Fledermäuse: Sieben Geschichten

Chapter 4

Chapter 43,612 wordsPublic domain

Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; -- er ist allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter -- -- da rauben ihm Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung, die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht -- er steht in einem weißen Kuppelbau.

Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei -- ein goldner Kopf mit drei Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein eigenes, nur jung, der Ausdruck des Todes ist darin und dennoch strahlt aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.

Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt, da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand, bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, -- -- -- der Herr der Welt.

Die Posaunen verstummen.

Das Licht erstirbt.

Der goldene Kopf verschwindet.

Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt bestehen.

Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und langsamer schlägt und endlich erlischt.

Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke irgendwo in der Brust.

Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen -- dehnen sich zu endlosen Jahren.

Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch dämmernden Morgengrau's schrumpfen langsam ihre Hände an den ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.

Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung, mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine -- bucklige -- Vogelscheuche empor.

Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, -- mit ihm die letzte Barschaft; Leonhard erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit; wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche, schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden, mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit dem Nimbus der Macht behängen, -- ein erbärmliches Zerrbild allen, die frei und stolz sind.

Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, -- ist der Zauberstab des _wahren_ Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann ohne ein machtloses »Du« zu werden, das Ich, auf dessen Geheiß der Raum zerbrechen muß und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart erstarren, -- das königliche Zepter des Geistes, gegen das zu sündigen der einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann -- ist die Macht, die kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles in ihren Urgrund saugt.

Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist, die immer innen ist und niemals außen -- alles, was außen bleibt, sofort zur Vogelscheuche macht.

Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden: Leonhard ist es selbst.

Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches -- ein Erlöser denen, die ihm folgen wollen.

Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich, -- klar ist er sich dessen bewußt.

Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von Myriaden von Tieren?

Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende Gegenwart bestehen bleibt -- gleich wie die Sonne nicht schmutzig und nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das große gemeinsame Ich -- die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.

Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und Götzen sind tot, -- verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.

Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen, seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann; ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.

Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide zerreißen, nicht mehr als die seinen, -- so, als seien sie die eines andern.

Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist wie das eigene -- Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der leiblichen Qual.

Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.

Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.

Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!

Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt, er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.

Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.

Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu; die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des Mondes von der Erde.

Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß, daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar erfaßt er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. --

Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig Jahre jünger als er.

Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.

Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart, tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im Phönixgefieder des Lebens.

Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, -- einer bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im Meiler wohnt, -- zieht eilig und mürrisch seines Weges.

Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt durch die Fugen.

Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben die Worte:

»Erbaut von Jakob de Vitriaco«.

Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden, entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der Zeit der Jugend gelesen und so und so oftmal wieder vergessen -- sein alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen Ziegeln.

Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin unsterblich macht.

Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel.

Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab.

Fackeln wimmeln durch den Wald.

Sensen klirren.

Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.

Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal.

Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er weiß auch, daß der, den sie erschlagen wollen: sein Leib, nur ein Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind -- wesenloser Schein im Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des Kreises gehorchen.

Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große Bogen schließe:

Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum Tod.

Das Grillenspiel

»Nun?«, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem Gesicht eintrat, »nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? -- Ist Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? -- Wie geht es ihm? Sind Sammlungen mit angekommen?« -- riefen alle durcheinander.

»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über Dänemark angekommen.«

»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Löwenmähne, der, -- wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, -- die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das Insekt in der Flasche betrachtete.

Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren -- sechs an der Zahl und sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde -- saßen.

Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an Schnüren von der Decke herabhingen, -- glotzäugig, wie abgeschnittene Köpfe gespenstischer Zuschauer, -- von den weiß und rot grellbemalten Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.

An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwürdigen Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter Baumwanzen und Maulwurfsgrillen.

Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.

Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins Gemach. --

Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.

