Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

Part 4

Chapter 4 3,522 words Public domain Markdown

Hinüber lenkte er zur Filiale des "Tagblatt" und gab eine Annonce auf: "Lehrmädchen gesucht. Kostenlose Aufnahme und Ausbildung. Flamettis Varieté-Ensemble."

Kostete drei Franken achtzig. Er nahm die Quittung und seinen Ausweis in Empfang und kehrte um. Seine Stimmung, so sehr er auch grübelte, klärte sich auf.

Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Gerümpelauto. Ein Mechaniker in blauem Arbeitsanzug flickte am Reifen. Eine Anzahl Kinder um ihn herum. Die Verwegensten drückten verstohlen auf die Gummiblase der Hupe, was einige grunzende, mißfarbige Laute zur Folge hatte.

Flametti stoppte und sah sich den Karren an.

"Panne?" fragte er den Chauffeur.

"Panne", erwiderte dieser, eifrig beschäftigt.

Der Schaden war rasch repariert. Die Kinder des Autobesitzers stiegen auf. Der Chauffeur ebenfalls. Einige grunzende Laute der Hupe und der Kraftwagen setzte sich unter dem lauten Johlen der schmutzigen Kinderschar, die sich aus allen Löchern und Winkeln eingefunden hatte, in Bewegung. Die Kinder des Besitzers spuckten dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller Anstrengung auf die Proletarierkinder, die sich hinten angehängt hatten und mit geknickten Beinen, trompetend, nachschleppen ließen. Ein Auto in der Fuchsweide, so früh am Abend, war ein Ereignis.

Die Quellenstraße wieder hinunter schritt Flametti, vorbei an Ismaëls "Holländerstübli", vorbei an "Muselmanns Zigarettengeschäft", wo im Schaufenster der Philipp saß, den roten Fes auf dem Kopf, Zigaretten fabrizierend; vorbei am "Schlankeren Jacob" und an den Geschäftslokalitäten der Heilsarmee, hinein ins "Krokodil".

"Salü!" grüßte er, setzte sich, kramte in seinen Taschen und brachte zum Vorschein: ein altes Trambahnbillett und den in der Frühe gekauften hellblauen Tschibuk.

"Ist der Beizer da?" Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt.

"Jawohl, kommt gleich!" sagte die Kellnerin. Die hieß Anna.

"Gut!" sagte Flametti und nahm einen kräftigen Schluck aus der frischen Halben.

Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.

So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im "Krokodil" engagiert zu werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die Vorzüge seines Lokals zu gut, als daß er für jeden Schnorrer wäre zu haben gewesen. "Centrale Lage" stand auf den Empfehlungskarten seines Hotels. Und dem Krokodil, das über dem Eingang prangte, sagte man nach, daß es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen getrieben, allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Büchsenschuß eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und entkröst als Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu verhelfen.

Nein, es war gar nicht leicht, im "Krokodil" anzukommen. Denn es war eine Ehre.

Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen Herr Schnabel auftreten ließ, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabel vollzogener Kontrakt war ein Ausweis und Leumundszeugnis. Herr Schnabel, mit Annahme und Ablehnung, teilte Zensuren aus.

Aber Flametti würde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und hier ist es am Platz, zu sagen, daß Flametti keineswegs unvorbereitet um eine Konferenz mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die spielfreien Abende benützt: er hatte sich umgesehen. Mit Jenny im "Germania-Cabaret": Stanislaus Rotter, Schnelldichter und Conférencier--man hatte ihn seine Schmonzes vortragen hören; seinen redegewandten Improvisationen nicht ohne Gewinn gelauscht. Er war es, von dem Flametti das Heil erwartete.

Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgröße, würde sich, nur für ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein Ensemble zu schreiben, ein unerhörtes, ein buntes, nie dagewesenes Gesangstableau: es würde die Kassen füllen, die Konkurrenz totschlagen, und wäre ein voller Ersatz für den Türken.

Freilich: hingehen mußte man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten, devotest, um soviel Güte. Aber wer weiß: vielleicht würde er's tun. Ein gutes Ensemble von ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt, brutal--und alles wäre in Ordnung. Herr Schnabel würde nicht Nein sagen können: schon wegen der Konkurrenz. Die Konkubinatsstrafe könnte beglichen werden. Die Schwierigkeit wäre behoben.

Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und was war natürlicher, als daß er dabei an Ersatz für den Türken dachte?

"Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!" sagte er zur Kellnerin, die neugierig den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das Rohr des Tschibuks in den Mund, blies hindurch, probierte den Zug und besah die Arbeit. Es war die erste stille Minute seit früh um halb sechs.

"Ah, Flametti!" trat der Herr Wirt freundlich näher, "wie geht's, wie steht's? Pfeife rauchen?"

"Mein neuer Tschibuk", renommierte Flametti, "fürs "Harem"."

"Neue Ausstattung?" meinte Herr Schnabel. Und mit Bezug auf den Tschibuk: "Schönes Stück.--Echtes Stück?"

"Jawohl", bestätigte Flametti prompt und zuvorkommend. "Tschibuk aus Aleppo. Echte Arbeit."

"Ah, von dem Mechmed", riet Herr Schnabel aufs Geratewohl. Flamettis Beziehungen zum Türken waren ihm nicht unbekannt.

"Nix Mechmed!" beeilte Flametti sich, mit gesundeter Selbstironie hausbacken zurückzuweisen. "Orientbazar. Sieben Franken fünfzig."

"Ist auch besser so", meinte Herr Schnabel leichthin und nur halb bei der Sache. Er drehte die Hand in der Hosentasche, verfolgte mit wachsamen Augen den Hausknecht, der zapfte; die Kellnerinnen, die sich anschickten, den Saal fürs Konzert herzurichten, und entschwand zum Büfett. Er hatte offenbar viel zu tun.

Flametti war in Verlegenheit. Was sollte er tun?

Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife. Ein glücklicher Umstand kam ihm zu statten: Frau Schnabel erschien im Lokal, freundlich lächelnd nach allen Seiten, eine aufgehende Sonne.

"Sie, Herr Schnabel!" rief Flametti vertraulich, winkte mit dem Kopfe und griff in die Brusttasche: "Was sagen Sie dazu? Kennen Sie den?" Und lächelte Madame Schnabel ein "Guten Abend" zu.

Herr Schnabel, abgelöst am Büfett, trat wieder näher. Aus Flamettis Hand, zeremoniös umschlossen, stieg eine Photographie in Postkartenformat, darstellend einen Herrn in den mittleren Jahren, mit englisch gestutztem Schnurrbart, Schillerkragen und Künstlerkrawatte.

"Das ist doch der--Rotter?" riet der Wirt. "Jerum, der Rotter!" rief er erstaunt seiner Frau zu und beugte sich näher, um über Flamettis Schulter hinweg die Photographie zu betrachten. Auch Frau Schnabel trat näher.

"Ja, der Rotter", bestätigte Flametti und stand auf, um die Photographie auch Madame zugänglich zu machen. "Wissen Sie, wo der jetzt auftritt?" Er war ein wenig verwirrt, eine Supplikantenrolle zu spielen, wurde verlegen und lächelte. "Als Schnelldichter im Germania-Cabaret."

"So so!" meinte Frau Schnabel skeptisch und dünn, als habe sie den Pips an der Zunge. Sie neigte den Kopf zur Schulter, drehte die Hand in der Schürzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter auf ihren Spangenschuh.

"Conférencier und Improvisator-Berühmtheit!" versicherte Flametti. "Fünfhundert Franken Gage. Karrieremacher. Feiner Kerl!"

"Waren ja Freunde, ich und der Rotter", wandte er sich an Madame. "Je Gott! Dort drüben"--er zeigte nach einer Nische--"nebeneinander sind wir gesessen und haben Asti gezecht!"

Und wieder zu Herrn Schnabel: "Erinnern Sie sich? Und im "Bratwurstglöckli" z'Basel: Sie kennen doch den Rotter, was der für 'nen Appetit hat!--Als der Kaiser nach Bern kam: wer hat das Begrüßungsgedicht verfaßt? Erinnern Sie sich?"

Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt. "Richtig!" fuhr er in großem Bogen von der Stirn weg in die Luft.

"Macht ja Karriere!" rühmte Flametti und schob klotzig den Unterkiefer vor, um die brutal verdrängende Energie des Herrn Rotter respektvoll zu charakterisieren. "Verdient ja ein Heidengeld! Stadtgespräch!"

"Na und jetzt?" interessierte sich Herr Schnabel.

"Unnahbar. Nichts zu machen. Keiner kommt an ihn ran. Wie abgeschnitten."

