Fledermäuse: Sieben Geschichten

Chapter 9

Chapter 93,614 wordsPublic domain

Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch und fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe ihn mit mir genommen auf meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu vernichten.

Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte, wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.

Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren, an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte, ein 'Wunder' nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.

Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, -- alles, was Sie hier im Zimmer sehen, stammt aus jener Zeit, -- war so manches darunter, das mich an die dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger -- er trägt seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, -- kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und als mir eines Tages ein Freund den Globus hier -- denselben Globus, den ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals Napellus --, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen Schicksals.

Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf die Berge steigen.

Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen; und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Schoß fielen, ich würfe sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei bleiben für die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tälern, -- ich will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch nicht verpestet ist an der Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, -- -- werde loten und loten, -- aber, so oft ich auf Grund stoße, wird's mir wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich berühre, und nichts als die Erde, -- dieselbe stolze Erde, die das heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde, die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist und bleibt, außen und innen.

Und jedesmal wird's mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und die Tiefe ist rein.« -- Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, -- er ballte die Fäuste --, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten dürfen, um es hinausschreien zu können: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts als Erde!«

Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.

Er war ans Fenster getreten.

Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers letzte Worte in uns erweckt hatten:

»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm Jahrhundert stammen; die fünf Erdteile« -- er deutete auf Amerika -- »sind auf dem Globus vollzählig verzeichnet.«

So nüchtern und alltäglich auch der Satz klang, er konnte die gepreßte Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser zu bemächtigen begann ohne faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde anwuchs bis zu drohendem Angstgefühl.

Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder Seidelbast das Zimmer zu erfüllen.

»Er weht aus dem Park herüber«, wollte ich sagen, aber Eshcuid kam meinem krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach mit einer Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß sogar unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, -- da wachte Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem Hohn dazwischen:

»Warum verfolgt's mich denn jetzt nicht mehr, -- wie früher im Träumen und im Wachen, -- das Bild Seiner Eminenz des großen Herrn Kardinals Napellus? Im Codex Nazaräus -- dem Buch der gnostischen blauen Mönche, geschrieben um 200 vor Christus -- steht doch prophezeit für den Neophyten: 'Wer die mystische Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie geleiten treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt, dem Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist wird hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!' Wo sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap -- --« ein gapsendes Röcheln riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß er die blaue Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem Eintritt aufs Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte aufspringen. Zu ihm eilen.

Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück:

Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt, und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas.

Und darinnen -- ein wundersames Kunstwerk, eingeschmolzen auf unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt eines Kardinals in Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit stahlblauen fünfblättrigen Blüten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu wenden.

Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand -- aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, -- so wie sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch herüber in das Gesicht des Kardinals.

Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht des Irrsinns. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht waren zu beredt für jeden von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht hätte in Bann legen sollen.

Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem von ihnen bin ich je wieder begegnet.

Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet: das #Aconitum napellus#.

Die vier Mondbrüder

Eine Urkunde

Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.

Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den Namen Meyrink.

Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist das alles kalt und stumm -- spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.

Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht, denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.

Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh (gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges 1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben, etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich, über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, -- daß es vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen, worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des Leibes eine -- _Maschine_ zu werden (die Herren werden schon verstehen, was ich meine), gewißlich kein geringes ist.

Doch nun zu meiner Geschichte:

Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich in seine Dienste nahm, waren die Frage:

»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«

Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.

Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber, Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:

»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«

Auch damals konnte ich ruhig verneinen -- hätte es bis heutigen Tag können --, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.

So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber -- -- gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können, die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich an ihren Wurzeln zehrt?

In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch lesen; in Wirklichkeit aber -- muß ich annehmen -- streifte er in der Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt hatte.

Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.

Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale, hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden schien.

Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß, wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren stehen.

Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden, sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.

Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie ich aus folgenden Begebenheiten schließe:

Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede sein wird.

Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig, sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck eines Greises; -- mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen, -- wie gesagt: mag sein, daß er nur deshalb so, so -- »verstorben« aussah, denn seine hohe, liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen sprachen gegen ein hohes Alter.

Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene Augen gegeben, wie er sie besaß.

Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen, daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein schien, -- so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, -- nicht nur, was das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in Hinblick auf den Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte, alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und, wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit, bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form zurückgewonnen hatte.

Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht verstand.

Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.

Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren weißliche Brocken -- es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein -- in den Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond -- äh, Pardon, soll heißen: den -- den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan. Auch Fische nicht.

Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu Papier gebracht habe:

Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:

»Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: '#post centum viginti annos patebo#', das ist 'nach 120 Jahren werde ich offenbar' ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das nenne ich mir eine erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost feststellen, aber wenn es so weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren, in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft werden.

Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält, bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.«

»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich kostspieliger,« warf Herr Doktor Haselmayer ein.

»Im allgemeinen, gewiß,« gab Herr Graf du Chazal höflich zu. »Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche dabei scheint mir zu sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse keineswegs nebensächliche Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was Wunder, daß er in der Maschine seinen wahren Sprößling und Erben sieht und im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg.

Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen gebären würden statt Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da plötzlich drauflosgeheiratet würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt waren, da glaubten sie nur das, was sie 'denken' konnten, dann kam allmählich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten, -- aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie halten bloß das für wirklich, was sie -- verkaufen können.

Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: 'Du sollst Vater und Mutter ehren' usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.

In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; -- ja Schnecken!

Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die vielleicht auch 'tot' sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich nicht erkälten -- oder 'rosten', was dasselbe ist -- und Hüte auf, daß es ihnen nicht hineinregne.

Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen: im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot wäre.«

»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener Himmelskörper und ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer schüchtern.

»Er ist nicht tot,« belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht des Todes. Er ist -- wie soll ich es nennen -- die Sammellinse, die gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen bringt. -- Über die Maßen kurios -- finden Sie nicht auch? --, daß die Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten lieben, -- besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter -- insonderheit die schwarzen --, die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.«

»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr Doktor Haselmayer.

»Dann haben Sie mich falsch verstanden,« unterbrach ihn der Herr Graf. »Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen _geschwängert_ durch seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt daraus.

Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond -- die geheime Quelle der irdischen Formen -- hat es ihnen in einen trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche Imagination verliefen und nach außen -- ins Greifbare -- versetzten, was sie innerlich hätten anschauen sollen.

Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den Gehirnen entarteter Heroen geboren.

Und wie denn etwas 'begreifen' und 'schaffen' nichts anderes heißt, als die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man 'siehet' oder 'schaffet' und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in Maschinen zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als nimmerruhendes stampfendes ächzendes Uhrwerk, -- als das, was sie immer erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile.

Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des 'ewigen Seins' -- des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: 'Ich lebe', sondern 'Ich bin', das da weiß: 'wenn auch das Universum zerbricht -- ich bleibe.'