Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 6
Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin, eine Griechin, eine Araberin -- o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus Diebeshänden gelingen?
Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten.
Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich eben, da sich dichtere Ströme niedergossen.
Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.
Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte. Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.
»Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.«
»Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer des Jähzorns!«
»Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser, wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.«
»Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht entrinnen.«
»Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald argwöhnen könnten -- -- aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? -- Aber ohnmächtige Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?«
Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin es wolle.
Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.
Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke zurückgestiegen.
Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung entziehen.
Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch. Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.
Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser. Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen umgebracht.
Sie riefen kaum noch ein _Allah Kerim_, da gingen sie unter in ihr feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.
Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.
Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That.
Achtes Kapitel. Reichthum.
Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es, triumphirt -- wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß. Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung, müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit _ersparter_ Jünglingskühnheit oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet, und hinkt hernach feig umher. -- Zur Geschichte:
Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn. Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen, und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels, entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.
Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die moralische Lebenskunst.
Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu setzen.
Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.
Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst Gelegenheit, den Rest abzuholen.
Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt durfte sie den Bewohnern von _Scheik Abade_ nicht sichtbar werden. Sie tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist, beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.
Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können. Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König aller Ketzer, _Volney_, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes Interesse haben können.
Die Ruinen von _Antinoe_! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter! _Hadrian_, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar nicht müßig ließen, besaß -- -- übrigens aber -- einen jungen Freund, _Antinous_ genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in Egypten, und -- was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal wieder abergläubisch zu sein, -- fand für gut, die Wahrsager des Landes, deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen, was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben, patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können. Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt.
Der schöne hochherzige _Antinous_ bot sich allein dar. Daß sein Imperator -- und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth, da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben. Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und nannte sie _Antinoe_. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet, der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten Umständen vor. So lohnte die Vorzeit.
Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum Trauerspiele mehr.
Ende des zweiten Buchs.
Zweiter Potpourri.
Antinous, Trauerspiel in einem Akt.
Personen.
Hadrian, Kaiser. Antinous, sein Liebling. Ein Krieger. Ein Höfling. Ein Diener. Egyptische Priester und Volk.
Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.
Erster Auftritt.
Hadrian. Antinous.
(kommen Arm in Arm durch den Garten.)
Hadrian.
Laß in die holde Einsamkeit mich retten, Vor kniender Völker huldigendem Gruß Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt. Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen, Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder, Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.
Antinous.
O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen Hob der Quiriten hoher Cäsar mich, Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt --
Hadrian.
Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe, So zart wie Sidons purpurnes Gewebe, So strahlend wie der Morgenhelle Licht, Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede? Im Staube laß den Sklavenchor ertönen, Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut, Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet Der seligen Olimpier Geschlecht; Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne, Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht, Was thut er, als im Göttlichen sich ehren.
Antinous.
Erhabener, es ist dein Machtgebot, Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.
Hadrian.
Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme? Dir unter Allen will ich nicht befehlen, Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden, Sei wie Otan der Perser, was du willst. Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen, Das mein gehört, und nicht dem Diadem.
Antinous.
Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.
Hadrian.
Nun endlich -- Tönt mir des Wortes schöne Melodie. Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne, Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt. Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet, Trägt der Triumph zum Capitolium, Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen, Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen Und vaterlose Kinder -- O, das macht Dich froh!
Antinous.
Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft, Des Strebens Feuer dieser Göttermilde, Mich aus der Ferne nur zu würdigen, Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt, Im Rathe Deine Winke vorzutragen, Den nicht des Feldherrn Genius erhebt, Noch unbekannte Völker zu besiegen Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben, Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.
Hadrian.
Schon die Gefühle wägen jede That. Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht; Die Barke des letheischen Piloten Soll dann vereint die stillen Schatten tragen, Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße.
Zweiter Auftritt.
Bedienter. Vorige.
Bedienter.
Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe --
Hadrian.
Mein will ich einen Augenblick nur nennen, Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht.
Bedienter.
Die Priester langten des Osiris an, Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen, Nach alt egyptischer geheimer Kunst Die Sterne um Dein künftig Loos zu fragen.
Hadrian.
Ein andermal, heut gnügt mir Gegenwart.
Bedienter.
Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum Der graubemoosten spitzerhöhten Säulen, Und alter Tempel Hieroglyphenschrift Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung.
