Flametti: oder vom Dandysmus der Armen
Part 12
Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit der Soubrette allein war, drängte es ihn doch, sich auszusprechen.
"Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber das hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern."
Fräulein Laura saß vor dem langen Schminktisch, auf dem die Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der Puderquaste die Nase.
Flametti, stehend, Laura den Rücken zugekehrt, zog sich, ein wenig unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe.
Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück, den Missouri-Step, spielen.
Flametti kam auf seinen Prozeß zu sprechen.
"Wissen Sie", meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe, "das ist ja ganz anders, als die alle glauben. Das weiß ja meine Alte selbst nicht."
Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.
"Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Güssy--schon in Bern--das war ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut."
Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meyers Missouri-Step.
Laura sprang auf und horchte über das Treppengeländer hinunter.
"Haben noch Zeit!" meinte Flametti.
Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los. Fräulein Laura eilte zurück zur Schminkschatulle.
Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf.
"Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihre Aussage so zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird... Wenn der Schwindel glückt....!"
Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostüm ging's wohl nicht anders.
"Man kennt mich zu gut! Weiß, daß ich ein Gewaltsmensch bin; wen man vor sich hat, und daß es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den Kragen will!"
Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.
"Achtzehn war ich alt,--in Bern, mit ein paar Kollegen--, einen ganzen Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das Fundament weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel in die Aare...."
Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gäbe, und lachte belustigt.
"Das war ein Gezeter! Das hätten Sie hören sollen!"
Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.
Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzählung aber nicht weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:
"Diese Mädel, natürlich! Unschuldig sind die auch nicht!"
"Ob die unschuldig sind!" blies Flametti durch die Nüstern und langte sich den Kitt für die Nase. "Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir muß man's sagen!"
"Na also!" meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden. "Wenn sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift..."
Und ordnete ihre Turnüre.
Drunten im Lokal wiederholte Herr Meyer zum zweiten Male den Mittelsatz des Missouri-Step.
Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Händen über den Perückenansatz.
"Das ist es ja nicht!" zwinkerte er, "sie hat geschrien. Sie hat sich gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?"
Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.
Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.
"Haben Sie einen Anwalt?"
"Selbstverständlich!" lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der Kniebeuge; er mußte sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.
"Na also!" griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, "was kann da geschehen?"
Von unten ertönte das Klingelzeichen.
Die "Indianer" zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert. Was ihm früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt es jetzt für Zynismus.
Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken, der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die "Indianer" und machte sich lustig? Was für eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was für eine unerhörte Mißachtung der Rücksichten auf die Gesellschaft! Soviel Taktgefühl mußte man haben, einzusehen, daß die Aufführung dieser "Indianer" unter sotanen Umständen kompromittabel war für die ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist Freibeuterei, das ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir nicht mit. Man verschone uns!
Flametti fühlte wohl, daß man sich zurückzog von ihm, daß er umsonst sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen Freunde Fräulein Lauras waren die einzigen Gäste, die noch immer klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor ästhetischer Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine Feuer--und Fakirnummer absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem Höllenfürsten vergleichbar, ausgespuckt hatte.
Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromane und Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein, der gemischt mit Trauer und Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.
Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger um Auskünfte, Recherchen und Feststellungen.
Flametti, an unbehelligte Freiheit gewöhnt, riß die Geduld.
Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe in seine Familienehre. Das Mißtrauen der Polizei kränkte ihn.
"Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!" schrie er im Jähzorn. "Ich schlag sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!"
Und er beschloß, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten besten, der seine Schwelle übertreten würde, zu erschlagen.
Mit einem kopfgroßen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem ersten besten, der sich blicken ließe, den Schädel zu zertrümmern.
Und als man ihm sagte: "Flametti, die Polizei kommt!" eilte er in die Küche, trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe hinunter.
Jenny stand oben am Treppengeländer, entsetzt, einer Ohnmacht nahe, und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Mutter Dudlinger schnaubte und bebte.
Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen gepackt, in den Hausflur schleppte. Ein Mißverständnis, ein Irrtum. Die Verwechslung klärte sich auf.
Mutter Dudlinger stand lächelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete auf: "Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!"
Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man saß oben in Flamettis Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.
Ein alter, eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast, gemütlich, breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil davon: ein weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliathstirn.
Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, eine Seele von Mensch, und ließ den Muskel schwellen.
Flametti tat das gleiche. So saß man sich gegenüber auf dem Kanapee und sah sich voll trunkener Sympathie tief in die Augen.
