Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 8
Er sprach mit so freier Ergebung, und einem so von Schändlichkeit entfernten Gesicht, daß der Verhör haltende Offizier sich beim Obersten einlegte, die Untersuchung aufzuheben. Denn, setzte er hinzu, mag es immer ein Raub sein, so ist der Mensch ja schon sehr hart dafür bestraft worden.
Der Oberst ließ ihn also aus dem Gefängniße und öffentlich anzeigen: es wolle ein Soldat Geld gefunden haben, wer sich zum Verlust legitimire, könne es bei den Regimentsgerichten in Empfang nehmen. Denn das Kloster hatte nun jene Summe zurückgeschickt.
Niemand meldete sich aber, und das Geld blieb bei der Kasse liegen.
Nach mehreren Monaten befand sich das Regiment von jenem Orte entfernt, auf dem Marsche. Man durchzog eben einen Wald. Der Offizier, welcher jenes Verhör gehalten hatte, führte die Seitenpatroullen an, der junge Soldat gehörte auch zu der Mannschaft. So neben ihm herreitend, und unter mitleidigen Blicken, auf das noch durch jene harte Strafe entfärbte Gesicht, fing der Offizier an: Höre, du magst sagen was du willst, gefunden hast du die Dukaten dennoch nicht.
Der Soldat blickte auf. Herr Lieutenant, ich habe wohl noch mehrere, sie sind aber eingenäht.
Ei, ei, das sagst du mir?
Ich will ihnen noch mehr sagen, nur Alles nicht. Einmal kam ich zu *** in ein Haus, um Kameraden zu sprechen, die dort im Quartier lagen. Eine Dame rief mich in ihr Zimmer, und ich wurde beim Weggehen mit Sechs Dukaten beschenkt. Oefter mußt ich wiederkommen, und man war immer freigebig. Da nun das Geld bei mir entdeckt wurde, konnte ich doch eine so vornehme und brave Dame nicht verrathen. Eh hätt ich mich todtschlagen lassen. Wo sie gewohnt hat, sage ich auch jetzt Niemals.
Der Offizier forschte auch nicht weiter, empfand alle Achtung vor dem Märtyrer der Galanterie, und brachte es beim Obersten dahin, daß ihm das bei der Kasse noch vorhandene Geld verabfolgt wurde.
Fünftes Capitel. Böser Geitz.
Flore theilte den Jägern reichlich mit, und eilte nun, mit ihnen zu dem großen Haufen zu kommen. Froh erzählte sie unterwegs einen Theil ihrer Geschichte, gab sich übrigens aber doch für den Diener eines Commissärs aus.
Wie hüpfte ihr Puls, da sie vernahm, das Commando, wobei sie sich gegenwärtig befände, werde nächstens abgelöset werden, und nach Cairo zurückgehn. Wie viele Umarmungen wurden Ring im Geiste!
Aber nur wenigen Sterblichen ist es gegeben, die Sonnenblicke Fortunens zu tragen. Wie sie zu glänzen beginnen, so will man auch schon mehr Helle, noch mehr Helle, kein übrig Wölkchen soll den Schein trüben, obgleich man vorhin in dem Uebel des Mißgeschicks nur nach einem erquickenden Strahl seufzte. Flore hätte nun ihrem Gestirn danken sollen, so weit gekommen zu sein, darneben ruhig bei den Soldaten weilen, und den Tag erwarten, wo man den Weg nach Cairo anträte. Das geschah aber nicht, und so stürzte sie sich wieder in tiefes Leid und unermeßliche Verwirrung.
Sie pflog, während man noch in der Gegend im Bivuac lag, mit den Jägern enge Freundschaft, die sie zum Imam begleitet hatten, und theilte das Obdach ihrer Hütte. Besonders aber gefiel ihr die Entschlossenheit des einen darunter: _Antoine_ genannt. Diesem entdeckte sie eines Abends: Freund, zwei bis drei Tagereisen von hier, weiß ich einen Ort, wo ansehnliche Schätze verborgen liegen. --
Holen wir sie! erwiederte Antoine.
Das wäre auch wohl mein Gedanke, fuhr die Verkleidete fort, aber es giebt manches dabei zu bedenken. Sagen wir vielen davon, so zertheilt sich der Reichthum zu sehr. In zwei oder drei Portionen bleibt er ansehnlicher. Sollen aber nur wenige den Gang dahin unternehmen, wird die Gefahr für sie zu groß.
Wo liegt der Ort? fragte Antoine wieder.
