Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Part 5

Chapter 53,118 wordsPublic domain

Zu Stein verbackener Sand mit sogenannten Rippelmarken, rippenförmigen Erhöhungen und Furchen, wie sie durch Wellenschlag und Wind an flacher Küste noch heute entstehen, deutet auf Uferdünen. Also Grenze, wo Wasser und Land sich schon damals begegneten. Kalk hat sich abgesetzt, wohl aus seichten Seen; also auch so etwas war schon da. Zu andern Malen hat das wirkliche Meer den Fleck überflutet, Krebse und beschalte Wurmtiere heranführend. Gelegentlich im Laufe der Zeiten ist ein mächtiger Lavastrom des Weges geflossen. Also auch schon Vulkanismus. Und wie sollte er nicht? Die ganze Schichtenlage, nachdem sie eine geraume Weile sich so gebildet hatte, ist eines Tages damals schon ergriffen worden auch vom Schaukeln der Steinflut. Spalten sind hindurchgebrochen, von denen wir wissen, daß sie dem Aufquellen glühender Massen heute noch so günstig sind. An diesen Spalten haben die ganzen Schichten sich zerstückelt, verschoben, schief gelagert, steile Blockmassen als Berge und tiefe Senken als Täler bildend. Auch dieses zeitweise Landschaftsrelief aber ist durch den Kreislauf der Gewässer abermals abgenagt, geglättet, in ebenen Plan verwandelt worden, ehe noch die folgende kambrische Periode begann. Denn diese konnte ihre eigenen Schichten wieder ganz wagerecht auf solchem Plan lagern. Noch mehr aber verrät uns das Wunder des Cañon. Ehe das alles sich bildete im Algonkium, diese Ufersande, Kalke, Lavadecken, hatte an dieser gleichen wandlungsreichen Stelle bereits ein gewaltiges Gebirge gestanden. Kristallinische Schiefer, durchsetzt mit empordrängendem Granit, waren durch Faltung der damaligen Erdrinde (damals schon!) hoch emporgestaut worden, wie so viel Jahrmillionen später unsere noch stehenden Alpen oder Kordilleren. Noch zeigt die tragende Masse unter jenen andern Schichten innerlich ganz deutlich die Wellenlinien dieser Faltung. Aber wiederum: noch ehe jene algonkischen Schichten, die heute darauf lagern, sich absetzen konnten, hatte auch an diesem Gebirge die zerstörende Verwitterung durch den schürfenden, sprengenden und schmelzenden Wassertropfen gearbeitet. Und heruntergearbeitet endlich (in was für Zeiträumen sicherlich!) hatte sie noch vorher das ganze, ganze Gebirgsrelief schon so vollkommen, daß auch dieses Gebirge zuletzt wieder einen oben vollständig glatten Plan gebildet hatte, der nur noch in der Tiefe die letzten abgeschnittenen Faltungszacken wahrte. Über die flache Platte dieses Blocks aber war dann die Uferwelle dahergekommen, die jene Rippelmarken in den Sand schrieb, -- in den Sand, in dem wohl hier und da noch letzte Körnchen von diesem abgewaschenen Gebirgsrelief selber lagen. Kein Zweifel: alles, was bis heute eine »Karte« auf der Erdkugel gebaut hat, ist schon damals beim Werk gewesen. Und auch das bestand bereits, was in aller Folge so abhängig gewesen ist von dieser Erdkarte mit seinen tausend Anpassungen und Entwicklungen, zugleich aber dieser Karte erst noch wieder den eigentlichen Inhalt für uns gegeben hat: das organische Leben.

