Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.

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Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde vorgelegt der hohen philosophischen Fakultät der Universität Bern

von Dr. NICOLA VELIMIROVITCH.

Bern 1910

Inhaltsverzeichnis

I. Vor den Kämpfen. 1. Die Situation nach dem Pressburger Frieden. 2. Stand der Dinge in der Bocca di Cattaro. 3. Peter I. und seine Beziehungen zu den Grossmächten.

II. Die Kämpfe bis zu Oubrils Vertrag. 4. Ragusas Uebergabe und der Kampf bei Zavtat. 5. Der Kampf auf dem Berg Brgat. 6. Belagerung Ragusas. 7. Oubrils Vertrag.

III. Die Kämpfe bis zum Tilsiter Frieden. 8. Vorbereitung zum neuen Kampf. 9. Der Kampf bei Castelnuovo. 10. Die Bocca während des Waffenstillstandes. Okkupation der Inseln. 11. Uebergabe der Bocca nach dem Tilsiter Frieden.

IV. Die Ereignisse in der Bocca von 1812—1814. 12. Die Beziehungen der zwei neuen Nachbarn. 13. Ausbruch neuer Feindseligkeiten. Kämpfe bei Budua, Troiza und Castelnuovo. 14. Belagerung und Uebergabe Cattaros.

I.

Vor den Kämpfen.

1. Die Situation nach dem Pressburger Frieden.

Der «Austerlitzblick», der den grossen englischen Staatsmann William Pitt frühzeitig ins Grab gebracht hatte, hielt die übrigen zwei an der furchtbaren Katastrophe unmittelbar beteiligten Verbündeten, Russland und Oesterreich in monatelangen Todesängsten. Das rührte aber den Sieger von Austerlitz wenig. Zielbewusst und rücksichtslos, wie er immer verfuhr, diktierte Napoleon nun den Vertrag von Pressburg, am 26. Dezember 1805. Umsonst hatte Talleyrand ihm in der Demütigung Oesterreichs Mässigung angeraten.[1] Er forderte und bekam alles, was er wollte. Alles, was Oesterreich ehemals durch den Vertrag von Campo Formio gewonnen hatte, musste es jetzt den Franzosen geben. Beinahe drei Millionen seiner Untertanen musste Oesterreich der Herrschaft Napoleons ausliefern. Neben Venedig gingen ihm auch Istrien (ohne Triest) und Dalmatien (ohne das Litorale) mit der _Bocca di Cattaro_ verloren. Die einzige Verpflichtung, die Napoleon auf sich nahm, war die sofortige Entfernung der französischen Truppen von dem österreichischen Boden. Dieser Pressburger Friede war in der Tat für Oesterreich so ungünstig, dass Graf Stadion mit Recht denselben «Capitulation» Oesterreichs nennen konnte.

Napoleon hegte damals böse Pläne gegen die Türkei, obwohl sie sein Verbündeter war. Diese seine Tendenz lässt sich klar aus dem Pressburger Vertrag erkennen; insbesondere aber zeugt dafür seine spätere Haltung. Durch den Vertrag liess er sich Dalmatien abtreten, wobei die Uebergabe der Bocca di Cattaro in erster Linie betont wurde. Den österreichischen Boden wollte er nicht nur nicht räumen, sondern verstärkte im geheimen die sich auf demselben noch befindlichen französischen Truppen. Das Städtchen _Braunau_, das ebenso geräumt werden sollte, blieb auch weiterhin unter französischer Besatzung. Und noch mehr: Napoleon forderte den Durchzug seiner italienischen Truppen von Venedig nach Dalmatien über österreichischen Boden, über _Monfalcone_, wo früher der venezianischen Armee der Durchzug stets gestattet wurde. Ja, Napoleon forderte sogar energisch von Oesterreich die Sperrung seiner Häfen für die englische und russische Flotte.

