Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten
Part 8
Man hat daran gedacht, daß die gewiß riesenhaften Gebirgsbildungen der Steinkohlenzeit eine besondere Ursache für so lange Verlandungsdauer abgegeben hätten, indem sich im Verhältnis zur Gebirgsauffaltung anderswo der Meeresgrund vertieft hätte, so daß die Wasser sich in diesen großen Tiefen mehr ansammeln und das Land überall stark freigeben mußten. Die spätere lange Wasserperiode im Jura und Kreide forderte dann umgekehrt eine zeitweise Wiederaufwölbung der Ozeanböden, bei der die inzwischen durch Mangel an Gebirgsbildung und Verwitterung flacher gemachten Erdteile neuerlich stark überströmt wurden. Und es würde dazu stimmen, daß auch im weiteren Verlauf der Dinge, in der auf die große Wasserzeit folgenden Tertiärperiode, wieder Gebirgsfaltungen in größter Pracht auftraten, während zugleich sich abermals Verlandung einleitete: da wäre dann abermals Tiefsee als Gegenspiel entstanden, wie wir sie ja heute noch reichlich besitzen. Die Theorie hat gewiß etwas Sinnreiches, nur erklärt sie nicht, warum sich außer diesem Land- und Wasserwechsel noch in den jetzt folgenden vier Epochen das Kartenbild so entscheidend geändert hat, und warum gewaltige alte Festländer in der Atlantis und in Gondwanaland nach Abfließen der Jura- und Kreidewasser überhaupt nicht mehr da waren und niemals wiederkehrten, auch bei neuer Verlandung nicht. Und so bleibt auch in ihr einstweilen das Unzulängliche aller noch so geistvollen anderen »Erklärungen« für die Leitzüge der Geographie der Urwelt. Aber _daß_ periodische, zyklische Bewegungen der Dinge auch in dieser urweltlichen Land- und Wasserverteilung immer wieder irgendwie hervortreten, einerlei was diesen »Rhythmus« nun bestimme: darüber kann rein tatsächlich wohl kein Zweifel sein. Jede Erklärung wird ihn berücksichtigen müssen. Die Urgeographie lief weder einseitig vom Land zur Sintflut, noch von einer Ursintflut zu unhemmbarer Vertrocknung; sondern sie ging durch beständige Abwechslungsperioden. Und es ist ja dieses Periodische, das auch sonst immer so deutlich die Urweltsdinge beherrscht. So wenig wir beispielsweise vom Zusammenhang des urweltlichen Klimas unmittelbar mit diesem Kartenwechsel wissen: Periodizität zeigt sich in ihrer Weise genau so auch bei diesem Klima. Die Urwelt geht nicht von Urhitze sich mäßigend zur Eiszeit; sondern sie zeigt lange Zeiträume großer Wärme mit Trockenheit, die Wüsten begünstigt; dann wieder gerade umgekehrt feuchtes Klima; feuchtwarmes, aber auch feuchtkühles, das sich wiederholt zu Eiszeiten steigern kann; auch das aber wieder endend, sich erwärmend, trocknend, -- in einem Auf und Ab, das wie geschaffen scheint, alle hübsch geradeaus gebauten Theorien zu ärgern. Schließlich ist dieser Reichtum aber doch noch willkommener, als alle graue Theorie. Unser Planet ist geschichtlich und aller Wahrscheinlichkeit auch noch zukünftig eben ganz anders beweglich, als wir je geahnt hatten, ganz anders stets weiter arbeitend und jung auch inmitten seines Jahrmillionenalters. Nichts verrät, daß wir heute oder absehbar am Ende jener Periodizitäten angelangt wären.
