Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.
Part 11
Um des Himmels Willen, versetzte Perotti, steckt mir alles zu, was ihr habt. Denn auf dem Markte müßt ihr alle eure Habseligkeiten in des Kaufmanns Händen zurücklassen, wenn ihr verkauft werdet. Nackt übergiebt man euch dem Käufer. So ist die Sitte. Dankt dem Glücke, das mich hieher führte, ich kann das Eure retten und aufbewahren.
Flore würde in Europa dem Signor Perotti vielleicht nicht gern einen Dukaten anvertraut haben, aber hier war es ein anderes. Bei dem Sklavenhändler ging ihr Habe gewiß verloren. Daß sie sie noch besaß, war blos der Vermuthung Musas zuzuschreiben, jene Mammelukken würden sie durchsucht, und geplündert haben. Gab sie dagegen die Kostbarkeiten und das Geld dem Italiener, so konnte er doch nur in einem Anfalle der schwärzesten Bosheit etwas davon veruntreuen, und die glaubt man in der Fremde um so weniger von einem Landsmanne, als man sich selbst wärmer zu ihm hingezogen fühlt.
In einem Augenblicke also, wo Musa schlief, und die Kameeltreiber ihr Mahl zurichteten, übergab Flore dem Italiener ihr Vermögen. Gern, sagte er, stellte ich darüber eine Handschrift aus, aber ich habe keine Schreiberfordernisse zur Hand. Hier ist ein Taschenbuch und ein Bleistift. Um Leben und Todes Willen --
Perotti bescheinigte den Empfang und Flore fragte nun: wann denkt ihr um mich zu feilschen? Perotti erwiederte: Wenn wir in die Residenz des Sultans von Darfur kommen. Dort findet der Handel Schutz. Wer steht dafür, wenn ich euch unterwegs kaufte, daß nicht ein anderer Neger euch wieder gewaltsam entriß. Welche Hülfe könnten wir anflehen?
Flore fand die Bedenklichkeit gegründet, forderte aber, Perotti sollte sich ja beim Eintritt in die Stadt einfinden, auf dem Markte könne sonst der Sultan den Vorkauf haben.
Dem Sklavenhändler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel würde sie vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse, sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brächte treffliche Empfehlungen an den Sultan mit, und so könnte er ihm vielleicht auch dort nützlich seyn.
Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernährte, so gehe ich alles ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wünsche und Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf.
Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des Monarchen), der die Gränze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane, und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst versteht, eine Waare.
Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er führte als Mahomedaner den Namen _Mehemed_, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man gestehen muß, daß selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein ähnlicher besteht. Seine Pässe wurden richtig befunden, und die Reise ging weiter.
[Fußnote 5: Fremder des Sultans.]
Elftes Kapitel. Flore in Darfur.
Das Land war mit Gesträuchen und Früchten bedeckt, die unsrer Heldin noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine große Ebne, aber die Dörfer und Städtchen wurden blos durch die um sie gepflanzten Bäume bezeichnet, die die niedrigen Häuser versteckten. Von höheren hervorragenden Gebäuden, wie in der Christenheit die Kirchthürme, in der kultivirten Türkei (es giebt auch eine unkultivirte) die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es Gegenstände anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin dehnte sich ein Gebürgsrücken, aus dessen Gebüschen wiederholentlich das majestätische Brüllen der Löwen ertönte, nicht selten ließ sich auch wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa, sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht worden. Wir nennen es Weisheit, die schädlichen Bestien auszurotten, und wirklich sind die Bären und Wölfe schon mit vielem Glücke aus Gegenden vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch fröhlich hausten, aber in Vertilgung moralischer Schädlichkeiten, gegen die Bär und Wolf Lämmer wären, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. -- Noch sehnswürdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche auf den Ebenen umherschwärmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tödten sie mit der Wurflanze. Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden überhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte angehalten, wie in Indien.
Die Städte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe, denn die Baukunst beschränkte sich auf Lehmwände und platte Dächer, mit Kameeldünger überworfen, doch nach den Bedürfnissen des Klimas leisteten diese Häuser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bäumen viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Kälte wenig, da überall absichtlich Zuglöcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wünschen wären, die eine Art lederner Säcke für Mehl und Wasser verfertigten, welche beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch die Wüsten unentbehrlich. Verstände man bei uns diese Bereitung des Leders, so wäre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus Blech, solche kleine lederne Schläuche zu geben.
Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hält bald hier bald da Hof, wie Carl der Große es zu thun pflegte. An mehreren Orten stehen aber Palläste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen.
Gegenwärtig wohnte der Sultan _Abdelrachmann_ zu Ril. Es war der Lieblingsaufenthalt seines Vorgängers _Teraub_ gewesen, doch Abdelrachmann, ein Usurpator, fürchtete dort für sein Leben, und brachte mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme Wohnsitz, von _Teraub_ erbaut, wieder für ein Jahr nach Ril gelockt.
Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute, und trat in dessen Wohnung ab.
Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte, denn von einem ^Hôtel garni^ weiß man dort noch nichts. Er ließ sich gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz. Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn, und erklärte die seinigen für Unwissende. Perotti hatte es gleich gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die Angelegenheiten der Engländer in China bekanntlich schlecht förderte. Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts Unterthanen, auch zitternd, gekrümmt, und den Staub küssend, auf den Boden warfen, sein Gruß ließ jene noch um ein weites zurück, und ein Liebhaber neuer Worte, hätte dies Heranwinden auf Händen und Füssen _Hündigkeit_ nennen können. Natürlich fanden die Höflinge dies das Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle gewonnen. Noch höher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige unüberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein dornichtes Unternehmen, da afrikanische Fürsten, einen Heilkünstler der nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der Scharfrichter schon dabei stehn muß, wenn die Majestät den verordneten Trank nimmt.
Abdelrachmann, ein Siebzigjähriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er Zweihundert Weiber besäße, aber sie alle überflüssig fände, was ganz gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht Zauberei an den Sultaninnen hafte, müsse er bitten, sie sämmtlich sehn zu dürfen. Er wollte ohne Zweifel spähen, ob vielleicht Isabelle in diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen mußten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurück, und erklärte, aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrönten Alten eine überaus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer im Blute entzündeten. Der Leidende spürte davon große Wirkungen, und war herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pässen versehen hatte, eilte sogleich davon.
Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth außer sich vor Zorn und Bestürzung, da sie von Perottis Abreise hörte. Ihr schien es nunmehro ausgemacht, daß das Schicksal überall Unfälle für sie bestimmt habe.
Bald meldete das Gerücht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank empfangen, der sich ihm zwar anfänglich vollkommen hülfreich erwiesen hätte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von Kraftlosigkeit gesunken, der für sein Leben fürchten ließ. Musa schüttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schöpfte wenig Hoffnung, hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heißt ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer öffentlichen Audienz, wo Verkäufer auch Zutritt hatten, führte er nun Floren nach dem Pallast.
Dieser war in mehrere Höfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schürze, und eine Pikkelhaube. Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Löwen, die zum Vergnügen des Sultans gezähmt worden waren. Im dritten Hof befanden sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, während dieser Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Größe, Hosen, sonst war er den anderen Männern in allem gleich ausgerüstet. Während er geschäftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit lauter Stimme: _Seht den Büffel, den Sohn eines Büffels, den Stier der Stiere, den Elephanten von gewaltiger Stärke, den mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott stehe dir bei, und mache dich siegreich!_[6] Es störte die Bescheidenheit des schwarzen Königs gar nicht, diesen Hymnus immer wiederholen zu hören, und er machte während der Zeit seine Regierungsgeschäfte ab, die hauptsächlich darin bestanden, die Geschenke seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand durfte seinem Throne mit leeren Händen nahn, und diese direkten Einkünfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmälern.
[Fußnote 6: S. Browne's Reisen in Afrika, Aegypten und Syrien, in den Jahren 1792 bis 1798. Aus dem Englischen. Leipzig und Gera bei Heinsius 1800.]
Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach Gebühr auf den Knien gegen den Regenten, übergab einem Melek sein Geschenk, und hörte dafür die gnädigen Worte _Barak ulla fi_! (Gott segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie eine Cafferin, glänzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um dem unüberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Büffel, dem Sohn eines Büffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger Stärke, dem mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt zu werden. Der Sultan rümpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der Hand über die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kämmte den dicken rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Gähnend fragte er: wo die Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier bedeckte, vorgeführt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan Abdelrachmann prüfte die enthüllten Reize mit Kennermiene. Doch einem Kritiker gleich, der sich überlas, dem Gefühl und Einbildungsflug nicht mehr erregt werden können, und der daher überall nur zu tadeln weiß, breitete er sich über die Schönheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu dünn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon außer sich, vor einer Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu müssen, wie Sklavinnen in Afrika dastehn, ärgerte sich um so mehr bei einer Kritik, die im eigentlichen Verstande voll Persönlichkeiten war. Herr Sultan, sagte sie keck, die Schönheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der König um, und sagte: die Freche würde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit ihr!
