Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1896 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
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Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ unterstrichen: _Unterstriche_
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Liebhaber-Ausgaben
Künstler-Monographien
In Verbindung mit Andern herausgegeben
von
H. Knackfuß
XII
Franz Hals
=Bielefeld= und =Leipzig=
Verlag von Velhagen & Klasing
1896
Franz Hals
Von
H. Knackfuß
Mit 40 Abbildungen von Gemälden
=Bielefeld= und =Leipzig=
Verlag von Velhagen & Klasing
1896
Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe
_eine numerierte Ausgabe_
veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier gedruckt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert (von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.
=Die Verlagshandlung.=
Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.
Franz Hals.
Nachdem in dem langen Kampf der Niederlande gegen die spanische Herrschaft sich die Trennung der nördlichen Provinzen von den südlichen vollzogen hatte, trat die nordniederländische oder holländische Kunst in ganz andere Bahnen, als diejenigen waren, in denen die belgische Kunst sich weiter bewegte. Am augenfälligsten zeigt sich dies in der Malerei, die ja in den Niederlanden schon seit langer Zeit die meistbegünstigte und volkstümlichste Kunst war. Während in den südlichen Provinzen, die unter der Oberhoheit Spaniens und beim katholischen Glauben blieben, die überlieferte und von der italienischen Kunstweise beeinflußte Geschichts- und Heiligenmalerei in voller Geltung verblieb und durch die gewaltige Künstlerkraft eines Rubens zu ungewöhnlich glänzenden Erscheinungen geführt wurde, konnte in dem jungen protestantischen Freistaat, der den Bruch mit den staatlichen und kirchlichen Überlieferungen der Vergangenheit siegreich durchgeführt hatte, die Kunst kein Gefallen mehr finden an dem herkömmlichen, hier ganz unzeitgemäß gewordenen Stoffgebiet. Es war sozusagen eine naturgesetzliche Notwendigkeit, daß hier die Kunst ihre volle Kraft der Gegenwart zuwendete, bei einem gleichsam neu erstandenen Volke, das mit vollberechtigtem Selbstbewußtsein auf die glücklich erkämpfte und behauptete Freiheit und auf eine großartige, stetig wachsende Zunahme an Macht und Ansehen blickte. Für die holländischen Maler bildeten somit Erscheinungen des Lebens, das sie in Wirklichkeit umgab, das von selbst sich erschließende Stoffgebiet.
Wenn die Kunst es sich zur Aufgabe macht, dasjenige, was in der Wirklichkeit vorhanden ist, um seiner selbst willen darzustellen, so ist es nur ein folgerichtiger Schritt, daß sie dazu gelangt, das in der Wirklichkeit Vorhandene auch gerade so wiederzugeben, wie es sich in Wirklichkeit zeigt. Die Kunst wird also im eigentlichen Sinne „realistisch.“ Die Erscheinung des künstlerischen „Realismus“ konnte in der holländischen Malerei um so voller zur Geltung kommen, als schon seit dem ersten aufsehenerregenden Aufblühen der niederländischen Kunst ein ausgeprägter realistischer Zug in derselben lebte. Beruht doch die erhabene Größe der Brüder van Eyck zum großen Teil auf der liebevollen Treue, mit welcher sie die Erscheinungen der Wirklichkeit beobachtet und wiedergegeben haben. Auch während der Zeit, wo die Nachahmung der Italiener die Kunst beherrschte, ging diese angestammte Neigung zu unbedingter Naturtreue nicht unter; vielmehr läßt sich ihr Vorhandensein beständig in mancherlei Werken wahrnehmen. Insbesondere behauptete sich die gewissenhafte künstlerische Wahrheitsliebe auf einem Gebiete, auf dem ihre vollste Berechtigung unanfechtbar ist: auf demjenigen der Bildnismalerei. Gerade die nordniederländischen Maler haben in der lebenswahren Darstellung von bestimmten Persönlichkeiten während des ganzen XVI. Jahrhunderts sehr bedeutende Erfolge erzielt. Der Gefahr, in Nüchternheit zu verfallen, wirkte dabei der den Niederländern gleichfalls von alters her eigene Sinn für die Poesie der Farbe, durch die sich jegliches Ding über die alltägliche Gewöhnlichkeit hinausheben läßt, entgegen. -- So war der Weg vorbereitet, auf dem die holländische Malerei zu ihrer eigenartigen Größe gelangen sollte, als die Friedenszeit, welche dem Waffenstillstandsabschluß von 1609 folgte, ihr Gelegenheit zu freier und reicher Entfaltung gab.