Fast einförmig will die Erdgeschichte erscheinen, wenn man sie gleich so »modern« einsetzen sieht. Es war aber in Wahrheit noch für Überraschungen genug gesorgt, und auch das geographische Bild liefert deren noch sehr sinnfällige. Auf die algonkische folgte die _kambrische_ Periode. War es dort möglich, an einer Stichprobe festzustellen, daß schon alle nötigen Voraussetzungen zu einer Karte gegeben waren, so besitzen wir für sie jetzt eine Anzahl erster Stichproben des Kartenbildes selbst. An den verschiedenen Punkten der Erde erscheinen Ablagerungen noch der kambrischen Meere. Eine nicht allzu reiche, aber doch kennzeichnende Tierwelt zeigt sich in versteinerten Resten darin und erleichtert die Bestimmung der Zugehörigkeit. Wo diese Schichten abreißen, wo sie fehlen, da vermutet man Küste, vermutet man Land von damals, vorausgesetzt natürlich, daß nicht spätere Zerstörung die Meereszeugnisse dort irreführend wieder beseitigt hat; eine Voraussetzung, die allerdings, wie gesagt, leider nicht immer gilt. Auf jeden Fall verraten aber die mächtigen Schuttmassen selber, die die kambrischen Meere schon häufen konnten, mit Sicherheit das Dasein großer Festlandmassen überhaupt. Gelegentlich kann man auch aus der zwar allgemein zeitgenössisch verwandten, aber doch in Einzelzügen schon örtlich etwas verschiedenen, gleichsam in abgesonderten »Provinzen« entwickelten Meerestierwelt deutlich erkennen, daß solche Landgebiete sich wie heute trennend zwischen zwei Meere schoben. So wie man aber nun Einzelheiten der Karte daraus zu erfassen sucht, treten rechte Seltsamkeiten hervor. Viel Land scheint da zu sein, auffällig weite zusammenhängende Festlandstrecken, zwischen denen auch noch das Meer, wo es eingreift, sich zumeist ganz unzweideutig als seicht darstellt. Auf keinen Fall scheint weniger Land vorhanden als heute. Und das ist gleich schon interessant für ein Anfangsbild, ja es ist wertvoll, wie ich hinzufügen möchte, auch für ein Schlußbild. Wie endlos weit wir jedenfalls schon von einem vermutungsweisen »allumflutenden Meer« der Anfangstage entfernt sind (falls ein solches Meer je vorhanden war), zeigt es. Aber es beweist auch etwas für gewisse Ideen über die Zukunft der Erde, die man öfter heute hören kann. Die Erde werde allmählich, wie der Mond, austrocknen, sagt man uns, und damit werde natürlich alles Leben, auch das menschliche, zuletzt jämmerlich zugrunde gehen. Wenn das richtig wäre, so müßte sich das Festland im Verlauf der geologischen Epochen seit der uns bekannten ältesten jedenfalls schon merkbar vergrößert, das Wasser dagegen im Kartenbilde abgenommen haben. Wir würden also auf der Karte des Kambriums größere und tiefere Ozeane mit nur erst ein wenig inselhaftem Land darin erwarten müssen. Das Gegenteil ist der Fall, und wir werden sogar gleich ein paar Karten früher Erdzeiten sehen, auf denen ganz entschieden _mehr_ Land lag, als heute besteht. Es scheint somit, daß das Wasserschlucken und Wasserspeien der Erdkugel sich wirklich im Sinne des früher schon Gesagten auch geologisch stets mindestens die Wage gehalten hat, und so brauchen wir in dem Punkt jedenfalls nicht pessimistisch in die Zukunft zu sehen.