Anstieß jener, daß der Wein überschwappte und rief mit völkischer Urwüchsigkeit:
"Prosit Flametti!"
Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf seinen Schoß, brünstigen Gemütes, und umhalste ihn. Und ihr Speck hing über seine breiten Schenkel in vollen Schwaden.
"Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, Der bleibt ein Tropf sein Leben lang."
Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen.
Sie beschloß, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und auch zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Maßnahmen richteten sich zunächst gegen Fräulein Theres.
Fräulein Theres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füßen litt unter der Kälte furchtbar.
Schon als die Herrschaft in Basel war, saß Fräulein Theres in stillen Stunden weinend in der leeren Wohnung, für deren Heizung man ihr kein Geld schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit Löckchen und Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstraße zu München und selig verliebte Blicke den jungen Herren zuwarf.
Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen. Fräulein Theresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihre Augen grell. Die Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen, hatten sich verschwärzt.
Ein verschwärztes Mädchen, saß Fräulein Theres in der verlassenen Stube, wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.
Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Theres rauchte Stumpen, den Arm auf den Tisch gestützt, die müden Glieder nur mit Seufzen hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein neues Zwanzigcentimes-Stück in den Automaten werfen mußte.
Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre schleppte Fräulein Theres mit in ihren Röcken. Und jetzt gönnte man ihr sogar das Bier nicht mehr und die Stumpen.
Eine Erbitterung überkam Fräulein Theres und sie beschloß, selbst wenn sie täglich "geschumpfen" würde, ihren Gliedern eine strengere Leistung nicht mehr zuzumuten.
Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine Lebensfreude muß der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte sie sich abgewöhnt. Auf die Stumpen ihres Alters würde sie nicht verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt blieb immer noch eine Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie verdiente das. Sie hatte sich redlich geschunden.
Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:
"Theres, wir müssen früher aufstehen! Theres, ich kann keine Bierschulden mehr für Sie zahlen!" dann gab Fräulein Theres gleichgültig brummend und grob zur Antwort:
"Ja, dann müssen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja, dann kann ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!" und die roten Tränen rannen ihr über das alte, lange Gesicht.
"Max", sagte Jenny, "das geht so nicht mehr. Die Haushaltung verschlampt mir."
Der Prozeß war Jennys geringste Sorge. Das würde sich schon arrangieren lassen. Sie war der begründeten Meinung, daß in der Fuchsweide viel ärgere Sünder ungeschoren ihr Wesen trieben.
"Mach' dir keine Sorge!" sagte sie zu Max, "der Ferrero hat ganz andere Sachen hinter sich. Und der Pfäffer--was der für eine Wirtschaft hatte! Ich weiß doch! Ich war doch Soubrette bei ihm! Die reine Haremsagentur nach Konstantinopel. Das sind ja Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmädels müssen mit den Metzgerburschen anbändeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das sag' ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich hochgehen!"
Behaupten mußte man sich, Respekt und Vertrauen einflößen. Zu Hause und im Ensemble. Dann würde man vor Gericht schon sehen!
Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunächst das Vertrauen der Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung nicht verfehlte.
"Kinder!" verkündigte sie eines Tags in der Garderobe, "nächstens gibt's eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!"
Das wirkte wie eine Brandbombe.
"Eine Gans?" fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen herum, als hätten sie nicht recht gehört.
"Ja, eine Gans!" versetzte Jenny mit Zier und äußerster Delikatesse, "eine Gans!" und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten, indem sie mit beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von Daumen und Zeigefinger Engelsflügel in der Luft bildete. "Piekfeine Sache! Oh, das Gänsefett! Das Kastanienfüllsel! Oh, die knusprigen Schlegel, und die Brust und die Gänseleberpastete!"
Jenny wußte die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort weidenden Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, daß Lydia, die gerade die tränenbenetzte Photographie ihres Emil am rechten Schenkel der übereinander geschlagenen Beine abgewischt hatte, den Arm sinken ließ und träumerisch verzückt an Jennys Augen hing.
"Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?"
"Werdet schon sehen!" tat Jenny geheimnisvoll.
Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstücke einer auf's Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung verfehlen.
Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage. Um den Finger konnte man sie wickeln. Pünktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm wie Tauben.
Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.
"Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?"
"Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzüglich. Alle drei Tage Geflügel. Das Geschäft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtes Haus. Aber sonst: glänzend!"
So und ähnlich sprach man im "Krokodil" und in der Umgebung des Künstlertischs.
Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi erfuhren von der Gans.
"Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!" meinte Herr Farolyi, "wenn er sich noch Geflügel leisten kann. Kinder, der hat gewiß Geld auf der Kasse. War ja ein Bombengeschäft damals, die "Indianer"!"
Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl. Weiß, ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schüssel.
"Sehen Sie mal, Laura: schöne Gans, was?--Aber die kriegen nichts davon", deutete Jenny gegen die Treppe, über die Lydia und Raffaëla kommen mußten. "Die sollen sich mal trompieren!"
Und die schöne Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten und lag nun hübsch gebräunt und knusperig, förmlich zerblätternd vor Knusprigkeit, auf derselben Schüssel, verschlossen im Büfett.
"Laura", sagte Jenny abermals, "glauben Sie, die kriegen was davon?" Und zeigte wiederum zur Treppe. "Nicht das Schwarze unterm Nagel! Geben Sie acht, was die für Gesichter machen werden! Das wird ein Fez! Jawohl: Gans! Husten werd' ich ihnen was!"
Als aber Raffaëla und Lydia kamen, öffnete Jenny das Büfett wie man das Triptychon eines Altars öffnet.
"Seht her", sagte sie, "die herrliche Gans!" Und sie nahm die Schüssel aus dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schüssel mit dem Haupt des Jochanaan hochhob, und Raffaëla schrie auf:
"Aehhh, die Gans!"
Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf die Schüssel zustürzend und sie umtanzend.
Lydia aber überkam es wie Verklärung. In den nächsten besten Stuhl sank sie.
"Die schöne Gans!" hauchte sie, ganz versunken und verträumt, mit gefalteten Händen und gottergebenen Augen.
"Wann wird sie gegessen?" Und ihr Unterkiefer bebberte gierig und erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den Kanarienvogel sieht.
Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.
Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib, die alle Anstalten machte, in den Besitz der Gans zukommen.
"Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie verspeist?" rief nun auch Raffaëla.
Lydia saß noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.
Und Jenny, amüsiert, grausam, pervers:
"Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht schon heute nacht. Je nachdem!"
"Wieso heute nacht?" dehnte Raffaëla betroffen.
"Nun", sagte Jenny, ganz grande dame, "vielleicht kommen ein paar Freunde von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinen Abschied."
"Aehhh!" rief Raffaëla, "wir kommen auch! Wir kommen auch!"
Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie beim Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand, dieses Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt. Ihres fernen Emils gedachte sie und glücklicherer, vergangener Zeiten. Salzige Tränen rannen ihr über die schlaff geweinten Wangen.. .
Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich mästenden Zynismus der beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, daß damit nur die Hälfte der Arbeit geleistet war.
Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer, dieser Idealist, dem es nicht paßte, daß Flamettis Flagge auf Halbmast wehte; der sich ganz persönlich betroffen fühlte von Flamettis Fehltritt und seinem Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.
Fräulein Laura, die gewiß an dem Meyer schürte, weil es sie jückte, selbst die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld einzuheimsen, statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.
Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung, die man im "Krokodilen" geschmiedet hatte.
Freilich mußte der Meyer sich einbilden, er könne so gut wie Flametti ein Varieté aufmachen. Was war leichter als das?
Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten Geschäftskniff, weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn auszuspannen.
Aber sie sollten sich verrechnet haben.
"Bis hierher und nicht weiter", sagte sich Jenny. "Wenn sie weggehen, sind wir pleite."
Max, dieser gutmütige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur ein Wort gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein böses Tier. Auf den Meyer ließ er nichts kommen.
Sorgfältig ging Jenny zu Werk.
Zunächst kaufte, sie sich den Engel.
Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt hatte, fragte sie ihn eines Abends geradezu:
"Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das der Meyer vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei heraussagen."
Engel wurde sehr verlegen.
"Was weiß ich von einem Ensemble!" stotterte er. "Da weiß ich nichts von." Und harmlos: "Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben, Herr Meyer und ich..."
"Mach' mir nichts vor!" unterbrach Jenny ihn streng. "Das haben wir nicht verdient um dich, daß du uns jetzt so kommst. Du wirst dich wohl erinnern, was du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen für dich. Nichts hat man auf dich kommen lassen. Du wirst dich wohl erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen und ausgehungert. Du wirst wohl wissen, daß Max dich in der Hand hat. Brauchst bloß an die Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht."
Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rückte den Stuhl hin und her, den er oben an der Lehne gefaßt hielt, ließ ihn tanzen auf dem einen Hinterbein.
