Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Part 2

Chapter 23,588 wordsPublic domain

Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur Sänfte, kaum kann der Geliebte die Träger zurückhalten, die sie so heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es thunlich ist, auf, und folgen der Sänfte.

Man kömmt wieder in dem Garten an, Coutances führt Isabellen in den Saal, die entzückt vor dem Alten niederfällt. Indem ruft der Mann draußen, die Eseltreiber hätten einige Stücke von dem Gepäcke verloren. Coutances, der Isabellen beim Vater weiß, springt zurück, denn an dem Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren zurückgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fuße, denn ihre Reitesel sind bei Seite geführt.

An einer Ecke hatte man jene im Getümmel aus dem Gesichte verloren. Höchst verdrießlicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere. Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die Eseltreiber mit dem Gepäcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle erklären, er habe ihnen angedeutet zurückzukehren. Sonderbar! Seid ihr denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen.

Coutances übergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem Garten. Darüber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer. Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses öffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute gemiethet.

Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er neulich in der Thür Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor; dagegen erfährt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder krank, noch in einem Garten gewesen.

Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute ausgezogen, man weiß nicht wohin? Ein Mütterchen, die jenen von oben bis unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und führt ihn in die Kammer wo der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel eine Aufschrift an Coutances. Eröffnet findet sich darin ein Beutel mit Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische Intrigue.

Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen übersetzen lassen.

Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, daß Isabelle vollkommen wahr geredet, und Entzücken über den wahren Vater kam, berichtete er nun weiter, wie er so planmäßig durch den Italiener gefoppt sei.

Alle Mühe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte hinzu: Die Landessitte gäbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das Mädchen, und dies würde er auch üben, und sie auf seinen weiteren Reisen mitnehmen, ohne daß der Vater sie zu Gesicht bekäme, es sei denn, dieser wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wäre dies etwa sein Entschluß, so mögte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in italienischer oder französischer Sprache kund thun.

Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepreßt. Wie konnte er einem Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besaß dieser dieses Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag versucht, in welchem der Spanier erklärte: Wenn Isabelle es zufrieden sei, würde er auch seine Einwilligung nicht zurückhalten; wäre das aber nicht, so hoffte man von dem Zartgefühl des Italieners, er werde von selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wäre immer für ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefügt, des Vaters zärtliche Wünsche schnell zu befriedigen.

Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem anderweitigen Briefe, die runde nette Erklärung. Sonst, hieß es weiter, reisete er ab, und nimmer würde der Spanier sein Kind an die Brust drücken.

Was blieb letzterm nun übrig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn letzterer hatte in der Erzählung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele, von Isabellen geliebt zu seyn.

Dieser schwur aber, das Mädchen um jeden Preis dem Italiener zu entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert.

Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er ließ sich nun noch von dem Spanier eine förmliche Handschrift aushändigen, und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mädchen zu bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, dürfte der Consul die Tochter erwarten. Eine Marter für seine väterliche Sehnsucht.

Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer wohlverschlossenen Sänfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem Franzosen nicht, und fürchtete, dieser mögte ihm seine Beute allenfalls mit Gewalt entreissen.

Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die Sänfte auf der hölzernen Brücke angelangt war, entstand vor derselben ein dickes Gedränge von Franken und Egyptern, die über einen Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, daß in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorüber zu kommen, um so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeußerste verdrießlich; er ließ die Sänfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio an der anderen, die Soldaten mußten einen dichten Kreis um ihn ziehn, und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwärts dringen.

Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thür. Endlich kam die Sänfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte aufzuschließen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die Langentbehrte glühend umfassen, doch die Thür öffnete sich, und zeigte eine leere Sänfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein Zettelchen, mit den Worten: Französische Intrigue.

Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurück. Ersterer versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die Thüren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und Trägern bezeugt, wie auch, daß unterwegs an keine Oeffnung derselben zu gedenken gewesen wäre.

Man lief zurück, tobte, lärmte, setzte Prämien aus, nichtig. Endlich gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine ferneren Besuche.

Nach einiger Zeit schrieb Coutances, daß er sich im Stande fühle, ihm Vaterglück zu bereiten, doch würde er denselben Punkt feststellen, der vorhin dem Italiener bewilligt sei.

Froh war der Vater, daß sein Kind sich in des Franzosen Händen befand, er schlug gern ein.

Es muß nun erzählt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte.

Die Späher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine Wohnung entdeckt. Dieser ließ sich auf keine Weise beikommen, denn hohe Mauern waren zu übersteigen, die in ein Gehöft führten, unter dessen vielen Häuschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen ließ. Dagegen berathete man, daß ohne Zweifel am Morgen eine Sänfte für Isabellen würde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war. Weil nun viele Sänften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, während der Nacht dorthin, und an der einen wurde der Fußboden losgemacht, unten aber mit einem Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach welchem von unten ein kleiner Zettel in die Sänfte zu bringen war, des Inhalts: Isabelle mögte nichts befürchten, wenn die Sänfte still stände, und der Boden sich nach unten öffnete, sondern sich muthig der Liebe vertrauen. Ihr Vater hätte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser, sie erblickte jenen um einige Tage später, wie unter einer so schnöden Bedingung.