Was aber nun die Verteilung der kambrischen Festländer und Meere anbetrifft, so scheint es, daß auch damals schon die Erde eine ausgesprochene Landseite und eine ausgesprochene Wasserseite besaß. Und zwar bildete die Wasserseite wie heute der _Stille_ oder _Pazifische Ozean_, der noch ein gut Teil größer war, als gegenwärtig, während die ganzen Erdteile äußerst dicht geschart auf dem übrigen Raum der Kugel beisammen lagen. Es sei gleich gesagt, daß dieses Grundverhältnis sich auch in allen zwischen heute und damals liegenden wechselvollen Erdperioden niemals ernstlich verschoben zu haben scheint. Obwohl uns die geologische Geschichte dieses Stillen Ozeans in vielem ja heute noch eine unbekannte Welt sein muß, eben weil sein Grundgestein auch heute tief unter den Wassern liegt, so sprechen doch die urweltlichen Meeresablagerungen, die sich in den verschiedenen Erdperioden immer wieder rings um seine ungefähren Ufer angesetzt haben, recht eindringlich für eine solche Beständigkeit. Das wirkt nun wieder verblüffend, obwohl es an sich auch noch bloß Heutiges urweltlich wiederholt. Verblüffend ist es nämlich für jene Vermutung, daß alle Regungen und Bewegungen der großen »Steinflut« in unserer Erdrinde, die seit alters Meeresbecken, Erdteile und Gebirge neu geschaffen haben, bloß ein Ergebnis des Nachsinkens, Einbrechens und Sichrunzelns dieser Erdrinde über einem sich beständig verkleinernden Erdkern seien. Aus dieser Meinung heraus ist jedenfalls sehr schwer verständlich, ja unbegreiflich, warum die Erdkugel alle Jahrmillionen der bekannten Erdperioden hindurch gleichsam auf ihrer einen Backe eine riesengroße mehr oder minder tiefe Grube oder Mulde dauernd bewahrt haben soll, während alles Stehenbleiben oder größere faltenhafte Emporquellen von Erdteilen durchaus auf die andere Backe beschränkt blieb. Fast möchte man hier eher an einen kosmischen oder sonst ganz allgemeinen Einfluß denken, dem die Erde noch in jener »mythischen Epoche« ihrer Uranfänge unterlegen wäre und der ihr Bild unabänderlich fortan bestimmt hätte, -- wenn man nur wieder wüßte, was man sich darunter genauer vorzustellen hätte. Jedenfalls muß die merkwürdige Sache uns aber die Augen dafür offen halten, ob jene einseitige Schrumpfungstheorie so ganz auf dem richtigen Wege ist.

Uns graut heute schon vor der Wasserwüste, die dieser Stille Ozean etwa zwischen Kalifornien und China bildet. Wer damals dort hätte segeln dürfen -- sagen wir in der Phantasie ein Wesen von fremdem Stern, das schon in kambrischen Tagen, fünfzig und mehr Millionen Jahre vor dem ersten Menschenauge, den Erdball entdeckt und besucht hätte -- der wäre aber noch auf eine ganz andere Fläche gestoßen. Heute neigen sich doch weiter nördlich wenigstens Asien und Amerika in der Beringstraße eng zu einander. Der kambrische Pazifik trieb dagegen seine ungeheuren Wellen auch hier noch unvergleichlich viel weiter, er rollte sie über den engeren Fleck des heutigen China, über ganz Ostsibirien, wo jetzt die Lena zum Eismeer strömt, bis hoch hinauf in sieghafter Riesenentfaltung gegen die asiatische Nordspitze, das Kap Tscheljuskin. Am Schlamm, den er dort überall abgesetzt und den diese Länder, nachdem sie längst wirklich »Land« geworden, heute noch an ungestörten Stellen als dicke versteinte Decken tragen, erkennt man deutlich noch seine Spur. Und entsprechend überschwemmte er weite Gebiete des heutigen westlichen Amerika. Von Alaska bis San Franzisko wälzten sich auch hier seine grauen Wellen sintfluthaft. Er stand über der ganzen Breite des unteren, zugespitzten Teils von Südamerika, von Chile und Paraguay bis zum Kap Horn. Man fühlt sogleich, daß hier die Gebirgsmauer der amerikanischen Kordillere noch fehlen mußte, die heute als Felsengebirge und Anden westlich das Land verteidigt; und in der Tat ist auch diese Kordillere erst viel, viel jüngeres geologische Werk, wie die Anordnung und Faltung ihres Gesteins erweist. Wohl hätte ein Besucher von damals, der sich wie ein verlorener Schmetterling über diese endlosen Wasser hinausgejagt fand, doch auf eine Weile den Eindruck erhalten können, er schaue noch über eine Urerde, deren Kugelfläche ganz anders unter Wasser stand als später. Und der Eindruck hätte sich verstärkt, wenn er inmitten dieser westamerikanischen Überflutung nun folgerichtig damals auch keinem Isthmus von Panama begegnet wäre, sondern auch dort quer über den Ort des heutigen Mittelamerika hinweg in freier Fahrt ostwärts in das Gebiet des Atlantischen Ozeans hätte einlenken können. Dann erst, bei dem Versuch, dieses Becken zu erforschen, das zunächst auch nur wie eine offene östliche Fortsetzung der bisher durchquerten pazifischen Wasserfläche aussah, wäre er auf die wahre Sachlage auch der kambrischen Festlandverteilung gekommen. Er mußte auf die riesigen inneren Küsten der »Landseite« stoßen und das jetzt in einer Form, die einerseits ganz entschieden abwich vom heutigen geographischen Sachverhalt, andrerseits aber die wirklich nicht zu verachtende Masse auch des damaligen Landes dartat.

