Chapter 8
Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draußen im Winterwalde wurde mein Herz wieder warm; ich war glücklich. Immer, wenn ich mich glücklich fühle, habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als daß ich bald eine Anzahl von Futterplätzen und Nistkästen für die Vögel in meinem Ferienheim anbringen würde, auch auf die Gefahr hin, als Gäste lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.
Die Mutter! – Nun würde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich würde sie meine beiden geräumigen Zimmer für Joachim einrichten und mich nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersüchtig und voll häßlichen Mißtrauens, und es fiel mir ein, daß es besser wäre, sich auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf die Spatzen ...
Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte ihr Haupt verhüllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und betreten neben mir her, fast wie ein Sünder. Er war auch ein solcher; denn er hatte sein Herz verhärtet, und alle Herzensverhärtung ist Sünde.
„Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand Kommt wieder heim aus fremdem Land. Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt, Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?“
Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hübschen Gedichte schildert: die Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dünn und sein Bart dicht wurde und die Zeit die große Retouche an seinem Gesicht vollzog – er war ein anderer geworden.
In sieben Jahren soll sich der Körper des Menschen ganz erneuern. So wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurück, was vor sieben Jahren auszog. Hätte Joachim keine Seele gehabt, so wäre wirklich ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bäcker Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt fühlte er sich geehrt, daß ich ihn auf der Straße anhielt, und eilte gewiß alsbald ins nächste Gasthaus mit der Kunde, daß ein Dr. Harton aus Neuyork angekommen sei als zweiter Arzt für das Ferienheim, und es müßten doch schon massenhaft Kurgäste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten Arzt brauche.
Auch der alte Sanitätsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrüßte den „Herrn Kollegen von drüben“, den ich ihm vorstellte.
Auch die Frau Provisor, von der erzählt wurde, sie hätte, als sich Joachim verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhölzer abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den ehemals Heißbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorüber.
So näherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand wohl jetzt der Mond; denn der Nebel über dem Johannisplatz war durchsichtig und silberhell.
„Der alte Brunnen!“ sagte Joachim leise; „es ist merkwürdig, daß meine Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat dachte.“
Nun näherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.
Joachim stützte sich auf das Gemäuer, und weiße Tropfen aus der Schale Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.
Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und öffnete nach leisem Klopfen die Tür zur Mutter.
Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten, schloß die Tür und blieb draußen.
WEIHNACHTEN
Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; hätte ich mich früher nicht um das Kind gekümmert, wo es das Mädel nötig gehabt hätte, so sei meine Anteilnahme jetzt völlig überflüssig. Das gleiche könne er auch nur mit Bezug auf meinen Bruder sagen; er hätte sich jetzt schon Vorwürfe über dessen Berufung gemacht. Da könnten bloß Schwierigkeiten entstehen.
„Mister Stefenson“, sagte ich, „Sie benehmen sich wie ein Drache, der die verwunschene Jungfrau behütet.“
„Drache hin, Drache her; ich geb’ sie nicht heraus“, knurrte er.
„Das sollen Sie ja gar nicht; wir überlassen Ihnen ja das Kind.“
„Wirklich?“
„Wirklich!“
„Na, dann ist es gut!“
Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im großen Theatersaal des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden, obwohl wir keinen eigenen Bürgermeister haben werden). Dieser Theatersaal ist Hals über Kopf fertiggestellt worden. Er könnte schöner sein. Aber er ist geräumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hübsche Liebhaberbühne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es gehörte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wände, Kalkkübel und Schutthaufen zu maskieren, die in der Nähe des Treppenhauses einen unschönen Anblick bieten.
Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet, komponiert und malt. Über braven Dilettantismus geht es bei Herder nirgends hinaus, aber er schafft für den Hausbedarf brauchbare, gefällige Sächelchen.
Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept: „Von jeder Art zwei Pärchen.“ Dazu sind alle Kinder geladen, die zum großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, daß die Kleinen auf Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.
Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht.
Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte.
Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt, daß nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich verbarg mühsam meinen Schrecken.
Herder erzählte weiter:
„Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.“
Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.
