Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Part 9

Chapter 93,666 wordsPublic domain

Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schätze und Weiber geflüchtet hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht großes, aber sehr niedliches Gebäude, dessen plattes Dach mit Erde überworfen, mit den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten Zelthimmel überbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Ställe, Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer umgeben, so breit, daß man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen überaus lachenden Anblick gewährte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hügeln gebaut, die eine weite Aussicht eröffneten; die leis murmelnden Wasserfälle; die Bäche mit seltsam bunten Fischen; das glänzende hold singende Gefieder auf dem lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schönheit raubte, nur die Frische des Grünes, von den Sonnenstrahlen erst gedörrt, zurückgab; alles das vollendete die wunderähnliche Wirkung dieses, mit Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen europäischen Baukünstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des Landhauses führte nehmlich ein schöner Säulengang. Der weisseste Marmor, im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Säulen hatten aber unter den Ruinen umgestürzt gelegen, der neue egyptische Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitäler unten, während die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mußte ihr einleuchten. Sie lachte ganz dreist, über den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein empfindlicher Bei mit dem Kopfe würde habe büssen lassen, dieser aber gab Befehl, die Säulen umzudrehn.

Seine Großmuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schöner Frank, sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion Mahomeds übertreten, du darfst Nazaräer bleiben, nach Gefallen. Auch Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen.

Flore wunderte sich höchlich, da der vornehme morgenländische Herr, gegen alle Landessitte, den vermeinten Jüngling in den Harem führte, ja ihm die Erlaubniß gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur wollte.

Fatme war eine sehr schöne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut, wie man sie auch in den höchsten Ständen der Christenheit nicht erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflüssen der Witterung immer häufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe sind, deren man sich dort mit großem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen Grad der Formenfülle, hätte man, an Mittelverhältnisse gewöhnt, der Schönheit dieser Fatme zum Vorwurf machen können.

Sie gab ihrem Gemahl nichts an Güte nach, und der neue Itschoglan wurde von ihr mit einem gestickten Gürtel von hohem Werthe beschenkt.

Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht, werde ich alle Mühe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu vergessen.

Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschäftigt, die Briefe da und dorthin fördern sollten, und sprach daher Floren nur wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer die köstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch häufig mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige Sklavinnen folgten unterwürfig. Immer in der Sprache geübter, und erfüllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei über ihre Lebensverhältnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glück, einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen Muselmänninnen! Gleicht sonst der Großen Harem den Kerkern, der deinige ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone hinzu, kann das auch nur ein so liebenswürdiger Mann, wie der Bei, wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum bewacht er mich nicht strenger? Es würde mir ein Zeichen der Liebe gelten. Nur Kälte öffnet des Harems Thüren. Ich bin freilich sein einzig Weib, aber --

Tränen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig.

Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin länger und fester auf Floren, auch mußte sie öfter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand sie sich übrigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende Sklavinnen waren gewöhnlich noch im Gemach.

Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verließ die Verkleidete den Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen.

Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europäern war er in der Entlegenheit gesichert, sonst fürchtete er Niemand, viele seiner Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetöse störte weniger des Landsitzes Ruhe. Er hatte Schätze genug hierher geflüchtet, und bedurfte vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten abzuwarten.

Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld überhäuft wurde. Die zärtlichen Blicke, sogar das Erröthen seiner Wange, wenn Flore ihn ansah, hätten sie fast den Argwohn schöpfen lassen, er ahne ihr Geschlecht und wirklich fürchtete sie diese Ahnung nicht sehr; allein das ließ sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim Spazierritt begleiten mußte.

Wie lange wird es wohl möglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimniß zu bewahren?

Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verändert, und ihr eins ganz nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan! sprach sie. Flore warf Kleider über und gehorchte. Man schlich durch den Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer führte. Floren pochte das Herz gewaltig. Die Thür öffnete sich. Die Sklavin blieb zurück.

Die Fenster des Zimmers waren tief verhängt, aber eine kleine Lampe verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewählte Confituren und Früchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders das liebliche afrikanische Gewächs _El Henne_ genannt, das aus seinen traubenartig verbundenen Blüthen einen so balsamischen Ausfluß haucht. Alles lud ein, dem kühnsten Wunsch nach hohen Genüssen Raum zu geben.

Im Schlafgewand, weiß wie eine Jasminblüthe, weich wie der innre Kelch einer Aurikel, und beinahe so durchsichtig wie das Ballkleid einer Berlinerin, nahte Fatme. Die süße Verlegenheit auf der gespannten Stirn, auf ihren farbewechselnden Wangen, würde einen Faublas vor Entzücken außer sich gesetzt haben, aber Flore war doch kein Faublas.

