Flametti: oder vom Dandysmus der Armen
Part 6
Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den beiden Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen die Mitglieder des Flametti-Ensembles in ihren entbötigsten Privat--und Theaterposen photographisch zugegen waren.
"Engel!" rief Flametti, dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertür erschien, und die Mädels fuhren auseinander.
"Ja, Max?" drehte Engel, schon bei der Treppe, noch einmal um.
"Komm mal her!"
Rosa nahm Güssy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tür. Traute rief durch den Schalter: "Theres, den Kaffee!"
Güssy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch. Engel folgte Flametti ins Allerheiligste.
"Was gibts?" fragte Flametti.
"Plakate holen", berichtete Engel.
"Sonst was?" Flametti war wieder ins Bett gestiegen.
"Guten Morgen, Jenny!" machte Engel seine Reverenz. "Nein, sonst nichts. Ja doch: Die Häsli machen solchene Zicken. Er ist ganz blutig gekratzt und er will nicht singen, sagt er."
Engel bibberte heftig, wie immer, wenn er solchene Hiobsposten zu bringen hatte.
"Was will er?" setzte Flametti sich auf.
"Na, weißt du", begütigte Engel, "es paßt ihm nicht. Er ist doch gestern zurückgekommen vom Militär. Und es paßt ihm nicht, daß die Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schackerl."
"Was ist das?" setzte sich nun auch Jenny auf, indem sie das Hemd über der schönen vollen Brust zusammenzog.
"Na, du weißt doch, Jenny", erklärte Engel, "Sie katzen sich doch immer. Und nun ist mir der Häsli schon früh um sieben, wie ich von der Annie kam, auf der Straße begegnet, ganz zerkratzt um die Schnörre herum, und hat mir gesagt, daß er nicht singen will wegen dem "trau mi net". Und er will nicht das Kalb machen."
"Gut!" sagte Flametti, "häng' die Plakate aus! Er wird schon singen. Ich werde schon sorgen dafür, daß er singt!"
Und Jenny rief: "Max, geh' rüber zu ihnen! Setz' sie vor die Tür! Hol' dir Ersatz! Hab' ich dir's nicht gesagt, daß sie uns aufsitzen lassen? Hab' ich's nicht immer gesagt? Da hast du's! Aus der Nachtruhe stören sie einen auf, die Anarchisten!"
Und Max sprang aus dem Bett, zog die Hosen an, schnackelte die Hosennaht zurecht und trat ins Eßzimmer, unwirsch. Der Kaffee stand auf dem Tisch. "Wer hat die Stiefel geputzt?" rief er.
"Ich!" riefen Traute, Rosa und Güssy zugleich.
"Gut!" sagte Flametti, zog die Stiefel an, setzte den Hut auf und stapfte davon.
Er ging aber nicht zu den Häslis, sondern begab sich schnurstracks zu Fräulein Mabel Magorah, der indischen Traumtänzerin, Rübengasse 16.IV, die er als Ersatz benötigte.
Auch Jenny stand jetzt auf, gar nicht guter Laune, zog den blauen Schlafrock über, der wie ein Bügelteppich aussah, band ihn über dem Leib zusammen und kam zum Vorschein.
Das erste war, daß sie ihre ungeputzten Knöpfelschuhe bemerkte. Sie tat, als merke sie gar nichts, und fragte harmlos, indem sie sich zum Kaffeetisch setzte:
"Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt?"
Schweigen.
"Na, werd' ich's erfahren, wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat?"
Güssy frech und phlegmatisch:
"Ich. Warum?"
"Weil du auch meine zu putzen hast, wenn sie dabeistehen."
Und Jenny nahm die Knöpfelschuhe und warf sie der Güssy vor die Füße.
"Na!" maulte Güssy, "ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause! Soll doch die Rosa die Stiefel putzen! Ich bin hier als Sängerin engagiert!"
"Was bist du?" rief Jenny erbost, "Sängerin? Was sagst du? Einsperren werd' ich euch! Nichts zu essen werd' ich euch geben! Ich werd' euch Mores lehren! Für die Kerls habt ihr Augen. Für's Arbeiten nicht!"