„Es ist unerhört ...“
Er wußte augenblicklich, was ich meinte.
„Gar nichts ist unerhört“, unterbrach er mich rauh. „Die Nichte von Mister Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muß auftreten, sie muß ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.“
Was hatte es für Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun mußte eben durchgehalten werden ...
Die Mutter saß mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an der Bühne. Ich sah und hörte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel von Zwergen, Kobolden, Nußknackern, Pfefferkuchenmännlein, Tiergestalten, Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum üblichen Weihnachtsstück gehören; ich wartete mit Herzklopfen auf den Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miß Stefenson aus Chikago auf dem riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte „Bild“ übrig, nun mußte Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.
Der Vorhang hob sich. – Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Könige; rings in Anbetung versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmännlein. Es war alles in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.
Da erschien plötzlich ein Licht über der Grotte, ein wunderschönes Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:
„Vom Himmel hoch, da komm ich her Und bring euch allen frohe Mär: Geboren ist in Davids Stadt Er, der des Lebens Fülle hat.“
Die Mutter saß wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und drückte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die ganze Gemeinde saß in Andacht.
Joachim war ganz gleichmütig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:
„Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!“
Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe angezündet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.
„Fritz – das Kind – dieses Kind ...“
Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.
„Fritz – sage mir – ist es – ist es? ...“
„Ja. Es ist Luise.“
Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne Bitterkeit sagte ich:
„Mutter, du brauchst dich nicht zu ängstigen, das Kind wird dir nie Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut aufgehoben.“
So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hören war als das leise Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stützte die Mutter den Kopf auf den Tisch und sagte müde:
„Das Kind ist Joachim ähnlicher, als er sich jetzt selbst ist!“
Nach einem Weilchen meinte sie:
„Es wird wohl keine Möglichkeit geben, daß ich das Kind zu mir nehme?“
„Nein, Mutter, es gibt keine solche Möglichkeit mehr!“ Damit ging ich nach meinem Zimmer.
FÜGUNG ...!
Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer fertiggestellt sind und auch der Küchenbetrieb schon im Gange ist. Im Rathaus gegenüber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitstätigkeit noch vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen täglich nach Neustadt zu fahren und sich um das „Gänschen“ zu kümmern. So wolle er das Mädel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr störend, aber was wolle er machen? Er hätte auch gefunden, daß die Pflegeeltern in Neustadt die Sache mit Luise nicht recht verständen. Ich grunzte. Sonst sagte ich nichts ...
Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit größter Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir:
„Und nun, mein Lieber, ist es die allerhöchste Zeit, daß wir an die Bauernrequirierung gehen. Zehn Höfe sind fast fertig, das Vieh ist rasch zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergeräte, aber das Bauernvolk, das uns einpaßt, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht, aber das ist nichts; die gehen bloß auf ihre Provision aus und schicken uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit, sich in einen Vieh- oder Getreidehändler oder, wenn Ihnen das besser liegt, in einen Gütermakler zu verwandeln und mich morgen auf der Bauernsuche zu begleiten.“
Nun, diese Aufgabe paßte mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glück zunächst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausrüstung. Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit Hirschhornknöpfen und grüner Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips, ein seidenes Tüchlein um den Hals, eine Lodenmütze, das war meine Ausrüstung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da vermuten sie keine verkniffenen Städter, keine „Juden oder Winkeladvokaten“, die sie übers Ohr hauen wollen.
Es wäre alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am nächsten Morgen, als die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht hätte.
Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedächte, daß uns das Mädel nur stören und aufhalten würde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit.
„Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel“, sagte die Kleine mit einem Anflug von schnippischem Ton.
„Sie macht sich heraus; sie fängt an, Courage zu kriegen“, sagte der „Pappa“ anerkennend.
Auf einer größeren Station stiegen wir während des Zugaufenthaltes aus, um dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthändlers waren, näherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich an, dann das Kind, faßte es blitzschnell an der Hand, riß es an sich und küßte es wie rasend.
Das Mädel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: „Aber Madame, was tun Sie?“, und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen.
„Zurück in den Wagen!“ rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte. Bald saßen wir im Abteil, und die Tür flog zu.
