Flametti: oder vom Dandysmus der Armen
Part 2
Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden, das Rotauge, auf das sie es abgesehen hatte, aufgespießt und auf den Teller herüberbefördert. Mit einem hörbaren Plumps ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen und sagte verwundert:
"Was willst du denn? Was paßt dir denn nicht? Kannst du dich nicht ein bißchen schicken? Wenn der Platz knapp ist? Sei froh, daß du so gutes Essen bekommst. Schau mal diese Forelle an"--dabei zerrte sie den Fisch mit der Gabel auf ihrem Teller hin und her--"so was Feines verdienst du gar nicht! Dankbar solltest du sein, daß man dich durchschleppt."
Herr Häsli saß noch immer erstarrt in furchtbarer Pose, eine knödelessende Schießbudenfigur. Von der Mutter weg wandte er seine Augen zur Tochter. Ohne viel Erfolg. Toni setzte sich zwar wieder hin, konnte sich aber nicht verkneifen, die Mutter darauf aufmerksam zu machen: "Es sind ja gar keine Forellen. Es sind ja Rotaugen."
"Na", beschwichtigte Jenny, "sie ist ja noch jung. Versöhnt euch! Morgen gibt's Paprikabraten mit Spaghetti und Tomatensauce. Kinder! Ein feiner Fraß!" Und sie hob den Zeigefinger hoch und ließ einige fettgurgelnde, selige Laute hören.
Flametti hatte das Hemdbördchen geöffnet, um es bequemer zu haben. Mit den Oberarmen den Tisch festhaltend, lag er vor seinem Teller, den Kopf hart über dem Tellerrand, und schlarpste gierig die Suppe.
Das Plüschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem Knacken der Federn, das wie ein Magenknurren Flamettis fortdröhnte. Als er nun die baumwollenen Hemdärmel aufkrempelte, konnte man so recht sehen, was für ein Riese er war.
Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum Schulterblatt. Teller, Arme und Kopf bildeten ein einziges, muskulöses Dreieck. Blutunterlaufen, vom Sitzen, schwollen seine Augen.
Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach. Er sprach nicht viel. Für die Worte der Häsli wegen der Gage hatte er nur ein kurzes, brummiges "Ja, ja. Sowie das Essen vorbei ist". Was ihn ein wenig wurmte, war die Aufdringlichkeit dieser Person, die immer etwas zu bestellen hatte, immer Stank mitbrachte.
Als Herr Häsli dann jene Schießbudenpose annahm, konnte Flametti sogar ein heimliches Gaudium nicht verbergen. Er senkte den Kopf noch tiefer und blies die Backen auf, um nicht loszuprusten.
Ihm machte es einen Heidenspaß, wenn das Ehepaar sich "anblies". Eine bösartige Rippe, diese Alte. Der kleine Häsli ein Schlappier, daß er sich das so gefallen ließ. Aber ihr Gesang: alle Hochachtung! Das mußte man ihnen lassen. Was Exaktheit, Klangfarbe und Schulung betraf: weit und breit keine Besseren.
Flametti war mit der Suppe fertig. Ein einziger Fisch lag noch auf der Platte, und Engel holte weit aus, um ihn an sich zu bringen.
Rosa beeilte sich, aufzufüllen. Jenny, gesättigte nahm ihr offenes Haar aus dem Nacken und flocht es zusammen.
"Na, kommt das Zeugs bald?" rief Flametti zum Schalter, legte mit breiter Oberlippe den Eßlöffel trocken, drehte ihn um und leckte auch die Kehrseite gründlich ab.
Bobby zerriß ein Stück Brot und stopfte es in den Mund. Die Häslis standen auf, sagten "Mahlzeit!", gingen aber noch nicht, denn es sollte ja Gage geben.
Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf. Der Damenimitator, aus Höflichkeit, blieb noch sitzen.
"Mahlzeit!" rief Flametti. Aber für ihn begann die Sache jetzt erst. Und auch Herr Engel wurde loyal, faßte Mut, und sie stocherten um die Wette nach den pauvren Fischleins.
Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen. Aber er hielt sie fest mit der linken Hand und rief zu Flametti hinüber: "Max, weißt du noch: "Bratwurstglöckli"?"
Dort muß vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben. Denn die beiden lachten einander an, verständnisinnig, und verdoppelten ihre Anstrengungen.