Wäre ihr etwas Aehnliches mit dem Bei begegnet, so würde sie sich fest vorgestellt haben, daß Ring in Cairo bei ihrer Abwesenheit unfehlbar strauchle, aber was gab es hier sich vorzustellen?

Fatme ließ sich auf die indischen Teppiche des Sophas nieder, und zog Floren mit sanfter Gewalt zu sich. Die leisen fast unhörbaren Laute ihrer ersten Worte gingen nach und nach in ein vernehmliches Flistern über, und Flore hatte die Frage zu beantworten:

Hast du die Sprache der Blumen nicht verstanden, die ich dir sandte, holder Itschoglan?

Sie erwiederte: Nein edle Frau.

»Also reden die Blumen in Europa nicht?«

Ich wage nicht, euch zu deuten, sonst -- --

»O deute, deute! Alles ist dir verziehn, wie verwegen du auch deutest.«

Von redenden Blumen las ich in mehr als einem Roman. Der Selam spricht durch die Fügung der --

»Selam, Selam! Du kennst den Namen, dann ist dir mehr bekannt.«

Nichts weiter. Die -- Liebenden hört ich nur, lassen im Morgenlande die Blumen reden.

Fatme wurde erwärmter, kühner. Sie erklärte ohne Umschweif, ihr Eheverhältniß sei freudenlos, ihr Gemahl bei aller Hülle der Liebenswürdigkeit, liebe nicht. Eine nur zu deutliche Erklärung folgte. Flore am ganzen Leibe bebend, hub nun an, der Türkin eine Moralpredigt, über die Pflichten der Treue, zu halten. Die Andere entschuldigte sich wortreich durch des Gemahls Vernachlässigung. Flore suchte nur kräftiger mit Tugendsprüchen einzudringen, und citirte sogar Stellen aus dem Coran, noch von den Lehren des Derwisch im Gedächtniß. Doch die Kraft der Liebe überwältigt Coran, Evangelium, Talmud und Sanscritt; nur Fatmens Ungestüm antwortete, und der vermeinte Edelknabe wurde mit flammendem Trieb an der Türkin Busen gepreßt.

Im höchsten Moment der Verlegenheit, hörte man aber ein Geräusch, die Sklavin stürzte warnend ins Zimmer, und auf dem Fuße folgte ihr -- der Bei. Noch hörte Fatme nicht, wohl aber Flore, die sich in der fürchterlichsten Bestürzung losriß.

Der sonst so schonende Muselmann wüthete. Verwünschungen stieß er gegen seinen Itschoglan aus, Verwünschungen gegen Fatme, und rief: der Tod sollte ihn an beiden rächen. Ein Dolch der an der Wand hing, war bald ergriffen.

Flore warf sich nieder. Verzeihe Herr, daß mein Geschlecht dir heimlich blieb. Sie riß ihr Oberkleid auf, eine Gesticulation, die wohl zu rechtfertigen ist, wo es Leben und Tod gilt. Siehe, wie kannst du eifersüchtig gegen die schuldlose Fatme wüthen?

Die plötzliche Erscheinung des Gatten zu begreifen, muß aufgeklärt werden, daß all die bisher seinem Pagen erwiesene Huld -- unlauteren Ursprungs war. In derselben Nacht, wo Fatme die durch reiche Geschenke bestochene Sklavin sandte, hatte auch er einen Besuch in Florens Schlafzimmer beschlossen. Er langt an, findet Niemand, argwohnt, und eilt zu seiner Gemahlin.

Der Dolch entsank seiner starren Hand, wie Flore ihr Geheimniß verrieth. Fatme sprang erstaunt zurück, heftete aber noch, und ohne den Bei zu fürchten, die entbrannten Strahlen ihres dunklen Auges auf die Entschleierte; der Bei blieb in liebender Stellung angewurzelt.

Fatme ließ den Gemahl Vorwürfe hören, die sein Recht zur Eifersucht streitig machten, und schloß mit der Bitte: ihr die Europäerin zur Sklavin zu geben. Erhöre mich, war ihr letztes entschlossenes Wort, oder brauche den Dolch wider mein Leben.

Sei mein Weib, mein Weib! flehte der Bei mit schmachtender Lippe.

Siebentes Kapitel. Flore im hohen Glanz der Tugend.

Die Tugend ist kein Erbtheil der Ahnen, wiewohl das ächte Beispiel sie erzeugt, sie kann ein Kind der Erziehung und Grundsätze sein, aber bisweilen ist sie so gut eine zufällige Erscheinung, wie tausend andre Dinge in der Welt, und unter andern auch das Laster. Sagt Schiller im Prolog zu seinem Wallenstein, der Gerechtigkeit der Kunst das Wort redend, mit Recht:

Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang, Und wälzt die größte Hälfte seiner Schuld, Den unglückseligen Gestirnen zu,

So müsse man denn auch bei Tugendgemälden der Kunst, behaupten können:

Sie sieht des Menschen hohe Edelthat, Und wälzt die größte Hälfte ihres Ruhms, Den freundlich waltenden Gestirnen zu.

