Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Part 7

Chapter 73,728 wordsPublic domain

Beglückte Kinder -- Herr verzeihe meinem Alter, Ich fühle -- Krankheit naht dem regen Leben, Gestatte, daß ich eilig mich entferne.

(ab)

(Officier und Höfling schleichen leise weg.)

Hadrian.

Von dem darf ich den Rettersinn nicht hoffen, Hinweg! nichts geb ich mehr auf jenes Wort.

(ab)

Siebenter Auftritt.

Antinous.

(allein)

Der Kaiser stirbt in naher Frist, Wenn nicht ein Wesen ist, Ihm theuer, das ihn liebt, Und frei sich hin zum Todesopfer giebt.

Wen liebt der Kaiser? Dich Antinous, Und ihm wallt dieser Busen treue Liebe An mich ergeht des Schicksals ernster Spruch Und bei den Göttern, ja, ich will ihn lösen! -- Doch sprach auch Wahrheit dieser Priester Mund? Die Weisheit schilt den frommen Aberglauben. Nicht Aberglauben, nein, ihm trauet Hadrian, Und seiner Seele folget meine Seele, Wärs auch nur Ruhe froh ihm zu bereiten, So schenke ich der Welt den heitern König, Den keine bange Laune niederbeugt! -- Doch süß ist wohl der frohen Jugend Leben, Wie furchtbar schreckt der grause nahe Tod! -- Wie muthig in der Ferne, hier erbeben -- O wenn ich dieses Bild mir lange prüfe, Dann sinkt der Wille, sinkt die hohe Kraft. Noch flammt mir in dem kühnen Vorsatz Wärme, Von dieser Klippe in den wilden Nil, Nicht wird die tiefe Fluth mich wiedergeben.

Hadrian.

(in Entfernung)

Antinous?

Antinous.

Mein edler Freund, ich sterbe für dein Leben!

(stürzt sich in den Nil.)

Drittes Buch.

Erstes Kapitel. Der grüne Turban.

Flore dankte dem Himmel, als endlich der Tag herannahte. Zwar verkündigte ihn Eunomia nicht freundlich, da Regenwolken den Himmel umzogen, aber immer mindert das Licht doch die Bangigkeit. Sie sahe zurück, und ward nichts mehr von dem Raubnest und den Ruinen gewahr. Desto wohlgemutheter schritt sie weiter.

Den Durst hatte sie in einem Kanale gelöscht, und mancherlei Früchte des Feldes, die sie in der Helle entdeckte, tilgten ihren Hunger. Gegen Mittag, versuchte sie zum Erstenmale in ihrem Leben, die Flinte auf einen dichten Trupp von Wachteln, deren es in Egypten um die Jahreszeit so viele giebt, abzudrücken, und sieheda, Viere davon stürzen herab. Ohnehin ermüdet, suchte sie eine abgelegene Stelle, rupfte die Vögel, und bratete sie, an einen Zweig gesteckt. Wie viel auch an Zuthat abging, hatte ihr nimmer ein Mahl so köstlich geschmeckt.

Dann ging sie weiter, fand wieder Früchte und Quellen, die Begegnenden ließen sie unangefochten vorbei. Schon träumte sich Flore heitern Fortgang des wiedergekehrten Glücks. Der Nil, dachte sie, dient mir zum Wegweiser nach Cairo. So darf ich nicht fragen, und durch meine unvollkommene Sprache die Fremdheit verrathen. Ich sehe Mittel vor mir, mich unbemerkt zu nähren, das Uebernachten in der Oede ward ich gewohnt. Wider ein reissend Thier oder einen einzelnen Räuber muß mich allenfalls meine Flinte schützen, nahen mehrere, rettet mich vielleicht Gold. Es kann aber auch das gute Gestirn wollen, daß mir dergleichen nicht in den Weg kömmt, und ich bald Landsleute ansichtig werde. Dann seh ich froh den Gatten wieder. O welche Lust: Wie wird er sich freuen, zu Floren! zu den mitgebrachten Reichthum, und gar bald die Nebenbuhlerin -- wenn er schon eine umarmte, entfernen.