Und wieder mit unwiderstehlicher Großartigkeit zu Madame Schnabel: "Ein Talent! Der Kerl schüttelt die Verse nur so aus dem ärmel. Stundenlang. Phänomenal."

"So so!" lächelte Frau Schnabel wie oben, mit einem so liebenswürdig knappen Mißtrauen, daß es Flametti die Glieder lähmte.

"Elegant!" schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte, mit einem ermunternden Blick auch seine zurückhaltende Ehehälfte zu gewinnen.

"Tipp topp!" überbot Flametti. "Man muß ihn abends sehen, bei Beleuchtung. Im Frack. "Elegant"! Das ist das Wort zu viel!" und etwas wie Ironie und leise Verachtung mischte sich in Flamettis unendlich überlegenes Interesse. Er war sich bewußt, seinen letzten Trumpf auszuspielen. Jetzt oder nie.

"Siehst du, Flametti", sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte sich an den Tisch, "so etwas müßtest du engagieren! Mich geht's ja nichts an: aber laß doch den Kram mit dem Türken und such' dir 'nen Schlager!"

Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus. Er bekam Oberwasser. Das alte, vertrauliche "Du" des Herrn Schnabel ehrte ihn. Er steckte die Photographie ein. "Jawohl! Und wieviel Draufgeld zahlst du mir?"

"Was Draufgeld! Je nachdem! Zweihundert Franken, dreihundert Franken. Haben schon vierhundert gezahlt im Monat."

""Je nachdem"!" lächelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas zwischen die Hände. "Ist ja Stuß. Aber ich will dir was sagen: Was zahlst du, wenn er mir ein Ensemble schreibt?"

"Was zahl' ich?" gigampfete Herr Schnabel. "Kommt drauf an!" Und er stieg mit der Stimme. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz und strich sich den Schnauzbart.

Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten. Sie wußte: jetzt kam's zum Geschäft. Sie zeigte ein Lächeln, das schon im voraus ihre Zustimmung zu allen etwaigen Maßnahmen des Gatten zum Ausdruck brachte. Ein Lächeln, das, drüber hinaus, Ermutigung zu bedeuten schien für den glücklichen Kontrahenten, dem es gelungen war, das Interesse ihres Gemahls, des Herrn Schnabel vom "Krokodil" zu erregen.

"Minimum!" rief Flametti, der nun einmal den Schnabel gefaßt hielt und nicht gewillt war, ihn wieder loszulassen.

"Kommt darauf an, was ihr bringt!" schaukelte Herr Schnabel sich von den Absätzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf die Absätze.

Flametti zählte an den Fingern seine Mitglieder her: "Zehn Personen. Drei Lehrmädel."

"Gut", sagte Schnabel, "wenn du was bringst von dem Rotter, und alles anständig, dezent--: dreihundert Franken und am fünfzehnten könnt ihr kommen."

"Abgemacht!" schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand zu über den Tisch. "Anna, 'ne Halbe!"

Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen reichen Tage nach Hause kam.

"Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?" Sie war sehr besorgt.

"Engagement im "Krokodil". Fünfzehnten fangen wir an."

Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn. "Aber was spielen wir denn?"

"Morgen geh' ich zum Rotter."

III

Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis. Ein Brief kam an von Mechmed. Darin stand:

"Mein lieber Freund!

Ein schamloser Verdacht! Ich sitze hier in den Händen der Polizei und kann nicht heraus. Mein ganzer Besitz, einige Kilo Haschisch, konfisziert. Was wollen sie von mir? Ich habe keine Schuld an dem Anlaß. Hilf, Bruderherz! Im Namen der Freundschaft. Mechmed sitzt in den Händen der Polizei. Die Hände der Polizei geben schlechtes Essen und kein Luft. Und die Seele schreit mit dem Dichter:

Eilende Wolken, Segler der Lüfte, Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte!

Dein Freund Mechmed."

Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug, wußte Flametti, daß Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war, würgte ein schadenfrohes Gelächter und beeilte sich, seine Probetüten zu Mutter Dudlinger beiseite zu schaffen.

Und ein zweiter Brief kam an; für Frau Häsli; den sie vorlas mittags bei Tisch. Darin stand:

"Mein heißgeliebtes Herz!"

"Hört ihr?" rief sie, ""heißgeliebtes Herz" schreibt der Narr!"

"Mein heißgeliebtes Herz!

Sie haben mich genommen,..."

"Bein Militär", erklärte sie.