Südöstlich von der breit offenen mittelamerikanischen Einfahrt, einem natürlichen Panamakanal von damals fast zwanzig Breitengraden Öffnung, hätte unser kambrischer Seefahrer endlich erstes Land gesichtet in der Gegend etwa der heutigen atlantischen Küste von Kolumbien. Es war der damals allein über Wasser stehende Nordblock von Südamerika, in der Hauptmasse das heutige Brasilien umfassend. Es ist amüsant, sich hier daran zu erinnern, daß auch unsere späte europäische Entdeckungsgeschichte in der Zeit kurz nach Kolumbus einmal eine Neigung gehabt hat, statt des heutigen großen Kontinents von Südamerika dort bloß eine »brasilische Insel« zu suchen. Der Portugiese Cabral hatte damals im Atlantischen Ozean südwärts nach dem Kap der guten Hoffnung fahren wollen und entdeckte dabei zufällig, durch eine Strömung aus dem Kurs gebracht, die für sein Wissen ganz vereinzelte brasilische Küste. Eine Weile spukte daraufhin eine solche brasilische Insel in den Köpfen, bis man durch weiteren Verfolg der Uferlinien den wirklichen Umfang des neuen Kontinents für unsere Tage erfaßte. Aber es gibt nicht leicht eine menschliche Phantasie, die nicht irgendwo einmal auch im Reichtum der Natur verkörpert gewesen wäre, und so ist im Kambrium und noch lange später auch ein urweltliches Südamerika wirklich dagewesen, das wesentlich nur aus Brasilien bestand. Eigenartigerweise aber wieder war der Begriff »Insel« dabei aus einem ganz andern Grunde auch nicht richtig. Während dieses Stück Südamerika nämlich im Gegensatz zu unsern Karten damals bei Panama wirklich als Insel frei in den Ozean ragte, hätte unser kambrischer Seefahrer gerade an der Seite, wo Cabral es als vermeintliche Insel entdeckte, die befremdlichste Feststellung machen müssen. Eben da, wo Cabral durch den Südteil des Atlantischen Ozeans nach Südafrika durchfahren wollte, wäre ihm zu seiner Zeit der Weg völlig versperrt gewesen. In der Verlängerung rund etwa von Venezuela ostwärts steuernd, wäre er immer weiter und weiter an einer Küste entlang gefahren. Schon nach kurzer Zeit konnte das nicht mehr die südamerikanische sein. Südamerika hatte vielmehr damals ostwärts gegen Afrika zu keine abschließende Ecke. Fortlaufende Festland sperrte die ganze Einfahrt zum südlichen Atlantischen Ozean auf der vollen Breite von Venezuela bis Nordafrika. Afrika und Brasilien bildeten eine einheitliche _afrikanisch-brasilische_ Masse mit riesigem Verbindungsstück, an dem westlich das wirkliche Brasilien nur wie eine Halbinsel hing. Nie hätte ein Portugiese den »Seeweg nach Ostindien« in dieser Richtung finden können! Vollzogen war in dieser uralt entlegenen Zeit, was wir oben als Möglichkeit einer phantasievoll ausgestalteten modernen Meereskarte flüchtig uns einmal vorgestellt hatten: der Atlantische Ozean in seinem Südteil war einfach verrammelt mit Festland, bestand als Ozean dort hinunter überhaupt nicht mehr.