»Am Nil, aufwärts von hier.«
Dann sehe ich keine Gefahr. Die Mammelukken des verfolgten Bei sind in die Wüste getrieben. Am Nil hinauf stehen noch weithin Posten. Was die arabischen Bauern oder Nilfischer anlangt, auf die wir stoßen können, so nehmen es doch wohl drei Franzosen mit ihrer zwanzig oder dreißig auf.
»Meinest du?«
Warum nicht. Das Volk ist in Furcht gesetzt. Zudem giebt es manche unsrer Anhänger darunter.
Floren lüstete es so sehr nach Vermehrung ihrer schon ansehnlichen Habe, daß sie den nur zu unternehmenden Antoine noch lebhafter anreizte. Es wurde bald ein kurzer Plan verabredet. Der Jäger suchte noch einen handfesten muthigen Kameraden aus, dem das Vorhaben mitgetheilt wurde, und der sich so bereitwillig zeigte, wie jener. Nun erbat man auf einige Tage Urlaub, um in einem nahen Orte kranke Soldaten zu besuchen. Da alles wieder ruhig war, fand die Bitte Gewährung. Flore kaufte unter der Hand von ihrem Gelde drei Esel zum Reiten, und noch einen, welcher das reiche Gepäck auf dem Heimwege tragen sollte.
Wie alles bereit war, nahm sie, die unter keiner besonderen Aufsicht stand, mit den Thieren einen verabredeten Weg, und erwartete die Jäger, welche den ihrigen ändern, und zwischen den Schildwachen hindurch zu ihr schleichen sollten.
Das ging erwünscht von statten, man fand sich bald zusammen, und brach nach _Scheik Abade_ auf. Daß neben zwei Soldaten ein Mann in der Landestracht ritt, erweckte vielleicht noch ein gewisses Vertrauen. Ueberall waren Lebensmittel um Geld zu finden, bei Nacht blieb man unter freiem Himmel, und ließ die Esel weiden, während einer von den Dreien Wache hielt.
Am dritten Tage gegen Abend erblickten sie die Ruinen, und machten Halt, denn Flore hatte den Gefährten nicht verhehlt, daß sie wider das dort wohnende kekke Raubgesindel nichts vermögten, und nur unter dem günstigen Einfluß des nächtlichen Dunkels etwas auszurichten sei.
Man erwartete also die Nacht, und zog nun leise weiter.
Da die Schatzlustigen bis nahe an den Ort gekommen waren, ging Flore voraus, die Sicherheit zu erspähn, kam bald zurück, und hieß Antoine folgen. Der dritte Gefährte mußte mit den Eseln in einiger Entfernung harren, und den Thieren wurden die Mäuler verbunden, daß ihr Geschrei kein Unheil stiftete.
Wenn der Golddurst die Columbe uns den Weg durch unbekannte Meere entdecken ließ, so konnte ja wohl Flore eine Reichthum bergende Stelle in tiefer Nacht wiederfinden, hatte sie doch der Versuch schon einmal gekrönt. Es kostete nichts, wie den Ort am Nil erst zu suchen, wo sich die Räuber ein- und auszuschiffen pflegten, von da an trügten Florens Merkmale nicht mehr.
Sie stand nun mit Antoine bei den Trümmern. Die Steine, welche das Goldgrab schlossen, waren hinweggewälzt. Beider mitgenommene Spaten wühlten lustig in den Sand, und der Gräber Pulse flogen von Hoffnung. O Schrecken! da ertönt nahe bei ihnen eine helle Pfeife.
Sie halten bestürzt an, die Pfeife läßt sich wieder hören, abermals. Beide ergreifen ihre Pistolen, und wenden sich nach der Stelle, wo der Klang herkömmt, dem unwillkommenen Virtuosen eine Pause aufzuerlegen. O weh, da hört man zwei, drei, zehn andere Pfeifen von den Hütten her. Irrlichtern gleich schimmern bald viele kleine Fackeln, aus Schilfrohr, im Umkreise, weichen aber nicht wie jene, sondern nahen eilig.
Flore war einer Ohnmacht nahe. Wir sind verrathen, rief Antoine leise, und müssen auf Rettung denken.
Von einem Orte, wo Gold liegt, entfernt man sich mit Mühe, sollte auch der Schrecken neben dem Mammon wohnen. Dazu kamen die vielen Hindernisse. Die Flüchtlinge stolperten über Gestein, was sowohl ihr Fortkommen hinderte, als zugleich ihren Weg kund machte; bald waren die Fakkeln da und die gräßlichen schwarzgelben Träger wurden sichtbar. Antoine schoß sogleich einen davon nieder, bekam aber in dem Augenblicke den Todesstoß einer Lanze in die Brust. Fangt sie lebend! schrien einige Stimmen, und Flore, die diesmal nicht so muthig war wie sonst, wagte sogar keine Pistole loszudrücken, ward umklammert, entwaffnet, gebunden. Entsetzlicher Wechsel!
