Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 5
Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn.
Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u. s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich, von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach Bedürfniß mit Harz getränkt).
Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra, Babilon, oder des _römischen_ Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie würde die Peterskirche im _päbstlichen_ Rom allenfalls noch werth halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn, viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon, einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um nur besseres Wasser daherzuleiten?
Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern sich verkündigen kann.
[Fußnote 1: Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap. 6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit, und dreißig hoch gewesen.]
In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung, denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage, da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther -- -- -- -- -- doch Stille Stille!
[Fußnote 2:
Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte; Einen Huf ins Geviert', und rings umläuft ihn die Mauer. Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln, Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate, Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel. Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes, Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte. Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel; Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen. Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet, Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet, Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer. Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen; Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren, Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet. Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten, Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes Schwell' an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger.
Odyssee 2ter Gesang. V. 112--131. nach Voß Uebersetzung.]
Fünftes Kapitel. Fortsetzung.
Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer, welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll.
Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen. Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache, und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen. Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut. Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre gesagt, sie trieb es in allen Ehren.
Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.
Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an.
Sechstes Kapitel. Aufruhr.
Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn. Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden, um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt. Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die alten Pharaonskammern zu durchspähn.
Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück.
Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21. Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.
Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht zweideutig schien. Der General _Dupuis_, Befehlshaber zu Cairo begab sich nach dem Platze _Berquetfil_, die Empörer durch gütige Mahnung zu zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der letzteren Gewalt.
Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der Beute davon eilte.
Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung, Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.
Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.
Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten nichts Gutes.
Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren. Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu entweichen.
Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens) was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und liebkoseten Floren.
Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp querfeldein.
Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten, wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich, und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte, die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel man mit Säbeln und Dolchen übereinander her.
Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie kein Geräusch mehr.
Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle, und erwartete dort schlaflos den Morgen.
Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem Schlupfwinkel hervor.
Siebentes Kapitel. Eitle Wünsche.
Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land, doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den Hunger zu sättigen.
Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot, und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie dort.
Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte, daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden, setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den zweiten.
Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen. Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das Kommando zu erreichen.
Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal, desto eher wurden sie eingeholt.
Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu folgen! Flore blickte von Ungefähr -- ein Ungefähr, an welchem ach! so Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie, daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird mein Wunsch erreicht.
Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn, der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.
Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man etwa plündern konnte, sicher zu machen.
Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären. Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr, den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte.
Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot, sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten.
Achtes Kapitel. Fernere Abentheuer mit den Flußräubern.
Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß, wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie.
So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen, denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal, wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub genug erlangt, begaben sie sich nach _Scheik Abade_, ihren Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen einscharrten.
Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber. Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken, verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern gesperrt.
Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf irgend eine Weise einzunehmen.
Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk, womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu holen.
Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen schlafen, der Wache hielt.
Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag, hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.