Wir werden Floren hier sehr tugendhaft sehn. Durch beider Theile Zuneigung fand ihr weiblicher Stolz süße Nahrung, das Andenken an beider Güte konnte auch nicht schweigen, wenn gleich das Bild der entdeckten sittlichen Verderbniß abschreckend war. Sie hatte, wie sie sich oft gestehen mußte, in dem Bei nicht allein den großmüthigen, sondern auch den schönen Mann gesehn, und wir hätten für nichts einstehen mögen, wäre jener von ihrem Geschlechte unterrichtet, liebend im Boudoir erschienen. So aber konnte doch kein Schimmer von Liebe übrig bleiben, und der Gattin Anblick, mahnte um so mehr, Bekehrung und Versöhnung zu erstreben.

Sie sammelte also alle ihre bekannten Worte der Landessprache, fügte sie so rednerisch wie es ihr möglich ward, legte allen oratorischen Nachdruck auf den Ton der Stimme, und ließ die Geberde mit aller Rührung, die sie hervorzubringen wußte, die Apostrophen begleiten.

Sie hielt ihnen so die schmählichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor, machte einen Theil auf die Vorzüge des Anderen aufmerksam; dann schilderte sie das Glück einträchtiger Ehen, und wies auf die Nähe desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit bildlichen Wendungen ausgeführt. Endlich langte sie noch den Dolch vom Boden auf, faßte den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren Paares stören könne.

Beide sahen Einander erst vor Beschämung nicht an, dann huben sie scheue Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefühle sichtbar, der Dolch endlich wirkte heroisch, und die innre Seelengüte gewann vollkommen den Ausschlag, da Flore beider Hände in einander wand, und beider Busen zusammenpreßte. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu.

Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, daß sie vortrefflich handeln mußte. So geräth bisweilen ein mittelmäßiger Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen muß; ein Minister kann dem Segen seiner Nation, wie die Umstände vorhanden sind, auch mit dem übelsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia _soll_ ein Meteor der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer haßt, wie den Tod. Mancher wird der genauen Haushaltung wegen gerühmt, und hat in seiner kalten Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen ließ ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme warf, daß sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das bräutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verließ, und nimmer kam ein übermächtiger Verführungsreiz in ihre Nähe. Und das Blut, die mehr kühle oder hitzigere Mischung der Säfte, die höher oder tiefer gespannte Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhältniß bestimmen, in welches wir gegen die äußeren Eindrücke, (deren Gebieter wir noch weniger sind) treten werden, sind sie eigne Schöpfung?

Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich sträfliches Aggregat nur im frühen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte, konnte nicht anders, wie sich in der Versöhnung mit der Gattin höchst zufrieden fühlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glückes, Dank schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds übertreten wollte. Mir wäre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht, der Menge gewiß nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann, und ich übernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier glücklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein hört, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder Glauben beimißt, der nur Eure lächerliche Kleidung, und eure affenmäßigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte.

Die Narrheiten, erwiederte Flore, räume ich ein, aber unsere Kleidung lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an dem ihrigen waren, die türkische Kleidung bleibt dagegen immer auf derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur Erfindung kann da glänzen. Was übrigens den Vorschlag belangt, mich an den Emir zu vermählen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen Mann, und die einzige höchste Gunst würde mir gewährt, wenn ich wieder zu ihm eilen dürfte. Das Unglück eines Augenblicks hat mich nur zu lange schon von ihm getrennt. Ich weiß, du bist großmüthig genug, mich ziehen zu lassen.

Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. -- Dich ziehn zu lassen?

Gewiß, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute geleiten.

»Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht wohl an, aber daß ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende, wer darf das fordern? Er hätte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm nicht lieb geworden wäre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer wird es gar in die arge Welt der Franken zurückschicken?«

Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden.

»Sahest du je, daß ein Muselmann etwas Aehnliches that?«

Flore besann sich ein wenig, und rief dann schnell: O ja, ich sahe einen Pascha, der einem Spanier Freiheit, Erlaubniß zur Heimkehr, und sichere Pässe gab. Und obenein hatte ihn einst des Spaniers Vater schwer beleidigt, ja der Jüngling des Paschas Geliebte entführt.

»Ist das gewiß, kannst du es beschwören?«

Ich kann es, antwortete Flore, und legte die Hand auf ihr Herz.

Nun rief der Bei, so will ich dem Pascha an Edelmuth nicht weichen. Du magst ziehn!