Der Muth ist sich nicht gleich, hängt an vielen Umständen, die es schwer wird, zu verfolgen. Man hat spiellustige Krieger bemerkt, die, wenn grade die Würfel schlecht gefallen waren, Löwentapfer auf ihren Feind losgingen, dagegen wenn ihnen das Glück eine reiche Börse gefüllt hatte, eine sehr mäßige Lust bezeigten, zu sterben. Es ist aber keine allgemeine Regel, und ganz im Gegentheil ist bisweilen verfahren worden, wo das Gold Kraftgefühl und Vertrauen auf guten Ausgang weckte, und der Mangel daran, nur Kleinmuth über den Mann kommen ließ.
Genug, Flore erwies sich feig, und beiden war wohl Mangel an gehöriger Disposition vorzurücken. Der Gefährte mußte näher seyn, die Thiere irgendwo angebunden. Die drei konnten unter abwechselndem gut gezieltem Feuer dann wohl den zehn Räubern widerstehn. Zu wenig wäre es noch gewesen, sich nur mit Ordnung zu den Thieren zu retten, und dann schnell zu fliehn, man hätte die Feinde erlegen, in die Flucht treiben, und die Schätze mit Gewalt heben müssen. Doch es war versehn, der tapfere Antoine lag, Flore wurde fortgeschleppt, und auch der dritte Gefährte büßte noch das Leben ein. Denn, nachdem er schießen gehört hatte, wollte er den Uebrigen helfen, kam näher, wurde umringt, vertheidigte sich hartnäckig, und blieb.
Der Leser hat gewiß schon errathen, woran die Wachsamkeit jener Räuber eigentlich hing. Sie nahmen wahr, daß Jemand an dem Orte, wo die Kostbarkeiten verborgen lagen, gewühlt hatte. Wer konnte das sein? Aus ihrer Mitte Niemand, denn so gut Lessing die Räubertreue seines Angelo rühmt, der doch wirkliche Vorbilder in Italien haben mußte, so gewissenhaft die Diebe in großen deutschen Städten über dass gemeine Aerar halten, so verdienen egyptische Bösewichter wegen ihres ^Esprit de corps^ Lob. Man fiel also gleich auf das verwünschte ungläubige Weibsbild, das ihre Kameraden bei sich hatten. Wie aber war diese vom Schiffe entkommen? Schlimme Ahnung! vermehrt durch das Ausbleiben, erfüllt durch die schreckliche Entdeckung des aus dem Nil hervorragenden Mastbaumes, da man die Kameraden zu suchen ging.
Nur die näheren Umstände blieben dunkel. Wer weiß aber, beratheten die traurigen Unholde, ob die Sehnsucht, unsre Schätze zu plündern, die Verrätherin nicht wieder nach Scheik Abade führt, ob sie nicht Hülfe von den ihrigen mitbringt? Wir wollen jede Nacht eine Wache ausstellen, daß wir für das Unsrige gesichert sind, und vielleicht Nachrichten von den unglücklichen Brüdern, und Rache erlangen.
Flore wurde in eine Hütte gebracht, und mit der schrecklichsten Folter bedroht, wenn sie nicht sogleich aussagte, was mit den Kameraden geschehen sey. Man machte zugleich Anstalt, ihr Splitter unter die Nägel zu stecken, und sie anzuzünden. Es bedurfte so viel nicht. So nahe am Hafen gestrandet, war alle ihre Besonnenheit dahin, sie ergab sich in ihren Untergang, und berichtete alles genau.
Die Räuber staunten, sprachen aber einmüthig aus: die Mörderin ihrer Brüder müsse zur Strafe des Spießes verurtheilt werden; und drohten ihr: daß sie drei Tage lang an dieser Marter hinsterben sollte.
Man war mit einer solchen Geräthschaft versehn, und richtete sie mit angrauendem Tage schon auf, so große Eile hatte die Mordlust. Nach dem Entwandten wurde weiter nicht geforscht, in der Voraussetzung, es würde in ferner Verwahrung liegen; man untersuchte eben so wenig Florens Kleidung, sonst würde sich noch ein guter Theil davon wiedergefunden haben.
Flore wüthete Tausendmal gegen die unselige Gier, sich mehr zu bereichern, die zwei braven Männern schon das Leben gekostet hatte, und ihr nun mit dem schmählichsten Martertode drohte, aber es ließ sich nichts mehr ändern.
