Fledermäuse: Sieben Geschichten

Chapter 6

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»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen und dann irgendwie umbringen, damit -- nun ja, damit mein Kind wenigstens leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, -- ob ein Kind geboren wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt lang. -- Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter zuliebe, -- aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man's machen soll, damit nichts herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn's -- vorbei ist, hinlauft und verratet -- wiederum gegen 'Provision': Hier liegt Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! -- -- Glauben Sie, ich sähe nicht -- so, wie's jeder sieht --, wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, schon längst -- --, aber ich weiß doch, wie's dann käme: das Geld würde nie ausbezahlt, und -- und dann -- --, nein, nein, es ist nicht auszudenken!«

Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der Gelehrte ballte drohend die Faust.

»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,« beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel #Dr.# Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, »das -- das mit den -- Ambraser Riesen.«

»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema. Das ist's doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!«

Sofort war #Dr.# Paupersum wieder ganz Gelehrter.

»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren mißgestaltete Menschen mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat, daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls bereits in wenigen Monaten -- trotz meines vorgeschrittenen Alters -- an meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende Mißwachserscheinungen herbeizuführen.«

»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt.

»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern -- etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren Palmenblattes (#Lodoicea Sechellarum#) erreicht, wohingegen meine Füße leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen -- --«

»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. -- Kurz und gut: Sind Sie willens, das Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend Mark -- sagen wir -- na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?«

#Dr.# Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! -- Ja, gab's denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!

Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, -- das größte Scheusal des Jahrhunderts für lump'je zehn Fenn'je!« -- -- Dann aber sah er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien -- und die ganze Kirche war strahlend erhellt -- und von dem Muttergottesbild ging ein Glanz aus -- und -- und -- einen Augenblick krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen zuzuwinken, -- er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen halten, -- aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! -- Eine stumme Verzückung kam über ihn. -- Fünfhundert Mark! Fünf -- hundert -- Mark! -- --

Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit Füßen, wenn Sie 'nein' sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab' ich vielleicht was gelernt? Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind -- und die haben's dann eigentlich erst recht net nötig. -- Der Mensch muß demütig sein und -- dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g'sehn, daß ein dummer Mensch zugrund' 'gangen is? -- Sie hätten von Anfang an die Talente dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich 'leicht noch nie in den Spiegel geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser Trinkwasser eing'nommen haben, hätt' sich schon längst als Clown eine solide Existenz gründen können, -- Gott, die Fingerzeige der gütigen Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie sich 'leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen nur sagen, ich hab' schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter Leute aus den besten Kreisen. -- Da hab' ich zum Beispiel einen alten Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ' ich demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«

#Dr.# Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling vorstellen!«

»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert -- aus Gram, weil er hat zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem Leib aufgefressen hat.«

Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«

»Blitzeinfach! -- Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen (die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an). Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! -- und so weiter. Übrigens wird mein Freund d'Annunzio den Text gern verfassen, der findet den richtigen poetischen Schwung schon.«

»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech -- -- --«

Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt nie. Auch in tausend Jahren nicht.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

War das ein Erdbeben gewesen? Nein, -- nur der Pikkolo hatte seinen Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.

#Dr.# Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer« war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.

Allmählich wurde sich #Dr.# Paupersum darüber klar, daß er selbst sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß -- vermutlich die ganze Zeit über so gesessen hatte -- und alles, was er mit dem Auge erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. -- Der Weltmann war auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs -- mit dem Messer natürlich --, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.

»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der Gelehrte.

Er konnte sich nicht entsinnen.

Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört und heimlich -- gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. -- Ein seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel Ruten, von dem man die Schnur löst ... -- und wieder ertappte sich #Dr#. Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?«

Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten Wein, und Milch, und -- -- --.«

In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern nacht gestorben!

Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen -- -- ja, ge--stor--ben. Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war -- vom Friedhof, vom Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.

Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt -- leer war. Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.

Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte -- ich hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; -- Blut überleiten sollen -- --« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein lassen -- draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam nur ein leises Winseln aus seiner Brust. -- -- -- -- -- -- --

»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn nochmals auf -- -- -- »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« -- er wühlte wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit, einem letzten winzigen Irrlicht nach. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten schlief.

Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den keine Hoffnung mehr stören kann.

Amadeus Knödlseder

Der unverbesserliche Lämmergeier

»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.

»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte, in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier -- denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete, flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.

Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.«

Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen kam!

»Das geht nicht länger so weiter«, brummte er und schloß die Augen, um das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan im Käfig nicht zu sehen, der regungslos im Winkel saß und angeblich »Gott dankte«, -- eine Beschäftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu müssen glaubte, »das geht nicht länger so weiter«.

Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige, hochmütige Gesellen -- stelzbeinig wie Störche -- gebracht worden, und der Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid's denn ös für welche?«

»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.

»Wer's glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt, aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn: So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er -- er, der bislang einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! -- hatte es geglaubt, war mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte Kerl nichts bemerkt -- er saß im Winkel und »dankte Gott«. --

»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin- und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!« -- Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe -- oben im Käfig am Scharnier durchgerostet -- noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis, um das er seit geraumer Zeit schon wußte.

Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster werden!

Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer. Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K. gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann -- eine Träne der Wehmut feuchtete seine Lider -- das alte liebe Bruchband, das, bunt als Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe geborgen.

»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen -- --«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber noch ein Stündchen schlafen.«

Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu, der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt verlor, bis wiederum ein Geräusch, -- diesmal aus dem künstlichen Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend -- seine Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme, die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«

»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos von seiner Stange herab.

Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer, aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.

»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S' Ihna denn aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?«

»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu.

»No, so seg'n S'. Da kann i Ihna rat'n. Also zerscht, bal S' außa kemman: links ums Eck umi; nacher halten S' Eahna rechterhand. Na seg'n S' scho selber. Und nacher« -- der Igel machte eine Pause, schüttelte sich aus seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte sie zischend auf -- »und nacher pfeilgrad füri, bis S' zu aner Oasn kemman -- Daglfing hoaßt mer's, na' müass'n S' weiterfrag'n. Und viel Glück auf d' Reis', Herr Nachbar«, schloß der Igel und verschwand.

* * *

Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel gestellt und dankte Gott.

»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier beim Anblick der träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach Süden flog, »und so was nennt sich Kunstmetropole!«

Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich an sich zu bringen.

Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara Mutschelknaus.

Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.

* * *

Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei _meiner_ Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.

Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; #ex nihilo nihil fit#; -- doch jetzt mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden.

»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in Betracht kämen.

Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den Ladentisch.

Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:

»Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö erinnert mich an jenes Morgenrot, hurra; hurra, hurra!«