Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Part 7

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Im Anfang der silurischen Periode trat allerdings zeitweise eine gewisse Verlandung ein. Es ist bezeichnend, daß fast durchweg in diesen von uns abgegrenzten älteren Erdperioden der untere Teil mehr Land auf der Karte hat, während nachher im zweiten Abschnitt eine größere Überflutung durch das Meer erfolgt. Auf dieser ersten Stufe bildeten sich mehrfach Landbrücken in der Tethys, die bei einzelnen Forschern geradezu den Eindruck erweckt haben, diese Tethys sei überhaupt vorher noch gar nicht ordentlich dagewesen und habe sich jetzt erst allmählich herausgekämpft; solche Brückenbildung hat aber auch später noch öfter bei ihr ein Intermezzo gebildet, nachdem sie zweifellos längst im ganzen da gewesen war. So baute sich in Amerika vorübergehend eine Art Panamabrücke von Florida nach Venezuela herüber, die wahrscheinlich dadurch entstand, daß sich infolge einer Gebirgserhebung im Gebiet der heutigen Alleghanys gerade das Oststück von Nordamerika jetzt über Wasser gestellt und bis hier herüber ausgestreckt hatte, nachdem es im Kambrium lange überflutet gewesen war. Und eine andere, noch interessantere Brücke schloß sich ähnlich in Europa. Das östliche Mittelmeer, falls es im Kambrium überhaupt offen gewesen war, verstopfte sich jedenfalls in der Balkangegend jetzt eine Weile vollständig, Europa wuchs wenigstens schmal hier an Afrika. Zugleich aber sperrte sich durch Auftauchen des Landes der enge Zugang von der atlantischen Tethys zu jenem skandinavischen Kanal, -- Europa wuchs mit der andern Seite des schwachen, landzungenartigen Teils, der damals überhaupt nur von ihm bestand, über die heutige Nordseite hinüber jetzt tatsächlich auch mit der Atlantis zusammen. Darüber kam die skandinavische Einbruchspalte aber selber in die Enge, und sie scheint sich in ihrer Not teilweise südwärts über Rußland verlegt zu haben, wo sie schließlich _hinter_ dem europäischen Vorsprung auf die nicht mehr abgesperrte asiatische Fortsetzung der Tethys traf. Damit war ganz Europa also eine Weile zur freischwebenden Brücke zwischen Afrika und der Atlantis gemacht, hinter der das russische Wasser einen Abschluß jetzt gegen Asien bildete. An sich war das auch vergänglich. Schon im oberen Silur brach die Tethys wieder frei durch und die Ecke zur Atlantis fiel noch einmal. Aber eine Richtung war doch seither für längere Zeit gegeben, die jetzt den Spaltdurchbruch nach Norden zunächst einmal immer stärker _hinter_ Europa zwischen Asien und Europa zu legen suchte und Europa selbst damit immer deutlicher zu der Atlantis hinüberdrängte. In den nächstfolgenden Weltaltern bleibt das ein zäher Zug in der Karte, so fremd es uns auch heute scheinen will, daß Europa mehr dem Westen, einem Lande, das über Island und Grönland nach Nordamerika ging, als Halbinsel angehören soll, als dem asiatischen Osten. Unwillkürlich denkt man wieder an Völkerbewegungen und Anschlüsse unserer Kulturzeit. Wie einerseits Südeuropa da immer wieder alles Heil erwartete und zu erhalten schien von Asien. Wie aber andrerseits die alten Skandinavier, die Normannen, lange einen Anschluß umgekehrt vom Norden zum Mittelmeer herab suchten, -- mit dem Versuch auch damals eines Rückhaltes an Island, Grönland, Amerika, wobei sie freilich die veränderte geographische Lage hier nur noch mit dem Schiff bemeistern konnten. So wiederholte der Mensch gelegentlich noch ein Für- und Gegenspiel, das die Erdkarte seit Jahrmillionen gespielt hatte, indem sie bald Europa von Nordwesten orientierte, zur Atlantis, die bis Amerika ging, als Halbinsel oder Inselarchipel angliederte mit der Front nach Asien und zum Mittelmeer, bald es wieder ganz von diesem Asien selbst aus packte mit freier Wasserfront zur fern verschwebenden Atlantis.