Hadrian.
Wohlan, sie mögen tiefer nur erforschen --
Bedienter.
Schon bringen sie Dir wichtig schwere Kunde, Es leidet keinen Aufschub was sie melden, Ein Unheil sei Dir nah, doch abzuwenden --
Hadrian.
Ein Unheil -- warum nennt man jetzt mir Unheil, Da mich beseligend das Glück umarmt. Antinous, ob ich die Träumer höre?
Antinous.
O eile Herr, oft senden gute Götter Dem Sterblichen getreue Warnung zu.
Hadrian.
Zu froh bin ich, der Grille Raum zu geben, Und wahrlich so ein Glaube ziemt mir nicht.
Antinous.
Im Glücke, lehrt die Klugheit, rufe Furcht! Denk an Polikrates, dem alles froh gelang, Der nur ein Glück ins Auge durfte fassen, Um auch schon triumphirend ihm zu nahn. Ihm rieth der Freund, in Willkühr zu entrathen, Was köstlich theuer seinem Leben sei, Daß er den bösen Mächten im Avernus, Die dauernd Wohl am Sterblichen nicht dulden, Ein reiches Opfer der Versöhnung bringe. Und Samos König warf ein Edelstein Von unschätzbarem Werth in Thetis Wogen. Bald aber zog der Fischer schweres Netz Ein selten Seethier aus dem tiefen Grunde, Dem Herrn des Eilands zum Geschenk gebracht; Kaum trennt das Messer ihm die Eingeweide, Als das Juweel des Königes sich zeigt. Zu hohes Glück, rief nun Amasis aus, Des Königs königlicher Freund in Theben, Entsagen will ich deinem treuen Bund, Daß nicht zu tief der Schmerz mich einst verwunde, Wenn dem geliebten Manne Schrecken naht. Polykrates bringt nicht ein neues Opfer Und sinket bald durch schmählichen Verrath.
Hadrian.
So meinst Du sollt ich auch das Theure meiden, Des Unglücks schwarze Regel zu erfüllen?
Antinous.
O ja mein Freund, mein Kaiser.
Hadrian.
Eines nur Behalt ich vor -- das andre kann ich missen. So hören wir die mythischen Propheten.
(beide ab)
Dritter Auftritt.
Höfling. Officier.
Höfling.
Da geht der Kaiser mit Antinous, Schon öfter traf ich sie allein beisammen, O, diesen Jüngling muß man täglich grüßen, Geschenk' ihm bringen, kleine, angenehme, Daß es dem schlauen Geber größre trage, Ihm huldigen, bis seine Gunst zerfällt.
Officier.
So leichten Grundsatz kann ich nimmer loben.
Höfling.
Doch fasse ihn, wer sich erhalten will. -- Wie aber soll man jene Bande deuten Des Kaisers und der schönen Jugend Blüthe? -- Hm -- was von Jupiter sie wohl erzählen --
Officier.
Wer glaubt an Jupiter, in kluger Zeit Ein Mährchen rohen Altern vorgesungen.
Höfling.
Auch glaub ich nicht, nur mögt ich, Du verständest Mir der Vermuthung leis' geahnten Sinn -- Gedenke nur des Göttervaters Schenken.
Officier.
Pfui, Argwohn keimet nur in Herzens Tiefen, Wo des gewähnten Lasters Zunder glimmt.
Höfling.
Doch spricht man viel von dieser Heimlichkeit.
Officier.
Weil Dein Gelichter leis sie sich verkündet, Warum soll nicht der Pulse gleicher Schlag Des Urtheils Aehnlichkeit und der Gefühle, Zwei edle Wesen ohne Laster nahn?
Vierter Auftritt.
Diener des Kaisers. Vorige.
Diener.
Weh, Wehe! mußt ich diesen Tag erleben!
Officier.
So bleiche Stirn, Was trug sich Schlimmes zu?
Höfling.
O nennt es, daß ichs weiter mag verkünden!
Diener.
Die Priesterschaar, von Hadrian befragt, Wie die Geschicke noch sein Leben wenden? Ach offenbart: es muß der Kaiser sterben, In naher Frist Wenn nicht ein Wesen ist Ihm theuer, das ihn liebt, und frei sich hin zum Todesopfer giebt.