Traute stand irgendwo beim Fenster, abgewandt, und kicherte in sich hinein. Rosa war hinterrücks in die Küche verschwunden.
"Rosa!" rief Jenny hinaus, "hast du dein Kleid ausgebügelt?"
"Nein, noch nicht!" antwortete es von draußen.
"Du bügelst dann dein Kleid aus! Theres soll die Eisen einlegen. Und dann tragt ihr die Kostüme rüber in die Garderobe!"
Traute bekam einen Einfall. Sie ging hinaus in die Küche und kam zurück mit einer Teekanne.
"Na, was hast denn du da?" fragte Jenny.
"Teewasser!" sagte Traute.
"Teewasser?" fragte Jenny, "wozu Teewasser?"
"Ich will meine Locken wickeln."
Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf. "Na, da hört doch die Weltgeschichte auf! Du bist wohl ganz und gar übergeschnappt? Locken jetzt um neun Uhr vormittags? Und aus meiner Teekanne? Deine Dreckfinger willst du in meine Teekanne stecken, aus der ich Tee trinke?"
Aber Traute fand das gar nicht absonderlich. Weder daß sie sich Locken wickeln wollte, noch daß sie Flamettis Teekanne dazu nahm. Sie ging deshalb ruhig weiter mit der Teekanne, nach dem Verschlag, um ihre Lockenwickler aus der Schieblade zu nehmen.
Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt.
"Her mit der Kanne!" schrie sie, "raus damit in die Küche!" Traute hielt fest.
"Gibst du die Teekanne her, du Mensch?" schrie Jenny.
Sie zerrten sich hin und her, bis die Hand der kräftigeren Jenny mit der Teekanne hoch in die Luft fuhr, daß das Wasser spritzte.
"Ich will dir Locken geben! Du gehst mir nicht aus dem Haus heut, und kommst mir mittags nicht an den Tisch."
"Pah!" rief Traute, "was ich mir draus mache! Herr Flametti hat drüber zu bestimmen. Er wird mich schon rufen."
"Hier drinnen bleibst du!" schrie Jenny außer sich, versetzte ihr einen Stoß, schlug die Türe zu und schloß ab. "Theres!" rief sie zum Schalter, "die bekommt heute nichts mehr zu essen!"
"Und wehe euch!" rief sie den beiden andern zu, "wenn ihr ihr was zusteckt! Ich will euch zeigen, wer hier Meister ist!"
Vom Verschlag her hörte man Traute trommeln und dazu singen:
"Der tapfre Häuptling Feuerschein Mit seinen wilden Mägdelein...."
in einem eigensinnig verliebten Rhythmus.
"Ah, so!" sagte Jenny. "Na, wart's nur ab!"
Güssy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben, mit dem Traute sich die Schuhcrème aus dem Gesicht gewischt hatte, und versuchte in einer Anwandlung von Solidarität, es verschwinden zu lassen.
Aber Jenny bemerkte gerade, daß das Handtuch hinter die Gardine fiel, und rief:
"Gib nur her, was du dort verschwinden lassen willst! Was ist denn das?"
Güssy zögerte.
"Her damit!" schrie Jenny und riß es ihr aus der Hand. "Wo kommt dieser Fleck her?"
"Theres!" jammerte sie, "diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch eingeschmiert!"
Jetzt kam auch Fräulein Theres herein. "Mein Gott", verwunderte sie sich, "was ist denn jetzt das? Aber nein, das ist doch zuviel!" und ihr Gesicht wurde lang wie ein Laib Brot.
"Theres, die bringen mich ganz herunter! Die ärgern mir die Schwindsucht an den Hals!"
"Rosa, jetzt sag mal du", wandte Jenny sich an die auf das Jammergeschrei hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa.
"Ich kann nichts dafür!" versicherte die. "Ich hab' der Traute die Bürste auf die Nase geklopft und sie hat sich die Nase ins Handtuch gewischt."
"So? Und warum das?"