Draußen schrie eine gellende Stimme:
„Es ist mein Kind – es ist mein Kind – laßt mich zu meinem Kinde! Luise! Luise!“
Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen fest; der aufsichtführende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklärende Sätze. Zuletzt sagte ich:
„Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf dieses Kind habe!“
Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhängenden Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: „Haben Sie einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Mädchen?“
Da schüttelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser Wagenfenster, dann verließ die Frau den Bahnhof.
„Wer war die böse Frau?“ fragte Luise verängstigt.
„Eine Verrückte“, sagte Stefenson rauh.
„Wird sie nie wieder zu mir kommen?“
„Nein, nie wieder!“
Wie lange doch der Aufenthalt noch währte! Die Leute spazierten draußen und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor. Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da gab es einen gewaltigen Ruck und Stoß, und der Zug stand.
Ich riß das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab, Schaffner eilten den Bahnsteig entlang – ein Schaffner kam zurück und gab uns Auskunft ...
Über das Feld rannte jene Frau ...
Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen, und der Lokomotivführer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen gebracht.
Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster.
„Da rennt sie – da rennt die böse Frau!“ rief das Kind.
„Laß das verrückte Weib!“ knirschte Stefenson.
Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog über die Fluren, frierende Vögel saßen auf den Telegraphendrähten, alles, was draußen war, fror, die Bäume und die Berge, die Tiere und die Menschen.
Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmähter Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmäht.
Stefenson saß finster in seiner Ecke.
Das Kind begann wieder zu sprechen.
„Alle verrückten Menschen sind sehr böse.“
Da brummte sie Stefenson an:
„Das kann man nicht sagen, du Gänschen! Manche Menschen können nicht mal richtig dafür, daß sie verrückt sind.“
„Wieso nicht?“
„Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den großen Menschen von Tausenden kaum einer richtig.“
„Du hast aber gesagt, sie ist verrückt, und du hast es böse gesagt“, verharrte das Kind.
„Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrückt oder böse ist.“
„Böse ist sie“, wiederholte Luise; „denn sie hat mich sehr gequetscht und mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen.“
Grau rann der Regen über das Wagenfenster.
All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrückte Menschen, saßen wir da im Zuge, der uns schnell davonführte und eine große Strecke zwischen uns und die Sünderin legte, die uns gestört hatte in unserer Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschütteln konnten.
Der göttliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie hätte er wohl gehandelt in meinem Falle? Hätte er die Arme beiseitegestoßen, sich einen Beamten kommen lassen und sich hinter „gesetzliches Recht“ verschanzt? Wäre er dann weitergefahren, fast hinweg über den zuckenden Leib, und hätte er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit hochmütigem Abscheu in der Seele? Oder wäre ihr der Meister nachgegangen, hätte sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein wenig goldene Kindesliebe für die Zukunft verheißen?
Ferien vom Ich!
Ich werde mich vor allen Dingen erlösen müssen von allem kalten Hochmut des Herzens und allem auch noch so „gesetzmäßigen“ Zurückstoßen der Schwachen und Schuldigen ...
BAUERNANWERBUNG
In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.
Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.
Stefenson hielt das Pferd an.
„Wollen Sie mitfahren?“
„Nee!“ antwortete der Bauer.
„Warum denn nicht?“
Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.
„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“
„Sie haben wohl schönere Pferde?“
„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.“
„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.“
Er meckerte.
„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“
Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.
„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.“
„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“
„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“
„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“
Der Bauer brach in helles Gelächter aus.
„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“
„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.
„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.“
Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:
„Wie heißen Sie?“
„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie Napoleon.“
„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“
„Wie heißen _Sie_ denn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.
„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.“
„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes Pferd.“
„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.
Der Bauer lachte.
„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“
Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:
„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?“
„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben.“
„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?“
„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“
„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“
„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.“
„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“
„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n, saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“
„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“
„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“
„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.“
„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“
„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“
„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“
Er lachte über seinen Witz.
„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“
Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.
„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“
Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.
„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.
Der Bauer rührte sich nicht.
„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.
„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“
Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.
„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“