Flamettis Varieté-Ensemble hatte einen Ruf und war beliebt. "Bestrenommiert" stand auf den Plakaten. Und durch "bestes Renommé", von dem nur die Neider behaupteten, es rühre von Flamettis Renommage her, unterschied sich das Ensemble von der Konkurrenz.
Ferreros "Damen-Gesangs--und Possen-Ensemble" war "geschätzt", "glänzendst", "weltbekannt". Aber beliebt? Nein. Bestrenommiert? Nein. Es war "vornehmst", infolge der vereinten Eleganz und Reserviertheit seiner Damen.
Auch Pfäffers "Spatzen" konnten da nicht mit. Sie hatten weder jene geheimnisvolle Anziehungskraft, die Flamettis Ensemble eigen war, noch jene gewisse Eigenart und Popularität.
Pfäffers "Spatzen" waren, wenn man ihren Wert auf einen Nenner bringen wollte, "altbewährt", "solid", "reichhaltig", "anerkannt". Ihre Force: "dezentes Familienprogramm", mit ausgeschnittenen Kleidern und Broschen, die, wie Flametti höhnte, am Bauchnabel saßen.
Nein! Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus, die Wärme und Begeisterung verbreitete, Einladungen zu Bier, Wein und Sekt mit sich brachte; Wagenpartien, Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte.
Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis?
Darüber zerbrach sich mancher den Kopf.
Flametti zahlte weder die besten Gagen, hatte infolgedessen auch nicht die ersten Kräfte, wie Ferrero. Noch hatte er die besten Schlager, wie ebenfalls Ferrero, der Jude war, raffiniert, geschickt, tüchtig, und der infolge seiner "Vornehmheit" die besten Verbindungen hatte. Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiß, Sorgfalt und Interesse herausgebracht wie etwa die Gesangs-Ensembles von Pfäffers "Spatzen". Auch deren farbenprächtige, teure Matrosen-, Schornsteinfeger--und Mausfallenhändler-Kostüme hatte er nicht, die Fabrikware waren und Gesprächsthema weit und breit.
Worin also bestand Flamettis Überlegenheit?
Er war ein Kerl sozusagen, ganz persönlich. Artist von reinstem Wasser. Er hatte ein Auge, verstand, seine Leute sich auszusuchen. Er war: eine Persönlichkeit gewissermaßen. Kein Ferrero, der früher mit Lumpen gehandelt hatte. Kein Pfäffer, der seinen Weibern zurief: "Kinder, macht's euch bequem!" und dann im Hemd mit ihnen den "Kleinen Kohn" einstudierte.
Fleiß? Verachtete er. Der echte Artist schläft morgens bis gegen elf. Wenn man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat, oft die schwierigsten Nummern, kann man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen sein.
Proben? Jawohl! Aber mit Maß und Ziel. Es hat keinen Sinn, den Leuten die Lust an der Arbeit zu nehmen, sie tot zu hetzen mit Proben. Auf die Eingebung kommt es an. Nicht auf den Drill. Wer es nicht in den Fingerspitzen hat, der wird es auch auf der zwanzigsten Probe nicht haben. Man ist doch nicht beim Kommiß! Artisten sind keine Studiermaschinen. Und wenn schon Proben, dann nicht zuviel Pünktlichkeit. Pünktlichkeit soll der Teufel holen. Es muß aus dem Handgelenk kommen, spontan.
Flamettis Proben waren unberechenbar. Wenn eine angesetzt war, fand sie sicher nicht statt. Wenn eine stattfand, war sie sicher nicht angesetzt. Das Ganze blieb mehr der Inspiration, dem persönlichen Einfall und Zufall belassen.
Extempores? Prachtvoll! Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu Fuß. Vielseitig, unberechenbar, auch in seinem Repertoire. Nur kein festes Programm! Nichts langweiliger als das. Bei Ferrero hing das Programm jeden Abend punkt acht beim Kapellmeister am Klavier. Bei Flametti gab's überhaupt keines. Oft wußte er fünf Minuten vor seinem Auftritt noch nicht, solle er den "Mann mit der Riesenschnauze" bringen oder die "Feuernummer". Sprudeln muß man: das war sein oberster Grundsatz.
Auch bei Engagements: Flametti hatte das renommierteste Ensemble. Und doch keineswegs die renommiertesten Kräfte.