"Weil sie mich aufzieht. Weil sie mich hänselt. Sie sagt, ich hätte was mit Ihrem Mann gehabt in der Garderobe. Und das laß ich mir nicht gefallen. Ich hab' nie was mit Ihrem Mann gehabt. Aber sie hat sich knutschen lassen. Hab' ich selbst gesehen. Sie ist ja ganz verschossen in ihn! Und die Güssy hat's auch gesehen."
"Hast du das gesehen?"
"Ich habe nichts gesehen", meinte Güssy apathisch, "was geht es mich an?"
"Jawohl hast du's gesehen!" fuhr Rosa sie an, "bist ja selbst eifersüchtig auf ihn! Bist du's vielleicht nicht?"
"Pah!" warf Güssy weit weg, "eifersüchtig!"
"Raus in die Küche!" schrie Jenny und packte eine nach der andern beim ärmel, "ihr sollt mich kennenlernen!"
Da ging auch Fräulein Theres wieder hinaus, Stumpen rauchend, und schloß die Türe hinter sich.
Und Schritte ließen sich vernehmen auf der Treppe und Raffaëla kam, die Tänzerin, Tochter von Donna Maria Josefa, mit ihrem Kind, der kleinen Lotte, die bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte.
"Duden Morgen!" dehnte Raffaëla bamsig und fett im Ton ihres Kindes, "sag' schön "Duden Morgen!", Lotte!"... "wir haben unsern Sirm stehenlassen neulich, und wollen ihn wieder holen....."
"Dida holen", echote die kleine Lotte.
"Dieder holen", wiederholte Raffaëla phlegmatisch.
"Ach, Raffaëla!" klagte Jenny, "ich bin ganz unglücklich! Gut, daß du kommst. Setz' dich, trink' 'ne Tasse Kaffee"!
"Tasse Taffee!" wiederholte Lotte.
"Denk' dir", fuhr Jenny fort, "diese Menscher! Sie stellen mir das ganze Haus auf den Kopf! Heut' abend haben wir doch die "Indianer". Und zu Haus geht alles drunter und drüber. Locken brennen sie sich am hellen Vormittag. Der einen hab' ich Ohrfeigen gegeben. Die heult draußen. Die andere hab' ich eingesperrt. Hinter meinem Mann sind sie her. Seit diese "Indianer" ins Haus kamen, hab' ich keine ruhige Minute mehr. Er ist der Häuptling Feuerschein, verstehst du, und sie sind seine "Mägdelein", sein Harem. Er hat sie in der Kur, alle drei, und sie trumpfen auf. Sie lassen sich nichts mehr bieten von mir. Sie werden frech. Was mach' ich nur?"
Raffaëla war sprachlos; fand aber soviel Besinnung, Lotte Kaffee einzugießen und Brote zu streichen.
"Nein", tat sie verblüfft, "so was! Geh', Jenny, 's ist nicht möglich!"--"Seine Mägdelein!" krähte sie, "nein, so was!" Sie schien für Flamettis Romantik noch weniger Sinn zu haben als Jenny.
"Geh', lach' nicht!" sagte die. "Er hat sie in der Kur. Ich weiß es ganz genau. Und sie trumpfen auf. "Das werden wir schon sehen", sagte dieser Fetzen, die Traute. Sie weiß, daß er ihr die Stange hält. Mit der Teekanne kommt sie an, gerade vorhin, und will sich Locken wickeln. Meine Handtücher schmieren sie mir ein. Die Betten zerschneiden sie mir. Die Vorhänge reißen sie mir herunter!"
"Na, das ist doch die Höhe!" war Raffaëla paff vor Erstaunen, und setzte die Geleeschnitte ab, die sie gerade in den geöffneten Mund schieben wollte. "Ja, läßt du dir das gefallen?"
"Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er läßt sich ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld! Sechshundert Franken hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto fährt er mit ihnen. Ins Kino führt er sie. Er ist der Häuptling Feuerschein und sie sind seine Trullen.--Mit der Soubrette hat er auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut nachmittag kommt er zurück. Und hier geht alles drunter und drüber. Der Engel hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Häsli wollen nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein Geld läßt er mir für die Haushaltung und mutet den Leuten zu, sechsmal Fisch zu essen in der Woche. Natürlich laufen sie weg....."
Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:
"Ja, Jenny, ist das denn möglich?"
"Ah, du hast 'ne Ahnung!" seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz zersprengtes Gesicht, "ich weiß mir ja nicht mehr zu helfen!"
"Ja, Jenny!" rief Raffaëla, "ich bin ja starr!"
Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und begann, sich selber zu trösten:
"Aber laß nur gut sein", sagte sie, "ich hab' ja auch meine Leute an der Hand! Ich hab' ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er in die Vorstellung. Ich hab' ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein Wort zu sagen. Brauche ja nur einen Wink zu geben... Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken..."
"Jenny!"
Aber Jenny, unbeirrt: "Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel. Ich schaffe mir Geld beiseite und geh' mit meinem Freund auf und davon."
Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich. "Ach, Jenny!" lächelte sie beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand. "Lottely, schau, wie sie eifersüchtig ist!" Und mästete sich weiter.
"Eifersüchtig?" schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit einem Rückfall in frühere chicke Allüren um den Leib, "nichts zu machen! Wir verkehren nicht miteinander. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich hab' ihn genommen, weil er ein solcher Bauer war. Weil er mir meine Pakete trug."
"Raffaëla", sagte sie in plötzlichem Einfall, "du mußt mir helfen. Wir stecken ihn ins Irrenhaus. Dann machen wir zusammen ein Ensemble. Ich hab' die Kostüme. Du und Lydia, ihr tanzt. Leporello (das war Lydias Partner) wird Direktor."
"Je, Jenny!" meinte Raffaëla, "du phantasierst ja! Beruhig' dich doch!" Und aß weiter, als müsse sie selbst sich beruhigen.
Schritte auf der Treppe ließen sich vernehmen. Flametti kam zurück.
Er hing den Hut an den Nagel. "So!" sagte er, "das ist erledigt. Wenn die Häsli nicht singen wollen...." "dann tanzt die Mabel", wollte er sagen. Aber er bemerkte noch rechtzeitig Raffaëla und sagte: "Dann hab' ich Ersatz. Tag, Raffaëla!"
Es sei hier angefügt, daß Traute über das Mittagessen nicht eingesperrt blieb.
"Dummes Zeug!" sagte Flametti, "das gibt es bei mir nicht. Bei mir wird niemand eingesperrt!"
Und Fräulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum Vorschein, den Kopf über und über voll Locken, die sie mit Hilfe von Jennys Himbeersyrup, der im Taubenverschlag auf dem Schrank stand, sehr kunstvoll ge--und entwickelt hatte.
Jenny war keine böse Frau von Natur. Sie war edel, hilfreich und gut. Sie schenkte den Armen und liebte ihre Feinde. Aber sie wußte, was sie sich schuldig war als Flamettis Weib. Einem solchen Manne entsprach eine solche Frau.
Wenn sie in engerem Kreise versicherte, diese Person, diese Traute, sei nicht die erste, die sie ins Arbeitshaus bringe, so brauchte man das nicht wörtlich zu nehmen. Es war ein Symbol gewissermaßen für ihre Anschauung, daß ein Mann von der Kühnheit Flamettis einer Frau gewiß zu sein habe, die gefährlich, herzlos, zum Handeln bereit, auch Kanaille sein könne, entschlossen, eiskalt und zu jedem Mittel bereit, wenn es drauf ankam, sich Achtung und Furcht zu verschaffen.
Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Häsli; beide ein wenig zerkratzt und zerbeult, aber beide voll Liebe und Güte. Und daran war nicht zu denken, daß sie das "Schackerl" nicht singen wollten. Im Gegenteil.
Und die Fuchsweide dämmerte. Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem Halbhundert Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in den Abend.
Die Giebel zerschnitten sich hoch in der Luft.
Die Häuser barsten von Feuer und Licht. Die Osram--und Tristankerzen, die Glasglühlichter und Bogenlampen leuchteten auf. Die Metzgereien und Magazine und Handwerksstätten glühten wie Einkaufsbuden des Teufels.
Man legte die Arbeitsschürzen jetzt ab in den Kellern. Im Hinterhaus, in den Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette.
