Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 4
Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt, die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten.
Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.
Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter kämpften die ungeheuren Kräfte.
Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten Würgern zu erflehen.
Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen. Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der andern verbarg sich dem Auge. -- Was vermag noch der Mensch? Die Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken? Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort. Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen; noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod -- die Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander Fahrzeug zu erreichen.
Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor. Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem. Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand. Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast Gluten auflösen.
Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet, und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu sehn.
Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt, aber die meisten französischen genommen, oder zerstört.
Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang.
Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht enthalten?
Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im Allgemeinen gab.
Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen, so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta geführt hätte.
Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen, einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin vergessen konnte.
Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen angegriffen, ein Alexander am Ganges.
England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können.
Doch die _verlorene_ Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück. Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten untergehn.
Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von _ihm_ schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute Großthaten auf sich lenkt?
Drittes Kapitel. Einlenken von der Abschweifung.
Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge, von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören.
Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.
Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen. Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige Praler sorglos ist.
Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus: Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen!
Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. --
Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn, schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.
Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten, dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht, da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich, bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.
Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just, kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein, lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.
Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit.
In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung ist doch angenehm.
Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen Thiere des Landes immer mehr verminderten.
Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe, die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten, die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.
Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen.
Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an, und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen; und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.
Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten, konnte aber noch keine Befriedigung finden.
Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem Umfange birgt.
Viertes Kapitel. Cairo.
Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt. Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.
Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz, Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen, Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei, mit langen Stöcken -- die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken, Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten, und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt, ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen) scherzt -- und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.
Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und wider die Europäer in den Streit zogen.
Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden. Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten, waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten. Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen, so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben, Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der mystische europäische in sich enthält.