Im Gegenteil: darin gerade bestand sein Genie, daß er verstand, Kräfte zu entdecken, zu finden, ja aus dem Nichts zu stampfen.
Flamettis Personal war: interessant. Er hatte eine Nase für natürliche Begabung. Auf Agenten, Kritiken und Renommage gab er nichts. Selber sehen! Kerle brauchte er, Personnagen. Talent kam in zweiter Linie. Mochte das Talent einen Knacks haben, die Stimme einen Knacks, die Figur einen Knacks. Wenn nur der Kerl, der dahinterstand, etwas zu sagen hatte.
Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie. Einen Blick für jenen Moment, in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté. Da setzte er ein. Da bemühte er sich. Da lief er.
Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie erlebt und gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne tagelange vorherige Beobachtung. Schicksale muß jemand gehabt haben, um interessant zu sein für Flamettis Ensemble. Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich, Überraschungen, Anlagen, Geist. Seine Mitglieder mußten sich bewegen können. Welt mußten sie haben. Versiert mußten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache. Dahinter steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte Personnagen sind die gebornen Artisten. Im Druck muß man gewesen sein, um Artist zu werden.
Unter fünfzig Mädels, die auf der Straße das Täschchen schwenkten, waren zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu überzeugen. Unter fünfzig Apachen, die keiner beachtete, zwanzig Ausbrecherkönige, Zauberkünstler, Jongleure. Es kam nur darauf an, sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade darin bestand Flamettis Genie, seine Popularität, seine Magie.
In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, französisch, dänisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte sich redlich bemüht und kannte das Leben.
Gefängnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand. Artisten kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Bürger. Aus Unterdrückung werden Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine Menschen. Buntheit, Zauber, Exotik: nur aus Verzweiflung.
Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten. Kameradschaft, nicht Abhängigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen, keine Verträge. Gage muß sein: sowieso. Aber was nützte der beste Vertrag, wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte?
Hier setzte Flamettis Verläßlichkeit ein. Er war dann imstande, mit Angeln sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein.
Bei Flametti konnte man aus--und eingehen, auch wenn man nicht mehr auf seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was Flametti besaß, gehörte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein Ehrgeiz, Geld zu machen, Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war, eine Truppe zu haben.
Kostüme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst, Flametti, hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als Not am Mann war? Und aus Engel einen Ausbrecherkönig? Demselben Engel, der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine? Eine Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement, daß "Henry" mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien stand.
Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig Geschick. Aber "Henry" schaffte es. Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt. Eine Berühmtheit war aus ihm geworden, über Nacht.
Welcher Direktor erlebte die Überraschung, daß seine Soubrette als Gamsbua auftrat und Schnadahüpfl sang, nur aus Jokus? Oder daß der Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston?
Flametti legte auch keineswegs Wert darauf, jeden Abend zu spielen. Besonders nicht in den kleinen Beiseln, wo man um sechs Uhr abends schon auf dem Posten sein mußte, wo das Wasser von der Decke tropfte und die Klaviere jämmerliche Drahtkommoden waren, unmöglich, Töne darauf hervorzubringen.
Mochte Jenny recht haben: man solle auch die kleinen Geschäfte annehmen; man müsse ja auch die Gagen zahlen. Aber man war doch nicht in der Tretmühle! Man war doch nicht auf der Welt, um sich abzustrapazieren!
Keine Überarbeitung: das war man seinem Ensemble schuldig. Flametti verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen: Anstand und guten Willen. Benehmen. Oder er wurde "verruckt", was besagte: schlug alles kurz und klein, rannte Köpfe an die Wand, ging mit dem Messer los auf die Bande.
"So, Kinder", rief Flametti, wischte sich den Mund ab und legte die Serviette hin, "jetzt kommt die Gage!"
Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche, schloß die Schieblade auf und rief, auf das Eßgeschirr zeigend: "Weg mit dem Zeugs!"
Rosa beeilte sich, das Geschirr wegzutragen. Das Ensemble spitzte die Ohren. Auch Engel hörte nun auf zu essen. Und alle kamen näher.
"Monsieur Arista", begann Flametti, "sechzig Franken. Stimmt's? Quittieren Sie."
"Stimmt", sagte Arista, "danke schön." Quittierte mit dem Tintenstift, den Flametti ihm hinschob, und strich das Geld ein.