Wenn unser kambrischer Segler nach dem vergeblichen Versuch, dieser einförmigen Südmauer zu entrinnen, sich aber nun quer über das Mittelstück des geheimnisvollen Meeres, in das er bei Panama doch so offen eingefahren war, nordwärts gewendet hätte, so hätte er eine neue eigentümliche Landerfahrung machen müssen. Nach Überquerung des mittleren Teils des heutigen Atlantischen Ozeans wäre er nördlich abermals auf eine ungeheure, ebenso endlos und einförmig sperrende Küste gestoßen. Sie kam zunächst etwa aus der Gegend von Mexiko im Bogen herauf. Offenbar also gehörte sie hier einem ebenfalls damals schon über Wasser stehenden Teil jetzt von Nordamerika an. Genau folgte sie allerdings zwischen Florida und Neufundland nicht dem gegenwärtigen Küstenrand, sondern schnitt ein gut Teil noch in das heutige Land selber ein. Man merkt, daß auch hier noch eine große Gebirgskette fehlte, die Alleghanys, die für diese atlantische Küste Nordamerika jetzt eine ähnliche Rolle als schützende Mauer spielen wie drüben die Parallelfalten der Felsengebirge für die pazifische. Dann aber, jenseits von Neufundland, verließ auch diese nordatlantische Sperrküste einfach jede Landgrenze von heute. Sie schritt vor der Südspitze von Grönland und Island her abermals östlich quer über den ganzen Atlantischen Ozean auf Schottland und Skandinavien zu! Ein zweites, ganz unfaßbar riesiges Festland mußte hier liegen, an dem diesmal der vorhandene Teil von Nordamerika als Halbinsel hing, wie Südamerika drüben an dem andern.

Dieses nordatlantische Festland ist die zweite recht eigentlich bedeutsame Tatsache in der Länderverteilung der Urwelt. Damals im alten Kambrium schon vorhanden, hat es eine gar nicht zu überbietende geographische Rolle durch alle die folgenden Erdepochen bis noch in die späte Tertiärzeit hinein gespielt. Wechselnd in den äußeren Grenzen, da, dort einmal durchbrochen, streckenweise überflutet, von den andern Festländern bald mehr getrennt, bald mehr brüderlich umfaßt, hat es immer doch wie ein im ganzen unbeugsamer Recke dieser Urwelt sich wieder erhoben, bis es erst ganz nahe zu unsern Tagen endlich fallen sollte. Als wesentlicher Rest steht heute von ihm nur noch Grönland. Dieses Grönland ist auf unsern Karten ja immer ein sonderbarer, man möchte sagen, nicht mit klarem Rest aufgehender Landfleck. Soll man es zu Nordamerika rechnen? Ist es eine Art eigenen Erdteils noch heute? Das versteht man eben erst geologisch jetzt. Heute ist Grönland in der Tat nur eine einzelne Ruinenzacke im Meer. Damals dehnte es sich offen verfließend durch das Herz eines Erdteils; eine Landschaft war es in seinen heutigen Nordteilen, wie heute etwa Tibet im Herzen Asiens oder der Sudan in Afrika. Wer sich in jenen kambrischen Urtagen hoch darüber hätte erheben können zu umfassender Schau, der sah das Land darüber hinausfluten östlich bis über Spitzbergen und noch weiter, westlich ohne trennende Meeresarme und Buchten über das ganze polare Inselland von Nordamerika. Wie weit die Grenzen im Norden gingen, weiß man nicht. Wahrscheinlich aber doch wohl über den Pol selbst noch hinüber. Wenn man sich denken dürfte, Erdteile ließen sich schwimmend fortbewegen wie Eisschollen, so könnte man fast versucht sein zu sagen, Nordamerika sei in Gestalt dieser riesenhaften Masse damals polwärts heraufgerutscht gewesen. Aber die ganze Größe der Dinge tritt erst hervor, wenn man sieht, daß ja Nordamerika _außerdem_ damals noch vorhanden war oder es doch sein konnte. In den kambrischen Tagen, deren Bild wir bisher verfolgt haben (wesentlich das mutmaßliche Bild des ersten, ältesten Abschnitts noch wieder innerhalb der gesamten kambrischen Erdperiode), ragte von ihm wenigstens das Mittelstück als gewaltiges Dreieck aus dem Ozean, über den Fleck der heutigen Baffinsbai, wie gesagt, als Halbinsel anschmelzend an den rätselhaften nordatlantischen Riesenblock; in folgenden geologischen Epochen ist es aber auch gelegentlich fast ganz schon über den Wassern gewesen, und doch ragte ebenso dieser Block.