Graf Stadion seinerseits versuchte alles mögliche, um die Beziehungen zu Frankreich nicht zu verwickeln und zu verschärfen. In dieser Absicht sandte er auch Vincent nach Paris, um die Vorurteile Napoleons gegen ihn zu zerstreuen. Napoleons Antwort war die denkbar schroffste. Er sandte Andréossy zu Stadion mit der Forderung, sofort und unverzüglich den Durchzug der französischen Armee durch das österreichische Gebiet zu bewilligen. Zu Vincent sagte Napoleon bei der ersten Audienz: «Man muss mir den Durchzug gestatten, andernfalls werde ich euch mit Krieg überziehen».[2] Stadion bemühte sich, die Sache irgendwie zu mildern. Darum machte er dem französischen Botschafter in Wien, Larochefoucauld, mancherlei Vorstellungen; aber alles war vergeblich. Dieser verlangte binnen 24 Stunden eine bestimmte Antwort und Ernennung einer Persönlichkeit, die mit Andréossy Verhandlungen eingehen könnte.

Nun, zu dieser schwierigen Frage gesellte sich eine andere, für Oesterreich unvergleichlich schwierigere und für Napoleon desto willkommenere: Die Abtretung der Bocca di Cattaro.

Es verbreitete sich zuerst ein Gerücht, das bald nachher auch bestätigt wurde, dass die Bocca di Cattaro Russland abgetreten würde. Der österreichische General _Ghiselieri_, hiess es, habe sie dem Befehlshaber der russischen Flotte im Adriatischen Meere übergeben. Das war natürlich ganz vertragswidrig. So fasste es auch Napoleon auf. Er verlangte sofort eine Erklärung Oesterreichs darüber. Oesterreich sollte, das war seine Forderung, in Petersburg Schritte tun, welche die Herausgabe der Bocca ermöglichen könnten. Wollte Russland nicht nachgeben, so sollte Oesterreich seine Mitwirkung zur Eroberung der Bocca nicht versagen. Es sollte in dem Falle auch seine Häfen den englischen und russischen Schiffen verschliessen, worauf es Napoleon am meisten ankam, da er diese feindlichen Flotten um jeden Preis aus der Adria vertrieben sehen wollte. Sein Hintergedanke war, Oesterreich mit Russland zu entzweien und somit den Dreibund zu sprengen. Würde ihm dies gelingen, sagte er sich, so wären alle seine Pläne der Verwirklichung nahe, andernfalls aber hätte er einen Grund, an Oesterreich noch härtere Forderungen zu stellen. Denn ohnehin reute es ihn, bei dem Pressburger Vertrag das Litorale nicht genug berücksichtigt zu haben. Wiederholt erklärte Larochefoucauld nach den Instruktionen Napoleons dem Grafen Stadion, dass Braunau so lange im Besitz der Franzosen bleiben werde, als die Bocca ihnen nicht übergeben würde. Das war aber nicht alles. Er drohte mit Besetzung von Fiume und Triest. Das war viel schlimmer. Schliesslich drohte Napoleon mit dem Krieg. Und das war für Oesterreich das Schlimmste.

In Wien glaubte man, dass Napoleon nun einen Anlass zu neuer Bekriegung Oesterreichs suche. Dies zu vermeiden und den Frieden aufrecht zu erhalten, war aller, besonders aber Kaiser Franz' und Stadions Wunsch. Letztere machten eine Vorstellung in Petersburg in bezug auf die Bocca und die Forderungen Napoleons. Inzwischen schrieb Franz an Napoleon eigenhändig betreffs der Bocca, ihre Herausgabe an die Russen sei ohne sein Wissen und Wollen erfolgt, eine Untersuchung habe er gegen den General Brady, den Befehlshaber in Dalmatien, eingeleitet und die Verhaftung Ghiselieris anbefohlen. Die Sperrung der Häfen für die russische Flotte werde erfolgen, sobald Russland eine ausweichende Antwort geben werde. In demselben Sinne hatte sich auch Stadion La Rochefoucauld gegenüber geäussert.[3]