Achtes Kapitel. Florens Trennung vom Bei.

Man schöpfe nicht den Verdacht, unsre Heldin habe einen falschen Schwur abgelegt. Sie hatte in der That einen so hochherzigen Pascha gesehn, nämlich -- im Singspiel.

Der renommirte Beobachter an der Spree, schon eher wohl die Quelle namhafter Autoren, erzählt auch: es sei Jemand zu Berlin in eine Abendgesellschaft geladen worden, aber späte erschienen. Mit freundlichen Vorwürfen über das lange Weilen empfängt man ihn. Er erwiedert: man wird geneigt seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich den Anlaß kund mache. Ich sahe einen Juden, der in den Kreis einer unglücklichen Familie trat, und mit einem Geschenke von mehr als zwanzigtausend Thalern, ihr Retter wurde. Zwanzigtausend, mehr als zwanzigtausend Thaler! rief alles höchst befremdet. Wer war der Jude? -- _Iffland_!

Florens Reisegepäck wurde eilig in Stand gesetzt. Sie bat, noch in Mannskleidern bleiben zu dürfen, um so mehr, als von den Hausgenossen, nach ihrem Wissen, Niemanden außer zwei Sklavinnen die Entwicklung von neulich bekannt geworden war. Und diese versicherten, das Geheimniß bewahrt zu haben. Sie bat darneben um die ältesten Mammelukken zu ihrer Begleitung.

Es wurde gewährt. Ibrahim, ein sechzigjähriger grämlicher Kerl mit schneeweissem Bart, erhielt den Befehl über vier andere auch ältliche Mammelukken, und zwei Kameeltreiber. O hätte sie doch eine jugendliche Escorte genommen! Schwankt die Wange zwischen Wollust und Geitz, nur selten wird die Wahl des Geitzes zu empfehlen sein.

Flore ritt das ihr vom Bei geschenkte Pferd, die Mammelukken die ihrigen, ein Kameel trug Wasser und Lebensmittel für die nur einige Tagereisen breite Wüste, das andre Florens Habseligkeiten. Sie waren von Belang, denn außer den Geschenken, die sie bisher empfing, wurde ihr noch ein bedeutender Vorrath an Stoffen und afrikanischen Seltenheiten mitgegeben.

Sie schied mit tiefer Rührung, unter Tausend Thränen. Da sie auch den Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie hätte den Vorsatz geändert, und wäre geblieben. Wenigstens dürfte das unfehlbar geschehen seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand hätte beweisen können, Ring sei in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch (erweibte, ist ein ungebräuchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte davon. Im Schritt hinweg zu reiten wäre zu gefährlich gewesen, wegen des Umsehens, und der Anlockung, das Roß zu wenden.

Bin ich nicht eine Thörin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer weiß, ob mir das Leben je wieder so lächelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken dort, und was wär ich, wenn der Bei und Fatme einst stürben.

Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schönen Vereins gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfüllte sie sogar, wie sie sich als Bekehrerin von schnöden Sünden betrachtete. Dabei dachte sie manches nach, über die unbegreifliche menschliche Schwäche, die oft neben den herrlichsten Charakterzügen wohnt, und zog sich Erfahrungssätze ab, die nicht zu verachten waren.

Dem alten Ibrahim erklärte sie: er würde von ihr nicht vergessen werden, wenn die Reise glücklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden.

Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch so unterwürfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei aller Güte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten, nun war das anders, und sie ließen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem Maaße des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her, hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem Ungläubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Ungläubigen mehr gehaßt, als seitdem sie einen unglücklichen Krieg mit ihnen führten. Ihrer Meinung nach, hätte jeder Frank, der ihnen in die Hände gerieth, unter Martern sterben müssen, und sie rühmten den Bei Murat und den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen Geschenke regten vollends ihre neidische Mißgunst auf. Ihre einsilbigen Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an, Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hülfsmittel zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine Geschenke, und wiederholte Verheißung größerer, zu gewinnen. Der Versuch bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heißer Gier schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug.

Letztre sah wohl ein, daß ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht auszuführen sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und seinen Geboten der Frömmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu erhalten. Dann schloß sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie für ihn ausgezeichnete Achtung empfände, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete sie an, daß alles schlief, bis auf einen Wächter, so konnte sie den ihr gefährlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin, und bei Nacht blieb sie bei dem Wächter auf. Allenfalls dachte sie, muß das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden.

So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre süßen Träume über den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine Weise, denn der tükkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn keimte.

Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt, und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie mußte ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu plündern. Schon wäre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf gesetzt hätte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brächten, dem er glauben könnte, du seist ihnen richtig übergeben. Wie sie dazu kommen sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen, sieh wie du den Vorsatz hintertreibest.