Officier.
Wie? -- In die offne Schlacht den Muth zu wagen, Das thut der Krieger gern, der Kriegsgott lenkt, Davon kann er das süße Leben tragen, Und büßt ers ein, starb er in dem Beruf, Der Lorbeer sinkt auf seinen Rasen nieder. Doch grade hin in sichern Tod zu gehn, Das wollen nicht des Lebens milde Götter.
Höfling.
Ihm soll er theuer sein, der für ihn stirbt, O warum muß ich seine Kälte tragen? So darf ich nicht, wozu das Herz mich ruft.
Officier.
Nicht wahr, jetzt wäre selbst dir Haß willkommen?
Diener.
Auch mich, mich Armen liebt der Kaiser nicht.
Höfling.
Wahrsagern glauben, welche eitle Schwäche!
Officier.
Der gute Kaiser ist nicht frei davon, So würd es immer Ruhe ihm erziehn, Wenn jener Priester Spruch gesühnet wäre, Und immer Anlaß für die große That. Gleich Curtius würd er in der Nachwelt leben, Gleich Cokles, Scävola und Regulus, Der hin es würfe, das geliebte Leben.
Höfling.
Und wähnest du, daß jene Männer waren? Nur Fabel sind sie, die den Bürgersinn Des Römers übermächtig reitzen sollten. Ach armer Hadrian, du findst ihn nicht, Der hier des Busens Zagen heilen könnte.
Officier.
Wohl glaub ichs euch, todt ist die alte Zeit.
Diener.
Gern giebt man viel, will nicht der Freund das Leben, und braucht der Kaiser seiner Stärke Macht, So ist es nimmer der Geschicke Sühne Zur Seite, Freunde, unser Imperator.
Fünfter Auftritt.
Hadrian.
(allein)
So trübt ein Augenblick den klaren Aether, Und trauernde Gewölke decken ihn. Wer war zufriedener, war hochbeglückter, Wie noch vor einer Stunde Hadrian? Und diese Priester warfen ihn zu Boden. Wie, kann der Geist nicht muthig sich ermannen? Ists Aberglaube nicht, was mich erschreckt? Die Götter blicken nicht auf Menschen hin, Zu niedrig gilt den Hohen irdisch Spiel, Kein Priester mag wohl in die Zukunft schauen, Entreiße dich der kleinlich feigen Angst! Was dir geschehn soll, wahrlich wird geschehen, Es opfere sich auch ein ganzes Volk. Den Schleier will ich von dem Auge reißen Und Ruhe kehrt dem Glücklichen zurück.
Wie, wenn ich sie der Folter übergäbe, Die Seher, würden sie nicht rasch bekennen: Sie wissen mehr nicht von der Zukunft Loos, Wie jeder Weibessohn? -- Wohlan es gelte -- Doch -- Wenns nun wäre -- schwerer, schwerer Frevel, Den nicht Ixions Rad im Orkus büßt, Die freundlich Gottgesandten schmählig martern. Hinweg Gedanke! Nein ich schone sie.
Hier aber wahrlich kann die Probe gelten, Wer nur den Kaiser, wer den Menschen liebt? -- Von Tausend Schmeichlern bin ich stets umwunden, Ein jeder beut das Leben täglich dar, Vielleicht, weil er wohl weiß, nicht kann ichs brauchen, Der, dem es Ernst ist, mit dem lauten Willen, Wär mir ein köstlich Gut in schlimmen Zeiten, Was gilts, ich prüfe was ich noch nicht weiß. He! Niemand da?
Sechster Auftritt.
Diener. Hadrian.
Diener.
Ich warte des Befehls, erhabner Kaiser!
Hadrian.
In tiefe Noth preßt mich des Schicksals Zorn. Es legt mir Sterben auf, wenn Niemand mir sich opfert, Der mich liebt und ich ihn. Dich lieb ich Freund, Schon lange Jahre dienst Du meinem Hause --
Diener.
(zitternd)
Ach Herr -- wie ängstet mich der grimme Spruch! O Du des Volkes Heil, des Reiches Zier, Dem Göttertempel prangend einst sich heben --
Hadrian.
Gern sänk ich hin, doch meine ich, das Volk Wird nicht so bald den treuen Hirten finden --
Diener.