"Bobby--zwei Franken siebenundzwanzig--hier. Stimmt's? A conto zweiten soundsoviel, à conto vierten soundsoviel, à conto fünften, à conto achten." Er zeigte auf die einzelnen auf der Quittung verrechneten Posten.
"Stimmt, stimmt", sagte Bobby. "Danke!"
"Hier--quittieren!"
Bobby quittierte.
"Herr Meyer--zehn Franken. A conto vierten--fünf Franken. A conto achten--fünfzehn Franken. A conto zwölften--fünf Franken. Stimmt's?"
"Ja, stimmt. Danke."
"Laura--fünf Franken. A conto, à conto, à conto, à conto." Flametti zeigte wieder die einzelnen Posten auf der Quittung.
"Ja, stimmt schon", zögerte die Soubrette, ein wenig verwirrt und enttäuscht. Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet. Sie konnte sich aber auch irren.
"Immer dieselbe Sache", maßregelte Flametti. Nie wußte sie, wieviel sie zu bekommen habe, und immer handelte es sich um etliche fünf Franken, die sie vergaß. Aber die Sache klärte sich auf, und auch diese Auszahlung ging glatt vonstatten.
"Quittieren Sie", sagte Flametti und schob dem Pianisten-Soubrettenpaar die Formulare hin.
Herr Meyer wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich nehmen. Aber Laura war keineswegs einverstanden.
"Nein, das gibt es nicht!" erklärte sie ziemlich verliebt, "das ist mein Geld! Das habe ich verdient!" und suchte ihrem Freunde Meyer den Fünfliver zu entreißen. Und als ihr das nicht sofort glückte, ein wenig ärgerlich: "Was fällt dir denn ein? Wir haben doch keine Gütergemeinschaft", was Herr Meyer spöttisch zugab.
"Wie sie sich haben!" flötete süß Frau Häsli. "Wie sie sich necken! Seht nur!" Wo ein Krakeel in Aussicht stand, war sie stets voller Freundschaft und Sympathie.
"Na so nimm schon deinen Fünfliver!" murrte der Pianist und schob sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin.
"Grüatzi!" sagte der Schlangenmensch, steckte sich eine Zigarette an und verschwand.
"Addio", sagte Herr Arista, machte der Jodeltochter insgeheim ein feuriges Zeichen und verschwand.
"Netter Mensch", bemerkte Frau Häsli zu seinem Abgang. "So bescheiden und lieb!"
"Mahlzeit!" sagte Herr Engel, der hier nichts zu erwarten hatte, "komme später nochmal vorbei", und ging ebenfalls; was Fräulein Rosa sehr komisch fand, denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen, dem Dackel, hob ihn hoch und drehte sich tanzend mit ihm auf dem Absatz.
"Wer kommt jetzt?" fragte Flametti geschäftig, aber mit ein wenig verringerter Sicherheit. "Richtig: Häsli." Und beeilte sich, die Summe aufzuzählen. "Siebenundzwanzig Franken fünfzig."
"Waaaas?" rief Frau Häsli, wie von der Tarantel gestochen. Sie beugte den Oberkörper weit in den Hüften vor und blieb wie erstarrt so stehen.
"Siebenundzwanzig Franken fünfzig", wiederholte Flametti und setzte den Tintenstift überrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch.
"Siebenundzwanzig Franken fünfzig? Häsli, komm!" Sie packte den Gatten am ärmel. "Häsli, komm! Das ist nichts für uns."
Häsli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los. Er war unangenehm berührt.
"Marsch, marsch, fort, komm!" drängte die Jodlerin und packte ihn von neuem heftig am ärmel. Sie gab keinen Pardon.
"Na, mal langsam!" brummte Flametti. Und ihre Tochter zog eine mißmutige Schnute und stampfte hörbar ungehalten "Mutter!"
Aber Frau Häsli ließ sich nicht beirren. "Nein, das ist nichts für uns!" tobte sie und schüttelte abweisend die erhobene Hand. "Die Häslis sind nicht diejenigen, die sich drücken lassen, ich kenne das schon! Ich weiß schon, worauf das hinausläuft. Häsli, komm!"
"Na was ist denn?" interessierte sich Jenny, begütigend und phlegmatisch. Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich friedlich das Haar auf.