Trostlos und fast verzweifelt stand Oesterreich da, weil zwei mächtige feindliche Heere seine beiden Grenzen bedrohten, das französische im Südwesten, das russische im Norden. In Wien wurde nun die Frage aufgeworfen: Mit wem von beiden Mächten soll es Oesterreich halten? Man war in der Beantwortung dieser Frage nicht einig. Erzherzog Karl, Trauttmansdorf, Metternich und viele andere waren der Meinung, man müsse den französischen Forderungen sich widersetzen und, wenn eben möglich, eine Allianz mit Frankreich anstreben. Zur Illustration der Meinung dieser Mehrheit, wie auch der Situation, in welcher sich Oesterreich damals befand, sei hier einiges aus dem Briefe Karls an den Kaiser angeführt:«... Ich glaube meine Aufmerksamkeit vorzüglich auf zwei Fälle richten zu müssen, von welchen der eine oder andere Eurer Majestät unausweichlich bevorzustehen scheint. Der erste und unglücklichste für den Staat wäre ohne Zweifel jener, wenn wir durch unsere unglückliche Lage in einen neuen Krieg mit dem einen oder anderen der beiden Kolosse, die uns bedrohen, verwickelt würden. Von beiden stehen mächtige Armeen an unseren Grenzen, mit beiden würden die ersten Feindseligkeiten den Krieg in das Herz der Monarchie führen, mit beiden würde der erste Ausbruch des Krieges uns ganze Provinzen entreissen, beide würden einen Teil der Erbstaaten beherrschen, ausplündern und verheeren, ehe wir imstande wären, eine Armee, der es an _allem_, sogar an Gewehren fehlt, in Ungarn versammeln zu können. Sollte jedoch zwischen diesen beiden grossen Uebeln eines gewählt werden müssen, so bietet der Krieg mit Frankreich noch unendlich schrecklichere Resultate dar, als jener mit Russland. Meine innere Ueberzeugung entreisst mir das traurige Geständnis: Ein neuer Krieg mit Frankreich und seinen Alliierten ist das Todesurteil für die österreichische Monarchie ... Nicht so ganz ohne alle Rettung erscheint der Krieg mit Russland.»[4]

Stadion hingegen war entschieden gegen die Allianz mit Frankreich. «Es würde,» sagte er, «Oesterreich Frankreich untertan werden; und ein solches Verhältnis bezeichnet man als Allianz.»[5] Für den Fall eines Bündnisses mit Frankreich aber stellte er seinen Rücktritt in Aussicht.

Keineswegs besser war die Situation in Petersburg. Alexander hatte einen Krieg zur Befreiung der Völker von der Macht Napoleons unternommen. Mit unermesslicher Zuversicht und unzähligen Hoffnungen ging er in den Kampf. Der «Austerlitzblick» aber machte ihn zu einem gebrochenen und ratlosen Mann. Ein schrecklicher Wirrwarr herrschte an seinem Hofe und in seinem Kopfe. Mannigfaltige Gährungen, mannigfaltige Richtungen kreuzten sich im Volke wie in den Parteilagern. Jedermann versuchte seine eigene Haltung gleich seiner Vergangenheit zu rechtfertigen. Und jedem gelang es natürlich. An der Niederlage Russlands war also niemand im Lande schuld. Die früheren Ratgeber des Kaisers, die ihm vorher so viel Ruhmvolles von einem Krieg gegen Napoleon vorgespiegelt hatten, schoben jetzt alle Schuld an dem Misserfolg Oesterreich zu. Die altrussische Partei predigte entschieden den Bruch des Bündnisses mit Oesterreich. Man beschuldigte es sogar eines Verrates. Die Leute der Opposition gegen das Regiment Czartoryskis gewannen jetzt grossen Einfluss auf den Kaiser und das Volk. Ihre Parole war nun, Russland solle nur noch die eigenen Vorteile im Auge behalten, seine Verbündeten ihrem Schicksal überlassen und sich nicht mehr zwecklos und sinnlos in einen weiteren Kampf stürzen.