Es ist aber ein mißlich Ding um die Theorien der Zukunft. Das praktische Verhängniß durchkreuzt sie jeden Augenblick, und gemeinhin auf störende Weise.

Nur den darauf folgenden Tag fand sich die gehoffte Nahrung, dann mußte Flore längs Kanälen ausweichen, und kam bald von der fruchtbaren Niederung des Stromes ab. Der Natur hat es überhaupt gefallen, in jenen Gegenden paradiesische Fragmente mit Sandhöllen zu untermengen. So traf denn die Reisende auch dürre Unwirthlichkeit, und ob sie gleich ihre Richtung noch nicht verlor, und seitwärts Dörfer im Auge behielt, so gebrach es doch an den Lebensnothwendigkeiten. Kein Zweig mit winkender Last, selbst kein Wachtelzug mehr in der Schußlinie.

Einen Tag über wurde gefastet, am anderen fiel es, nach so schweren Anstrengungen, unmöglich. Sie mußte sich also entschließen, in ein Dorf zu gehn, um den Ankauf des Nothwendigen zu versuchen.

Das Dorf hatte keine Karavanserei, wo man sonst im Morgenlande Lebensmittel antrifft, Flore nahte also dem Hause, wo das Aeußere von einigem Wohlstande sprach, und fragte ein altes Frauenzimmer, das an der Thüre stand: ob man ihr nicht gegen Bezahlung, Sesamkuchen und Früchte ablassen wolle?

Die Alte war sehr höflich, nöthigte Floren herein, und rief den Eigenthümer des Hauses. Das machte Jene sehr verlegen, denn hatte sie ihre Bitte ziemlich unverdächtig vorgebracht, so ließ sich doch befürchten, eine ausführliche Unterredung könne sie blosstellen.

Indessen erschien der Mann, begrüßte Floren, ohne sie viel anzusehn, ließ sie auf den Teppich niedersitzen, und ihr eine Pfeife Moccataback reichen.

Flore schlug die Beine über Kreuz und rauchte, wie sauer es ihr auch anging. Es wurde nun Kaffe gebracht, und zu ihrer größten Freude redete der Wirth weiter keine Silbe, sondern betrachtete stumm den Kopf seiner Pfeife. Bald gab er der Alten ein Zeichen, und nun wurde wohlriechend Holz in einem Rauchbecken verbrannt, den Gast durch den lieblichen Duft zu vergnügen. Eine Stunde währte die verschwiegene Unterhaltung, dann brachte das Frauenzimmer nicht nur das Verlangte, sondern noch Speisen mancher Art, in ein Körbchen gepackt, den sie ihr einhändigte. Da Flore einige Zechinen auf den Tisch legte, verbat man das mit verbindlichem Unwillen, und entfernte sich.

Die Abentheurerin war entzückt über die Patriarchensitte, am meisten über die wortkarge Einfalt. Eben wollte sie froh das Haus verlassen, als ein Imam hereintrat, um von dem Landmanne die Pacht für den Acker der Moschee zu holen. Denn die mahomedanischen Tempel sehen sich auch mit zeitlichen Gütern vor. Er grüßte Floren, die nicht vergaß, mit auf der Brust gelegter Hand zu danken. Doch einen Anlaß, Frömmigkeit blicken zu lassen, nicht aufzugeben, fragte er: Junger Gläubiger, bist du vom Stamme des großen Propheten, oder warst du schon dreimal in Mecca, daß dein Turban von der heiligen Farbe ist?

Flore entfärbte sich, denn sie hatte wohl gehört, daß das Recht, sich grün zu tragen, bei den Mahommedanern durch gewisse Vorzüge erworben werden muß, aber wie sie jenen Turban aufsetzte, eben nicht daran gedacht, daß seine Farbe ihr Gefahr bringen könne. Allenfalls hatte sie auch gemeint: obschon eine Pariserin, und einst im Palais Royal wohnhaft, mögte sie doch immer heiliger sein, wie dieser Kopfzierde früherer Besitzer. Bei dem allen suchte sie sich zu fassen, und erklärte: sie wäre dreimal in Mecca gewesen. In welcher Karavanserei wohntet ihr? fragte der Hauswirth. Die Erinnrung an eine Wallfahrt, die er auch vollbracht hatte, überwand sein Pflegma, wie zwei Künstler, die in Rom waren, nicht umhinkönnen, ein Gespräch über die Hallen des Vatikan, den Corso oder die Polichinelle einzuleiten.