"Himmelherrgottsakrament!" fluchte jetzt Flametti und schnellte vom Sofa auf. "Was gibt's denn? Was paßt euch denn nicht? Was wollt ihr denn? Macht doch den Schnabel auf, wenn euch etwas nicht paßt!" Die Zornadern waren ihm angeschwollen. Er sah aus wie ein tanzender Fakir.
Häsli bekam's mit der Angst, schüttelte die Frau ab und meinte kleinlaut: "Max, rechn' 's mal vor!"
"Da ist gar nichts vorzurechnen!" schnitt ihm die Alte das Wort ab. "Gar nicht nötig. Wenn ich hör: siebenundzwanzig Franken fünfzig, dann hab' ich schon genug. Dann braucht man mir gar nichts mehr vorzurechnen!" Und nestelte zitternd an ihrer Bluse.
"Was wollt ihr denn?" schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. "Fünfzig Franken Vorschuß bei Engagementsantritt--"
Beide nickten, Frau Häsli so hastig, als ob sie nicht abwarten könne, weiter zu hören.
"Dreißig à conto an Häsli nach Bern--"
"So? So?" unterbrach Frau Häsli. "Dreißig à conto nach Bern für die Lumpenmenscher, für die Reitschuldamen, für die Fetzen?" Ihre Stimme schnappte über.
"Dreißig à conto nach Bern", bestätigte Herr Häsli in aller Ruhe.
"Toni, komm!" rief Frau Häsli und packte die Tochter am Arm. "Toni, komm! Spuck deinem Vater ins Gesicht! Sieh ihn an, wie er dasteht! Als wenn er nicht auf drei zählen könnte! Dreißig à conto nach Bern! Und wir hungern zuhaus!"
Jetzt wurde aber auch Herr Häsli fuchtig. "Soll ich vielleicht von der Luft leben? Hab' ich dir nicht zehn Franken davon geschickt und den Koffer ausgelöst?"
"Was für einen Koffer ausgelöst? Die alte Scharteke! Den Koffer hat er ausgelöst! Dreißig Franken braucht er dazu. Wasserrutschbahn fahren mit den Menschern! Mit den Kellnerinnen scharwenzeln! Herr Häsli hinten, Herr Häsli vorne! Schau mich nicht so an, Mensch!" Mit ausgebreiteten Händen und vorgereckter Stirn stand sie da, im Begriff, ihm an die Gurgel zu fahren.
"Mutter!" suchte die Tochter zu beschwichtigen.
"Dummes Weib!" brachte Herr Häsli mit aller Ruhe und Verachtung auf, sah die Alte an, als zweifle er an ihrem Verstand, und sah wieder von ihr weg.
"Na, was wollt ihr also?" schrie Flametti und wühlte krampfhaft und hitzig in seinen Papieren, um die Belege zu finden.
"Weiter!" drängte die Alte, "nur weiter!"
"Zwanzig à conto an Toni am siebenten."
"Stimmt, stimmt!" drängte die Alte, "nur weiter!" Die zwanzig Franken waren für eine Seidenbluse der Mutter.
Jetzt war aber Herr Häsli seinerseits erstaunt. "Zwanzig Franken? Für was?" fragte er sprachlos.
"Kümmer' dich nicht!" rief Frau Häsli. "Laß dir lieber vorrechnen, was noch weiter kommt. Damit du siehst, was für ein Peter du bist!"
"Ja, dann freilich!" verzichtete Herr Häsli. "Da hat ja alles keinen Zweck! Da kann man ja schuften wie man will! Wenn es hier nur so zwanzigfrankenweise weggeht! Fünf Tage ist man fort, und zu Haus verbrauchen sie zwanzig Franken für Kino, Schokolade, für Putz und Schnecken!"
"Kümmer' dich um dich!" schrie Frau Häsli. Der Geifer stand ihr in den Mundwinkeln. "Auf den Hund möcht' er einen bringen, und einem nicht einmal die paar Fetzen gönnen, die man auf dem Leibe hat! Dich kenn' ich, mein Lieber! Ich weiß ganz genau, was du vorhast mit uns!"
Nun muß man wissen, daß mit Frau Häsli nicht zu spaßen war. In Antwerpen und St. Pauli hatte sie Matrosen bedient. Ein Gummiknüttel gehörte zu ihrer Ausrüstung, und die Kassiertasche war mit Eisenketten am Lederriemen befestigt. Kerle hatte sie niedergeschlagen, baumslang, wenn es drauf ankam. Der Varietéberuf war ihr zu still. Mit der ließ sich nicht spaßen.