Nun hatte man sich zu der Brücke begeben, und mit so wenigem Geräusch als möglich, eine Fallthür gezimmert, die von Außen mit Staub beworfen, aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Sänfte auf der Brücke anlangte, war das hindernde Getümmel durch bestochene Leute aus dem Pöbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen Landsleuten ruhte nicht, bis die Sänfte auf den rechten Punkt gedrängt war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die Fallthür in die unter der Brücke harrende Gondel, in welcher sich Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man auch alle übrigen Sänften weggemiethet, daß nur die rechte noch für Signor Perotti übrig blieb. --

Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose das Mädchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermögen aufwenden. Auch er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu erspähn, wie dieser wieder keine Maasregeln versäumte, um das Mädchen zu sichern. Er schlief keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhießen hatte, traf er Anstalten, sie ungefährdet in das väterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine geräumigere Sänfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte. Michelet umgab sie mit mehr als zwölf Wächtern, und so trat man den Weg durch entlegene Gassen an.

So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen Dienerschaft des Spaniers, nichts befürchten zu dürfen, demungeachtet war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern gesicherten Zimmer verschwunden, ohne daß jene oder die Thüren im mindesten zerstört gewesen wären. --

_Land_, _Land_, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der Erzählung Coraims mit großer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Südost ging, war die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des französischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft gearbeitet, während der Türke erzählte.

Nun vergaß man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weißen Küste, zog unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien. Da man die Engländer vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine Vertheidigungsstellung, während dessen bald vier bis fünftausend Mann gelandet wurden, die nach der Pompejussäule vormarschirten.

Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: »Bei einer Entschließung, die erst _vollführt_ Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!« marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwärts Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehörte, konnten nun ans Land treten.

Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter seinen Füßen fühlte. Er erklärte Floren das Alterthum dieser Erdgegend, und bereitete sie vor, des Merkwürdigen unendlich viel zu sehen, ob sie gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich höher erfreute, den Meerstürmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht glücklich entgangen zu seyn.

Drittes Kapitel. Reminiscensen.

Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra, die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem griechischen Königsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war. Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem Cydnus bezaubernd:

Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel Brannt' ein Feuerthron auf Lazurfluthen, Und die Purpurwimpel Sidons hauchten Sabas edlen Zauberduft, daß Eurus Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte. Silberruder schlugen nach dem Takte, Süßer Flöten, die verwandten Wellen, Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte. Aber sie, die Charitin Canopens, Unter ihres Baldachins Gewölbe, Die Anmuthge höhnte Pinsel, Lyra, Und zur Bettlerin wird die Beschreibung; Ein Gemäld', ein Bildniß, dem getroffnen Blicke, das Protogenes Cythere, Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen, Selbst verdunkelte. Mit Wangengrübchen Lächelten den Amorn gleich, zur Seite Schöne Knaben, die mit bunten Fächern Kühlung ihrem Rosenantlitz wehten, Und doch nur die Glut erhöhten, Feuer Schürten, das ihr Hauch vernichten sollte. Gleich den Nymphen und den Töchtern Nereus Harreten der Göttin Wink verschämte Zarte Mägdlein, wurden reizender Wenn sie sich vor ihr gewärtig beugten. Eine liebliche Syrene steurte, Leicht erblähten seidne Seegelthaue, Vom Berühren Blumumwundner Hände, Der geschäftgen holden Schifferinnen. Unsichtbarer Himmelswohlgeruch, Strömte weit auf die beblümten Ufer -- Auf sie goß die weite Stadt ihr Volk, Die Bewunderung sank froh zu Füssen, Und die Luft verwundete ihr Jubel, Die, wenn sie nicht ewig Leere haßte, Weggezogen wär aus ödem Raume, Freudig vor Cleopatra zu staunen. -- Ha, nun tritt die Zauberin ans Land, Und der stolze Held der sieben Hügel Schmachtet ewig in der Feindin Kette. --

Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles drängte sich zu der nahen Pompejussäule, einer maaß, einer erklärte ihre Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu erspähen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig Fuß hoch, und mit keiner Treppe versehn war.

Demungeachtet erzählte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht hatte, tranken Engländer oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er mit, wie sie das, ohne ein Gerüst zu fertigen, vollbracht hätten. Man machte nämlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen lassen. An einem langen dünnen Strang wurde er hoch in die Luft gefördert, und der Wind so genommen, daß der Lenker die Säule zwischen sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken ließ, worauf der Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den Strang geknüpft, hinübergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende band, und sich auf die Säule bringen ließ. Dieser traf nun Anstalten, eine förmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden Britten übten ihren Willen.

