Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

Part 14

Chapter 14 671 words Public domain Markdown

"Auf mich können Sie zählen. Ich bin immer da für Sie."

Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister und Schnur die Bilderreklame für Arbon.

So war denn Flamettis Schicksal besiegelt.

Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als Pianistin ein. Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle. Und Lena meinte:

"Ich hab's euch ja gleich gesagt: sie führen etwas im Schilde!"

Aber das half nichts. Das Geschäft wurde noch schlechter. Die Beiseln, in denen man auftrat, noch kleiner, ja nuttig.

Flametti verhehlte es nicht, daß er blank, aller Hilfsmittel bar, in den Prozeß eintrat.

In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in Bern Standpunkt und Situation eindringlich zu erläutern.

Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer größer, das Plädoyer immer schwieriger.

Und als Flametti die Geduld riß und er ganz offen auf einer Postkarte vermerkte, der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen, der Fall sei doch sonnenklar, da schrieb dieser chargé zurück, er bedaure unendlich, mitteilen zu müssen, daß ohne einen weiteren Vorschuß von hundert Franken die Sache zu einem guten Ende kaum werde geführt werden können.

Herr Farolyi gab den Rat, die Verteidigung doch selbst zu führen und auf den Advokaten überhaupt zu verzichten. Und auch Fräulein Lena erbot sich, für die sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine eidesstattliche Versicherung zu riskieren.

Aber Jenny wurde doch immer nervöser.

"Was machst du nun, Max?" fragte sie ernstlich besorgt, als Max von Farolyi zurückkam.

"Was mach' ich? Verteidige mich selbst."

Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann die Verteidigungsschrift aufzusetzen.

Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich. Aber es ging.

"An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts, Bern".

Da stand es. Das war die Instanz. Und Jenny bekam einen Schreck, als sie's so stehen sah.

Aber Flametti ließ sich nicht stören. Mit einer schier unpersönlichen Korrektheit entledigte er sich der schwierigen Arbeit.

Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu versetzen, da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines Vorgesetzten entgegennahm, und die Stilnuance war gefunden.

"Fertig, aus!" rief er, als er nach zweistündiger Arbeit unterschrieben und abgelöscht hatte. Er überlas das Ganze noch einmal von Datum bis Schlußpunkt und er war sehr zufrieden damit.

"So", zog er findig die Stirn in Falten, "drehen wir die Geschichte mal um! Da schaut die Sache erheblich anders aus!"

Und er verlas es auch Jennymama. Die war baß erstaunet.

"Ja, meinst du denn, Max, sie lassen es gelten?"

"Frage!"

Er spuckte, steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen kleinen Abstand von seinem Elaborat.

"Hättest deutlicher sagen müssen, was das für zwei waren!" drängelte Jenny.

Max zündete großspurig eine Zigarre an.

"Was? Ist das nicht deutlich genug: "Marktware der Wollust", "der Perversion gefrönt", "schon in den Kinderschuhen verdorben"? Ich bin der Verführte, verstehst du? Angeboten haben sie sich. Gezwungen haben sie mich, direkt belästigt!"

Jenny war ganz verstört.

"Wenn es nur durchgeht, Max!"

"Frage!"

Sonntag, den zwölften, spielte man in der "Jerichobinde" zum letztenmal die "Indianer": Flametti, Jenny und Rosa.

"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet, Singt der Indianer Volk sein Siegeslied. Einmal wieder zieh'n wir noch auf Siegespfad, Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."

Dann fuhr Flametti nach Bern.

Mit dem Nachtzug.

Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn. Rosa trug das Handtäschchen.

"Viel Glück, Max, und schreib' gleich, wie's ausging, damit man es weiß!"

"Wenn ich nicht schreibe, weißt du Bescheid!"

"Ach, Maxel, wie wird es dir gehen?"

"Wird schon alles gut gehen!" beruhigte er, und der Zug setzte sich in Bewegung....

Er schrieb nicht, wie es gegangen war.

Ein, zwei, drei Tage vergingen. Da las Jenny es in der Zeitung, in einem Café.

Sie trug ihre beste Toilette. Sie ließ sich ihren Schmerz nicht merken.

Gute Freunde lud sie zu sich ein, und so, in engstem Kreise, seufzend aufs Kanapee hingeschmiegt, suchte sie Trost und Vergessen.

Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es, ihr etwas Luft zu schaffen.

Herr Meyer aber ging pleite.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Flametti" von Hugo Ball.