Die Bildnisse von Zeitgenossen festzuhalten, wurde die erste und wichtigste Aufgabe der holländischen Malerei. Das Bewußtsein, an der Schaffung des neuen Staatswesens mitgewirkt zu haben, verlieh sozusagen jedem Bürger desselben einen höheren Wert, und es ist begreiflich, daß gar viele darauf bedacht waren, ihr Bild den Nachkommen zu überliefern, sei es in einem Einzelporträt, sei es in einem Gruppenbild, als Mitglied eines Vereins, innerhalb dessen sie ihre Thätigkeit entfaltet hatten. Schon in früherer Zeit hatte man in den nördlichen Niederlanden eine Vorliebe für Gruppenbilder gehabt; namentlich die Schützengilden, aus denen sich die Bürgerwehr der Städte zusammensetzte, hatten die Ausbildung dieses besonderen Zweiges der Porträtmalerei gefördert. Jetzt trat diese Kunstgattung an die vornehmste Stelle; sie nahm in der holländischen Malerei denjenigen Rang ein, den anderswo die große Geschichtsmalerei behauptete. „Regentenstücke“ und „Dulenstücke“ sind die Namen, mit denen man Bilder solcher Art bezeichnete und auch jetzt noch zu bezeichnen pflegt; „Regenten“ wurden die Vorstandsmitglieder von Vereinen und Gesellschaften jeglicher Art genannt, und „Doelen“ (ausgesprochen Dulen) hießen die Schützenhäuser.
In Regenten- und Dulenstücken hat auch der größte Meister der holländischen Bildnismalerei, Franz Hals, in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens die Höhe seiner Kunst gezeigt.
Franz Hals war ausschließlich Bildnismaler. Es lag im Wesen einer auf sorgfältig getreue Wiedergabe der wirklichen Erscheinungen gerichteten Kunst begründet, daß sie sich im Laufe der Zeit mit mehr oder weniger scharfer Begrenzung in einzelne Fächer spaltete, je nachdem die einzelnen Künstler für diese oder jene Gattung der natürlichen Erscheinungen eine besondere Vorliebe besaßen. Die Porträtmalerei, das sogenannte Genre, die Landschaft, die Tiermalerei fingen an, sich voneinander zu scheiden. So hat auch Franz Hals sich nie auf einem anderen Kunstgebiet versucht, als auf demjenigen, welches die sprechend naturwahre Wiedergabe des besonderen Charakters und des ständigen oder flüchtigen Ausdrucks bestimmter Persönlichkeiten zum Gegenstand der künstlerischen Darstellung machte. Hierin aber hat er alle seine Vorgänger, seine Mitstrebenden und seine Nachfolger in Holland, welche das nämliche Gebiet betreten haben, übertroffen -- den großen Rembrandt nicht ausgenommen, dessen hohe künstlerische Bedeutung anderswo lag und der ja überhaupt nicht zu den Realisten der Malerei gezählt werden kann, da er alles, was er malte, mit einem nicht in der Wirklichkeit vorhandenen, sondern nur von ihm selbst erschauten Lichtzauber dichterisch verklärte.
