Fledermäuse: Sieben Geschichten
Chapter 8
Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land, so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch einer verwarteten Zeit.
Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr gebeugter gingen und doch die Vampire, -- ihre eigenen dämonischen Iche, -- die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen Wangen, umherschwabbern.
Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild
Wechselstube _Fortuna_ Jedes Los gewinnt den Haupttreffer
drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.
Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten; darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen.
Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.
Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild -- meinen eigenen Namen:
Johann Hermann Obereit.
Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer prunkvollen Tafel sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen alle die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch manche nur für einen flüchtigen Augenblick.
Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß jener -- mein eigener Doppelgänger -- hier schwelgte und praßte, seit ich lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ.
Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in jeglicher Form bestanden hatte und _nur_ aus Warten -- aus einer Art unaufhörlichen Verblutens, -- und daß die gesamte Zeit, die mir übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte. Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum geborenen Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes. Plötzlich begriff ich -- damals -- was die Zeit ist: Wir selbst sind Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts anderes sind als geronnene Zeit.
Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und Hoffens, -- so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser wird!
Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte. Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.
Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des Teufels größte Gemeinheit ist, daß er so tut, als ob er nicht existiere. Und seitdem habe ich die Begriffe 'Warten und Hoffen' für immer ausgerottet aus meinem Dasein.«
»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich betäuben kann; dennoch -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
»Ja, aber nur betäuben! _Innerlich_ bleibt das 'Warten' lebendig. Sie müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste Warten damit verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen reif in den Schoß fallen. Anfangs ist's wohl wie ein Wandern durch trostlose Wüsten, oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schönen und die häßlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt's kein 'Wichtig' mehr für Sie und kein 'Unwichtig', jedes Geschehnis wird gleich 'wichtig' sein und gleich 'unwichtig', und dann werden Sie im Drachenblut gehörnt sein wie Siegfried und von sich sagen können: ich fahre hinaus ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweißem Segel.«
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Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen; -- ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.
Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.
Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten einer die Inschrift trägt:
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Der Kardinal Napellus
Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken -- dem hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit verwelkten Adelsgeschlechtes -- ein Stockwerk für sich allein gemietet und mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.
Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen, wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns, oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die weißen, ziehenden Wolken spiegelte.
Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen Wasser -- ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen.
Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen, mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte.
»Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt -- sein Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt«, mischte sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, -- »übrigens, wo er heute nur so lange bleibt? Es muß längst 11 Uhr vorbei sein«.
»Es ist Vollmond,« sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken Hand durch das offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der quer über dem See lag; »wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir Ausschau halten.«
Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.
Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden Blüten.
»Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige 'Sturmhut' noch in solchen Höhen wächst«, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt geknickt werde, auf das Fensterbrett.
»Es geht ihm wie uns,« kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente dasselbe dachten, »er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie einer, der sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen, die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das _alles_ zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, -- so wie sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an wie die Sterbenden,« fühlte ich, »deren Finger unruhig über die Bettdecke tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände falten oder die Fäuste ballen.«
»Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?«, fragte der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.
Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken, mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln.
»Ich weiß es nicht«, antwortete nach einer Pause Giovanni Braccesco zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen.
Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte.
Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf.
Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug.
Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, -- sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, -- suchten heute fiebrig flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten.
Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die die Natur bietet, verschmähen, -- nur nach den bizarrsten Formen schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech, geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch verborgenen Haken an den Flügeln.
Hieronymus Radspieller hörte nicht hin.
Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte.
Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: »Heute endlich -- ist mein Senkblei auf Grund gestoßen.«
Wir starrten ihn verständnislos an.
Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus seinen Worten geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte, wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den Abgründen -- viele tausend Faden tief -- kreisende Wasserwirbel, die jedes Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme.
Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein Satz empor: »Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein menschliches Instrument gedrungen ist«, und die Worte brannten sich schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem Munde zu mir gesprochen.
Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; -- »die Sankt Elmsfeuer des Todes«, drängte es sich mir auf die Zunge, und ich mußte gewaltsam die Lippen geschlossen halten, um es nicht laut herauszuschreien.
Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht.
Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde geschleudert hat -- begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals, der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt.
Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören, deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir nachhallte.
Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach dabei:
»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl, wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte meine Hand an eine Pforte geklopft. -- Es ist das Ende einer Arbeit von Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit aus seiner Stimme: »was -- was werde ich morgen tun?!«
»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin.
»Wissenschaft -- für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert mich die Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus.
Dann stand er hastig auf.
Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.
»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir kindischen Marotten nach -- um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur, um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!«
Wir schwiegen.
»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, -- eine wilde Unruhe kam plötzlich über ihn, -- »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz, ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn. Wir _können_ gar nichts tun, was _nicht_ magisch wäre. -- Ich weiß ganz genau _weshalb_ ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich weiß auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch -- und doch -- und doch auf Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein _äußeres_ belangloses Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die Lampe getreten ist«; -- er lächelte mich grimmig an, »ich will's Ihnen kurz sagen, was mir dieses äußere Geschehnis _innerlich_ bedeutet: ich habe erreicht, was ich gesucht habe, -- ich bin hinfort gefeit gegen die Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben können; ich hab's an dem Ruck gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein inneres Gesicht gezeigt.«
»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben -- in der Zeit -- ich meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so wund ist?« setzte er leise für sich hinzu.
Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:
»Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft, Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der Schatten einer über die Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich hat schon damals ein lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als hätte mir eine Hand mit einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief hinein in die heimliche Welt voll Todesqual der Millionen winziger Lebewesen, die sich, verborgen unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im stummen Haß zerfleischten.
Vielleicht war's erbliche Belastung -- mein Vater starb im Religionswahnsinn --, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige bluterfüllte Mördergrube sah.
Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten mechanisch den Satz des Gebetes: 'Erlöse uns von dem Übel', bis ich vor Schwäche das Bewußtsein verlor.
In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man die 'Blauen Brüder' nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen, sich lebendig begraben lassen. Heute noch steht ihr Kloster dort, über dem Eingangstor das steinerne Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf blauen Blütenblättern, deren oberstes einer Mönchskapuze gleicht: -- das #Aconitum napellus#, der 'blaue Sturmhut'.
Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast ein Greis, als ich ihn verließ.
Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut, das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält.
Die meinige hieß Hieronymus und hat mein _Blut_ getrunken, indes ich selbst verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, daß der 'Unsichtbare Gärtner' die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem Tropfen _Wasser_ begösse.
Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der Mensch seine Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche.
Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher 'blauer Sturmhut' auf, -- über und über mit Blüten bedeckt, -- und als man das Grab öffnete, war die Leiche darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige in die Pflanze verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf Erden erschien, sollen alle übrigen stammen.
Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen Überlieferung der Blauen Brüder das 'Senfkorn' des Glaubens vorstellen, von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, -- -- und aßen davon.
So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die Essenz des Glaubens unser Blut verwandeln, -- zur wunderwirkenden Kraft werden in den Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung.
Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen eignen Namen trägt.
Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde, bis keine Faser mehr sichtbar war.
Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen.
Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus, in der Hand -- mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende Kerze trägt -- das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares Leben.
Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde fahren mag.
Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu zerstören.
Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.«