Viertes Capitel. Alexandrien.

Nun ging es nach dieser großen Stadt mit platten Dächern und runden Moscheen. Nicht wenig waren die Bürger ob des unerwarteten Einspruches der Europäer bestürzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte gesehn, doch in geringer Zahl, demüthig entweder auf den Handel, oder Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenländische Kleider gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu überlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der Europäer allen Nationen überlegen. Und das macht allein die Cultur, die zu einer glücklichen Schwäche führt, in welcher es nothwendig wird, sich so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet.

Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straßen umher, ein sehr beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Häuser mehrerer Europäer gelegt.

Ring traf jenes Loos, und er wünschte daher sehnlich, daß man bald tiefer ins Land dringen mögte.

Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den großen Obelisk zu sehen. Plötzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schönen Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzählte: wie er an der Küste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein Wasserträger gewesen, als einen Richter der höheren Klasse angetroffen hätte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, plötzlich aus dem Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit nachahmen sollte. Es käme so der nüchterne Sinn in die hohen Regionen, der dort oft ganz ausstirbt.

Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen, sondern nöthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei keinen Türken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht gefährdet war.

Coraims Vater, indem er hörte, der Frank und die Frankin hätten seinem Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur Erwiederung, und ließ dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stücke, den europäischen ihm nachsetzten.

Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den Harem zu den Weibern des Ali (so hieß Coraims Vater) geführt.

Ring wurde zuförderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und für sich nach vielen Beschwerden würde höchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen.

Das Badgebäude bestand aus drei hintereinandergelegenen großen Zimmern. Das erste, _Burani_ genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert. An der Mauer lief eine Erhöhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die Kleider abzuwerfen.

Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das _Wustami_ hieß. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und länglich, etwa zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Röhren mit messingnen Hähnen zu warmen und kaltem Wasser öffneten. Am Fuße derselben standen metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gießen. Schöne Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen.

Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem Morgenlande den Namen Dschuani führt, gebracht. Es war durch eine Kuppel von oben erleuchtet. Ein dämmerndes Licht brach durch gemalte Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmähligen Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bädern theils unter dem Fußboden angebracht, theils ihre Röhren in die Wände vertheilt. Das Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80 und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen.

Wohlriechende Dünste umgaben ihn, während er in der wollüstigsten Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie durch dies Drücken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen Handschuh an, und reinigte die Haut völlig. Die Fußsohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf führte er Ring in ein Cabinet, goß ihm parfümirten Seifenschaum über das Haar, wickelte ihn dann in gewärmte Tücher, und führte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach abnahm, in das erste Zimmer.

Hier fühlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen schienen ihm feiner, alle Empfindungen süßer geworden.

Floren brachten junge Mädchen während der Zeit in das Weiberbad, einen sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich großes Marmorbassin befindlich war, rund mit köstlichen Blumen und Spezereigesträuchen umstanden, deren Töpfe so in den Boden verborgen waren, daß es schien, hier wäre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien übersilbert, wie Caligula die Gerste übergolden ließ, welche sein Leibpferd bekam. Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfümirt war, erschienen die türkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die älteren ziehen sich meistens von solchen Parthien zurück.

Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Fülle der Erfrischung. Wie viel enthüllte Schönheiten! Welche Freiheit! Wie glücklich müßte sich der Mann fühlen, dem es vergönnt wäre, in das Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berühmten Pallaste wohnhaft, den der Herzog von Orleans erbauen ließ, fand doch manche Szene anstößig.

Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkühlende Luft von daher zu genießen. Er war mit prächtigen Stoffen tapezirt. Längs den Mauern waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne Gefäße standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in welchem zwei große Springbrunnen Kühle verbreiteten.

Der Tisch war mit Brokatstücken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schönen kristallenen Flaschen und Silbergeschirr angefüllt. Sorbet fand sich hier für die Muselmänner, und Cyper und andre hitzige Weine für die Christen.

Flüssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer, Muskatnüsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schüsseln von lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine dieser Schüsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden dazu herumgereicht.

Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtücher von feinem Musselin auf. Die Europäer bekamen Messer, Löffel und Gabel. Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Früchten von feinem Geschmack, mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dünnen Reiskuchen.

Jetzt folgten zwei große silberne Schüsseln mit harten Eiern und Lämmernieren, über welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei andere große Schüsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei andre mit zwölf Schöpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen, Fische, Eier, Geflügel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefüllte Gurken, in außerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen Punschgeschmack hatte.

Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenländische Gericht, in zehn großen Schüsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen, rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran, Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Während der ganzen Mahlzeit wurde eine Tafelmusick aufgeführt, die allein den Europäern nicht gefiel.