Franz Hals stammte aus einer alten angesehenen Haarlemer Familie. Seine Geburtsstadt aber ist Antwerpen, wohin sich seine Eltern im Jahre 1579 begeben hatten. Wann er geboren wurde, steht nicht fest; die Überlieferung nennt das Jahr 1584. Auch darüber fehlt die Kunde, wie lange der Aufenthalt der Familie in Antwerpen dauerte, und wann Franz Hals nach Haarlem kam, wo er während der ganzen Zeit seiner Thätigkeit verweilt hat. Überhaupt sind die urkundlichen Nachrichten über ihn dürftig, ungeachtet der emsigen Bemühung, mit welcher verdienstvolle holländische Kunstforscher in den letzten Jahrzehnten nach solchen gesucht haben. Es ist eine Aufzeichnung entdeckt worden von der Hand eines Malers Mathias Scheits aus Hamburg, welcher Franz Hals persönlich gekannt hat. Derselbe erzählt dessen Leben mit den wenigen Worten: „Der treffliche Bildnismaler Franz Hals von Haarlem hat gelernt bei Karl van Mander aus Meulenbecke. Er ist in seiner Jugend etwas lustig von Leben gewesen; als er alt war und mit seinem Malen (welches jetzt nicht mehr so war wie früher) nicht mehr die Kost verdienen konnte, hat er einige Jahre, bis daß er starb, von der hohen Obrigkeit von Haarlem ein gewisses Geld zu seinem Unterhalt gehabt, um der Tüchtigkeit seiner Kunst willen. Er ist um das Jahr 1665 oder 66 gestorben und nach meiner Schätzung wohl 90 Jahre oder nicht viel weniger alt geworden.“
Der als Lehrer des Franz Hals genannte Karl van Mander (geboren 1548) war ein Anhänger der italienischen Richtung. Er hatte in seiner Jugend in Rom studiert, hatte sich dann zuerst in Brügge und darauf in Haarlem niedergelassen und siedelte zuletzt nach Amsterdam über, wo er im Jahre 1606 starb. Sein Name ist der Nachwelt weniger durch seine Gemälde, als durch seine schriftstellerische Thätigkeit im Gedächtnis geblieben. Er hat nämlich ein „Schilderboek“ (Malerbuch) verfaßt, worin er Künstlergeschichte erzählt.
Da Karl van Mander Haarlem im Jahre 1602 verließ, so muß die Ausbildung des Franz Hals um diese Zeit vollendet gewesen sein. Aber die ersten sicheren Werke von seiner Hand, welche sich erhalten haben, stammen aus erheblich späterer Zeit.
Die erste urkundliche Nachricht über Franz Hals ist von 1611. Dieselbe meldet, daß derselbe in diesem Jahre in Haarlem einen Sohn taufen ließ, welchen ihm seine Ehefrau Anna Hermanß geschenkt hatte. Die nächstfolgende Kunde besagt, daß Franz Hals im Februar 1616 vor die städtische Obrigkeit geladen wurde, um wegen Mißhandlungen seiner Ehefrau eine amtliche Rüge zu bekommen, und daß er bei dieser Gelegenheit geloben mußte, sich fernerhin der Trunkenheit und ähnlicher Ausschweifungen zu enthalten. Diese Nachricht berührt um so peinlicher, als man weiter erfährt, daß die arme Frau ganz kurze Zeit darauf starb. Ehe noch ein Jahr abgelaufen war, verheiratete er sich zum zweitenmal, mit Lisbeth Reyniers, die ihm schon in der zweiten Woche ihrer Ehe ein Kind gebar. Wenn wir hiernach keine gute Meinung von dem Menschen Franz Hals und von seinem „etwas lustigen“ Leben bekommen, so erhalten wir eine um so höhere Meinung von seiner Meisterschaft als Maler im Anblick seines ersten beglaubigten Gemäldes, das eben jenem Jahre 1616 angehört.
