzen. Dass Alexander den Vertrag Oubrils vom 20. Juli nicht anerkennen wollte, das hatte Senjavin schon vorher erfahren, und das wussten auch manche bokelische Führer. Der kaiserliche Bote nun bestätigte das, was eine allgemeine Freude im slavischen Lager und in der ganzen Bocca hervorrief. Am 12. September, anlässlich der Namenstagfeier des Zaren, teilte Senjavin im geheimen mit, dass der Krieg bald wieder eröffnet werden solle.[43] Man bereitete sich vor, soweit man dies noch nicht war. Von Korfu kam auf Befehl Senjavins der General-Major Popondopuli mit weiteren Infanterieabteilungen, die er auf der Insel in Bereitschaft hatte. Das russische reguläre Heer betrug 3000 Mann, die Zahl der Bokelen und Montenegriner war 6000 Mann.[44] Die russische Flotte bestand aus 22 Kriegsschiffen, unter denen 12 Schiffe Kreuzer waren. Die Bokelen hatten auch eine ziemliche Anzahl von Handelsschiffen, die jetzt zum Krieg verwendet wurden. Diese waren natürlich klein, aber eben deshalb leicht lenkbar und insbesondere gut passend für die enge Bucht di Cattaro, wo die grossen Kriegsschiffe nur mit Mühe sich drehen konnten.

9. Der Kampf bei Castelnuovo.

Die französischen Truppen waren bis in die Nähe von Castelnuovo vorgerückt. Sie versuchten für sich den Boden zu ergreifen und sich zu verschanzen ganz in unmittelbarer Nähe vor dem slavischen Lager. Daher gab es schon am 14. September deswegen einen kleinen Zusammenstoss zwischen jenen Truppen und einer Abteilung der Freiwilligen unter dem Kommando von Graf _Georg Voinovic_ aus Castelnuovo und _Vuko Radonic_ aus Njegusch, wobei die Franzosen mit einigen Verlusten sich zurückziehen mussten.[45]

Um das Vorrücken der Franzosen zu verhindern, wurde sogar auch die Schiffsartillerie seitens der Russen verwendet. Die Franzosen hatten sich nämlich des Vorgebirges _Ostro_ bemächtigt, eines Punktes, der die gesamte Bucht beherrschte; von dort aus glaubte Marmont der russischen Flotte den Ausgang aus der Bucht versperren zu können. Senjavin erkannte die Gefahr und beschoss darum die Franzosen mit Schiffsgeschützen sobald sie sich auf Ostro zeigten und sich daselbst zu verschanzen suchten.[46] Als das starke und unaufhörliche Schiessen im Lager bei Castelnuovo gehört wurde, machte sich alles bereit. Am 25. September griff der Vladika mit seinen Leuten die Franzosen von der entgegengesetzten Seite an. Diese sahen sich gezwungen, das Vorgebirge zu verlassen und zogen nach Molonta in ihre starke Befestigung zurück. Aber schon am Abend desselben Tages mussten sie auch dort den Montenegrinern weichen, wobei sie 38 Geschütze und zahlreiches anderes Kriegsmaterial zurückliessen, was dem Vladika willkommen war. Die Franzosen hielten sich immer am Rande der Meeresküste und zogen sich langsam zurück. Nur auf dem _Debeli Breg_ hielten sie an und wagten Widerstand zu leisten, aber nur für kurze Zeit; sie setzten darauf ihre Flucht weiter fort. Am zweiten Tage wurden sie immer weiter verfolgt. Die russische Armee holte die Montenegriner bei Debeli Breg ein und vereinigte sich mit ihnen. Die Franzosen erreichten endlich ihr Lager in Zavtat.

In einer anderen sehr starken Verschanzung bei Vutche Zdrelo hatten die Franzosen an diesem letzteren Tage einen heftigen Zusammenstoss mit einer Abteilung der Bokelen aus _Risano_ unter der Führung des Grafen _Sava Svelic_. Stürmisch wurden sie von den Risanern angegriffen und zur Preisgabe der Festung gezwungen, worauf deren bisherige Besatzung nach Zavtat zurückeilte.