"... und es geht mir hier sehr gut. Ich habe acht Tage Dienst zu machen. Dann werde ich beurlaubt. Nichts ist's mit dem Jodeln. Ich blase die Trompete, trotz meiner Zahnlücke..."

"Er blost, er blost", schrie Frau Häsli und versuchte, den durch die Zahnlücke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu vergegenwärtigen.

"Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir. Strenger Dienst, und ich denke Dein in Liebe. Bleibt mir treu..."

"Toni, bleib' ihm treu!" schwadronierte die Alte.

"Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken."

Frau Häsli machte eine verdutzte Pause. ""Ehret mein Angedenken"?", wiederholte sie befremdet. Dann auf jedes seiner Worte deutend:

"Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte."

"Jawohl", bemerkte Frau Häsli, "da kannst du lange verfolgen, mein Lieber! Hähä! Seine Blicke verfolgen uns! Ja, übermorgen! Blos du die Trompet'! Er blost die Trompet'! Der Häsli blost und seine Schritte verfolgen uns!"

"Süße, geliebte Lotte",

fuhr sie fort,

"Schick' mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausführlich! Ich sehne mich nach euch und zähle die Tage bis zu meiner Rückkehr."

"Gott sei Dank!" sagte Frau Häsli und schob den Brief in ihren Brustlatz, "jetzt ham sie ihn. Sollen ihn nur recht zwiebeln. Ich werd' dem Hauptmann schon schreiben, daß er ihn sobald nicht wieder losläßt. Wie gesund der ist, wenns ans Prügeln geht! "Heißgeliebtes Herz!" Ja, Scheibenhonig!"

Und ein dritter Brief kam an, für Flametti, aus Basel. Darin stand:

"Werter Freund und Kupferstecher! Flametti!

Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat, hätt'st auch einen Brief schreiben können. Damit man weiß, was ihr bringt en detail. Ich bin bereit, Dich zu akzeptieren für die fragliche Zeit und wenn ihr gefällt, dann noch länger. Die Alte kommt zu euch hinübergerutscht für einen Tag, weil sie noch andere Affären hat, und dann könnt ihr einig werden. Die Alte läßt grüßen. Grüß auch Jenny und bringt was rechtes mit.

Sacré nom du dieu!

Dein Fritz Schnepfe und Frau, Varietélokal, Basel."

Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte: "Komm' mit!" Und sie gingen zum Einkauf und brachten zurück: Fünf Bettvorleger aus getigertem Fell und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie erstanden hatten bei Herrn C. Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken, Seesterne und Smaragdkristalle in schillernder Auswahl das Schaufenster zierten.

Und überhaupt: eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis. Leben kam in die Bude.

Niemand außer Jenny und Engel wußte, was die fünf Bettvorleger sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte, mußte mit den Händen drübergestrichen und sie für gut befunden haben.

Sie blieben zunächst im Eßzimmer liegen. Sechs Franken neunzig das Stück. Fünfunddreißig Franken die Partie.

Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister beiseite und sagte: "Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr: Soloprobe. C-Dur." Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die Bewegung heftigen Klavierspielens.

Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig, schwarz, beim "Globus".

Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa mußte ihn unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber einkaufen gehen mußte, um aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu fertigen von wilder, unerhörter Farbenpracht.

Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so brillant, daß Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.

Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuß, eine schöner als die andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.

Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln, großen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre. Fräulein Traute kräftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen, der prall und anbötig vorn abstand, und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen über die Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.

Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nützlich zu zeigen.

Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und Fräulein Lydia, Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter Donna Maria Josefa.

Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide Hände trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen, ohne den Kopf zu bewegen.

Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiß, das mit wahren Haifischzähnen besetzt war.

Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:

"Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch? Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?"

Und Flametti sagte: "Jaja, Frau Scheideisen!" So hieß Donna Maria Josefa mit ihrem Privatnamen.

Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den Töchtern:

"Greif' zu, Raffaëla! Greif' zu, Lydia!" wie zu alten Bekannten.

Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als säße sie bei einer Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte gemessen, wenn man höflich war.

Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht Übel, arrangiert und eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die Üppiger wurde von Tag zu Tag.

Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender Bewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria Josefas Blusenbusen.

Es begab sich aber, daß auch zwei Detektivs erschienen, eines Nachmittags--schon wieder, Kreuzdonnerkeil!--, an die Türe klopften, ganz sachte, und Flametti zu sprechen wünschten, zwecks einer Auskunft.

