Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 18
Sind sie gleich nicht ihr Freund, waren sie doch einmal auf dem Kaffeehause mit ihnen. Das Wort Freund ist ja schon lange ein Universaltitel. Zu *** legte ein junger Kunst- und Indüstrie-Komtorist eine Art Bücherkasino an. Er begegnete bei dieser Gelegenheit dem würdigen Kapellmeister *** auf der Treppe in irgend einem Hause. Nach dem gewöhnlichen Complimentenwechsel fragte er ihn höflich: Ob er ihm nicht in musikalischen Angelegenheiten, mit Rath an die Hand zu gehn, die Gewogenheit haben wollte? Herr *** immer artig, erwiederte: mir Vergnügen, so weit ich es im Stande bin. Was würde auch ein gefälliger Mann anders haben antworten können? Nun ließ der Kunst- und Indüstrie-Comtorist neben andern, mit Posaunen, Orgeln, Kanonen und Karthaunen begleiteten Zeitungsankündigungen auch sich vernehmen: »Mein Freund *** wird mich ebenfalls unterstützen.« Genug, diese Männlein werden beginnen, sie zu necken, und oft bitter, unartig, pöbelhaft, denn das gilt manchen Leuten kurz und kräftig.
B. Darum bekümmert man sich nicht.
A. Ach mit der Großmuth ist hier nichts auszurichten. Eiserne Stirnen fühlen ihre glühenden Kohlen nicht, die Männlein glauben, sie ermangelten der Kraft in ihrer Feder, und witzeln aufs Neue. Wie lachte nicht der neue Herausgeber des Freimüthigen, der gern witzig wäre wie sein Vorgänger, aber von dessen Ader wenig ^in bonis^ hat, als er den braven Schütz (der gar kein Mann ist, wie der Herausgeber des neuen Freimüthigen, sondern ein Gelehrter) der seine Teutona zu einer ungünstigen Zeit begonnen hatte, bescheiden auf seinen lieblosen Sarcasmus antworten sah. Nein, es geht mit dem Schweigen nicht wohl, das sahen ja Schiller und Göthe ein, wie sie die Xenien ausschleuderten, Kotzebue, wie er so manches bittre Pamphlet erließ, manche derbe Satyre in seine Stücke verwebte; Nikolai und andere, welche auch den Sanscülotten in der Gelehrtenrepublik antworteten. Denn es giebt immer einen Theil im Publikum, (mögte es ein kleiner sein) der dem _Drukke_ glaubt, und von dem leider die ziemlich unfeine Bemerkung in den Expektorationen gelten kann:
Nennt mir doch nicht das Publikum, Es ist geduldig, fromm und dumm, Mit eignem Urtheil befaßt sichs nicht Es schnattert nach, was ein andrer spricht.
Sie antworten also. Glauben den Aufwand einer witzigen Pointe sei der Handel wohl werth, und meinen, da sie sie ausspendeten, den naseweisen Mann abgefertigt zu haben. Aber nun gewinnt er, der immer an Stoff Verarmte, ja mit Einemmale neue Materie, über die er sich, plump oder gewandt, fertig oder elend ergießen kann. Vermag er nichts im bravgeführten Streite, im interessanten Federkampf wider sie, so verläßt er sich auf Geschrei, auf Grobheit, auf Personalität, auf das letzte Wort, von dem er nicht abgeht. Bei allem guten Selbstgefühl, bei aller Rechtlichkeit, aller überlegenen Kraft, kann es doch nicht ausbleiben, daß sie sich nicht schwer gekränkt fühlen. Und wie verdrießlich ist überhaupt so ein Kampf.
B. Aber wird denn unter den Schriftstellern nimmer ein edler Ton -- --
A. Ein edler Ton? Wo sollte der erlernt, beliebt worden sein? Magister X. vor seinen Schulbänken, wo es jeder Augenblick erheischt, ungezogne Knaben mit Schärfe zu leiten, wo soll ihm die Gefühlsfeinheit erzogen sein? Etwa früher an des Vaters Werkstatt, der ein ehrsamer Schneider war? Der Kanzelist Y. der entweder bei seinen Akten schwitzte, oder dann sich in den Wirthshäusern umhertrieb, wo hätte ihm die Göttin des guten Geschmacks gelächelt? Der sogenannte privatisirende Gelehrte Z., der als Musketier in den Wachtstuben die Entdeckung machte, er würde auch schreiben können, weil die Soldaten gern anhörten, was er aus dem eben gelesenen Roman erzählte, und mit seiner Erfindung aufstutzte, was haben mit dem die Grazien zu thun? und mit alle diesen Männern gerathen sie in Verbindung. Grade mit diesen am ersten. Von den ehrenvollen Ausnahmen ist hier nicht die Rede.