Los gingen die Grammophone, Orchestrione und das Elektroklavier. Auftauchten verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten Spiegeln, unter dem Haustor und auf der Straße.
Auf ging der Mond, und in den Konzertlokalen tummelten freundliche Sängerinnen und früheste Zauberkünstler bereits ihre Stimmen.
Schlächtergesellen führten den Wolfshund spazieren. Soldaten riefen sich zu. Ausbündige Eleganz grüßte "Salü!" Hoch aus dem fünften Stockwerk, wie von der Sternwarte weg, probierte Herr Bonifaz Käsbohrer in überschnappenden Tönen sein B-Klarinett, das er mit Hilfe des "Tagblatts" nachmittags eingetauscht hatte gegen ein abgenutztes Veloziped.
Dann aufdringlich und bunt: Die Rumänische Damenkapelle begab sich zum "Blauen Himmel". Ein Fräulein knüpfte Bekanntschaften an. Tirolerjodler gingen mit grünen Hüten und Zitherkästen. Ein Komiker kam im Zylinderhut. Drei schäbig gekleidete Herren mit Jockeymützen, wollenen Schal um den Hals, gaben, beim Gehen leicht ihre Schultern drehend, einer pompaduresk hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit.
Und höllenhaft, magisch, radauend und zeternd: die Lichtreklame des "Krokodil" entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete Buchstabenreihe, die vom Dach bis zum Boden reichte. Der ganze "Mönchsplatz" war rot überstrahlt. Die benachbarten Häuserfronten schienen von rotem Licht halb aufgefressen. Die Bummler, Passanten und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer Flut von Licht.
Im Nebengebäude negerten los: die Pauke und das Tschinell. Über der Straße drüben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn aus.
"Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand!" schrie es aus der "Tulpenblüte".
"Hei, wie das prasselt und wie das herrlich zischt! Das sieht nur einer, der in der Hölle ist!"
stampfte und klatschte es aus dem "Vaterland". Dort schwangen Ferreros "Lustige Teufel" die Zackenspieße.
"Welch wunderschöner Klang Tönt durch die Straß' entlang! Jetzt kommt auf Ehr Das Militär In Reih' und Glied daher!"
wetterte es, weniger diabolisch, dafür preußischer, aus der weiter unten gelegenen "Wasserjungfer", wo auch Fräulein Kunigunde, die Schlangendame, zugegen war.
Weiter oben aber, jenseits des Platzes, übertönte den Lärm die wie eine Weckuhr losrasselnde französische Soubrette des "Café Neptun":
"Einrich, laß die Osen runter, Tu mir den Gefallen! Laß sie bitte gance erunter Auf die Strümpfe fallen."
Unschlüssig schwankte das Publikum zwischen "Große Trommel", "Infernalische Leidenschaft", "Kaiser Wilhelm" und "Pariser Eleganz".
Hier war was geboten! Hier kam man auf seine Rechnung! Und was ein richtiger Dandy war, der von der Welt etwas verstand, entschloß sich überhaupt nicht, hineinzugehen, sondern die Sache mehr platonisch zu genießen, als Schauspiel gewissermaßen, von außen, als Zusammenklang, mit der überlegenen Intelligenz dessen, den die Realität nur als Widerspruch nicht mehr enttäuschen kann.
Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht ausgespielt: die Echtheit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder als Resultat unerhörter Perversitäten. Von wem aber konnte man solche Leistung erwarten? Nur von Flametti.
Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des "Krokodilen". Da stand vor dem großen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der "Indianer": Flametti als Häuptling Feuerschein.
So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Synthese seiner inneren Eigenschaften!
Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwölf, wenn man von der Arbeit kam, vor der Haustüre, in Hemdärmeln, gutartig und freundlich? Wer hatte ihn nicht gesehen früh morgens, wenn er mit Jenny vom Markte kam und die Markttasche trug mit den Karotten? Er war nicht immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und umgänglich war er privatim, ein friedlicher Bürger viel mehr als ein Menschenfresser.
Unter dem Plakat aber stand: "Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis Varieté-Ensemble", ein Hieb für die Herren Direktoren. Und der Satz: "Wer die 'Indianer' nachmacht, wird gerichtlich verfolgt."