Nun war guter Rath theuer. Flore hatte nie etwas von den Karavansereien in Arabien gehört. Doch forderte sie ihr Glück heraus, und antwortete: In der, wo das Bild des Engel Gabriel an der Thür hängt.

Ein gewaltiger Verstoß. Die Türken ehren den Engel Gabriel, aber dürfen kein Bild von ihm malen. Schon die gebrochene Sprache hatte Argwohn erregt, jetzt stieg er doppelt auf. Flore, die das sah, fing lachend an, ich habe beschlossen meinen Wirth nie zu nennen, denn loben kann ich ihn nicht, und tadeln mag ich nichts, was mir auf der frommen Reise zu Gesicht kam. Lebt wohl ihr Herren!

Nun kann aber kein Ordensritter, wärs auch einer des St. Joachim, entrüsteter seyn, wenn ein Ungeweihter die Zeichen trägt, wie ein muselmännischer Geistlicher, dem die grüne Farbe mit Unrecht getragen, aufstößt. Nicht ganz sanft, zog er Floren am Arm zurück, faßte dann an den Turban, und rief: Du sollst zur Stelle bekennen, ob du dieses Hauptschmuckes würdig bist!

Der Turban war etwas weit, und fiel herunter. Die langen, mit Mühe unter ihm verborgenen Haare fielen in wallenden Locken nieder. Hätte sie die Vorsicht gehabt, den Kopf nach Landesgebrauch zu scheeren, so wäre es vielleicht noch möglich gewesen, dem Ungemach zu entfliehn. Ein glücklicher Einfall, kecke Gewandtheit, und die Muselmänner wären gefoppt zurück geblieben. Aber wer kann von einem Frauenzimmer, das sich schöner Haare bewußt ist, so ein Opfer erwarten!

Das Haar war entscheidend. Ein Frank, ein Ungläubiger trägt einen grünen Turban! Rächt den Propheten, ihr frommen Männer! schrie der Imam Einmal über das andere, und bald war das Haus mit Leuten erfüllt. Man schleppte Floren zum Kiaschef.

Dieser ließ sogleich eine Bank hersetzen, und gebot zwei mit kleinen Stäben versehenen Dienern, dem Hunde vorerst Tausend Streiche auf die Fußsohlen zu geben.

Flore schauderte, drängte sich aber an den Imam heran, und flisterte ihm ins Ohr: ich schenke deiner Moschee alle Edelsteine, die der Turban enthält, rette mich aus der Noth!

Der Imam griff nach dem Turban, den Flore in der Hand mit fortgetragen hatte, und seine Schwere bewegte ihn.

So du gleich versprichst, ein Moslem zu werden, rief er, soll das Vergehen der Unwissenheit dir erlassen seyn. Der Richter stimmte bei, denn dem Geistlichen gebührt in Religionsangelegenheiten das entscheidente Worte, und Flore, vor der Bank und den Stäben zitternd, schrie: Gern gern! Darum eben kam ich nach Egyptenland.

Zweites Kapitel. Der Derwisch im Gebürge.

Sie wurde nun noch über manche Dinge verhört, und reihte ihre Nothlügen so geschickt aneinander, daß die Männer beruhigt wurden. Der Priester setzte endlich fest: der ungläubige Jüngling sollte zu einem Derwisch im Gebürge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten würde. Er übernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich.

Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mußte sie mit zum Imam, der zwei Esel satteln ließ. Nachdem sie eine schlichte Mütze, wie nur die Juden im Morgenlande tragen dürfen, bekommen hatte, mußte sie das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen.