B. In der That! was sie alles sagen, lockt wenig an.
A. So ists, junger Freund, so ists! Und das wird noch schlimmer werden, indem sie ihre Laufbahn verfolgen, denn seit zwanzig Jahren machte das Uebel auf dem Parnaß Riesenschritte, und woher ließe sich erwarten, daß es erlahmen sollte? Vollen Ernstes glaub ich, daß kein wahrer Ruhm in Deutschland zu erlangen sei. Alles zerfiel in Partheiwuth, alles ward breit tadelsüchtig und anmaßend. Denken sie an das Schicksal von Kant. Wer wird diesem Manne ein gigantisches Genie absprechen? Ich wünschte, sie schlügen alte kritische Blätter nach und sie fänden dann, wie unwürdig der Mann von uns behandelt worden ist. Späterhin gab es nun wieder ein Geschrei, welches so verzerrt war, daß es ihm selbst nicht gefallen konnte. Wie lange aber, da hieß er in Jena ein alter Schwätzer? Zweige brachen sie von seinem großen Stamm, steckten sie in die Erde, da wurde wieder ein Baum, und der Pflanzer rühmte sich Schöpfer. Wer jetzt noch eine Vorlesung über Kant ankündigt, wird ausgezischt. Denken sie an Kotzebue. In so vielen Laufbahnen er sich versuchte, in so vielen glänzte er. Sie besuchen sein Trauerspiel, und werden weinen. Sein Lustspiel läßt sie beinahe vom Lachen nicht ausruhen. Jeder kleine Aufsatz des Mannes überrascht sie durch ein nicht geahntes Interesse. Der Name Kotzebue auf dem Titel, ist Simbol des Genies. Das fühlt jeder, wer aber birgt den Muth, es zu sagen? So lange haben ihn Zoilus Jünger geschmäht, bis es Ton geworden ist, keinen Geschmack mehr an Kotzebue zu finden. Nein, mein junger Freund, wir sind keine Franzosen, die nach Hundert und funfzig Jahren noch mit Entzücken Racine's und Moliere's Meisterwerke sehn, ihren Rousseau fortlieben, ihren Rochefoucault immer wieder auflegen. Nur mit Modeschneidertalent kann man bei uns einmal in die Höhe schäumen, wenn man den Schnitt der literären Mode trifft, aber so gewiß der Modeschneider nach wenigen Jahren von der eleganten Welt verlacht wird, trifft den Autor das nämliche Geschick. -- Ueber den Punkt des Gewinnes sage ich ihnen nichts, da mögen ihre Erfahrungen reden, und sie werden nicht erfreulich sein.
B. Wahrlich, wäre meine Bedienung besser --
A. Wie, sie wünschen Verbesserung des Amtes und wollen schreiben? Bedenken sie nicht, wie verhaßt sie sich dem Minister machen werden?
B. Ei warum?
A. Wo sahn sie einen Minister bei uns, der den Autor geschätzt hätte? Selbst wenn er in Dedikationen wie ein Bologneser kroch, wurde er verachtet. Machen sie sich gefaßt, ewig auf ihrer Stelle zu bleiben, auf Chikanen, Vorwürfe, bei einem geringen Fehler.
B. Mein Minister ist ein aufgeklärter Mann.
A. Das ist er nicht, sonst würde er ihr Genie nützen.
B. Zum Henker mit der Autorschaft!
Ende des ersten Theils.
Anmerkungen zur Transkription
Die fehlende Überschrift »Erstes Buch« wurde ergänzt. Einige Kapitelnummern erscheinen doppelt und einige Kapitelnummern fehlen. Dies wurde wie im Original belassen.
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
Die kräftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des Originals wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Auslassungen von Satzzeichen sowie offensichtliche Buchstabenvertauschungen wurden stillschweigend korrigiert. Alle weiteren Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 45]: ... Die Fußsohlen rieb er mit Bimssteim ab. Hierauf ... ... Die Fußsohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf ...
[S. 65]: ... als Dreihunhert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ... ... als Dreihundert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ...
[S. 65]: ... wohnenden Kopten, miethete ich den Keller. Der ... ... wohnenden Kopten miethete ich den Keller. Der ...
[S. 85]: ... von Egyten untergehn. ... ... von Egypten untergehn. ...
[S. 174]: ... Scwedenborgianer. ... ... Swedenborgianer. ...
[S. 196]: ... seid, die Männer wollen mit schmählich ermorden. ... ... seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. ...
[S. 240]: ... enwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ... ... erwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ...
[S. 243]: ... Die Dschlabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, ... ... Die Dschelabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, ...
[S. 247]: ... in einem Haren eingekerkert wäre. Sie sprach ... ... in einem Harem eingekerkert wäre. Sie sprach ...
[S. 249]: ... glaubte das Mährchen war überzeugt, Isabelle stekke ... ... glaubte das Mährchen, war überzeugt, Isabelle stekke ...
[S. 273]: ... Zeit, wo seine weisse Weiber ermordet wurden, ... ... Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, ...
[S. 281]: ... Allgemeine Sille und mißmüthiges Gemurmel ... ... Allgemeine Stille und mißmüthiges Gemurmel ...
[S. 295]: ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufhsparen. ... ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufsparen. ...
[S. 353]: ... Flore sagte nichs, als: Ich werde in meinem ... ... Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem ...
[S. 370]: ... dem, Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ... ... dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ...
[S. 374]: ... bringen. Gewinnt mein Schwert in in ... ... bringen. Gewinnt mein Schwert in ...
[S. 376]: ... So stand Claudius Nero, dem listigen und und ... ... So stand Claudius Nero, dem listigen und ...
[S. 395]: ... der Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ... ... des Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ...
[S. 399]: ... des Vates entführt wurde. ... ... des Vaters entführt wurde. ...
[S. 411]: ... »Leider;« ... ... »Leider!« ...
[S. 433]: ... B. So ists, junger Freund, so ists! Und das ... ... A. So ists, junger Freund, so ists! Und das ...