"Jenny", sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten Barons, den die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten bis in die Retirade seines Landschlößchens verfolgen, "Jenny, ich kann nicht...., ich weiß nicht..... ich hab' dir nichts zu sagen.... ich weiß nicht, was ich dir sagen soll...." Doch sich erinnernd: "Ja, gewiß: es war wohl die Rede davon..."
Er räusperte sich. "Ja, ganz richtig! Aber du weißt doch Bescheid! Du kennst doch den Meyer! Bißchen litti titti!"
Als aber Jenny kurz abschnitt: "Na, schon gut! Laß nur!", da nahm er das für ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde, und bemühte sich, zart abzuschließen:
"Mir könnt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja abgedankt! Mir ist alles gleich!"
"Gut, gut!" sagte Jenny, "streng' dich nicht an! Ich weiß schon Bescheid!"
"Lena", sagte Jenny zu der früheren Pianistin, als die einmal wieder zu Besuch kam, "du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die Soubrette kommen. Die wollen doch weg von uns. Der Meyer will eine eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen, wie ich die ins Gebet nehme!"
"Wollte dir nur sagen", dienerte Lena, "daß ich die zwei Unterschriften mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine, von meinem Mann; hier die andere, von dem Leinvogel."
Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plättete sie mit der Hand, und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen abwartend an.
"Laß mal sehen!" sagte Jenny. Sie las. "Gut, gut. Hast du gut gemacht. Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink 'ne Tasse Kaffee!" Und sie goß Kaffee ein.
Es klopfte. Herein trat die Soubrette.
"Tag, Laura!" sagte Jenny.
"Tag, Fräulein!" sagte Lena versteckt.
Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer russischen Freundin, und eine grüne Strickmütze, von der ihr kurzgeschnittenes, struppiges Blondhaar vorteilhaft abstach.
Sie wollte Einkäufe machen, Meyer treffen, und für Jenny verschiedenes mitbesorgen.
Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.
"Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!"
Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich.
"Eigentlich habe ich Eile", meinte sie.
"Na, setzen Sie sich nur!" sprach Jenny ihr zu, "behalten Sie Ihr Jackett nur an!"
Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugießen.
"Wir sprachen gerade von unsrem Prozeß", begann Jenny. Sie wußte, daß es zunächst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation Flamettis auszureden.
"Ja, wir haben gerade vom Prozeß gesprochen. Jetzt ist es aus mit der Güssy, aus mit der Traute. Jetzt können sie einpacken, die beiden. Sehen sie her: da haben Sie's schwarz auf weiß!" Und sie zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere, die Lena mitgebracht hatte.
Lena lächelte.
Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Mütze ein wenig zurück und las.
Aber dann lächelte auch sie, nicht unhöflich, nur etwas ironisch und gab die Papiere zurück.
"Glauben Sie, daß das etwas nützen wird?" fragte sie maliziös. Die Wahrheit der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres ein. Auch schien sie Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der unterschriebnen Persönlichkeiten. Lenas Gemahl war eben aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen Wellblechdiebstahl zwei Monate Aufenthalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel war Laura nicht bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere Notabilität.
Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen besessen und käuflich erworben zu haben.
Jenny riß der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie zusammen und lächelte:
"Ob das wirken wird! Ob das nützt! Da hat man's ja schwarz auf weiß, was das für Dämchen waren! Und außerdem: fechte ich ihre Glaubwürdigkeit an."
Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte mit einem mitleidigen Achselzucken.
Lena war sichtlich überrascht.
"Was heißt anfechten?" nahm die Soubrette jetzt offen die Partei ihrer Kolleginnen.
"So?" schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz. "Ich habe die Beweise!"
Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: "Die eine hat einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen Stube. Die andre hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen sie Rippchen brachte--damals war sie noch Kellnerin--ins Krankenhaus gebracht und drei Jahre Arbeitshaus dafür abgesessen...!"
Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fügte sie bei: "Von Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen. Aber was tut man nicht!"
Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung abzuwarten.
Lena lächelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm dich in acht!
"Die sollen mir nur kommen!" fuhr Jenny gefährlich fort, "die sollen was erleben! Die haben's nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen Unbescholtenheit! Von wegen Mißhandlung!"
Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründe verfingen nicht. Ein neuer Beweis, daß Komplotte geschmiedet waren. Der Soubrette schien es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinen Prozeß verlor oder gewann. Ja, sie schien bei Jennys heftigen Argumenten nur noch entschiedener abzurücken. Unerhört!
Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, daß der Anschlag mißglückt war, sondern daß jetzt alles auf dem Spiele stand.