Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

Part 11

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Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geändert. Es war nicht die alte Fuchsweide mehr. Ein neues Polizeiregiment war aufgekommen. Ein andrer Inspektor. Es wehte ein schärferer Wind.

Die Annehmlichkeiten des "Krokodilen" waren die alten. Das Klavier vorzüglich. Die Heizung brillant. Biermarken im überfluß.

Aber die Polizei hatte heftige Lücken gerissen ins Publikum. Hin war der mondäne Glanz. Hin war die Freude. Verschwunden die Habitués. Verschwunden der "Totenkopf" und seine Schwester. Verschwunden Fräulein Amalie. Verschwunden Herr Pips. Verschwunden der Herr Krematoriumfritze, der all sein Geld verjuckt und mit der Dame in Feldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhältnis auf Gegenseitigkeit unterhalten hatte.

Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein "Organ": "Die Zündschnur. Organ gegen die Übergriffe der Polizei und des Kapitalismus", redigiert von Herrn Dr. Asfalg, einem ehemaligen Freund und Studiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns.

Herr Dr. Asfalg, ein Schwärmer und Utopist, ließ sich die Interessen der Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein.

Als der neue Polizeihauptmann, Herr Adalbert Schumm, eines Tages höchst persönlich im "Krokodil" erschien, um nach dem Rechten zu sehen, kam es zu ganz privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen zwischen ihm und seinem ehemaligen Keilfuchs, und die Szene endete so, daß Herr Polizeihauptmann Schumm, der incognito da war, den Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen mußte, weil ihn anders das schwere Geschütz des Dr. Asfalg, eine Gruppe Schlachthausgehilfen, in Grund und Boden geschlagen hätte.

Und wenn auch Herr Dr. Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle Gebiet hinüberspielte, so waren doch solche erregte Läufte den Musen nicht günstig.

Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte:

"In allen Konzert--und Vergnügungslokalen der Fuchsweide untersage ich hiermit ab 1. Dezember die Schaustellung wilder Tiere, dressierter Löwen, Bären, Affen; Bärenringkampf, singende Schakale, sogenannte Meerweibchen etc. Dergleichen untersage ich die Verwendung von Schlagzeug, große Trommel, Pauke, Tschinelle, Schrummbaß bis auf weiteres. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird mit Polizeibuße bestraft bis zu dreihundert Franken."

Und Herr Dr. Asfalg erwiderte in der "Zündschnur":

"Wir kennen die wilden Tiere, Tiger, Füchse und Affen der Polizei. Es bedarf keiner Hinweise. Wir werden uns bemühen, sie um die Ecke zu bringen.

Wir kennen auch den Schrummbaß der Polizei. Es ist ein Instrument, das rasselt, wenn man es auf den Boden stößt. Wir werden dahin wirken, daß auch dies Instrument verschwindet.

Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit. Wir werden in Unterhosen die Nationalhymne singen. Wir werden in Schnurrbartbinden unsre Ensembles aufführen, statt uns Masken zu schminken. Wir werden uns Bäuche stopfen und Scheitel ziehen wie sie Herr Adalbert Schumm zur Schau trägt, und werden auf diese Weise hottentottischer wirken als, nach dem Urteil der Polizei, alle wilden Tiere und Pauken zusammengenommen." ("Zündschnur", Nummer 3, vom 18. Dezember).

Und ein andermal, (Nummer 4, Seite 3): "Man lasse dem Volk seine harmlosen Freuden. Wie sagt doch der Dichter: "Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium!""

"Jene aber, Verräter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus, dem Leben seinen holden Schimmer, seinen Flaum zu nehmen. gez. Dr. A."

Und als eine neue Razzia stattfand, konnte man in der "Zündschnur", Nummer 6, Jahrgang I, die Sätze lesen:

"Freunde! Mitbürger! Genossen!

Hört! Euer Bestes, euer Gemüt ist verdächtig. Vor Gericht ist alles Gemüt verdächtig. Gemüt kennzeichnet unseren Henkern Menschen, die auf suspekten Wegen gelitten haben und zermürbt sind. Gemüt ist für sie Opposition und Verschwörung. Gemüt ist das Merkmal von Menschen, die renitent sind, waren oder sein werden. Gemüt ist Eigendünkel und eine Gefahr für sie. Leute von Gemüt gehören in Untersuchungshaft. Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten von ihnen. Legt euer Gemüt ab!"

Bei solchen Ergüssen war es erklärlich, daß das Geschäft litt, daß sich die Habitués verflogen.

Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite sehr angefeindet. Sein ironischer Ton war leicht mißzuverstehen.

"Legt euer Gemüt ab!", das konnte auch heißen: Meidet die Vorstellungen! Gebt keine Gelegenheit, euch zu fassen!

Das mußte dem Publikum Angst einjagen, es abhalten, zu kommen.

Der Dr. Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit, begann der Sache zu schaden. Und erreichen, der Polizei gegenüber, konnte er doch nichts. Sie hatte die Macht. Sie hatte vom Staat die Befugnis, zu "säubern". Und wenn man Sauberkeit, Ordnung und Rechtlichkeit anerkannte, dann mußte man auch die Polizei anerkennen.

Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang es, den Besuch ein wenig zu heben.

Neben herausgebügelten Bauernweibern, die in der Stadt ihre Einkäufe besorgten, saß ein französischer Invalide, dem beim Aufstehen die Krücken fielen. Neben dem Seifensieder, den die Reklameaufsätze der "Zündschnur" angelockt hatten, saß eine brotlose Köchin, voller Entschluß, unsittlich zu werden und sich im Varieté den entscheidenden Stoß zu holen.

Dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhohe Rechnungen über gehabte Extraschnitzel, Hähnchen, Schnecken der Damen Raffaëla und Lydia, die unter Nichtbegleichung der Zeche Knall und Fall abgereist waren.

Man trat im "Krokodil" jetzt auf in Jennys neuen Orangekostümen.

Es war eine Sensation.

Jenny in diesem Matrosenkostüm sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen. Rosas gemäßigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrückten Waden wie gedrechselt aus einem Stück, ohne Gelenke und Knöchel. Die Spatzenbeine der Soubrette gaben der Linie der drei Chanteusen einen wenigstens in der Perspektive harmonischen Abschluß.

Interessanter wurde das Bild, wenn die drei Damen sich dann vom Profil her boten.

Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier:

"Da geh'n die Mädchen hin, Da sitzt der Jüngling drin, Da ist's, wohin sich alles zieht."

Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach. Die hinterste Hosennaht der Matrosenkostüme, prall ausgefüllt mit Unterwäsche, schwankte, zuckte, zackte.

Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender Eleganz.

Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger ästhetische als moralische Gründe.

Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht länger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung schwand. Der Respekt der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung. Man kam dahinter, daß die Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war.

Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus. In früheren Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben. Noch jetzt fand man unten am See, wo die Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen und zufälligen Gängen Kupfer--und Silbermünzen, die beim Wegschleppen der Gelder zu Boden gefallen waren.

Es stellte sich auch heraus, daß Lydia und Raffaëla keineswegs Artisten von Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermaßen schon an der Mutterbrust in Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: Frau Scheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie zum Zirkus ging und sich Donna Maria Josefa nannte.

Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, mühevoll Renommee und Distanz zu wahren.

Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf in der Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.

"Ach, mein Emil! ach, mein Emil!" jammerte sie und die Tränen standen ihr in den Augen.

Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr aus.

"Ach, Emil! ach, Emil! wer hätte das denken können!"

Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer herunter, während der Vorstellung, um sie den Gästen zu zeigen.

"So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn sicher schon totgeschossen!"

Und wenn sie dann die Photographien ansah--da stand Emil Leporello, freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt, die Beine übereinander geschlagen--und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Fraß überlassen dalag und nach ihr rief: "Lydia, hierher, zu mir!" dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes Heulen und war untröstlich.

Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiß noch in der Kaserne, und wer weiß, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne, hinauskomme in den Schützengraben.

Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung innerhalb des Ensembles.

Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann langsam wieder die Oberhand.

Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der Schlangenmensch, unter dem überragenden Druck der Begabung Leporellos nicht länger leidend, arbeitete sich unter täglichen Trainagen und Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.

Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozeß, und als man erfuhr, um was für einen Prozeß es sich handelte.

"Kinder!" rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, "habt ihr gehört, was der Alte für einen Prozeß hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!"

Sie setzte sich--es war im Zimmer des Pianisten und der Soubrette--und ließ die Hand auf die Tischkante fallen.

"Das ist nichts Neues", meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über die Schulter zurückwarf. "Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen."

"Ja, Kinder, das ist ja die Höhe!" rief Raffaëla in ihrer emphatischen Weise. "Die stecken ihn ja ins Zuchthaus! Was machen wir nur?"

"O jeh!" winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge. Sie wußte noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.

Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.

"Hm, so was!" sagte sie und nickte sorgenschwer. "Das ist doch ein Skandal! Der alte Esel!"