Der Schleier sank wieder über Floren, und Musa kehrte mit ihr zurück nach seiner Wohnung.
Wo geht es nun hin? fragte sie.
Nach Darkulla, war die Antwort.
»O weh, wo der grausame Fürst hauset.«
Er ist der zärtlichste unter allen schwarzen Königen, nirgends führen die Weiber ein so köstliches Leben, die liebste unter ihnen theilt seine Macht. Juble wenn er dich kauft, ich werde mich dann freuen, daß hier nichts aus dem Handel wurde.
Nun immerhin, rief Flore, ich bin ein Ball des Schicksals, seitdem der ruchlose Mehemed mich um mein Vermögen betrog, ist mir alles gleich.
Um dein Vermögen?
Wisse ich hatte Edelsteine im Turban, und, Goldmünzen im Gürtel. Ich wurde nicht durchsucht, und vertraute ihm alles, mich loszukaufen.
Musa wüthete. Das hätte mir gehört!
Flore sprach: Wer kann mir verargen, wenn ich mein Eigenthum nicht entdeckte.
Musa versetzte wieder: Hättest du mir die Hälfte gegeben, wärst du frei gewesen, und sicher nach Cairo geleitet.
O weh, ich Unglückliche! Nein laß mich nicht glauben, daß du so großmüthig gewesen wärest, ich müßte ganz und gar verzweifeln, und das will ich nun einmal nicht, vielmehr künftig jedes Unglück mit Lachen ansehn.
»Ich will ihm nach, ihm den Raub wieder abzunehmen.«
Wahrlich ich gönnte dir ihn lieber. Und willst du mich dann freigeben?
»Nun nicht, du mußt nach Darkulla, zur Strafe. Ich muß auch zuvor entschädigt sein. -- Wer weiß wann ich Mehemed finde.«
Das gelingt dir wohl nie. Er ist gewandt wie eine Schlange, voll List und Tükke. Er hat auch den Sultan von Darfur betrogen, und sich aus dem Staube gemacht. Brachten seine Späher ihn nicht zurück, was werden die deinigen ausrichten?
»Der Sultan von Darfur kennt nur sein Land, meine Knechte Hundert Länder.«
O ich mögte ihn gern durch dich gestraft sehn, denn wakker hast du mich gehalten Sklavenhändler. Noch Eins. Er sucht ein europäisches Mädchen, Isabelle genannt. Hörst du je von dieser, so laß sie vor den Mehemed warnen, und thue ihr kund, Mehemed heisse auch Perotti.
»Wohl, so sende ich einige Getreuen aus, und eile dann mit dir nach Darkulla.«
Zwölftes Kapitel. Das Glück beginnt zu lächeln.
Man muß nicht glauben, daß eines Frauenzimmers Ehre bei Sklavenhändlern Gefahr laufe. Einmal ist jeder Kaufmann befleißigt, seine Waare in dem möglichst vorzüglichen Zustande zu erhalten, dann reitzen Lekkereien auch den Appetit eines Conditors am wenigsten, weil dieser sie immer vor Augen hat.
Musa brach am folgenden Morgen mit Floren auf, und konnte gar nicht aufhören, den Arzt von Constantinopel zu schmähen. Doch tröstete er sich, daß die Schwarzen, welche er auf verschiedenen Wegen ihm nachgeschickt habe, nicht ruhen würden, bis er gefunden sei.
Der Weg ging durch rauhe Gebirge an der Gränze von Darfur. Dann mußte man, wie gewöhnlich, öde Wüsten durchziehn. Endlich aber zeigte sich wieder eine der lustigsten Landschaften. Bald ein Gefild voll von süßen saftigen Melonen, erquikkend in der glühenden Luft, bald ein Wäldchen voll Feigenbäume, auf deren Zweigen buntgefiederte Papagoyen von possierlichen Affen geneckt wurden. Gewürzstauden, deren Duft dem Wandrer zuathmete, ehe er sie noch sah. Eine der Bananas ähnliche Frucht, die wild wuchs, eine besonders edle Aprikosengattung, und was sonst dem reichen Füllhorn der südlichen Ceres entströmte. Aber auch unerträgliche Insekten, garstige und tükkische Paviane, Tyger in Heerden und giftige Ungeheuer aus dem Schlangengeschlecht. Die Natur bleibt einmal bei ihrer Regel, das Gute und Böse zu gleichen Theilen zu mischen, und an den Ausnahmen entdeckt die genauere Betrachtung das Scheinbare immer mehr.
