Fledermäuse: Sieben Geschichten

Chapter 5

Chapter 53,218 wordsPublic domain

Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt, haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein, daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem Hirn die Gedanken sich jagten.

'Führe mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen', redete ich ihm eifrig zu.

'Ich will es mir überlegen', antwortete er endlich. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit, sagte er.

Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.

Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit Unruhe erfüllt.

Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend auf einen Punkt am Himmel starrten. -- Ich sah, daß er geistesabwesend war.

Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so genau kenne, daß er nicht auf den Weg zu achten brauche, fragte ich ihn ein paarmal, ohne eine Antwort zu bekommen.

'Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht', lallte er schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.

Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes Ziegenfleisch verzehren.

Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt.

Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister zu sehen glauben oder unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt dessen stand da -- unbeweglich -- ein Mann vor mir, gut sechs Fuß hoch, auffallend schmal im Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich schimmernd, von einer Farbe, wie ich sie noch nie bei einem Lebenden gesehen, die Augen schräg und unnatürlich weit auseinander. Der Typus einer mir vollkommen fremden Menschenrasse.

Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen -- besonders an den weit empor gezogenen Mundwinkeln -- wie unter einem erbarmungslosen erstarrten Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt.

Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden -- lange nicht -- und wenn ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.

Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne Rand; im übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb gefärbtem Zobel.

Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen, was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen.

Ich erklärte mich -- natürlich -- sofort bereit.

Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren, verlangte er.

Ich tat es.

Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er uns niedersitzen hieß.

Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.

Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge?

Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar die ganze lange Zeit meiner Asienreise bei mir getragen), breitete sie zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa, die Zeichnung sei ein Bild meinem Heimat.

Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten, der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.

Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte?

Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter Trick -- das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder dergleichen.

Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises, metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle Landkarte.

Immer mehr und mehr.

Unzählige.

Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das ich bereits in China oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue Spezies -- daher an und für sich schon interessant genug -- sie benahmen sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging, ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual, daß ich es nie werde vergessen können.

Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.

Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten -- er hatte das Prisma bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.

Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.

Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen Klumpen höher und höher -- mannshoch.

Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden, tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden, morden, morden.

Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren Zangen.

Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu können.

Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich ganz auf.

'Was macht er denn noch immer?' fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte. Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen.

'Er löst und bindet', hörte ich den Tibeter antworten.

Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren, die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne her: 'Er löst und bindet.'

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. Warum ich trotzdem noch -- vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr -- sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann es nicht anders nennen.

Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. --

Ich konnte die Worte nicht loswerden: 'Er löst und bindet'; nach und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; -- in der Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen sterbender Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.

Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und statt seiner stünde da -- scharlachrot und olivgrün die widerwärtige Statue des tibetischen Kriegsgottes.

Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste, die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den Spinnenbeinen, -- alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit, Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.

Später, viel später -- auf der Heimreise -- wuchs die Begebenheit in meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens ausreißen will.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: 'Er löst und bindet', und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort kommen kann, so wie man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. -- Aber es hilft nichts, daß ich mich wehre, -- im Geiste sehe ich, wie aus dem toten Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird, die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns, nach Westen wälzen. --

Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt's mich, -- ich -- ich -- -- --«

Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres lieben Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« -- -- -- der Professor kam nicht weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: »Unglaublich, die Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie fliegt davon!« rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der Löwenmähne hatte das Fläschchen geöffnet und das anscheinend tote Insekt herausgeschüttelt.

Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.

Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden auf seine alten Tage.«

Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen brachte

In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé »Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn verrieten den bedeutenden Gelehrten.

Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an irdischen Gütern.

Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.

Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:

»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? -- Vielleicht um eine Mark die Partie?«

Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn #Dr.# Paupersum?« -- begann der Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.

»Hiob,-- -- ja, hm, ja, -- Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte.

Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz ersetzt.

Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.

»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, -- ich wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame -- das einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann -- an, die ruhevoll wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« auf dem Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.

»Ich geb's auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Gelehrten. #Dr.# Paupersum las:

Zenon Sawaniewski Impresario für Monstrositäten.

»Hm. Tja. Hm -- für Monstrositäten, hm, -- für Monstrositäten«, wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf Kapitalsvermehrung gerichtet.

»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?«

»Von etwas noch -- noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus, und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.

»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas, »ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?«

»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit Postwertzeichen.«

»Und das ernährt Sie?«

»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.«

»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?«

»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu, drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet sind.«

»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch lernen sollen«, brummte der Impresario.

»Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein.

»So? Hm.«

»Ja, ja, lieber Herr, da gibt's nichts zu hmen; es ist leider so.«

»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus. Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.«

»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich, erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber -- --«

»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten --«

Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des Stoffes: 'Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im vorgeschichtlichen China' keinen Verleger finden konnte, warf ich mich auf Chemie«, -- der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere Wein trank, redseliger, -- »machte alsbald eine Erfindung, 'Stahl auf neue Art zu härten' -- --«

»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario.

»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.«

»Nun und?«

»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.«

»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf, »das ist alles ungemein amüsant.«

»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen. -- So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen, mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes Buch: 'Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen, die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen wäre.'«

»Und haben Sie das Stipendium bekommen?«

»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, -- es war damals vor dem Kriege, -- er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu befestigen.«

»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«

»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen werde.«

»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«

»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt werden können.« --

Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: »Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«

»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«

»No nein; ich meine -- nun, hm -- ich meine halt, es ist bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?«

Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.

Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem Abgrund stehen hinter sich den Verfolger -- bevor sie sich in die Tiefe stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.