Jedenfalls gewann das Meer in der zweiten Hälfte des Silur aber in größtem Siegeszuge überhaupt wieder die Oberhand. Es wusch die Panamabrücke abermals fort und stellte die Tethys in größter Pracht auch hier wieder her, zugleich der Entfaltung der Meertierwelt den entschiedensten Raum gewährend. Bis dann mit Eintritt der nächstfolgenden _Devon-Periode_ allerdings erneut eine Verlandung eintrat, und zwar jetzt eine so ungeheuerliche, daß es am heutigen Kartenbilde gemessen wirklich aussah, als wenn das Meer damals wenigstens auf der Landseite der Erde überhaupt hätte austrocknen wollen.

Während der Südkontinent, das riesige Gondwanaland, bis auf kleine Grenzschiebungen (einmal etwas weniger Brasilien, dafür wie im Austausch drüben mehr Australien) nach wie vor ohne jeden Bruchkanal zusammenhielt, reckte sich die Nordmasse zu fast unglaublichen Maßen noch immer weiter aus. Fast überall wuchsen ihre Einzelstücke zu unabsehbaren Flächen aneinander, so daß die Namen der Erdteile belanglos zu werden beginnen. Die Tethys drohte zu ersticken. Über Wasser stand fast im ganzen heutigen Umfange Nordamerika; bloß über den Zipfel bei Alaska und seine heutigen arktischen Inseln griffen noch die Wellen des Stillen Ozeans, und durch die Mississippi-Gegend schnitt eine größere Meeresbucht ein. Nur um so gewaltiger aber ragte daneben die Atlantis, recht zum Zeugnis, daß sie damals ein eigener Erdteil blieb, auch wenn Nordamerika für sein Teil noch so vollständig da war. Indem sie aber mit ihm verschmolz, bahnte sich der größte Kontinent an, den die Nordseite je einzeln getragen hat. Südlich drängte diese Atlantis ihre Küste immer weiter und weiter auch in das Mittelstück der atlantischen Tethys hinunter, bis sie endlich von sich aus ein neues geschlossenes Panama bildete: sich in breitem Landarm mit Brasilien und dem Südkontinent vereinte, die Tethys mehr als je abfangend. Östlich faßte sie in voller Breite anrückend wieder Europa, und zwar war durch die allgemeine Verlandung diesmal auch hier wesentlich mehr zu fassen. Der letzte Rest der alten englisch-skandinavischen Nordspalte war aufgetrocknet, auch in seiner späteren russischen Abzweigung. Irland, Schottland, ganz Skandinavien und Rußland mit ihren Zwischenteilen der heutigen Nordsee und Ostsee lagen als größtenteils frisch aufgetauchter nackter Plan in mächtiger Breite dort über Wasser; während allerdings das mittlere und südliche Europa auch jetzt mehr oder minder in der Macht der Tethysfluten geblieben waren, denen man wohl zutrauen möchte, daß sie sich bei der unheimlichen Beschränkung, die sie auf der westatlantischen Seite erfahren mußten, wenigstens hier durch breiten Übergriff etwas schadlos gehalten hatten. Indem aber das, was von Europa da war (immerhin in Gestalt besonders von Skandinavien-Rußland doch der Hauptblock), ohne jeden Zwischenspalt sogleich mit der Atlantis zusammenschmolz, machte sich für diese bedeutsamste Ecke der Erdkarte eine neue Sachlage entscheidend geltend. Was im Silur sich zuerst angebahnt, vollzog sich endgültig: Europa, westlich mit der Atlantis vermählt, riß östlich vollkommen von Asien ab!