Und er ging hinaus vor die Tür, nahm die Detektivs in die Küche und verhandelte mit ihnen.

Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir's nicht! Häng' sie nicht vors Fenster, sondern mach' Ihnen Vorschläge zur Güte!

Und das tat er auch. Aber es nützte nicht viel. Noch immer wegen der Quittung.

Und er stieß die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube, schloß seine Hauptkasse auf, stürzte den Inhalt auf den Eßtisch und schrie sehr erregt zu den skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:

"Was wollt ihr denn? Seid doch vernünftig! Kann ich denn zahlen? Seht selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist mein Ensemble..."

"Jenny, Rosa, Güssy, Traute!" rief er, und die kamen von rechts und links, im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere, Schuhknöpfer und Seifenhänden...

"Da ist mein Ensemble", rief er, und zerrte die Damen mit langen Armen zu sich heran, "man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Man studiert, simuliert! Man zahlt seine Steuern, man tut sein Möglichstes..."

Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht einmal unwahrscheinlich, daß der Anblick so unterschiedlicher Frauenspersonen, in Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert, ihr Mißtrauen noch bestärkte.

Sie notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die Küche. Jetzt handelte sich's um den Mechmed.

"Haben Sie einen Türken gekannt: Ali Mechmed Bei?"

"Ja."

"Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden?"

"Nein."

"War Ihnen bekannt, daß er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?"

"Ja."

"Nehmen Sie selbst Opium?"

"Nein."

"Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen?"

"Nein."

"War Ihnen bekannt oder mutmaßten Sie, daß seine Waren geschmuggelt waren?"

"Nein."

"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?" etc.

Flametti gab Antwort auf all' diese Fragen nach bestem Wissen und Gewissen. Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut und verlegen wie ein Schuljunge.

Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung würde er eine Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner Vermögenslage.

Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage. Offenbar: große Dinge standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, wo Schicksale schweben. Störung ist fernzuhalten.

Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm zugesagt und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als daß die Musik in C-Dur ging; daß es voraussichtlich "Die Delawaren" hieß, und daß er selbst, Flametti, den Häuptling Feuerschein vorstellen würde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.

Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des Häuptlings Feuerschein, die Flametti bevorstand in den Prachtworten, die Herr Rotter sicherlich für ihn finden würde; im exotischen Aufputz voller Glut, Farbenpracht und Majestät;--Adlerfedern über den Rücken hinunter; Sandalen unten, Hakennase oben--veränderte gewissermaßen Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.

Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble, Auftreten und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all' seine letzten Tableaus so seicht, geistlos und platt erschienen. Schon diese Titel: "Die Modeweiber", "Die Nixen", "Die Nachtfalter"! Was konnten sie einem geben? Weiberzeug, süßlicher Schnack. Kitsch, Bruch.

Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt. Löckchen, Gefältel, Plissées, Frou-Frou--: er konnte nicht mehr. Er empfand einen Brechreiz.

Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was Wunder! Sie standen im Mittelpunkt.

Dagegen: "Die Delawaren"! Wie das klang! Stierig, männlich, farusch, imposant! Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da ließ sich was ahnen!

Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter. Seine Energie zäher, verbissen. Sein Selbstgefühl mächtig. Die Löwenbrust wölbte sich.

Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Früher hatte er nicht gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr. Wen Flametti ansah, zuckte zusammen, erbleichte.

Er ließ, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloß, zu lieben und hassen nur noch tödlich. Früher hatte er mit sich reden lassen.

Er beschloß, alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit auszumerzen. Beschloß, seine Gastfreundschaft auszudehnen und selbstverständlicher zu gestalten. Beschloß, mehr zu sitzen, zu liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere und Weihe.

Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt werden. Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das paßte. Und er beschloß, die Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr Finsternis in der Geste zum Vortrag zu bringen.

Nicht soviel Anpassung. Mehr Würde. Magie. Nicht soviel Worte. Mehr lautlose Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.

Und eines Morgens, als Flametti, in Träume versunken, vor die Tür seines Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen; den Rauch seiner Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob sich ein solches Gekreische, Gelächter und Girren im Lattenverschlag bei den Tauben, daß Flametti beschloß, ein Exempel zu statuieren.

Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und hinüber zum Lattenverschlag.

Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.

Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke.

Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht Blank, blänker, am blänksten.

Und Flametti griff zu und es klatschte.