Auf der Gränze von Darkulla schrie die Wache vor Freude laut auf, da sie hörte, eine weisse Cafferin sollte dem Sultan Kuku gebracht werden. Flore erfuhr, Sultan Kuku sey seit der Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, trostlos vor Schmerz gewesen, und habe seine gewohnten Vergnügungen, z. B. des Morgens ein zehn oder zwanzig Sklaven zu enthaupten, oder mit dem Pfeilbogen nach ihren Augen zu schießen, wo er mit wundernswürdiger Geschicklichkeit getroffen hätte, zur größten Bestürzung, aufgegeben. Das Volk hoffte nun täglich und stündlich auf eine weisse Schönheit, daß des Königs Gemüth erheitert würde, und der Hof seinen alten Glanz zurückerhielte.
Flore schauderte, dachte aber: vielleicht gelingt es mir, das zärtliche Ungeheuer zum Menschen zu machen.
Von der Gränze wurden gleich Eilboten in die Residenz geschickt, den Sklavenhändler Musa anzumelden. Sie ritten ihre Rosse todt, es Einer dem Andern zuvorzuthun, und das Geschenk zu erhaschen, welches des Sultans frohe Laune gewiß dem frühesten Zeitungsbringer reichen ließ.
Mit Befremdung heftete Flore ihren Blick auf den Gränzpaß. Eine hohe Felsenkette dehnte sich so weit hin, wie das Auge reichte. Unzugangbare Steile bezeichnete die Berge alle. Zwischen zweien der höchsten wand sich ein Pfad hin, daß ein Kameel mit Mühe durchgehn konnte. Dieser Pfad, wohl eine französische Meile lang, führte auch über verschiedene jähe und tiefe Abgründe, die mit hölzernen Brücken überdeckt waren, und jenseits der Brücken fand sich immer ein schanzenartiger Abschnitt, und nebenan waren in die Felsen Höhlungen gearbeitet, aus welchen man Steine von unerhörter Größe wälzen konnte.
Musa erklärte Floren, wie diese Felsenkette ein Land dicht umgäbe, von etwa funfzig Meilen in die Länge und einer gleichen Breite. Nur der eine Weg führe hinein, und sey so angethan, daß ihn Hundert Männer gegen Hunderttausende vertheidigen könnten, und das, ohne die mindeste Gefahr zu laufen. Denn man dürfe die Brücken über die jähen Abgründe nur wegnehmen, und die, welche daran dächten, sie wieder zu erbauen, aus den hohlen Felsen zerschmettern. Eben so könne man von der Höhe den ganzen Weg mit Steinen bedecken, die alles unter sich begrüben. So habe einer der verstorbenen Könige die Einrichtung getroffen, und mögten auch selbst die Franken mit ihren vielen feuerspeienden Röhren kommen, hier richteten sie dennoch nichts aus.
Du erzähltest mir aber, entgegnete Flore, daß der Sultan Kriege führe, und neulich über einen Andrang der Feinde in Noth gerathen sey; konnte er in dem felsenumschlossenen Lande denn nicht allen Gegnern trotzen?
Musa erwiederte: Sultan Kuku besitzt weit mehr Land, und seine Hauptstadt lag weit mehr rechts gen Habesch zu. In dem Kriege ging ein streifender Haufen nach dem Eingange der festen Provinz, und verschloß sie ihm, sonst hätte er sich zurückgezogen, oder wenigstens Weiber und Schätze hinter die Felsen geflüchtet.
Nach dem Kriege hat er aber hier eine Hauptstadt erbaut, um sicherer zu seyn, und alles Land, was außer der Bergkette liegt, seinem Bruder _Tata_ zur Regierung übergeben.