Was wir von der Permkarte der Nordfestländer wissen, sind fast durchweg Verlandungstatsachen. Wo das obere Karbon bloß Inseln und Halbinseln geschaffen und in seinen Mulden mit den üppigen Steinkohlenwäldern doch gelegentlich immer noch kleine Einbrüche des Meeres gehabt hatte, schloß sich überall jetzt die Feste im großen aneinander. Die Nordfestländer im ganzen arbeiteten auf eine ersichtliche Vereinigung los. Mehrfach scheint die Tethys durch Brücken bedroht gewesen zu sein, die sie allerdings immer noch wieder nach einer Weile zerbrach. Das merkwürdige Davismeer bestand zwar einstweilen noch fort, hat sogar möglicherweise vorübergehend Anschluß bis zur Tethys gehabt. Dafür schlossen sich aber andere Risse auf lange jetzt. Seit alters war ein offener Wasserweg stets zwischen Nordamerika und Asien in der Richtung der heutigen Beringstraße gewesen. Es lag hier nicht eigentlich ein Spaltendurchbruch, sondern von Anfang an war über den Fleck weg freies Gebiet noch des ungeheuren urgegebenen Stillen Ozeans gewesen. Jede größere Verlandung in Ostsibirien und der Alaskaecke Nordamerikas mußte aber die Norderdteile auch hier einander annähern. Und so bahnt sich schon im oberen Karbon ein Verschluß an, der jetzt nach den letzten Schwankungen des Perm auf lange zum Dauerzustand wird: man kann trocken von Nordamerika nach Asien gehen. Die wichtigste Sache aber betrifft wieder das uralisch-russische Meer zwischen Europa und Asien. Wie schon gesagt: es schickt sich ebenfalls an, vorerst wieder zu verlanden. Zunächst trocknet es im Süden gänzlich aus, da, wo es vorher um das letzte Kap Europas mit der Tethys zusammengeflossen war. Wohl möglich, daß gerade mit dieser zunehmenden Austrocknung durch Bodenhebung, die vielleicht ähnlich auch von Norden allmählich vorrückte und die Mitte des Spaltenmeeres einengte, ein kleines geologisches Ereignis zusammengehangen hat, das für die zweite Hälfte des Perm bei uns in Deutschland, wenn man auf seine Ablagerungen stieß, stets den Eindruck einer gewissen doch wieder sich durchsetzenden Meeres-Transgression gemacht hat. Irgendwie brach nämlich von dem beengten russischen Meer eine Art Flutwelle seitlich aus, die bis nach Europa vordrang und eine Weile zwischen Skandinavien und den großen südlichen Gebirgszügen große Teile von Deutschland und England noch einmal seicht unter Wasser setzte. Deutlich kann man am heute noch erhaltenen Gestein erkennen, wie es seit dem Karbon auch diesen Gegenden gleich dem ganzen Nordgebiet der Landseite der Erde überhaupt ergangen war. Das feuchte Klima der Karbonzeit hatte mit Heraufgang des Perm abermals trockenem Wüstenklima Platz gemacht. Wieder bildeten sich ungeheure Schuttstätten, die uns heute noch in roten Sandsteinen deutlich werden; es sind die jedem Bergmann so vertrauten Schichten des sogenannten »Rotliegenden«. In diesen neuen nordischen Weltwüsten gingen die schönen Steinkohlenwälder ein. Wo noch Pflanzenwuchs möglich war, siedelten sich dafür mehr hitzeharte Nadelhölzer an. Über diese Stätte schwemmte nun bei uns eine Weile Meer. Das _Zechstein-Meer_, wie man es nach seiner bezeichnenden Schlammablagerung, dem heutigen Zechstein, nennt. Langen Bestand hatte es aber nicht. Zur Mittelmeer-Tethys konnte es nicht durchbrechen wegen der mitteleuropäischen Gebirge. Von Rußland ohne Nachschub gelassen, verdampfte es allmählich zu Salzpfannen und verschwand endlich spurlos wieder, die rote Wüste kam auch zu uns zurück. Im ganzen offensichtlich doch nur ein rein örtliches Ereignis.