Im Silur hatte die Ablenkung des gelegentlich schon teilweise verstopften skandinavischen Nordkanals über Rußland zur Tethys diese Trennung zunächst eingeleitet. Jetzt war Rußland wieder frei, also hätte eigentlich gerade jetzt Asien doch wieder anschließen müssen. Hier aber mischte sich eine neue nordwärts schneidende Kanalspaltung ein. Sie brach _hinter_ Rußland auf der ganzen Länge Asiens von der Tethys bis zum arktischen Meer durch, _Europa_ in einem radikalen Schnitt vom Kaspischen Meer bis etwa nach Nowaja Semlja _von Asien absägend_. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß noch heute bei Betrachtung unserer Karte sich die Möglichkeit gerade einer solchen Spalte auffallend deutlich in der Gegend des heutigen Laufes des Ob östlich vom Ural andeutet. Eine verhältnismäßig geringe Senkung des Landes würde hier jetzt noch einen trennenden Meeresarm schaffen können, der auch unser heutiges Europa annähernd zur Insel machte. Damals mußte die radikale Möglichkeit des Absägens in dieser Linie aber noch viel größer sein. Das Uralgebirge selber stand noch nicht, und, vom Gebiet des Kaspischen Meeres kommend, ostwärts quer durch das ganze mittlere Asien flutete in voller Breite die Tethys, mit der sich der »_obische Kanal_« oder das obische Meer, wie man auch zeitweise gut sagen konnte, nur zu verbinden brauchte, um einen vollständigen Wasserhalbring zwischen Europa und Asien zu legen. Auch dieser neue und entscheidendste Nordspalt im Schicksal Europas hat in den folgenden Erdperioden mancherlei engere Schwankungen durchgemacht, er ist gelegentlich auch wieder etwas verschoben, zeitweise verstopft, bald mehr nach Rußland hinüber, bald wieder mehr nach Sibirien hinein gedrängt worden, er hat sich schon früh geneigt gezeigt, zu einem wahren sibirischen Meer auseinanderzugehen: immer geblieben oder irgendwie wiedergekehrt aber ist er noch bis in die ältere Tertiärzeit hinein. Daß er seither fehlt, hat für unsere Kulturgeschichte schwerwiegende Folgen gehabt. Wenn er fortbestand, wären uns die Einbrüche der Mongolen in Europa erspart geblieben und schwerlich hätte Rußland in der Weise wie jetzt seine politische Macht über ganz Sibirien ausdehnen können.

Es macht den Beschluß in der richtigen Landentfaltung von damals, daß trotz des Umstandes, daß dieses westsibirische Kanalmeer für sein Teil doch ein altes Stück aus Zentralasien wieder herausschnitt, auch die asiatische Landmasse damals eine ganz beträchtliche blieb. Der Stille Ozean hatte allmählich ganz Ostsibirien und den größten Teil von China freigeben müssen; die Tethys scheint zeitweise in dieser Devon-Periode sogar bloß in einem schmalen Ausgang, etwa im Amurgebiet, durchgebrochen zu sein. Einzig in der ganzen Nordseite des Festlandgebietes damals der Atlantis nicht angegliedert, bildete dieser asiatische Block eine Insel für sich, etwa so groß oder größer als das heutige Südamerika. Fremdartig genug kam das im Kartenbilde: Nordamerika und Europa Halbinseln der Atlantis, Asien dagegen eine einsam fern gelagerte Insel am Stillen Ozean!

Das allgemeine Naturbild aller dieser ausgedehnten Devonländer muß dabei immer noch ein recht gespenstisches gewesen sein. Schon im Silur hatten besonders im Gebiet des Atlantis lebhafte Gebirgsfaltungen begonnen. Deren Verwitterungsschutt häuften dann große abwärts rinnende Ströme inmitten der unendlichen Verlandung vielfach in weiten abflußlosen Landsenken und vergänglichen Riesenseen an. Die unermeßlichen Lasten durch Eisenoxyd rötlich gefärbten Quarzsandes dieser Binnenwüsten erscheinen uns noch in dem kennzeichnenden rötlichen Sandstein (sog. »~old red~«) vieler dieser devonischen Landgebiete. In der Gegend solcher versickernden Flußnetze und verdampfenden Seen machen sich uns aber doch jetzt die ersten Spuren merkbar, daß auch das Land in dieser Zeit vom Leben erobert wurde. Groteske skorpionähnliche Riesenkrebse behaupteten sich in den trocknenden Sümpfen, echte Skorpione hatten sich schon als erste ganz aufs Land gewagt, im zeitweisen Wassermangel wurde der Fisch zum luftatmenden Molchfisch, und erste farnähnliche Pflanzen bildeten hier und da schmale grüne Säume um die Flußadern als Pioniere in der Wüste. Immerhin blieb auch das alles zunächst noch vereinzelt und ohne größern Aufschwung. Zu einer wirklich imposanten Entfaltung des Landpflanzenwuchses auf Erden scheint es erst gekommen zu sein durch einen allgemeinen klimatischen Wechsel, der in der Folge eintrat. Nachdem nämlich offenbar längere Zeit ein allgemeines Erdklima geherrscht hatte, das ziemlich trocken war und auf den Festländern auch rein mineralisch die Wüstenbildungen begünstigt hatte, stellte sich eine Epoche umgekehrt wesentlich feuchteren Klimas ein. Bloß aus dem Wechsel der geographischen Verhältnisse selbst wird dieses klimatische Schwanken sich schwerlich ableiten lassen, es müssen da wohl noch besondere Umstände unseres Planeten mitgewirkt haben, die nicht unmittelbar an Wasser und Land hingen. Der Höhepunkt dieser Dinge führt uns aber bereits in die nächstfolgende Erdperiode hinüber, in das sogenannte _Karbon_.