Man hatte etwa zwei französische Meilen bis zum Aufenthalt des Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: könnte ich nur auf die Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war also nicht zu denken.

Sie mußte in den Bergwald. Durch enges Gesträuch wand sich ein steiniger Pfad, der zu einer sehr dürftigen hölzernen Hütte führte. Ein Greis mit langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der Imam, unterrichtete ihn über den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die Antwort.

Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir führest, liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es treulich zurückerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn, als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? Laß mir das Uebrige. Er wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und dennoch ist dein Gürtel so dick. Laß sehn! -- Er nahm den Gürtel ab, und schüttelte die Goldstücke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt würde. Dahin waren die Reichthümer.

Der Imam sprach: Dem Ungläubigen sei die Lüge noch verziehn, und entfernte sich. Für Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurück.

Der Greis nahm Floren nun in die Hütte, trug einige Wurzeln auf, und setzte ein Gefäß mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen, war zu tief vom Schmerz über ihren Verlust erfüllt, daß sie hätte Eßlust spüren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen hätte, wie jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalität.

Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an, danke dem Propheten im Staube, daß er dich diesen Weg geleitet hat. Du wirst nun der Erwählten einer, täglich durch fünf Gebete die Sünde tilgen, und dereinst das frohe Paradies grüssen.

Flore hörte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu ziehn pflegen, wenn sie gemüßigt sind, eine christliche Predigt zu hören, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim erst mit tausend Verwünschungen waffneten.

Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed stieg auf den Alboral, schwang sich zur Höhe, und sahe sie alle. Der erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige Blätter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen sind. Der vierte glänzt von Smaragdwänden. Nur Christal wird im fünften sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Höhe treiben, Wein in perlenden Bächen umherschäumt, und Sümpfe von Scheibenhonig einladen, sich bis an den Gürtel zu versenken. Hier blühen liebliche Bäume, voll saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der Frucht, in süße zarte Mädchen, so fein, so hold, so engelhaft, daß wenn eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen ließe, es gleich aufhören würde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend verschiedenen Sprachen, täglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher Fülle. Dort dürfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese gepflanzt und gekeltert, so stark, daß von einem Tröpflein die ganze Menschheit trunken wäre. Dort wirst du so viele Mädchen umarmen als du willst, alle ewig jung, ewig schön, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn!

Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer Derwisch, werden sie auch so viele Männer nehmen, ewig jung, ewig schön, ewig -- --

Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern werden sie der Männer Entzückungen schauen.

Man kann die Bemerkung nicht umgehen, daß Mahomed unter allen mythologischen Dichtern die üppigste Phantasie zeigte. Hätte er aber mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Märchenträumerei in seine Religionsgebräuche aufgenommen, dabei nicht den Künsten den Eingang versperrt, so würde er noch zahllose Anhänger mehr geworden haben. Wie hätten die Bildner streben können, die Lehre reizend zu versinnlichen! Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemälde der Houris? Da die Christen- und Griechen-Mythen so erschöpft sind, könnte die Kunst sich immer auch an jenen Vorwürfen üben.

Es giebt aber noch eine Götterlehre, die sich für den Pinsel oder Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die himmlischen Valkyren! Wer weiß, ob Thuiskons Enkel so entartet wären, hätte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Läuterung erfreut? --

Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu fühlte, und so übergroß ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerückt war?

Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte ihn nicht, haßte ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mußte sie die große Kraft dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, daß er oft im süßen Wahn nach den Gestalten faßte. Ein morgenländischer Swedenborgianer.

Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte über die Gelehrigkeit des Schülers nach, und brachte Lebensvorräthe. Florens gutes Gedächtniß setzte sie bald in den Stand, das Gehörte wieder herzusagen, und so fand sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische Sakrament den Proselyten weihen sollte.

Dieser Tag durfte nicht nahn, wie ließ sich ihm aber ausweichen? Eine verstellte Ungelehrigkeit, wozu könnte sie auch führen, als zur Verlängerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts? Peinliche Verlegenheit! Flore hätte gern eine Rettung durch die Flucht versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstücke fesselte sie immer noch, obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie könne je wieder zu ihrem Besitz gelangen.

Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam loszuschwatzen, daß sie sich für die Feier des hohen Tages mit schönen Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der Priester war zäh, und erklärte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken von Nöthen.

Morgen schon war der Tag, welcher etwas -- nicht Vorhandenes rauben sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Hütte auf, um sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch schlief nicht, und hörte unter seinem Gebete das Getöse. Er wollte die Flüchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er vergebens im Dunkeln umher, und hörte aus der Ferne die Worte: »Frommer Derwisch, ihr habt unter eurem Hüttendache ein Weib geherbergt.«

Doppeltt dreifach übel war der Zustand der Armen nun. Kein Geld, um irgend ein Bedürfniß zu kaufen, kein Gewehr, um sich im Nothfall zu vertheidigen. Wie verwünschte sie den grünen Turban, der sie um beides gebracht hatte!

Drittes Capitel. Das Gefecht.

Sie wußte selbst nicht, wohin sie ihren Weg nahm, und dachte erst am Morgen mittelst der Niederung des Stromes ihre Richtung zu finden. Dann wollte sie zurück nach Scheik Abade gehn, um aus den Trümmern eine andere Ladung Kostbarkeiten zu holen.

Gegen Morgen aber vernahm sie einige einzelne Schüsse, denen gleich mehrere folgten. Bald nahm das Feuer beträchtlich zu. Mit horchendem Ohr lauschte die Pariserin, und dachte entzückt, hier müßten die Europäer nahe sein. Sie hatte ohnehin gehört, daß ein geschlagener Bei in diesen Gegenden nach und nach wieder einige Truppen gesammelt habe, um die einzelnen Posten der Franzosen anzufallen.

Den Schweitzer entzückt in der Fremde des Kuhreigens Melodie, den Venetianer ein Gondoliererlied, Floren der Knall französischer Flinten. Gleich war ihr Entschluß gefaßt, um jeden Preis die Landsleute aufzusuchen.

Sie beflügelte die Schritte nach der Gegend zu, wo das Kampfgetöse sich vernehmen ließ. Doch befand sie sich auf der Seite, wo die Mammelukken schwärmten, die auch einige Schützen zu Fuße im Gebirge fechten ließen. Sie wollte die Stellung umgehn, wurde aber bald bemerkt und angehalten. »Gebt mir Waffen«, rief sie, »gebt mir Waffen, daß ich wider die Ungläubigen streiten helfe!«

Die türkischen Schützen nahmen das wohl auf, brachten das Gewehr und den Pulvervorrath eines Getödteten herbei, und stellten sie neben sich in eine Felsschluft, die vertheidigt wurde. Drüben rückten hitzig kleine Jägertrupps an, in der wohlbekannten Uniform. Florens Herz klopfte. Hoch richtete sie ihre Schüsse, um keinen davon zu verletzen. Dagegen flogen jener Kugeln dicht bei ihr vorbei, das einzige landsmännische, was ihr nicht gefiel.

Nicht lange aber, so liefen die Jäger Sturm auf den engen Weg, und die Morgenländer fanden für gut, sich auf die Flucht zu begeben. Nun warf sich ihr junger Rekrut nieder, als ob er getödtet sei, und sie bekümmerten sich weiter nicht um ihn. Kaum waren sie Hundert Schritte entfernt, als den Verfolgern auf französisch zugerufen ward, sie mögten ja nicht in der Uebereilung französisches Blut vergießen.

Sie waren nicht wenig befremdet, Flore aber fuhr fort: Laßt nur nicht ab, die Feinde zu verfolgen, ich helfe wakker, meinen Roman sollt ihr gelegentlich hören. Sie machte nun tapfer, wie eine Jeanne d'Arc oder d'Eon das Gefecht mit, und traf mehrere Feinde. Der Tag gehörte, wie gewöhnlich, den Franzosen.