Sie hörte das Hämmern in der Nähe. Zwischen versteckten Wänden wurde der ungeheure Spieß auf einen Pfahl befestigt. Jedermann wird glauben, daß ihr Haar sich gesträubt habe.
In einer Stunde war alles bereit, auch heller Tag. Nun rissen die wuthschnaubenden Buben sie hinaus. Ha, riefen sie, sie stahl Mustaphas Turban, und seinen Doliman, beides soll sie auch auf dem Spieße tragen.
Sechstes Kapitel. Der Bei.
Jede Lebenskraft abgespannt, ließ sich Flore hinschleppen. Schon erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als plötzlich eine fremde Stimme fragte: _was habt ihr mit dem Jüngling vor_?
Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, daß alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie stürzten.
_Was habt ihr mit dem Jüngling vor_? erneuete sich die Frage. Keine Antwort. Die Stimme äußerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Fülle in den Busen goß. Leiser zagend hob die bestürzte Verurtheilte das Auge empor, und gewahrte einen hochgestalteten glänzend gekleideten Mann, auf einem muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in reicher morgenländischer Tracht.
So tobend, so besinnungraubend war der Bösewichter Grimm gewesen, daß sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus überhört hatten. Daß Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf keiner Erklärung.
Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende Wahrheit, höchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden Scheiterhaufen, fühlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der Gedanke: _er wird mein Retter seyn!_ dämmerte ihr gleich auf.
Ein Vertrauen, als hätte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krümmenden Räuber zu antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen, und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. Dort ragt schon der Spieß empor.
Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit heftigem Unmuth nach den Räubern. Fürchte nichts, sprach er zu der Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. »Wenn euch dieser Jüngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu einem Richteramte, das über Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich sehe aus dieser sträflichen Wildheit, ihr gehört zu dem Raubgesindel, das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plündert die Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine längere Zuflucht habt, so steckt selbst gleich alle die Hütten in Brand. Gehorcht, oder ich lasse euch niederhauen.«
Des Befehls Donner wirkte so mächtig, daß alles gleich aufsprang, und in zwei Minuten loderte schon das Dorf empor.
Während dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier Esel liefen, die Zügel ineinandergeschlungen, noch in der Nähe herum. Sie machte sie los, befreite die Mäuler von den Tüchern, und schwang sich auf den besten. Die drei andern schenk' ich euch großmüthig, rief sie den Räubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von Mammelukken, das dem Nile zueilte.
Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht.
Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europäer in die Wüste gedrängt hätten, der nun aber über den Strom zu seiner Famille wollte, die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden. Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer.
Die Mammelukken erzählten das alles willig an Floren, und redseliger als sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf kühn auf der Diener Artigkeit zählen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia erschien in seinem Carlos, und jammerte über die zerstörte unüberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz Carlos starb schon 1568.
Auch liegt es im Menschen, daß er sich freudig an seinen Retter schließt, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehören. Drum befand sich Flore überaus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran dachte, was nun für sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit.
Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepäck bei sich. Nicht lange so stand ein Dörfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an Spießen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehöre, ließ den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin das Benöthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie man denken kann, seine köstliche Würze.
Allein sie hätte diese Mühe sparen können. Denn kaum hatte sie angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gütige Bei, der sie nicht vergaß, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurück, sondern erquickte sich gar behaglich.
Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer ^Chévalier d'industrie^ aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine Haßkritik einstreuen darf, kann sagen: daß es gar nichts Erzählungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde. Aber was erzählt denn selbst der göttliche Homer (nach Fichte freilich kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle Ochsenbraten und was noch dazu gehört, wieviel bleibt übrig? Am Ende kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreißig Jahre lang, die liebsten Schönheiten verfolgte, und darüber oft die Tafelfreuden übersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer guten ^Table d'hôte^ hin, oder knüpft eine Ehe ^propter opem^[3]. Welcher treffliche neue Morgen der französischen Literatur brach mit jener Staatsumwälzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen erlebte. _Hästia_ allein, spricht Platon, die häusliche, wartet des Heerdes, wenn der Vater der Götter und Menschen auf dem geflügelten Wagen allwaltend dahinfährt, und dem Führer des himmlischen Zuges die übrigen Götter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die Ermüdeten alle nach Hästia. Wenn die Deutschen, überall philosophirend, noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kömmt es blos daher, weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden dürften, da, was zum Reichthum führt, List, Thätigkeit und Gewalt, ihnen fehlen.
[Fußnote 3: Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber während seines Lebens heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine ^propter opus^, die andre ^propter opes^, und die dritte, ^propter opem^ genommen.]
Siebentes Kapitel. Fortsetzung.