Eine friedliche Stimmung beherrschte ganz und gar die öffentliche Meinung in Russland. Man verdächtigte aber den Zaren, er beschäftige sich auch weiterhin mit Kriegsplänen. Allerlei Beschwerden gegen den Kaiser und insbesondere gegen Czartoryski wurden laut und lauter. Der österreichische Botschafter in Petersburg, _Merveldt_, teilte sogar dem Wiener Hof mit, dass die tiefgehende Gährung der Gemüter die Möglichkeit eines Thronwechsels bezeugte.[6] Wenn die Friedenspartei schliesslich die Oberhand in Petersburg gewann, so verdankte sie dies auswärtigen Ereignissen; Pitt starb und sein Nachfolger neigte zum Frieden.

Mit Ungeduld wartete man in Wien auf einen Entschluss Russlands, d.h. auf die Antwort in bezug auf die Frage der Bocca di Cattaro. Endlich kam der langersehnte Bescheid. Rasumovski erschien am 26. Mai bei Stadion und teilte ihm mit, Russland sei bereit, Cattaro mit der Bocca herauszugeben. Allein die Räumung Cattaros seitens der Russen sei eine Sache, die nicht sofort erledigt werden könnte. Der russische Agent in Cetinje und in der Bocca habe die Bevölkerung der Bocca stets der russischen Protektion versichert. Diesem Versprechen könne sich Russland jetzt nicht entziehen, ohne den Unwillen seiner slavischen Brüder in dieser Gegend sich zuzuziehen. Die Russen wollten die Bocca den Oesterreichern, und diese könnten sie dann den Franzosen übergeben. Es brauche aber Zeit, bis die Bevölkerung zur ruhigen Hinnahme des unabwendbaren Beschlusses vorbereitet wäre. Also sprach Rasumovski.

Graf Stadion besprach mit dem französischen Gesandten die Sachlage und verlangte Verschiebung der Hafensperre, die Napoleon so dringend forderte. Larochefoucauld gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Er forderte sofortige Hafensperre. Bei diesen Erklärungen und Gegenerklärungen, bei diesem beständigen Hin- und Herschwanken verlief viel Zeit, ohne dass man zu irgend einem positiven Resultat zu gelangen vermochte. Inzwischen aber bahnte sich langsam der Weg für die Friedensverhandlungen, die zuletzt zu _Oubrils_ Vertrag führten.

So hielt die Angelegenheit der Bocca ganz Europa ein halbes Jahr in höchster Spannung: Der Friede Europas stand auf dem Spiel, wenigstens für den Augenblick. Aber auch nach Ablauf dieser Zeit war die Frage wegen der Bocca di Cattaro nicht endgültig gelöst; die Entscheidung stand nur auf dem Papier. Nicht einmal der Tilsiter Vertrag brachte eine befriedigende Lösung. Eine solche erfolgte erst, als alle anderen durch Napoleon auf die Tagesordnung gebrachten Fragen der europäischen Politik ihren Abschluss fanden, d.h. im Jahre 1814.

Wenden wir uns nun dem Lande zu, das für einen Augenblick als Schlüssel der politischen Situation Europas galt und der Uebermacht des siegreichen französischen Gewalthabers so lange trotzte und seinen Weltplänen sich in den Weg setzte, indem es um nichts anderes als um seine Freiheit und Unabhängigkeit mutig und aufopfernd kämpfte.[7]

2. Stand der Dinge in der Bocca di Cattaro.

Im Jahre 1797 vernichtete Bonaparte die Republik Venedig. Das traurige und bedauernswerte Schicksal dieses ruhmreichen Staates mussten naturgemäss auch seine Provinzen und Schutzgebiete fühlen. Eines dieser letzteren war die Bocca di Cattaro, welche seit 1420 unter Venedig stand. In jenem Jahre stellten sich die Bokelen, die bis dahin unter dem Schutz der ungarischen Könige gewesen waren, unter die Oberhoheit Venedigs, weil die Entwicklung der Dinge sie hierzu zwang. Ganz Dalmatien nämlich ging den Ungarn verloren. Die Bocca konnte, wenn sie es wollte, auch weiterhin unter dem ungarischen Schutz, bleiben. Dieser Schutz aber wäre nur ein formaler und unwirksamer gewesen. Wozu dann solch ein Schutz?