Dieses Gemälde ist ein großes Dulenstück; es zeigt uns die Offiziere der Schützengilde zum heiligen Georg (St. Jorisdoelen). Dasselbe befindet sich im Hauptsaal des städtischen Museums im Rathaus zu Haarlem, wo nicht weniger als acht Regenten- und Dulenstücke eine vollständige Übersicht über die künstlerische Art des Meisters bis in sein höchstes Greisenalter hinein gewähren. Ebendort befindet sich, wohl von der Hand eines Schülers gemalt, ein Bildnis des Franz Hals aus dessen reiferen Jahren (Abb. 1).
Gewiß ist das Porträt sehr ähnlich. Unverkennbar sprechen aus diesen gedunsenen Zügen die Wirkungen des Alkohols. Um so merkwürdiger ist der Gegensatz zwischen dem Gesicht des Meisters, wie es uns hier vorgeführt wird, und den Werken desselben. Aus den Werken spricht ein heller, mit großartiger Schärfe der Beobachtung begabter Geist, eine liebenswürdige muntere Laune, vereint mit einer ungewöhnlichen künstlerischen Kraft und einem hochentwickelten Geschmack; es offenbart sich uns eine geradezu verblüffende Sicherheit von Auge und Hand, die, außer bei dem großen Spanier Velazquez, in dieser Weise nicht ihresgleichen hat. -- Das Bild von 1616 zeigt uns die Offiziere der St. Georgs-Schützen beim festlichen Mahl versammelt. Man ist in bester Unterhaltung begriffen, und eben schickt der Vorsitzende sich an, den Braten vorzulegen, als die drei Fähnriche, welche wohl einen Grund zur Verspätung haben müssen, eintreten. Auch von vorn, wo sich der Beschauer befindet, mag man sich jemand herantretend denken, so daß es sich erklärt, daß mehrere der Versammelten ihre Blicke hierhin wenden. So ist es dem Künstler gelungen, die von früheren Malern derartiger Gruppenbilder niemals vollständig gelöste Schwierigkeit der Aufgabe, das bildnismäßige Zeigen einer größeren Anzahl von Gesichtern mit einer zwanglosen, natürlichen Gruppierung zu vereinigen, wenn auch nicht vollständig, so doch beinahe vollständig zu überwinden. Dabei hält ein wunderbarer Reiz der malerischen Hell- und Dunkelwirkung und der Farbenstimmung das Gemälde künstlerisch zusammen. Jeder einzelne Kopf aber ist für sich allein schon ein vollendetes Meisterwerk. Man sieht sie leben, man glaubt sie sprechen zu hören, diese tüchtigen Männer, die jetzt in fröhlicher Geselligkeit guter Dinge sind, die aber jeden Augenblick wieder bereit sein werden, mit Gut und Blut für das Vaterland einzustehen, wenn der Ablauf des Waffenstillstandes dasselbe von neuem in Gefahr bringen sollte. Nicht weniger wie jeder Kopf ist jede Hand ein Meisterwerk von Leben und Charakterdarstellung (Abb. 2).