Man würde aber überhaupt von der Permperiode geographisch-geologisch weniger reden, wenn nicht gerade sie dadurch berühmt geworden wäre, daß man jetzt einmal etwas mehr vom Südkontinent, vom wunderbaren Gondwanaland, erfährt. Es ist erzählt, daß Gondwanaland wahrscheinlich seit dem Kambrium bestand, Südamerika, Afrika, Indien, Australien einend. Die Überflutungszeiten hatten sich auch an seinen Grenzen gelegentlich geltend gemacht, aber von keinem Längsspalt ist etwas bekannt, der es in all der Zeit ganz durchbrochen hätte. Und so kam es auch bis ins Perm. Trotz dem meist trennenden Vorhandensein der Tethys ist nun aus jenen älteren Tagen nichts von besonderen Unterschieden seiner Oberflächenverhältnisse gegenüber den Nordländern bekannt geworden. Es hatte offenbar auch seine älteren Wüstenzeiten, und im Karbon wanderten auch in ihm die echten Steinkohlenpflanzen bis in die entlegenen Gegenden von Argentinien im heutigen Südamerika, Queensland und Viktoria in Australien, das Sambesigebiet in Südafrika ein. Im Beginn des Perm aber muß auf diesem Gondwanaland etwas vorgefallen sein, das uns noch immer in vieler Hinsicht rätselhaft ist. In Vorderindien, im Kapland, in Australien, überall wo heute noch Restblöcke seiner Mittel- und Ostseite stehen, finden wir im Gestein aus dieser Zeit die ganz unzweideutigen Spuren gewaltiger Eiswirkungen. Der Gesteinsgrund ist geschliffen und geschrammt, bezeichnend gekritzte und geschliffene lose Trümmer liegen genau in der Weise zerstreut und eingebettet, wie wir das von den sogenannten Grundmoränen unserer heutigen und der diluvialen Gletscher so genau kennen. Man findet, wie gesagt, wenigstens vermutliche kleine Gletscherspuren schon in noch älteren Erdperioden als diesem Perm. Obwohl seltsamerweise die Polargebiete früher nicht vereist waren, liegt es doch nahe genug, daß die schon so früh vorhandenen großen Gebirge gelegentlich Gletscher entsandten. Daß die riesigen deutsch-französisch-englischen Alpen der Steinkohlenzeit nicht auch ihren Firnschnee und ihre Gletscher gezeigt hätten: wer will das ohne weiteres abweisen? So hat man sich gedacht, daß auch Gondwanaland sich damals zu größten Teilen mit ungeheuren Hochgebirgsfalten bedeckt hätte, die entsprechend ihre Riesengletscher selbst in tropischen Breiten zu Tal schoben, und Anzeichen solcher Gebirgsbildung sind in der Tat vorhanden. Aber die indischen Eisspuren weisen in den Einzelheiten nicht bloß auf einfache Alpengletscher. Die Eisströme müssen an der Küste bis ins Meer, in die Tethys hinein geflossen sein, und die Schlammküste muß zeitweise winterlich hart gefroren sein. Das aber im tropischen Vorderindien! Da muß man doch zu den Gebirgen auch noch einen wirklichen Herabgang der Gesamttemperatur annehmen. Man braucht ja nicht gleich an Binneneis zu denken, das damals etwa vom Südpol kommend ganz Gondwanaland bis über den Äquator fort bedeckt hätte, wie in der späteren diluvialen Eiszeit das skandinavische Eis unser Norddeutschland. Dafür spricht nichts, und die Richtung der Eismassen ging den Spuren nach ziemlich sicher nicht überall vom Süden, also der Polrichtung aus. Über das Verhältnis von Gondwanaland zu diesem Südpol und seinem heutigen Landrest wissen wir ja vor der Hand überhaupt leider gar nichts. Vieles deutet auf schon frühes Vorhandensein eines antarktischen Meeres; inwiefern aber doch wenigstens einzelne Festlandanschlüsse auch hier bestanden haben könnten, bleibt einstweilen offen. Hoffentlich bringt die jetzt glatt fließende Erforschung der heutigen großen und gebirgigen Südpolarklippe uns da einmal Aufschluß -- ein geologisches Problem, das noch mehr wiegt als die Bezwingung des Pols selbst. Aber auch ohne die ungeheuerliche Vorstellung eines solchen äquatorialen Binneneises wird man eine »_permische Eiszeit_« für das Gondwanaland zugeben müssen, die den Gletschern damals weit, weit tieferen Abstieg und der Küste selbst in tropischen Breiten weit, weit rauhere Winter als heute beschert hat. Die Ursache bleibt einstweilen völlig im Dunkeln, und nur die _Tatsache_ einer solchen schon viel früheren Eiszeit der Urwelt, die wesentlich über die