Die Bokelen begaben sich freiwillig in die Obhut des neuen Herrn von Dalmatien, aber nur unter gewissen gegenseitig unterschriebenen Bedingungen. Die wichtigste unter diesen lautete: «Wenn die Republik Venedig wegen irgend einer politischen Umwälzung nicht mehr imstande sein wird, Cattaro zu verteidigen, so darf sie es an niemand weder abtreten noch verkaufen, sondern muss es in seiner alten Freiheit weiterbestehen lassen.»[8]

Dieses alten Vertrages mit Venedig sich erinnernd widersetzten sich nun die Bokelen der Okkupation der Bocca durch Oesterreich, dem dieses Gebiet durch den Vertrag von Campo Formio von 1797 nach der Zerstörung der venezianischen Republik zugestanden wurde. Die Volkshäupter versammelten und berieten sich, welche Schritte sie jetzt unternehmen sollten. Alle waren einmütig in dem Entschluss, die Unabhängigkeit des Landes zu verteidigen. Ueber die Art und Weise dieser Verteidigung wollten sie nicht allein entscheiden. Auf dem hohen Berge, der ihrem Küstenland als der natürliche Schutz schien gegeben zu sein, hatten sie einen Ratgeber, der zugleich ihr religiöser Führer war, bei dem sie in schwierigen Momenten Rat und Trost holten und den sie in den schwierigsten zu Hilfe riefen. Sie befragten ihn durch eine Deputation. Der Fürstbischof[9] von Montenegro, denn er war jener Mann, gab den Bokelen den Ratschlag, sie sollten eine provisorische Verwaltung des Landes einsetzen, eine Landwehr errichten und die Gerichtsbarkeit in eigene Hände übernehmen. In diesem provisorischen Zustande sollten sie dann leben und abwarten, ob sich Venedig wieder erheben würde oder nicht. Sollte ersteres geschehen, so würden sie ihre Beziehungen zu ihm wieder herstellen können. Wenn aber nicht, so sollten sie die Herrschaft des römischen Kaisers anerkennen, aber nur unter denselben Bedingungen, unter welchen sie Venedigs Schutz genossen hätten.

Die Bokelen folgten diesem Ratschlag. Allein die Stadt _Budua_ machte einen Schritt weiter, indem sie zu ihrem direkten «Beschützer und Richter, den Peter Petrovic, den ruhmvollen Erzbischof und Metropoliten von Montenegro,» wählte.[10]

Aber im Sommer desselben Jahres nahmen die Oesterreicher allmählich ganz Dalmatien ein. In der zweiten Hälfte des August erschien der österreichische General Baron _Rukavina_ mit der Flotte in der Bucht di Cattaro. Umsonst warteten die Bokelen auf baldige Wiedererhebung ihrer Protektorin von der anderen Küste des Adriatischen Meeres. Die Republik Venedig war für immer vernichtet. Wie hätte dann die Bocca stand halten können vor der überwältigenden Macht des Feindes? Die Bokelen ergaben sich. Hätte der Vladika es gewollt, so hätten sie mit Begeisterung gegen die Oesterreicher gekämpft. Da der Vladika aber auf anderen Seiten gegen die Feinde seines Landes zu kämpfen hatte, und da er auch mit dem österreichischen Kaiser auf gutem Fusse lebte, blieb den Bokelen nichts übrig, als sich zu ergeben.

Das bisher Gesagte gehört eigentlich nicht unmittelbar zu den Ereignissen, die wir zu beschreiben unternommen haben; es musste aber in Erinnerung gerufen werden, um zu zeigen, dass wir hier mit einem Volke zu tun haben, das sich als ein Ganzes für sich und doch als ein Teil einer grösseren Volksfamilie fühlte, das seine Vergangenheit hatte, welches von ständigem Bestreben seiner Vorahnen nach Freiheit erfüllt war, mit einem kleinen Volke, das keinem seiner Nachbarn lästig war und das von ihnen nichts weiter verlangte, als freie hohe See und ein freies Obdach auf dem Lande. Denn dieses Volk lebte seit jeher mehr auf dem Wasser wie auf dem Festlande. Seeleute und Fischer waren es, die in ihrem Leben mehr Wasser und Himmel schauten als festes Land. Ein freies Gemüt, eine klare und unbefangene Beurteilung der Dinge und ein ungetrübtes Gerechtigkeitsgefühl war ihnen stets eigen gewesen. Sie entzogen sich nicht dem Kultureinfluss ihrer italienischen Schutzherren. Sie haben wohl nie die Opulenz und den Glanz Ragusas in ihren Städten geschaut, dennoch waren diese reich. Cattaro und Perast machten Konkurrenz manchen grösseren Küstenstädten in Ober-Dalmatien und Italien. Castelnuovo, Budua und Risano waren kleiner an Umfang und Grösse, nicht aber an Reichtum und Unternehmungen. Diese Leute von der Bocca di Cattaro durchreisten schon in ihren Jugendjahren die Welt. Manchmal mit Reichtum, immer aber mit grösserer Erfahrung kehrten sie in ihre Heimat zurück, die sie so liebten und in der sie ihren Lebensabend zu verbringen wünschten. Nichts Abscheulicheres gab es für sie, als Unterjochung eines Volkes, Tyrannei und Unterdrückung. Die Freiheit war für sie ebenso notwendig für das Leben wie das Meer und die Luft. Diese vornehme Eigenart ihres Temperaments zeigten die Bokelen während ihrer ganzen Geschichte. Unterjocht waren sie nie, wohl aber nahmen sie den Schutz bald dieser, bald jener Macht in Anspruch. Dadurch wurde ihre Freiheit nicht nur nicht eingeschränkt, sondern oft sogar vergrössert und besser gesichert vor der Gier der nächsten Nachbarn.

Durch den Vertrag von Campo Formio wie auch durch denjenigen von Pressburg fühlten sich die Bokelen schwer verletzt, weil man über sie ohne ihre Zustimmung verfügte. Sie hatten früher mit Venedig verhandelt, bevor sie unter seine Obhut traten. Solche direkte Verhandlungen mit Oesterreich oder mit Frankreich war ihnen untersagt. Das verletzte ihren Stolz, der eine mächtige Rolle spielte in ihrem politischen und sozialen Leben. Das war der hauptsächliche Grund ihres Unwillens, ihrer Aufregung gegen die Bestimmungen der Grossmächte. Der andere Grund dafür lag in der Furcht vor der Einschränkung ihrer Freiheit im Handel und in der Politik.