Aus dem nämlichen Jahre 1616 sind die ältesten erhaltenen und bekannten unter den kleineren Bildern von Franz Hals, in denen er mit sprudelnder Laune seinem Übermut die Zügel schießen läßt. Wenn man klassifizieren wollte, würde man diese Gattung Halsscher Bilder zum größten Teil mehr unter die Genredarstellungen als unter die Porträts rechnen müssen; denn es kommt in denselben weniger auf die abgemalten Persönlichkeiten als auf die Schilderung eines Augenblicks aus deren Thun und Leben an. Immer aber blicken wir in die Gesichter von Menschen, die keine Erzeugnisse künstlerischer Vorstellungskraft sind, sondern die wirklich gelebt haben und gerade so ausgesehen haben, wie Franz Hals sie gemalt hat. Bisweilen sind diese Sittenschilderungen -- wenn man sie so nennen will -- von einer Derbheit, die den heutigen empfindsameren Beschauer verletzen könnte, wenn nicht der unvergleichliche Humor, der in ihnen lebt, alles sich unterordnete und auch den Beschauer überwältigte. Zudem war in jener Zeit im allgemeinen, und in Holland vielleicht mehr als anderswo, eine unbefangene Derbheit, die uns heute kaum begreiflich erscheint, selbst in den besten Ständen ganz gewöhnlich und kaum anstößig. In der Gesellschaft, in welcher Franz Hals seine Erholung von der Arbeit suchte, herrschte wohl ein besonders kräftiger Ton, der dann wiederklang in den aus eben dieser Gesellschaft geschöpften Bildern. Es sind des genußfrohen Meisters Zechgenossen, die da mit ihren lustigen Freundinnen so ausgelassen in das Leben hineinlachen. Das älteste bezeichnete Bild dieser Gattung, eben von 1616, ist in den Besitz eines amerikanischen Kunstliebhabers gelangt. Doch besitzt das Berliner Museum von demselben eine alte, annähernd gleichzeitige Kopie, die uns von dem Gemälde eine gute Vorstellung gewährt, wenn sie auch den unnachahmlichen Strich der Meisterhand nicht vollkommen wiedergeben mag (Abb. 3). Da sitzt ein älterer Herr mit dunkelrotglühend erhitztem Gesicht, das Barett schief über den kahlen Scheitel geschoben, und hält ein pfauenhaft aufgeputztes Mädchen auf dem Schoß. Hinter den beiden steht eine dritte Person -- im Original soll es ein dunkelhaariger Bursche sein, in der Kopie ist es ein jüngeres Mädchen -- und schwingt mit Ausgelassenheit und mit einem frechen Lächeln nach der Freundin herüber eine zusammengeschlungene Wurst in die Höhe. Die geputzte Schöne lächelt verschämt zu den Einflüsterungen des Liebhabers; aber die Kunst des Malers läßt uns keinen Zweifel darüber, daß die Verschämtheit dieses Lächelns nicht echt ist.
Die Wiedergabe des Lachens in allen Abstufungen, vom leisen Schmunzeln an bis zum hellen Gelächter ist das Wunderbarste in der Kunst des Franz Hals. Bei anderen Malern hat es fast immer etwas Unangenehmes, wenn eine so flüchtige Bewegung der Gesichtsmuskeln in der Unbeweglichkeit des Bildes festgehalten wird. Franz Hals aber malt gleichsam die Flüchtigkeit selbst mit. Er hat eine nur ihm eigentümliche, auf einer ganz einzig dastehenden Begabung beruhende Art, das Sprechende in der Bewegung der Gesichtszüge mit unvermittelt hingeworfenen, unfehlbar sicheren Pinselstrichen wiederzugeben; es sieht aus, als ob die ganze Malerei mit blitzartiger Schnelligkeit entstanden wäre, und so ist sie eine vollkommen entsprechende Ausdrucksform für schnellbewegliche Erscheinungen. In dieser Hinsicht üben derartige Halssche Bilder eine überzeugendere Wirkung aus, als selbst die heutigen Augenblicksphotographien; denn die letzteren stehen dadurch, daß sie in ihrer gleichmäßigen Verdeutlichung jeder Einzelform dem Auge mehr zeigen, als dasselbe in der Wirklichkeit zu erfassen im stande ist, mit dem von der Wirklichkeit ausgehenden Eindruck im Widerspruch. Franz Hals’ lachende Gesichter scheinen sich wirklich zu bewegen.
Gelegentlich übertrug der Meister die Lustigkeit der Auffassung und die Blitzartigkeit der Malweise auch auf ein wirklich als solches geltendes Bildnis; so hat er einen Patrizier, der seinen Reichtum wohl seiner Heringsflotte verdankte, abgemalt, wie derselbe eigenhändig einen Korb voll der eben angekommenen Fische aufgenommen hat und mit lautem Ruf das Lob der frischen Ware verkündet.