Das Publikum stieß sich und drängte sich; auch vor dem zweiten Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat: "50 Mann Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Großartiges, allerneustes Programm! Tanz! Tanz! Tanz! Lauter Schlager! Es wird kassiert!"
Las es und strömte hinein ins "Krokodil".
Es kam, sah und strömte: Herr Friedrich Naumann, kurzweg der "Krematoriumfritze" genannt, einer von Jennys scharfen Verehrern.
Es kamen, sahen und strömten: Fräulein Annie nebst Herrn Engel, welch letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: "Annie!" sagte er, "es wird großartig! Verlaß dich drauf!"
Es kamen und strömten: Raffaëla und ihre Schwester Lydia, sowie deren gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen Anzahl männlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie Artisten waren.
Es kam, sah und strömte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und der Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das Publikum wich ehrerbietig zurück.
Es kamen, sahen und strömten: zwei israelitische Handlungskommis, rote Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der seinen Regenschirm ausschüttelte; denn es regnete inzwischen. Und späterhin eine ganze Reihe Mannschaften des Fußballklubs "Hermes".
Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war verwandelt in ein Gehänge blühender Rosenranken. Künstliche Lauben aus Birkenruten zogen sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug das Lokal.
Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt. Saftige Kuchen--und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die Plattmenagen mit öl, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das elektrische Licht unzähliger kleiner blutroter Birnen zurück. Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und so man den Löffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es ließ sich bewegen.
Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf. Vorne am Künstlertisch, wo sie heute nicht gerne gesehen war, saß Fräulein Amalie in braunem Samtkostüm mit Bolerohut, schon seit halb acht. Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen Busen gesetzt. Das gab ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Sägmehlbeine, baumelten unter den Tisch, und sie spielte mit einer der Hängrosenranken. Eine Zigarette rauchte sie. Ihr Verhältnis war Eisenbahner; heute hatte er Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen Halbschuhe aus feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden. Auch schien das Strumpfband gerissen: die braunen Wollstrümpfe knäulten sich unter den Waden. Das Hündchen aber auf seiner exponierten Stelle drehte den knappen Popo und konnte sich gar nicht genugtun vor Freude, dabeizusein.
Weiter drüben, auf den besten Mittelplätzen, saßen der runzliche "Totenkopf" und seine Schwester. Der "Totenkopf" war die berufenste Dame der Fuchsweide. Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiß geschminkt, die Augenhöhlen gerötet, saß ihr Gesicht auf dem kropfigen Hals. Unruhig schob sie das Hinterquartier auf dem Stuhl hin und her, blickte sich um nach den eintretenden Gästen, band sich das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten Kuchen zwischen das goldne Gebiß. Sie konnte sich's leisten. Die Schwester des "Totenkopf" hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt, tupfte die rote Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte sich mit dem linken Fuß an der abgewetzten Innenseite des rechten Knies.
An der Wand gegenüber, bescheiden in Rückendeckung, hatte sich Fräulein Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren Fuchspelz loser gehängt; besah sich die Fingernägel, aus denen sie mittels eines zerknickten Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen suchte, und war sehr besorgt, mit der Manicure nicht fertig zu werden, bevor sich ein Herr mit schottischem Schäferhund, der jetzt eintrat, allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.
Sie lächelte kopfschüttelnd, als sei sie erstaunt, zu lächeln, konnte jedoch ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransaß.
Dieser Furunkel: ein Unglück! Er wanderte über den ganzen Körper. Bald da, bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu und konnte schon bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz besondrer Furunkel. Annies fixe Idee war, er möchte von heute auf morgen am Hals verschwinden und zwischen den Zähnen auftauchen. Drum zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing ihr vom Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.
Der Herr trat näher und sagte verbindlich:
"Wenn Sie gestatten, Fräulein!"
"Oh, bitte!" sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Röcke zusammen, um Platz zu machen. Und in ihr silbernes Etui greifend:
"Rauchen Sie eine Zigarette?"
"Sehr liebenswürdig!" sagte der fremde Herr und zog das Zigarettenetui näher zu sich heran.