Südhalbkugel ging, muß von nicht abzusehendem Wert für uns sein. Als diese Kälteperiode auch dort dann wieder vorüber war, sehen wir die Küsten von Gondwanaland im Rest des Perm bedeckt mit einer neuen und eigenartigen Farnflora, die von der früheren des Karbon und aller nordischen überhaupt wesentlich abweicht. Spärlich ist sie nur auf gelegentlichen Tethysbrücken von sich aus noch nachträglich hier und da auch drüben ins nordische Randgebiet eingedrungen. An ihrem Fleck aber kann man sich schwer der Meinung entziehen, daß sie dort ein Ergebnis eben jener klimatischen Katastrophe, eine örtliche Anpassung war. Das Farnkraut ~Glossopteris~ ist ihr typischer Vertreter, zugleich also jetzt eine recht eigentliche »Gondwanapflanze«. Ganz ähnliche Verhältnisse aber gewahren wir in der Tierwelt. In den feuchten Karbonwäldern war allgemein der Molchfisch zum wirklichen Molch geworden. Im Perm gestaltete sich jetzt der Molch mehr und mehr zum Reptil. Das nacheiszeitliche Gondwanaland aber scheint das wahre Paradies der Urreptile gewesen zu sein, wie denn heute noch das letzte überlebende, die seltsame Brückeneidechse, nur auf einer seiner Restklippen, auf Neuseeland, fortdauert. Unheimliche Gesellen dieser Art haben uns besonders die Gesteine der alten Gondwanaecke, die das heutige Kapland darstellt, aus dieser und der folgenden Erdepoche im Skelett bewahrt. Da lebte der Pareiasaurus, der halb wie ein Krokodil, halb wie ein krummbeiniger Teckelhund aussah. Der Vergleich mit dem Säugetier ist dabei kein weit hervorgeholter. Aus diesen Urreptilen von Gondwanaland scheinen sich allen Ernstes damals auch die Säugetiere dort entwickelt zu haben. Auch für diese so wichtige Tiergruppe, die es bis zum Menschen bringen sollte, ist es schwerlich ein Zufall, daß ihr urtümlichster Vertreter, das noch reptilienhaft eierlegende Schnabeltier, sich bis heute nur auf Gondwanaresten, in Australien und Neuguinea, lebend erhalten hat. Ein ganzes Buch ließe sich schreiben von den Wundern des Gondwanalandes von damals, von den Rätseln und Zeichen, die es gab.
Doch wir verfolgen die rein geographische Linie weiter. Da ist denn kaum ein Zweifel, daß die nunmehr folgende _Triasperiode_ einen Höhepunkt der Verlandung enthält. Nie ist das alte Erdbild in einfacheren Umrissen geregelt gewesen. Geologischer Brauch läßt mit dieser Epoche das zweite Hauptweltalter beginnen, die Sekundärzeit. Geographisch aber erscheint gerade hier die ursprüngliche Länderverteilung, wie sie vom Kambrium heraufkommt, noch einmal in ihrem reinsten Glanz, wenn schon im Abendrot. Südhälfte und Nordhälfte der Landseite unseres Planeten liegen sich zeitweise noch einmal als ganz geschlossene Massen gegenüber. Zwischen Nordamerika und der Atlantis ist der Daviskanal verschwunden, beide Erdteile bilden wieder einen durchaus geschlossenen Block. Dabei ist Nordamerika größer als heute. Und ebenso ungeheuer ragt Asien. Zwischen Europa und Asien aber ist das uralische Meer jetzt ganz ausgetrocknet. So verschmilzt Europa endlich doch wieder östlich mit Asien. Aber da es zugleich westlich noch mit der Atlantis ebenso lückenlos zusammengeschmiedet bleibt, so vollzieht sich jetzt zuletzt noch die größte Tatsache: Nordamerika, die Atlantis, Europa und Asien verwachsen zu einer einzigen unfaßbar riesigen Kontinentalmasse, die jetzt würdig dem drüben ebenso geschlossenen Gondwanaland Gegenpart hält. Die Tethys trennt bloß noch zwei Erdteile. Als auch diese Tethys selbst noch mehrfach überbrückt wird (es scheint bei Panama, Spanien und in Indien geschehen zu sein), erreicht die Verlandung ihren unbestrittenen Gipfel. Wenn wir uns die Beringstraße auch jetzt noch geschlossen denken, so bildete der Nordkontinent sogar einen Polarring von Land um die ganze Nordhalbkugel. Ebenso einfach in den Umrissen wie abweichend von heute muß die Erde mit diesem nördlichen ganzen und südlichen halben Landring von weitem ausgesehen haben, wobei der ausgesprochene Wüstencharakter, der auch diese Trias beherrschte, den Landmassen auch jetzt wieder eine grell gelbrote Färbung ganz im Sinne der heutigen Oberfläche des Mars verliehen haben muß.