Nach der Mahlzeit erschien wieder ein Diener des Bei, und lud Floren zu ihm. Sie nahte sittsam, unterwürfig, dankbar, doch mit naivem Vertrauen. Jener fragte:
Woher bist du Knabe?
_Flore._ Herr, vor einem andern würd ich beben, vor Dir nicht. Ich bin ein Frank.
_Bei._ Immerhin! Doch ein Renegat?
_Flore._ Nein, ein Nazaräer.
_Bei._ Immerhin! Wie kömmst du aber zu dem grünen Turban?
_Flore._ Ein Kopte hat ihn mir verkauft --
_Bei._ Den darfst du nicht tragen.
_Flore._ Verzeihe meiner Unwissenheit! Schon erfuhr ich, daß es der Brauch nicht sei, fand aber noch keine Gelegenheit, einen andern zu kaufen.
_Bei._ Er steht dir wohl, aber ich schenke dir dennoch einen anderen.
Hier entließ er sie, und ein Diener brachte gleich darauf eine artige Mütze, wie sie die Franken im Lande tragen dürfen. Flore händigte den Turban dafür aus, nachdem die Steine auf die Seite geschafft waren.
Gleich danach wurden die Zelte abgebrochen, und Reise ging weiter.
Flore machte sich nun Vorwürfe, daß sie nicht des milden Augenblicks gewahrend, den Bei um Erlaubniß gebeten hatte, den Weg nach Cairo nehmen zu dürfen. Indessen, dachte sie, findet sich dazu wohl eine andere Gelegenheit. Wer weiß, ob er mir nicht ein Paar Mammelukken zur Bedeckung bis an die ersten unsrer Posten mitgiebt, denen ich gern reichlich lohnen will.
Sie folgte also dem Zuge, denn heimlich davonschleichen, das wollte sie nicht, auch schien das aus manchen Gründen nicht rathsam.
Man reisete schnell, und mit ängstlicher Vorsicht, immer noch einen Ueberfall der Europäer fürchtend. In der folgenden Nacht wurden Schildwachen in weiter Ferne ausgestellt, und die Hälfte der Mammelukken mußte angekleidet bei den Pferden bleiben, während die Uebrigen in den Zelten ruhten.
Flore wurde in das Zelt der Itschoglans des Bei geladen, wo sie bequem übernachtete. Ihren Esel mußte ein Mammelukkenknecht versehn. Sie war entzückt von so vieler Güte, doch entbrannten ihre Wünsche nach Cairo lebendiger.
Am andern Tage wieder schneller Marsch, gegen Mittag Rast. Flore bereitete sich schon keine Speise, in Erwartung, der gute Bei werde sorgen. Das geschah auch, und sie wurde reichlich aus seiner Feldküche versehn. Nachher mußte sie abermals vor ihm erscheinen, und er sagte ihr, daß die Frankenmütze sie vortheilhafter wie jener Turban kleide.
Sie dankte auf das verbindlichste für sein Geschenk, brachte nun aber mit Offenheit und Muth die Bitte an, sie ziehn zu lassen.
Hierauf wurde nichts erwiedert. Dagegen gebot der freigebige Muselmann, dem jungen Franken einen schönen Säbel zu reichen.
Es ging weiter. Flore war verdrießlich auf einer Seite, auf der andern aber fand sie doch, daß man ganz ausnehmend artig gegen sie sey. Vielleicht hat er mich in der Geschäftszerstreuung nicht verstanden, meinte sie, ich bitte wieder, und der gute schöne Mann erhört mich gewiß.
Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den Teppichen der Itschoglans.
Am folgenden Tage vergaß Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrämt.
Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehör für die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit stattlichem Sattel und Zeuge vorgeführt.
Jetzt befand man sich schon in einer Wüste. An Flucht war um so weniger zu denken. Die Pariserin wußte gar nicht, was sie über das Betragen des Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke liebenswürdiger, ja auch schöner wie ihren Ring, dessen körperliche Vorzüge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand sie sich so außerordentlich behaglich in dem Lager, daß die Trennung davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im Ueberfluß, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe des Oberherrn wurden die Diener unterwürfiger und schmeichelnder, ja es nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas für sie durchzusetzen.
Endlich war die nicht breite Wüste durchzogen, und ein Bezirk erreicht, wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren zauberischen Reizen alles bei weitem übertraf, was Flore an Naturschönheit in Niederegypten gesehen hatte, die überall den Gedanken an die fabelhaften glückseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch ein häßliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr quälender Stich; freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebäude; freilich hier schon Krokodille genug im Nil, aber die Fülle des Angenehmen ließ das alles vergessen.