Der Name geht auf ~carbo~, die Steinkohle; Steinkohlen sind aber versteinte Pflanzenreste, und so ist es eben das Ereignis jenes durch die Luftfeuchte begünstigten großen Pflanzenaufschwungs selber, das dieser ganzen Epoche bei uns den Namen gegeben hat. Während ihrer langen Dauer unterlag aber natürlich auch die Karte wieder für sich Wandlungen. Die geschilderte extreme Verlandung des Devon hatte sich in dieser Weise schon im Verlauf dieser Epoche nicht dauernd halten lassen. Noch im Devon selbst eroberte der Stille Ozean große Teile von Nordamerika zurück und griff jener »obische Kanal«, sich machtvoll verbreiternd, nach Rußland wie nach Ostsibirien hinein, zwischen Europa und die asiatische Insel zeitweise einen Meeresarm setzend, der ungefähr so breit wie der heutige Atlantische Ozean zwischen Amerika und Europa war. Ein Kolumbus hätte damals über einen Monat lang ostwärts fahren müssen, um von Europa aus endlich Asien zu entdecken. Mit Eintritt des Karbon (immer wieder prompt auf der Wende zu einer neuen Periode) trat aber dann erneut stärkere Verlandung ein, die sowohl in großen Teilen von Nordamerika wie in ganz Asien nicht nur den Verlust deckte, sondern die Festlandumrisse des älteren Devon sogar hier und da noch verstärkt wieder herausbrachte. Nur die auch inzwischen überschwemmte Panamabrücke von der Atlantis nach Brasilien stellte sich nicht wieder her, die Tethys strömte wieder frei vom und zum Stillen Ozean durch. Dieses Auf und Ab hat zunächst nicht viel Interessantes. Man erhält den Eindruck, daß in dieser Gegend der Erdgeschichte das Kartenbild sich im großen und ganzen eine lange Zeit hindurch gleichsam sehr zäh immer wieder verteidigte. Wenn man nur die Hauptlinien verfolgen will, kann man einzelne Blätter ganz überschlagen. Immerhin bieten sich wenigstens in der zweiten Hälfte der Steinkohlenperiode ein paar lehrreiche Einzelheiten dar.