Im Verlauf der langen Epoche stellt sich dann wenigstens die Tethys wieder ganz her, auch sie in der Reinheit ihrer Linie zwischen zwei jederseits lückenlos fortlaufenden Ufern vom Stillen Ozean bis wieder zum Stillen Ozean gleichsam noch einmal das Ideal ihrer uralten Versuche und Erfolge seit Jahrmillionen verkörpernd. Indem sie sich breiter noch durchzusetzen sucht, vereinigt sich eine Weile aller Wechsel zwischen Wasser und Land auf Erden nur bei dem Kampf zwischen ihrer geraden Mittelstraße und der einheitlichen Nord- und Südküste. Hier, dort greift sie bald etwas mehr, bald etwas weniger über die beiderseitigen Kanten vor. Und in die Abenteuer dieses Spiels wird eine Weile gerade wieder Europa verwickelt.
Europa war, wir erinnern uns, ursprünglich Halbinsel an Asien; dann wurde es umgekehrt Halbinsel an der Atlantis; jetzt hat es Anschluß sowohl an Asien wie an die Atlantis; so hat es jetzt nur noch _eine_ Front: nach Süden, zum Mittelmeer der Tethys. Kantenangriffe der Tethys sind folgerichtig das einzige, das ihm jetzt gefährlich werden kann. Ein wundervolles Naturdenkmal ist damals entstanden, das wir heute noch in der Form, die ihm das spätere Schicksal aufgezwungen, nicht genug bewundern können: die Tiroler Dolomiten. Riffe meerbewohnender Korallentiere und besonders Kalkalgen der Triasperiode stecken eigentlich in ihnen, Riffe aus der Tethys von damals. So weit und so lange, daß sie sich bilden konnten durch unsagbar gigantische Kleinarbeit des Lebens, muß diese Tethys also damals im Gebiet unserer heutigen Ostalpen gestanden haben. Und von ihr diesmal sollte nun auch ein neues kleines Sintflutabenteuer ausgehen, das abermals vorübergehend Deutschland betraf. Im Perm kam jene kurze örtliche Zechstein-Sintflut von Nordosten, vom russischen Meer. Das gab es jetzt nicht mehr. Dafür glückte es aber im zweiten Drittel der Trias der Tethys, von Süden her den verwitternden mitteleuropäischen Gebirgsgürtel in der Gegend der schlesischen Sudeten zu durchbrechen und ein kleines Binnenmeer zu uns hereinzufluten. An sich auch ein vergängliches Werk wie jene Zechsteinüberschwemmung. Das Gestein, das sich dabei abgelagert hat, hat aber der ganzen Trias mit zu ihrem Namen verholfen. Trias heißt nämlich Dreiheit. Und in der Tat unterscheiden wir bei uns noch gut drei Stufen ihres Daseins im alten Gestein auf Grund besonders dieses Abenteuers. Zuerst, im ersten Drittel, hatte auch diese große Verlandungsperiode uns in Deutschland immer wieder bloß Wüste gebracht. Grell gefärbter Wüstenschutt, zu dem die Gebirge verwitterten und der sich im tieferen Plan allenthalben häufte, ergab damals unseren sogenannten bunten Sandstein, das Prachtmaterial unserer herrlichsten süddeutschen Dom- und Schloßbauten. Dann kam jene vorübergehende Sintflut und hinterließ den _Muschelkalk_. Auf den aber legte sich später wieder mehr Land- und Süßwasserschutt in Gestalt des sogenannten Keuper. Die drei Schichten dann ergeben die »Dreiheit«. Die Sache hat aber in dieser Folge eben nur für uns eine örtliche, sozusagen vaterländische Geltung.