Man wohnte jetzt im "Krokodil". Lydia, Raffaëla und Lottely, der Pianist und die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu den Mahlzeiten ging man hinüber in Flamettis Wohnung.

Herr Meyer kam zurück von der Bibliothek. Er arbeitete noch immer an seinem Apachenstück.

"Vor allem eins", sagte er. "Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen sehen. Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten Fall machen wir selbst ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Leute, die alle etwas können. Engel macht seine Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen. Sie beide tanzen. Ich spiele Klavier. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir keinen Erfolg hätten. Außerdem habe ich ein Apachenstück geschrieben, glänzend. Das führen wir auf. Aber: Diskretion!"

Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im "Krokodil" waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer, mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten. Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufällig horchte, war man verkauft und verraten.

Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.

"Nein, nein", sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, "ich hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müßt ihr streichen."

Und sei es nun, daß er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte, oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum "Friedhofsdieb": er lehnte ab, gab es auf, "verzichtete auf seine Mitwirkung".

Meyer war überrascht.

"Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht."

Aber Engel zuckte die Achseln:

"Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu schreiben und fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen. Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eine Vertretung an. Ich habe Beziehungen."

Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand: "Original--Ideal--Perplexund Simplex-Mühlen Schrot--und Mahlmühlen für Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung."

Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem, völlig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd, durchs Zimmer.

"Da ist nichts zu machen", bedauerte Meyer.

Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen und sagte:

"Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund."

"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."

Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "Moderne Sklavenhalterei", worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare Geschäfts--und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

"Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht", hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.

"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz wilder Gelage, als Treff--und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert."

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.

Beim großen Artistenfest in der "Weißen Kuh" reichte man sich den Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit verständnissinnigem Lächeln und unterdrücktem Gezwinker.

Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei Ferrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.

"Schweinerei von dem Menschen", erklärte Herr Köppke mit der Resonanz eines Gemeindesängers, "Blamage für unseren ganzen Stand. Die Konzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluß aus dem Klub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!"

Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge "Edelstein", deren Logenbruder auch Flametti war.

"Haben Sie schon gelesen?" sagte Herr Köppke und steckte Meyer das "Intelligenzblatt" zu. "Lesen Sie mal!"

Und Herr Meyer las, und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinen Platz zurück.

Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der "Rabenschmiede", einige Tage später, daß zwei Tische und drei Stühle in Trümmer gingen, sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen, die der Beizer der "Rabenschmiede" aus seinem Privatbesitz zur Ausschmückung des Lokals herangezogen hatte.

Das Renommee Flamettis ging flöten. Langsam, aber sicher.

Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war Mutter Dudlinger, die ihm, stets lächelnd, im Hintergrund heimlich die Stange hielt.

Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.

Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschäft auch täglich schlechter ging.

Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch das Lokusfenster über die Dächer entkam, da schloß Mutter Dudlinger die offene Hand und versagte.

Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen.

Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache. In der Garderobe saßen sie herum, wenn das Klingelzeichen längst gegeben war. Sie beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch legten sie Wert darauf, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen. Herr Meyer war gezwungen, von Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu spielen. Andere Nummern mußten eingeschoben werden, weil Raffaëla mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt, weil Lydia zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt hatte.

Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm auf der Nase.

Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte, nahmen sie wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie vergaßen dann ganze Reihen zu kassieren, tauschten Späße mit den Gästen und schienen auf alles andere eher bedacht als auf gute Kassierung.

Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten, die Flametti ihnen zu bieten hatte.

Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee. Flametti und Jenny schliefen dann noch.

Sie drangen in die Küche, schoben die blöde Rosa beiseite und durchstöberten Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was ihnen bei solcher Razzia in die Hände fiel, aßen sie auf.

Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie voll Brot, Kaffee und Gelee, daß der Mund des Kindes aussah wie ein Kleistertopf.

Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch, unverschämt und gefräßig.

Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien die Platte mit Fleisch oder Gemüse, so hatte sie schon die Gabel oder den Löffel zur Hand, und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, ging leer aus.

Sie aßen systematisch, überzeugt, mit Absicht. Sie aßen, als gelte es Vorrat zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron, der ihnen durch seinen ganzen Prozeß, durch sein ganzes schuldbewußtes Benehmen die Überzeugung eingab, es komme nun nicht mehr drauf an, Rücksicht walten zu lassen.

Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen Flametti und drohte klug: "Du, du!" schlug mit dem Suppenlöffel auf den Tisch, daß die Körner der Reissuppe spritzten; schnellte sich in unbewachten Momenten mit beiden schmutzigen Schuhchen auf dem gebürsteten Plüschsofa, hopsend und krähend; warf die große steinerne Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauß um, hinter der Tür; heulte und quäkte.

Mutter und Tante aßen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo, unbekümmert, sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschäft es ist, möglichst viel Fraß zu schlucken und zu verdauen.

Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eine Geigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.

Leider: sie war nicht geschaffen fürs rauhe Leben. Von einer gottergebenen Friedlichkeit war sie und Naivität. Hatte bis dato ihr Brot verdient durch Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen und Spelunken der Fuchsweide.

Erst war sie mit dem Zitherkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte sie das Violinspielen gelernt.

Bleichsüchtig und hager, von einer rührenden Gottseligkeit war sie. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernähret sie der Herr.

Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes Nachtlager gegeben, wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf der Straße irrte.

Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.

Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, daß man ihr wirklich nicht böse sein konnte.

"Soll ich mal was spielen?" fragte sie harmlos.

"Ja, fiedel mal los!" sagte Raffaëla.

Aber die Geigen-Marie genierte sich.

"Draußen in der Küche", sagte sie forsch.

Und sie ging hinaus in die Küche, öffnete den Schalter, damit man auch drinnen etwas hören könne, und dann spielte sie los. "Stille Nacht, heilige Nacht", oder "Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen", oder "Die Rasenbank am Elterngrab".

Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an, als wolle sie fragen:

"Na, wie war's? Schön, nicht wahr?"

Aber Lydia meinte:

"Komm' mal her! Was hast du denn da für ein Fähnchen?" und zog ihr ein kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz.

Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.

Den Brustlatz knöpften sie ihr auf. Ihre Strumpfbänder sahen sie nach, den Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den Fingern.

"Ja", meinte Raffaëla bedenklich, "wenn du zu uns ins Ensemble willst, da mußt du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper. Zeig' mal her!"

Und die Geigerin, immer freundlich lächelnd, ein Sonntagskind, zog sich aus und zeigte ihre Beine.

Raffaëla krähte vor Vergnügen.

"Ja, das ist ganz gut", sagte sie, "bißchen mager, aber es geht schon. Kannst du auch tanzen?"

Nein, tanzen konnte sie nicht.

"Mußt du noch lernen. Eine Tänzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du nebenbei."

Marie war argwöhnisch geworden.

"Ihr macht Spaß mit mir!" sagte sie ein wenig rauh und erkältet.

"Nein, nein", versicherte Raffaëla, "das ist bei uns anders als bei der Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muß man herzeigen, was man zu bieten hat."

Flametti fühlte sehr wohl, daß die Frivolität dieser Szene nur gegen ihn gerichtet war; daß man sich lustig machte.

Auf dem Sofa saß er, dunkel vor Wut und Scham, und biß sich die Lippen.

"Zieh' dich an!" sagte er zu der Geigerin. "Du spielst sehr gut. Mancher wär froh, wenn er so spielen könnte. Kannst heut' abend in die Vorstellung kommen und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn du Lust hast, kannst du den Herrn Meyer begleiten zum Klavier."

"Das ist wohl zu schwer", meinte Marie.

"Ja, dann ist nichts zu machen", bedauerte Flametti, "dann kann ich nicht helfen."

"Tut nichts", lächelte die Geigerin, "dann geh' ich wieder in die Wirtschaften und spiel' auf."

Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein.

Einige Tage später, als Flametti die Gagen auszahlen wollte, entdeckte er zu seinem Schreck, daß Quittungen über à conti, die er an Raffaëla, Lydia und Bobby ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte, aus seinem Quittungsblock verschwunden waren.

Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt, daß an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.

"Das ist doch die Höhe!" rief Jenny, ganz in Raffaëlas Weise, "das ist doch die Höhe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die Quittungen wieder beigeschafft haben. Du zeigst sie an. Das ist Einbruch. Sie haben die Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den Verdacht auf den kleinen Bobby lenken. Sie haben einen Dietrich gehabt. Das sind Verbrecher. Das läßt du dir nicht bieten!"

Aber Flametti lächelte, bitter und verlegen: "Wer kann's ihnen beweisen? Die Quittungen sind fort. Ein Eßtisch ist kein Kassenschrank. Vielleicht hatte ich nicht abgeschlossen. Vielleicht hab' ich selbst die Blätter in der Aufregung herausgerissen. Laß nur! Die paar Franken tun's auch nicht!"

Und er zahlte die vollen Beträge aus.