Die Stimmung in der Bocca nach dem Pressburger Frieden war noch erregter als nach dem von Campo Formio, einmal weil Europa zu wiederholten Malen über das Land willkürlich verfügte, und sodann, weil das Gerücht verbreitet wurde, dass die Franzosen, die angehenden Herren des Landes, die Bocca ihres freien Handels und Betriebes berauben wollten. Als der österreichische Kreiskapitän in der Bocca, Baron _Kavalkabo_, den Bokelen verkündigte, dass alle Städte des Landes bis zum 10. Februar an die Franzosen übergeben werden müssten, wurden sie so betrübt und erzürnt, dass sie alle wie ein Mann sich bereit erklärten, ihr Land vor den neuen Weltavanturisten bis in den Tod zu verteidigen.[11] Sie sahen sich nach zwei Seiten um Hilfe um. Die erste Hilfe war natürlich in Montenegro zu suchen. Eine andere Hilfe hofften sie von den Russen zu bekommen. Nicht aber von den Russen in Russland, sondern von der russischen Flotte, die sich zurzeit bei _Korfu_ befand und die zur Aufgabe hatte, die Ionische Republik vor den Franzosen zu schirmen. Diese Flotte befehligte der Vize-Admiral _Senjavin_. Nach der Schlacht bei _Trafalgar_, wo die französische Flotte vernichtet wurde, waren Russen und Engländer auf dem Wasser ganz unzweifelhaft die Herren. Napoleon hatte so gut wie keine Flotte mehr. Darum musste er trachten, das Litorale überall gut gegen die Angriffe vom Wasser her zu befestigen. Daher ist es auch klar, warum er so dringend die Hafensperre für die russische und englische Flotte von Oesterreich forderte. Wenn diese Flotte den Zugang zu keinem Hafen mehr in der Adria hätte, dachte Napoleon, so müsste sie sich von selbst zurückziehen. Höchstens könnte sich diese Flotte noch bei Korfu aufhalten. Darum plante er eben die ganze Meeresküste bis nach und mit Albanien in Besitz zu nehmen, dann von Albanien aus Korfu anzugreifen und die vereinigte Flotte zu vertreiben.

Es gab viele Bokelen, die früher im russischen Marinedienst gestanden hatten und auch viele andere, die in der grossen Politik der Zeit Bescheid wussten. Die einen wie die anderen konnten gut erwägen, was für ein Schlag es für die russische Flotte wäre, wenn ihr der Zugang in die Bucht von Cattaro abgeschnitten wäre.

In Cetinje weilte damals der russische Agent _Sankorski_, auf dessen Mission in Montenegro wir noch einmal zu sprechen kommen werden. Zum Vladika und zu dem russischen Agenten sandten die Bokelen eine Deputation. Diese erklärte, die Bokelen seien entschlossen, die Bocca bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, falls ihnen die Montenegriner und die russische Eskader zu Hilfe kommen würden.[12] Sankorski seinerseits sprach den Bokelen die russische Hilfe sofort zu, und eben in diesem Sinne schrieb er an Senjavin. Der Vladika war natürlich noch mehr bereit, seinen treuen Bokelen zu Hilfe zu eilen als die Russen selbst. Er berief nach Cetinje alle Volkshäupter Montenegros und hielt mit ihnen eine Beratung, deren Schluss eine einstimmige Erklärung war, dass die Montenegriner nicht nur gegen die Franzosen um die Bocca zu kämpfen bereit seien, sondern dass sie die Oesterreicher, bevor das Land von jenen okkupiert wäre, aus der Bocca vertreiben wollten. Bereits am nächsten Tage, dem 28. Februar, stand der Vladika vor Castelnuovo und belagerte die Stadt. An demselben Tage langte auch die russische Eskader unter dem Kommando von Kapitän _Belli_ an. Nach fünftägiger Belagerung forderten der Vladika und Belli von dem österreichischen Kommandanten die Kapitulation der Stadt und die Uebergabe der Schlüssel von allen bokelischen Städten. Es wurde ihm gesagt, er verteidige ein fremdes Land, denn die Frist der Uebergabe der Bocca an die Franzosen war bereits schon am 10. Februar abgelaufen. Markis Ghiselieri war schliesslich mit den russisch-montenegrinischen Forderungen einverstanden. Er trat den Bokelen ihr Land mit acht grösseren und kleineren Städten ab. Die österreichische Besatzung wurde überall ersetzt durch das einheimische Heer.[13]

Somit erhielten die Bokelen ihr Land ganz und frei ohne viele Mühen und Kämpfe zurück. Sonst wurde aber die Frage der Bocca di Cattaro viel verwickelter und für den europäischen Frieden von drohenderer Gefahr als je.

3. Peter I. und seine Beziehungen zu den Grossmächten.