Nach den früheren Erfahrungen sollte man für diese Zeit abermals eine »Transgression«, also ein mehr oder minder starkes Vorrücken des Meeres, erwarten, und bis zu gewissem Grade erfolgte das auch wirklich. So spaltete sich gelegentlich damals ein ganz riesiger Kanal fast genau auf der Grenze ein, wo Nordamerika seit dem Kambrium an der Atlantis hing. Zweifellos handelte es sich wieder einmal um eine der mehrbesagten nördlichen Spalten senkrecht zur Tethys, die aber unmittelbar diesmal nichts mit dem europäisch-asiatischen Rißsystem zu tun hatte. Das Merkwürdige an ihr ist nur, daß sie auch schon genau in der Linie eines heute am gleichen Fleck noch vorhandenen Kanaleinschnitts lag: als karbonisches »Davis-Becken« bezeichnet, zog sie sich nämlich nahezu grenzgetreu auf der heutigen Davisstraße und Baffinsbai dahin, die jetzt Nordamerika von Grönland scheiden. Das Gebilde war zunächst nicht dauerhaft, in den nächstfolgenden Erdperioden schlossen sich allmählich Nordamerika und die Atlantis doch wieder ebenso glatt aneinander wie früher. Aber spät in der Tertiärzeit ist es wiedergekommen und bis heute geblieben. Schwer verschließt man sich vor solcher Wiederholung der Meinung, es müsse auch in diesen Längsspalten doch irgendeine geheime Gesetzmäßigkeit der Erdbildung gesteckt haben, die gleiche Plätze bevorzugte, also nicht bloß auf der Willkür regellos zufälligen Sinkens oder Steigens der Feste oder der Wasser an beliebigen Schaukelstellen beruhen konnte.

Im übrigen aber erwies sich die Überflutung in diesem oberen Karbon ersichtlich beeinflußt und teilweise gehemmt durch eine Erscheinung, die, stets in allen Epochen bisher schon vorhanden, doch hier ebenso überwältigend großartig sich aufdrängt wie jenes von dem feuchten Klima begünstigte neue Pflanzenleben, das der Epoche ihren Namen verschafft hat. Nämlich einer ganz besonders stark eingreifenden _Gebirgsbildung_. Sie steigerte sich um die Mitte des Karbon und reichte zum Teil noch fort bis in die nächstfolgende Periode. An den verschiedensten Stellen der Erde stauten sich ungeheure Falten empor. Die berühmteste lag bei uns in Europa. Es gab damals noch keine Schweizer Alpen, keine italienischen Apenninen, keine spanischen Pyrenäen und sollte sie noch lange nicht geben. Dafür wuchs jetzt eine ungeheure alpenhafte Kette quer über dem Fleck des heutigen Deutschland empor, in der Linie und den Seitenlinien, wo gegenwärtig die Sudeten, das Erzgebirge, das Fichtelgebirge, der Thüringer Wald, der Harz, der Spessart, Taunus, Odenwald, das rheinische Schiefergebirge und der Schwarzwald liegen und in ihren Kernmassen noch seine Ruinen enthalten. Man hat diese »karbonischen Alpen«, die sich in dieser Folge im größten Bogen etwa von Wien bis nach Mittelfrankreich zogen, als das »_variskische Gebirge_« (nach dem altgermanischen Stamm der Varisker im Fichtelgebirge) bezeichnet. Ein anschließender, wahrscheinlich noch viel riesigerer Faltenzug ging dann von dieser französischen Ecke über das nordwestliche und mittlere Frankreich nach England und Irland. Man hat ihn (nach einem alten Keltenstamm in der Bretagne) das »_armorikanische Gebirge_« genannt. Seine Falten zogen sich damals aber anscheinend noch unendlich viel weiter in den heutigen Atlantischen Ozean hinaus und liefen dort wohl über die ganze Atlantis bis nach Nordamerika durch, wo sie das schon früher angelegte Gebirge der Alleghanys vollendeten. Noch andere Falten stauten sich im Gebiet der karnischen Alpen; an der russisch-asiatischen Scheide, mitten im Gebiet der trennenden obischen Kanalspalte türmte sich allmählich der Ural empor, und so weiter regte und beugte sich die Erdrinde fernerhin noch an den verschiedensten Stellen. In den Zwischenmulden, an den flachen Hängen und neu entstandenen Randufern dieser teils werdenden, teils schon in der Zeit selbst wieder rasch verwitternden Gebirge war überall in Europa wie in Amerika und China die Hauptstätte grade der Steinkohlenwälder, zu deren Gedeihen neben der großen Feuchte des Klimas auch der Nährgehalt des frisch erschlossenen Bodens beigetragen haben mag. Schon das Vorhandensein dieser grünen Waldkränze am Sockel der jungen Gebirge deutet aber zugleich darauf hin, daß mit diesem Faltentreiben durchweg auch neue Ufer und neue Verlandungen sich bilden mußten. Und so taucht im oberen Karbon auch unser Mitteleuropa zum erstenmal recht ansehnlich aus den Wassern, während die mittelmeerische Tethys, von hier abgelenkt, sich wieder desto breiter über den Nordrand von Afrika schlägt. Je mehr aber dieses Europa damals abtrocknend sich gleichsam schon in seinen heutigen Umriß hineinzustrecken suchte, desto greller mußte auf der Karte dabei seine genau umgekehrte Orientierung gegen heute hervortreten -- als vorspringende Halbinsel an der Atlantis mit fester Rückendeckung auf der Seite, wo heute der Atlantische Ozean liegt -- mit der offenen Front dagegen nach Südosten in die Tethys und das von Asien trennende Meer hinaus. Zeitweise scheint diese Front genau östlich in eine lange Landspitze ausgelaufen zu sein, deren letztes Kap ungefähr in der Gegend des heutigen Kaspischen Meers gegen den weiten blauen Spiegel des asiatischen Ozeans geschaut haben mag, wie heute die letzten Klippen Irlands oder Schottlands westlich gegen die unabsehbaren Wasser des atlantischen.