Wenn es auch begreiflicherweise nur selten geschah, daß der Besteller eines Bildnisses gerade solch einem übermütigem Einfall des Malers mit gleicher Laune entgegenkam, so fand Franz Hals doch häufig Gelegenheit, Bildnisse in einer Weise aufzufassen, welcher seine Augenblicksmalerei -- wenn dieser nach dem Ähnlichkeitsbeispiel der Momentphotographie gebildete Ausdruck statthaft ist -- als die geeignetste Art der Ausführung entsprach. Er erreichte dadurch eine unvergleichliche Lebendigkeit. In anderen Fällen bildete er die Porträts mit dem äußersten Maß von liebevoller Sorgfalt durch. Sind schon auf dem Schützenbild von 1616 die Köpfe durch eine bewunderungswürdige Sorgfältigkeit der Ausführung ausgezeichnet, so ging der Meister hierin bei Einzelbildnissen bisweilen noch weiter. Da konnte er einen so hingebenden Fleiß entfalten, daß er hierdurch den Beschauer fast ebenso sehr fesselt wie andere Male durch seine Keckheit. Betrachten wir zum Beispiel die Bildnisse eines vornehmen Ehepaares, welche sich in der Gemäldegalerie zu Kassel befinden. Dieselben sind, wie man aus der Tracht mit Sicherheit schließen kann -- denn im XVII. Jahrhundert wechselten die Kleidermoden schnell und schroff -- in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden (Abb. 4 und 5). Mit welcher staunenswürdigen Feinheit sind da die Gesichter bis in die letzten Einzelheiten der Formen ausgeführt, ohne daß durch die Sauberkeit der Malerei die Frische der Auffassung und die überzeugende Lebenswahrheit der Persönlichkeiten irgendwie Schaden gelitten hätten. Und mit was für einer fleißigen Genauigkeit sind der feine Batist der großen Halskrausen, die kostbaren Spitzen der Haube und der Manschetten, das künstlich gearbeitete lilafarbene Seidenkleid der Frau und deren mit schwarzem Federpelz besetzter Überrock aus schwarzem Damast, sowie die schwarze Atlaskleidung des Mannes gemalt, ohne daß diese Durchbildung des Einzelnen den malerischen Reiz des Ganzen und die feine Einheitlichkeit der Farbenstimmung auch nur im Geringsten beeinträchtigte. -- Von verwandter Art sind die mit der Jahreszahl 1625 bezeichneten Bildnisse des Ehepaares Olycan in der königlichen Gemäldesammlung im Haag (Abb. 6 und 7). Es ist lohnend, die beiden Bildnispaare, dieses und das Kasseler, daraufhin miteinander zu vergleichen, wie bei aller Ähnlichkeit der Stellungen, die recht und schlecht diejenigen des Dastehens zum Abgemaltwerden sind, doch die Verschiedenartigkeit der Charaktere auch in den Körperhaltungen zum Ausdruck gebracht ist.
Schon der Umstand, daß der Meister von so vornehmen Persönlichkeiten dazu ausersehen wurde, ihr Bild zu malen, würde hinreichen, um zu beweisen, daß man ihm sein leichtes Leben um seiner Kunst willen, und vielleicht auch um seiner guten Herkunft willen, gern verzieh. Daß er ungeachtet der unerquicklichen Vorkommnisse von 1616 sich eines guten Ansehens erfreute, geht auch aus mancherlei anderweitigen Zeugnissen hervor, so zum Beispiel daraus, daß er von einem der Pflege der Litteratur gewidmeten, sogenannten Rhetoriker-Verein zum Ehrenmitglied ernannt wurde; auch der Umstand spricht dafür, daß er Mitglied der Bürgerwehr von Haarlem war und daß er später sogar in den Vorstand seiner Gilde gewählt wurde.