Immerhin gibt dieses Trias-Sintflütchen zu denken. Es bedeutete doch etwas wie den Vorboten einer nahenden größeren Wende der Dinge allgemein. Gegen Ende der Trias, eben in ihrer deutschen Keuperzeit, zeigen sich im einheitlichen Nordkontinent die ersten Spuren neuer Längsrisse. Wenn auch nicht genau in der Beringstraße, so doch etwas weiter westlich nach Sibirien hinein parallel zu ihr hatte der Stille Ozean sich gelegentlich wieder einen Durchgang zum Eismeer erkämpft. Das war belangloser; höchst merkwürdig aber ist ein anderer Spalt, der sich jetzt (falls die Deutungen genau stimmen) plötzlich in einer bisher gänzlich unerhörten geographischen Linie auftat. Nämlich da, wo die Atlantis seit so langer Zeit jetzt glatt zu Nordeuropa ging: zwischen Skandinavien und Grönland. Eine _Shetland-Straße_, so genannt nach der Lage über den Shetland-Inseln. Seit dem Kambrium war in dieser Nähe nichts geschehen. Das Bedeutsame aber ist, daß ein Zerbrechen der Festlandmasse gerade an dieser Stelle nichts Geringeres besagte, als Beginn des _heutigen_ Zustandes, der die Wasserspalte zwischen Grönland und England-Norwegen, die jetzt Europa von Nordamerika trennt, im nördlichen Atlantischen Ozean hier durchführt. An sich nur einmal wieder ein Spalt wie alle andern, bedeutete dieser doch das Morgenrot einer neuen Zeit. Und die kam für die Karte in der Tat jetzt, nachdem der Bann einmal gebrochen, Schlag auf Schlag. Auf die Triaszeit, die alles Alte noch einmal vereinigt herausgebracht hatte, folgte in der Juraperiode der unzweideutige Anfang einer Neuordnung der Erdkarte, in deren Vollbesitz wir Menschen selber heute noch leben. So lehrreich und wechselreich auch jetzt noch der Übergang sich gestalten mag: die eigentlich heroische Zeit der urweltlichen Karte, da »alles ganz anders« war, ist mit dieser Wende vorüber.
Die _Juraperiode_, benannt nach dem heutigen Juragebirge, dessen wichtigstes Gestein uns in Deutschland und der Schweiz noch durch alte Meeresböden ihrer Tage führt, ist nächst der Steinkohlenperiode das auch im weiteren Kreise bekannteste aller geologischen Zeitalter. Die berühmtesten Urweltstiere vor dem Auftreten des Menschen, der Ichthyosaurus und der Plesiosaurus, gehören hauptsächlich ihr an. Die mächtigen versteinten Schlammblöcke, aus denen kundige Hand das noch wohl erkennbare Gerippe eines solchen seinerzeit dort eingesargten Ichthyosaurus wieder herausgearbeitet hat, zumeist aus Schwaben, also eben dem echtesten Gebiet des Jura, stammend, erwecken wie nichts anderes so im Laien, der ein geologisches Museum besucht, die Schauer der Urwelt. Diese Saurier aber waren beide prächtige Schwimmer im Ozean, der Plesiosaurus noch mehr in Küstennähe, der Ichthyosaurus am liebsten im offenen Meer, und als solche Schwimmer sind sie damals auch bis ins Herz unserer Heimat gekommen, -- mit ihrem Meer. Im Zeichen des allenthalben in der Erdkarte erfolgreich und immer erfolgreicher andrängenden Meeres steht im wesentlichsten Zuge die ganze lange Juraperiode.
Auch die Karte gerade des Jura hat in der Geologie eine gewisse Berühmtheit erlangt, da ihr einer der frühesten wirklich guten Wiederherstellungsversuche solcher geologischen Karten überhaupt galt, -- durch den unvergeßlichen Melchior Neumayr. Vielen hat die Neumayrsche Jurakarte einen ersten Begriff gegeben, was für Wunderdinge solche Urweltskarten uns sagen könnten. Tatsächlich versteht man auch sie aber nur dann recht, wenn man sie im Anschluß an die Land- und Meerumrisse der früheren Erdperioden betrachtet. Wenn man sich die Verlandung der Perm- und Triasperiode noch einmal vergegenwärtigt und sich sagt, daß jetzt mit dem Jura im geraden Umschlag eine ganze Periode des mehr oder minder steten Meeresvorrückens kam, so muß an gewissen Punkten die zu erwartende Kartenänderung sich nach den früheren Erfahrungen in fast selbstverständlicher Richtung ergeben.