Zu Florens größter Freude hatte der Kampf sich nach der Gegend des Dorfes gewendet, wo die Moschee stand, zu welcher jener Imam gehörte. Es kostete wenig Mühe, einige Jäger zu bereden, daß sie Floren zu dem Priester begleiteten. Er wollte eben entfliehen, wurde aber noch ergriffen. Mein Geld, edler Eiferer für den wahren Glauben! rief Flore. Der Imam gerieth außer sich vor Schrecken und Befremdung. Er leugnete den Besitz, gab vor, alles entfernt zu haben, da aber im Kriege noch nicht die peinliche Frage ganz abgeschafft ist, so fand man bald Mittel, ihn zum Geständniß zu bringen. Er zeigte einen Fleck des Gartens an, aus welchem man den Gürtel mit allen Goldstücken, und den mit Edelsteinen gefüllten Turban grub.

Um das Aufhören gewisser körperlicher Schmerzen, giebt man viel, viel hin, und die Kräftigen sind selten, die da widerstehn. Doch giebt es auch Ausnahmen. Zum Beispiel folgende: Ein junger preußischer Soldat, von vortheilhafter Gestalt, und wegen seines untadelhaften Betragens bei den Vorgesetzten beliebt, gab während des Krieges in Polen, da man in einer namhaften Stadt kantonnirte, mehr Geld aus, wie seine geringen Einnahmen zulassen konnten. Das wurde dem Offizier hinterbracht, der nun den Tornister des Soldaten untersuchen ließ, worin man zwanzig bis dreißig Dukaten entdeckte. Der Soldat wurde sogleich eingekerkert, und sollte sagen, wie er in den Besitz dieser Summe gelangt sei? Er gab vor, sie auf der Gasse gefunden zu haben. Dies wurde umso weniger geglaubt, als hie und da in derselben Zeit Diebstähle begangen worden. Sehr bekümmert war sein Hauptmann über diesen Vorfall, denn er hatte den Soldaten grade zum Korporal erheben wollen.

Die Regimentsgerichte verfuhren mit Strenge, und nachdrückliche Züchtigung wurde angewandt, ein Geständniß der Wahrheit zu erpressen. Nach manchen Ausflüchten, deren Grundlosigkeit am Tage lag, bekannte endlich der Soldat: er sei Urheber jenes Diebstahls, der neulich an der Kirche eines gewissen Klosters verübt worden sei. Das geraubte Silberzeug habe er, ihm unbekannten Juden verkauft, und auf diese Weise das Geld erhalten. Etwa zehn Dukaten wären bereits verzehrt.

Man stellte nun die gefundenen Dukaten dem Kloster zu, und verhängte über den Kirchendieb ein zwanzigmaliges Gassenlaufen durch Zweihundert Mann. Standhaft duldete er die Pein, und wie er endlich die Doppelreihe, der ihn strafenden Kameraden verlassen hatte, rief er lachend: Ich bin doch ein ehrlicher Kerl! Eine Behauptung, der Niemand Glauben beimessen wollte.

Groß war aber die Befremdung beim ganzen Regimente, da nach einiger Zeit ein anderer Soldat ertappt wurde, wie er zusammengeschlagenes Silber einem Goldschmiede um geringen Preis anbot. Man erkannte es für einen ehmaligen Kelch, suchte scharf bei dem Manne nach, und fand noch die Monstranz und sämmtliche Gegenstände, welche der Kirche gefehlt hatten. Also war jener Soldat unschuldig, und hatte sich fälschlich angeklagt.

Allerdings wurde er wieder vernommen. Aus Angst, rief er, hab ich die Lüge gesagt. Zwanzigmal Spießruthen oder im Verhör halb todt geschlagen werden, kömmt es nicht auf eins heraus? Ich wählte das erste, wo doch ein Ende abzusehn war.

Aber woher bekamst du denn jene Dukaten?

Sagt ichs nicht im Anfang? Ich habe sie auf der Gasse gefunden.

Das ist durchaus unglaublich, weil der Verlierer sich öffentlich würde gemeldet haben.

Nun gut, fuhr der Soldat fort, so gebe man mir aufs Neue tausend Hiebe, ich kann doch keine andere Aussage thun.