»Datiert ist es aus Bhutan -- Südosttibet, -- und zwar vom 1. Juli 1914, -- also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als ein Jahr unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes Skoper schreibt hier unter anderem: »Über die reiche Ausbeute, die ich auf meiner langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens ausführlich berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen ich die Entdeckung einer neuen weißen Grille« -- Professor Goclenius deutete auf das Insekt in der Flasche -- »verdanke, die von den Schamanen zu abergläubischen Zwecken gebraucht und 'Phak' genannt wird, ein Wort, das zugleich ein Schimpfname ist für alles, was einem Europäer oder weißrassigen Menschen ähnlich sieht.

Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher, sogenannter Dugpa, -- einer jener in ganz Tibet gefürchteten Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich, behaupten, direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein. Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch bezeichnen dürfe, das 'binden und lösen' könne, dem, kurz und gut, infolge seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen, nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir, zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum hinausführen: den einen, den des 'Lichtes' -- der Einswerdung mit Buddha -- und einen zweiten, entgegengesetzten: den 'Pfad der linken Hand', zu dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte -- ein geistiger Weg voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche 'geborene' Dugpas kämen -- wenn auch sehr vereinzelt -- unter allen Himmelsstrichen vor und wären merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. 'Es ist,' sagte der Pilger, der es mir erzählte, 'wie wenn die Hand des Herrn der Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit', und man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist -- wenn der Haarwirbel auf dem Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.

Ich sprach sofort -- rein aus Neugierde -- den Wunsch aus, den erwähnten hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem fort, auch würde ein Dugpa -- schon gar ein Samtscheh Mitschebat -- nie und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen.

Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich denn auch aus ihm heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse, -- aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, -- daß ein 'eingeweihter' Dugpa in der Nähe weile.

'Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen', schloß er jedesmal seine Rede.

'Warum denn nicht?', fragte ich schließlich.

'Weil er die -- Verantwortung nicht übernimmt.'

'Was für eine Verantwortung?', forschte ich weiter.

'Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.'

Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu erfahren, und ich fragte daher: 'Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine Seele?'

'Ja und Nein.'

'Wieso?'

Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm und machte einen Knoten hinein: 'Hat das Gras jetzt einen Knoten?'

'Ja.'

Er löste den Knoten wieder auf: 'Und jetzt?'

'Jetzt hat es keinen mehr.'

'Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine', sagte er einfach.

Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu machen: 'Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, -- hätte deine Seele weitergelebt oder nicht?'

'Ich wäre nicht abgestürzt!'

Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: 'Wenn ich dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?'

'Du kannst mich nicht erschießen.'

'Doch!'

'Also versuch's.'

Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte, ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien meine Gedanken erraten zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.

'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er plötzlich wieder an. 'Hinter deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du nicht kennst, und beide sind stärker als du.'

'Was ist also die Seele nach deinem Glauben?', fragte ich ärgerlich; 'habe zum Beispiel ich eine Seele?'

'Ja.'

'Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?'

'Nein.'

'Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?'

'Ja. Weil ich einen -- Namen habe.'

'Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!'

'Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.'

'Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!' wendete ich ein.

'Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst, das haben viele andere mit dir gemeinsam -- so wie die Hunde', murmelte er verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber nicht anmerken.

'Was verstehst du unter dem 'Meister'?' warf ich scheinbar unbefangen hin.

'Den Samtscheh Mitschebat.'

'Den, der hier in der Nähe ist?'

'Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.'

'Er kann sich demnach unsichtbar machen?' -- wider Willen mußte ich lächeln, -- 'du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann außerhalb; einmal ist er da -- und dann ist er wieder nicht da?'

'Ein Name ist doch auch nur da, wenn man ihn ausspricht, und nicht mehr da, wenn man ihn nicht ausspricht', hielt mir der Tibeter vor.

'Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein 'Meister' werden?'

'Ja.'

'Dann wird es also zwei Meister geben, was?'

Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: 'Wenn ich ein Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?'

'Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete, wäret ihr zwei Menschen und nicht einer', widersprach ich.

Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte spöttisch: 'Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb -- zwei Bäume?'

Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.

Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: 'Du glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die -- Verantwortung ablehnt?'

'Nein, gewiß nicht.'

'Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!'