Man kam jetzt auf der inwendigen Seite zu der Bergkette hinaus. So viel schöne Natur Flore auch bisher da und dort gesehen hatte, der Anblick dieses Landes übertraf jede Vorstellung, und hätte die ächteste unter den poetischen Poesien, die Farben dazu gerieben. Blumen, Früchte, Thiere, alles von bezaubernder Form. Silberhelle Teiche mit Marmorfelsen am Rande, von denen kleine Bäche niederrieselten; lieblich verschlungene Bäche, die hundert kleine Blumeninseln bildeten, zu denen hinüber zu rudern, man sich nur in eine von den Muschelschaalen zu setzen brauchte, die silberweiß und von so ausnehmender Größe am Ufer lagen. Man hatte keine andere Häuser, wie aus Laubwänden mit Blumen durchflochten. Nur in der Regenzeit wurden die breiten Blätter eines dort wachsenden Baums darübergedeckt, sonst waren sie der Kühle wegen offen. Des Königs Pallast aber hatte nur Wände von eitel Blumen, die in außerordentlicher Höhe wuchsen. Flore war bezaubert, wie man in die Hauptstadt zog, und der Pallast ihr in die Augen fiel, und sie mit einem Meere von Wohlgerüchen umfloß.
Alles Volk war auf die Gasse gestürzt, tanzte frohlockend, und betrank sich in dem Thau, der hier von einer gewissen Gattung Rosen gesammelt, und in christallenen Fässern aufbewahrt wird. Der Rausch dieses Thaues bringt die allerlieblichsten Träume zuwege, jeder Greis wähnt wieder in die Jünglingsjahre zurückgeflohn zu seyn, und der ersten Geliebten den ersten Kuß auf die Lippe zu drücken.
Welch Land der Götter! rief Flore, und so teuflische Menschen! denn sie sah schon auf dem Pallastvorhofe das Gräuelvergnügen Seiner schwarzen Majestät, das zum Entzücken aller Treuen wieder angehoben hatte, seitdem die Nachricht von Musa's Ankunft da war.
Wohl Hundert scheusliche vom Rumpf getrennte Negerköpfe lagen umher, und bei jedem gelungenen Streiche, erfüllte der Höflinge Jubel die Luft.
Doch wurde alles eingestellt, wie Musa's Kameele angekommen waren. Flore konnte nicht erst, wie es der Sklavenhändler wünschte, in ein Haus, sich zu salben, sie mußte in den Kreis der Höflinge. In diesem Lande wurde Kleidung durchaus verspottet, und es wäre die gröbste Beleidigung des guten Anstandes gewesen, sich auch nur mit einem Feigenblatte vor dem Sultan zu zeigen. Ländlich, sittlich! Flore mußte, sich bequemen, und konnte nicht schnell genug die Toilette von Darkulla machen, indem Sultan Kuku schon daherschritt.
Welch ein Empfang gegen den in Darfur. Die Freude spannte jede Muskel, jede Fiber des Sultans Kuku. Der Jüngling (denn er zählte kaum zwanzig Jahre) sprang mit fast wahnsinnigem Wonnetaumel umher. Eine Stirn wie die Marmorfelsen am See des Pallastgartens! zwei Augen wie die Schlünde der Feuerberge in Bornu! Die Wölbungen drüben wie Himmelsbogen in der Regenzeit wenn sich die Gewölke verziehn! Ein Mund wie der Abendhimmel, wenn der Feinde Städte in Feuer aufgehn. Ein Busen wie zwei Kreideberge, die sich aus dem Silbersande der Wüste erheben, und was er nicht noch für Vergleiche ersann. Nur meine Gigi war schöner aber die Treulose wollte nicht sterben, ich vergesse sie. Gigi ist mir wiedergegeben. Tausend Sklaven her. Kaufmann, zücke den Säbel, und haue ihnen die Köpfe herunter. Ich will dich lohnen, wie kein Sultan in Afrika.
Ein wilder Freudenruf durchtönte die Lüfte. Lange lebe der Esel, der Sohn eines Esels, der Tausend Esel zeugen wird, der schöne, weise und mächtige Sultan Kuku! Denn wie in Darfur der Büffel für das Ideal der Vollkommenheit galt, so widerfuhr diese Ehre hier dem Esel. Da auch der Mahomedanismus noch nicht vollkommen eingedrungen war, und die alte Religion, welche Thiere anzubeten gebot, noch zum Theil vorhanden war, so gab es auch mehrere Tempel, wo der Esel angebetet wurde. Man mußte aber auch gestehn, daß dies Thier in Darkulla von ganz anderem Kolorit, und viel vollkommenerer Zeichnung war, wie in Europa. Meistens sah man eine milchweisse Haut, und die feinsten Verhältnisse aller Formen. Die Esel von Darkulla konnten ästhetische Esel heißen.