Auf die Steinkohlenzeit folgte die sogenannte _Perm-Periode_. Den Namen hat sie nach starken Hinterlassenschaften in der russischen Provinz Perm am Ural. So deutete er gleich selber diesmal in die Gegend des trennenden Meeres zwischen Europa und Asien. In Wahrheit ist aber gerade bezeichnend, daß in ihrem Verlauf dieses Meer zunächst einmal wieder sich zu verstopfen begann. Im zweiten Teil der Steinkohlenzeit hatte die Gebirgsbildung der Wasserbedeckung entgegengearbeitet. Jetzt trat mit der neuen Periode wieder ein Zustand überhaupt wachsender Verlandung ein, während die Gebirgsbildung für ihr Teil anfangs auch noch weiterwirkte. Selbst diese Doppelwirkung erklärt aber noch nicht ganz die Sachlage, wie sie diesmal sich anbahnte. Um diese Zeit muß eine _dauernde_ Tendenz zur Verlandung eingetreten sein, die jetzt über _zwei_ ganze Erdperioden (die Permperiode und die folgende Triasperiode) fort, also jedenfalls mehrere Millionen von Jahren lang, ersichtlich anhielt. In der Folge gab es dann abermals zwei große Perioden, in denen ebenso deutlich eine im ganzen überwiegende Neigung zu weitgehender Überflutung der Länder, also mehr obsiegende Wasserherrschaft hervortritt: Jura und Kreide. Was wir bisher innerhalb jeder Periode je einmal abwechseln sahen, verteilt sich also jetzt als riesiger Zyklus über vier ganze Perioden: die zwei ersten mehr mit Land, die beiden zweiten mehr mit Wasser. Das alles natürlich auch so nur innerhalb der Landseite der Erde; die Wasserseite des Stillen Ozeans liegt nach wie vor für unsere Kenntnis so gut wie unberührt. Gewisse Schwankungen schließt auch die allgemeine Tendenz nicht aus: in den beiden Landepochen steigt hier und da einmal lokal das Wasser, und die beiden Wasserepochen haben starke Maxima und Minima. Aber darüber fort bleibt stets der allgemeine Charakter ersichtlich: hie Land, hie Wasser dauernd bevorzugt. Dabei hat im ganzen die große Land-Doppelperiode noch einen konservativen Zug. Sie baut gleichsam noch einmal im ganz Großen nur das aus, was jedes der früheren Land-Zwischenspiele mehr oder minder glücklich erreichte. Die Wasser-Doppelperiode dagegen wird diesmal wirklich revolutionär: aus ihr geht, auch als ihre Wasser wieder abfließen, eine entscheidend _andersartige_ Karte hervor. Dies spricht dafür, daß es sich bei dem großen Vierer-Zyklus nicht bloß um eine Täuschung in der Art handelt, daß etwa jede der alten Einzelperioden wie das Silur oder das Devon einzeln so lang gewesen wäre, wie jetzt vier ganze Epochen, uns aber aus Gründen vielleicht stärkerer Verschwommenheit nicht als vier Sonderepochen erschiene. Es scheint vielmehr, daß sich hier wirklich Ereignisse spiegeln.