Da wird man dann genötigt sein, für das Nordland einen besonderen Namen zu suchen. Am besten wird man ihn anknüpfen an seine eigentlich revolutionärste Eigenschaft, die es gegenüber dem heutigen Kartenbilde stets besaß: seine ausgesprochene Richtung, nicht wie Nordamerika den Atlantischen Ozean südnordwärts offen an sich vorbeiströmen zu lassen gegen das Eismeer hin, sondern diesem Atlantischen Ozean von Norden eine lange Mauer hemmend quer durch den Weg zu ziehen; wie immer seine Grenzen im Verlauf der folgenden Erdperioden im einzelnen geschwankt haben mögen, bald sich noch mehr vorschoben in den Ozean hinaus, bald etwas zurückwichen, bald irgendwo vorübergehend einrissen: immer, so lange es bestand, hat es diesen zähen Eigenwillen nicht aufgegeben. Für ein Land aber, das den Atlantischen Ozean durchsetzen, einengen, teilweise ausfüllen wollte, haben wir ein altes Sagenwort: _Atlantis_. Die griechische Sage nennt auf Grund ägyptischer Überlieferung eigentlich so ein Land, das noch in höheren Kulturtagen parallel zu Altägypten jenseits der Säulen des Herkules, also modern gesprochen der Straße von Gibraltar, mitten im Atlantischen Ozean gelegen haben soll. Sehr hohe Kultur sollte dort geblüht haben, in einer Nacht der Schrecken aber hätte der Ozean selber es wieder verschlungen. Es ist auch hier, wie bei der Sintfluterzählung, schwer, mit der Sage geologisch zu rechten. Man hat an mancherlei Möglichkeiten gedacht: alte Ahnungen von Amerika; alte afrikanische Kultur, deren Ort später sagenhaft geworden wäre. Will man sich auf den Ort gerade westlich von Spanien versteifen, so ist wohl mit ziemlicher Gewißheit zu sagen, daß in diesem eigentlichen Mittelstück des Atlantischen Ozeans in allen bekannten Erdperioden niemals ein größeres Land gewesen ist, also vollends nicht noch in Kulturtagen. Höchstens kleine Landvorsprünge und vereinzelte Inseln könnten hier in Betracht kommen. Dagegen sind wir eben für das Kambrium ja an einem Lande vorbeigefahren, das südatlantisch Afrika mit Brasilien verband, einem atlantischen Lande wirklich und wahrhaftig fast so groß wie dreiviertel Afrika selber. Und nun haben wir entsprechend auch ein solches nordatlantisches Sperrland. Für die Sage kommen allerdings auch diese Wunderländer der Vorzeit wahrscheinlich nicht in Betracht. Das afrikanisch-brasilische hat zwar auch nach der kambrischen Zeit noch viele Jahrmillionen bestanden, aber zuletzt ist es doch endgültig fortgebröckelt, fortgeschwemmt worden bereits in Tagen, aus denen von Kulturüberlieferung noch keine Rede sein kann, denn der Mensch war noch gar nicht da; seine tierischen Vorfahren können ihm doch nicht gut von dieser »Atlantis« erzählt haben. Die letzte Brücke des nordatlantischen Festlandes aber dürfte im Ausgang der Tertiärzeit zerbrochen sein: hier könnten also höchstens noch Menschen mit Steinkultur der Neandertaler durchgezogen sein, aber auch keine Ableger ägyptischer Weisheit mehr geblüht haben. Inzwischen ist aber das hübsche Wort zu vergeben. Will man es auf die beiden atlantischen Sperrländer der Geologie übertragen, so hätten wir unten eine _Südatlantis_, oben eine _Nordatlantis_. Da aber (wie gleich zu erzählen ist) für die Südatlantis in der Hochblüte ihres Bestehens noch ein anderer Name übergreifend bedeutsam wird, empfiehlt es sich, gewöhnlich den Nordblock, der gebieterisch einen Namen für sich fordert, als »Atlantis« schlechtweg zu bezeichnen.