Also gab auch Herr Häsli klein bei, und weiter ging's mit der Abrechnung.
"Dann am zwölften zweiundzwanzig Franken fünfzig vorgestreckt für Zimmer und Konsumation--" Die Häslis bewohnten zusammen ein Zimmer in einem Gasthof, das sich die Damen selbst ausgesucht hatten, das aber Flametti bezahlte, weil er Verbindungen hatte mit dem Wirt.
"Schon gut, schon gut", winkte Frau Häsli ab, "ich weiß schon genug. Bleiben siebenundzwanzig Franken fünfzig. Stimmt schon. Ja, stimmt schon. Häsli, quittier! Wir gehen." Dabei schob sie die Tochter mit beiden Händen wie aus einer Verbrecherkneipe vor sich zur Tür. "Wir verzichten. Kannst alles selber nehmen. Ich für meinen Teil will nichts davon haben. Wir verdienen uns schon unser Brot."
Und Frau Häsli nebst Tochter waren verschwunden.
Nettchen bellte. Jenny färbte sich rosenrot im Gesicht vor verhaltenem ärger. Herr Häsli quittierte, und Flametti schob ihm das Geld hin.
"Mahlzeit, Max!" sagte Herr Häsli geknickt und bedauernd. "Nichts für ungut!" und reichte Flametti die Hand.
"Salü!" sagte Flametti offiziös und packte seine Sachen ein.
Auch Herr Meyer und Fräulein Laura gingen. Eigentlich hatten sie um Zulage bitten wollen. Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht günstig.
II
"Siehst du die Anarchisten", sagte Jenny, als alle gegangen waren, "siehst du sie jetzt? Brauchst nur mal ein paar Tage kein Geschäft zu haben--gleich werden sie üppig. Nur in Verlegenheit braucht man zu kommen--schon laufen sie fort. Forellen müßt ich ihnen vorsetzen, das Kilo für acht Franken. Dann solltest du sehen! Diese Häsli--ach du mein Gottchen, wie sie hier ankam! Aus Gnade und Barmherzigkeit hat man sie aufgenommen. Das ist der Dank. Ausgehungert waren sie, daß Gott erbarm. Jetzt sind sie auf einmal vornehm.--Was machen wir nur, Max? Du wirst sehen, sie laufen uns fort!"
Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen. "Ah was!" sagte er unwirsch und kramte verärgert in seiner Tischschublade.
Die Tür ging auf, und herein kam Fräulein Theres, lendenlahm und verdrießlich. Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders. In der matt herunterhängenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen und blies mit spitzem Munde den Rauch von sich. Unaufgefordert nahm sie Platz, knetete schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich schnaufend auf dem Stuhl.
"Frau", sagte sie, "wird gebügelt?"
"Jawohl, Theres, mach' die Eisen heiß."
Und Theres erhob sich mühsam und troßte ab, um die Eisen heiß zu machen.
Und Fräulein Rosa legte den Bügelteppich auf den Tisch und holte den Wäschekorb aus dem Bretterverschlag, um die Wäsche einzuspritzen.
Flametti aber hatte beim Abschließen der Schieblade einen Schaden am Schloß gefunden, zückte den Hausschlüssel und hämmerte damit am Schlüsselloch.
Es klopfte. Die Türe ging auf, und herein trat Fräulein Lena, vormals Pianistin bei Flametti.
"Grüatzi!" sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen herein.
"Tag, Lena!" nickte Jenny, "komm nur herein!"
"Wenns erlaubt ist!" sagte Lena.
"Tag, Lena!" bekräftigte Flametti, ohne aufzusehen; so versunken war er in seine Reparatur.
"Bügelt ihr?" fragte Lena.
"Ja, wir bügeln", wischte Jenny sich die Schweißhände an den Busen.
Theres brachte das Bügeleisen, und Lena nahm ihren Stuhl.
"Schöne Sachen hört man!" rückte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht.
"Um Gotteswillen, Lena, was gibt es denn?"
"Ja, ja", seufzte Lena.
"Was denn, Lena? Sprich doch!"
Und zu Rosa: "Geh mal raus in die Küche! Ich ruf' dich dann!"
Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch.