Chapter 7
Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand. Das Lärmen auf der Straße wurde indes lauter, die demonstrierende Schar wurde größer. Da verließ mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg betroffen und gab eine Gasse frei, dann lärmten die Leute hinter Stefenson her. Ich war so verbittert, daß ich wohl eine Stunde lang planlos vor der Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Büro aufsuchte.
„Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?“ fragte er gleich bei meinem Eintritt. „Seinen Kontrakt mit mir hat er gelöst. Der Esel! Mir hat er einen großen Gefallen getan; denn ich weiß einen tüchtigeren und billigeren Mann, als er ist, und bin froh, daß ich ihn loswurde. Glück muß man haben!“ Er rieb sich die Hände.
„Mister Stefenson“, sagte ich ernst; „wir werden wohl unsere Kontrakte alle lösen müssen. Denn obwohl ich natürlich von dem Schundartikel eines verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar, daß unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermögen nicht ohne die Achtung unserer Mitbürger zu bestehen. Wir werden unmöglich!“
Stefenson ging mit großen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann:
„Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren – meine Mutter war ja auch ’ne Deutsche ...“
„Und Ihr Großvater väterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg“, wollte ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber.
„Ja, also die Deutschen“, fuhr Stefenson fort, „bilden sich was ein auf den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Völker, gar nicht haben. Schön – ich gebe zu, Sie haben Dichter, die ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind vielfach mit einer beträchtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist alles so – entschuldigen Sie – so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Große geht, der fehlt Ihren Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anständiger Mann sein Geld und seine Zeit auf eine große, aber sehr wackelige Sache setzt, und es kommt so ’n Preßäffchen und kläfft was von Pferdedieb und Petroleumstänker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn der Leser nur ein bißchen Hirnschmalz hat, fällt’s ihm nicht ein, ein Wort zu glauben. Aber er tut so, als ob er’s glaubte, er mimt mit in der Maskerade und amüsiert sich dabei königlich. Und der, dem der Feldzug gilt, wird ein bekannter, ein berühmter, ein reicher Mann. So sind alle zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die eine amüsante Frühstückslektüre gehabt haben, und der Mann, der angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Öffentlichkeit angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem Grunde des Vertrauens seiner Mitbürger. Aber der Humor, Mensch, der Humor darf nicht fehlen!“
„Wir in Deutschland haben einen anderen Humor“, sagte ich und war froh, daß es so ist.
Da kam einer unserer Bauführer und meldete kleinlaut, daß wahrscheinlich fast alle unsere Arbeiter kündigen würden. Als er gegangen war, saß Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch.
„Werden Sie nun begreifen“, fragte ich, „daß Sie die gerichtliche Klage anstrengen _müssen_, daß es absolut Zwang für uns ist?“
„Ich kann die Leute nicht verklagen“, sagte Stefenson schwermütig.
„Sie können nicht?“ fragte ich betroffen. „Warum können Sie nicht?“
„Weil ich den Artikel über Sie und über mich selbst geschrieben habe.“
Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand.
„Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in das Neustädter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der Verleger, so daß sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in ihrem Blatte recht kräftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustädter „Umschau“ loslassen. Das sollte so hübsch hinüber und herüber gehen, bis zuerst die Provinz- und dann die hauptstädtische Presse davon Notiz nahm und im bunten Teil Auszüge brächte, etwa unter der Überschrift: ‚Der Sturm im Wasserglase‘ oder ‚Krieg der Zaunkönige‘ oder ‚Ein Mordsskandal in Dingsda‘ oder so ähnlich. Da hätte nun das große Publikum auf einmal etwas von uns gehört, hätte die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung sensationellen Humors geschluckt, und überall hätte man von uns und unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir wären durchgewesen. Diese ganze schöne Propagandaidee hätte mich etwa lumpige tausend Mark gekostet, und nun fällt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute zusammen.“
Ich kam aus der Verblüffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich, was zu tun sei.
Es stellte sich heraus, daß Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, daß also Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile einen kurzen Artikel für unser „Waltersburger Tageblatt“. Er lautete:
„Einen fürchterlichen Reinfall haben die Neustädter erlebt. Ihre weitverbreitete ‚Umschau‘ hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein Druckfehler) Schauermären über die Unternehmer der in Waltersburg zu begründenden großen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu grotesker Dummheit. Während das gebildete Waltersburger Publikum diese klatschfetten Zeitungsenten als solche natürlich sofort erkannt hat, sollen sie gewissen Neustädter Kreisen über die Maßen gemundet haben. Denn der Haß gegen das aufblühende Waltersburg ist zu groß, als daß nicht auch die eselhafteste Lüge, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet ist, in Neustadt Glauben fände. Wie schwer der Reinfall ist, möge folgender Aufschluß bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmähten Stadt ‚mit dem weißen Lamm als Wappentier‘, eine Genugtuung geben wollen, indem er die Neustädter Bevölkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen ließ. Mister Stefenson hat – wie vorliegende Dokumente beweisen – die beiden aufsehenerregenden Artikel, die natürlich von A bis Z erfunden sind, nämlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der ‚Neustädter Umschau‘ veröffentlicht. So viel war ihm der Spaß wert. Die Neustädter aber mögen nun die Zoologie nach einem für sie passenden Wappentier gefälligst selbst durchforschen.“
Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drückte er mir die Hand.
„Ich danke Ihnen“, sagte er anerkennend; „Sie sind gar nicht so unamerikanisch.“
*
Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich ein reines Glück im Herzen fühlte, als ich unser Ferienheim so fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrückten mich oft, und wenn ich sie abends in ihren großen Baracken lachen und lärmen hörte, dachte ich daran, wie schön es war, als noch die stillen Raine durch grüne Felder liefen. Überall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege, Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fühlte mich auf diesen Bauplätzen außerordentlich unbehaglich, und wenn ein schöner Baum zum Opfer fallen muß, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein großes Unrecht geschähe.
Für den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich glaube, ich sehe alles zu schön; es kann in Wirklichkeit nicht so werden, wie ich es träume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer. Erst, wenn „aufgeräumt“ sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu gefallen.
Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft werden.
JOACHIM
Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: „Treffe drei Uhr fünfzig nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim.“ Das Telegramm war frühmorgens in Berlin aufgegeben.
Erst langsam begriff ich, daß da etwas Wunderliches geschah, daß mein verschollener Bruder plötzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiß durchs Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzählen. Aber ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgültig:
„Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab.“
„Ich weiß nicht, wie ich’s mit der Mutter machen soll.“
„Der Mutter würde ich vorläufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht, warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm.“
Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof. Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief, war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich:
„Willkommen, Joachim; ich freue mich, daß du gekommen bist.“
Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht.
„Weiß es die Mutter?“
„Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen.“
„Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich heiße Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore.“
Er sprach mit einem Gepäckträger; dann fuhren wir nach einem Hotel.
Unterwegs fragte ich ihn:
„Bist du gesund?“
„Ja – oder auch nein – ach Gott, ich weiß es selbst nicht.“
Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig auszuruhen, aber er nötigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem Reisekoffer saß er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit gepreßter, etwas stoßender Stimme:
„Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine Sicherheit – das Heimweh – das quälende Heimweh ...“
Ich trat ans Fenster und sah auf die Straße.
„Fritz!“
Ich wandte mich ihm wieder zu.
„Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat – nun ja, ich muß schon Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht – warum habt ihr eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?“
„Was für eine Geschichte mit dem Tagebuch?“
„Nun, daß du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir geschäftlich verbunden ist, dein Tagebuch über Waltersburg hast schicken lassen.“
„Ich dir mein – hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?“
„Ja, natürlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift.“
„Oh, dieser Mensch – dieser Stefenson!“
„Weißt du gar nichts darum?“
„Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir geschickt.“
„Ja. Ich bekam die Blätter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe sie endlich doch gelesen, täglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle war, so daß ich notdürftig meine Angelegenheiten ordnete, und – und nun eben da bin.“
„Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?“ fragte ich verwundert.
„Ja, du weißt nicht, was das heißt, keine Heimat mehr zu haben. Die anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfühlen. Ich habe nichts von alledem gesucht und bin ganz losgelöst von aller Wurzelerde gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte über die Mutter, selbst die Geschichten über das Spießertum in der Heimat haben eine – nun ja, ich gestehe es – eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann auch das – auch das – aber lassen wir das!“
Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht über die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah, in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und hütete mich, dieses ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen.
Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riß dann plötzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend:
„Ach Gott, ich bin doch froh, daß ich hier bin.“
Wir reichten uns stumm die Hände.
Dann sagte ich:
„Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Männer beraten, was zu tun ist.“
Er sah mich von der Seite an.
„Du weißt wohl natürlich auch nicht, daß mich Mister Stefenson als zweiten Arzt für dein Sanatorium berufen hat?“
„Hat er das?“
„Ja, allerdings nur unter der Bedingung, daß mir deine Idee von den Ferien vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernünftig und fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!“
Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht.
„Schönen Dank, Joachim. Du weißt, wie sehr ich dich immer mir für überlegen gehalten habe.“
Er winkte, schwermütig den Kopf schüttelnd, ab. Dann setzte er sich mir gegenüber und ergriff wieder meine Hand.
„Sieh mal, Junge, daß du mich nun fünf Jahre lang gesucht hast – das – nun ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir wird, weiß ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem Rat zugänglich sein. Aber ich möchte nicht erkannt werden; ich möchte nicht, daß all der Schwatz und Klatsch – ach, laß uns die heilige Stunde nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es möglich wäre, daß ich als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gälte, sähe ich mir gern auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten, ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen Tag, jeder ist fern von dem glücksfeindlichen Schwarm, der einem aus der Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich möchte der erste sein, der in deiner Zufluchtsstätte Ferien macht von seinem Ich.“
Beide Hände streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen himmlischen Segens für meine Gründung stand der langvermißte Bruder vor mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich ein Glück herrlicher fügen! In dem überströmenden Gefühl des Augenblicks sagte ich:
„Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zürne mir nicht, wenn ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der kleinen Luise.“
Da wurde sein Gesicht finster.
„Ich kann noch nicht – laß mir Zeit!“
Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die Fenster. Allmählich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen Pläne für die nächste Zukunft.
*
Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, saß dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte:
„Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der größten Prachtkerle der Welt. Da ist er – mein Bruder Joachim – den Sie heimgezaubert haben.“
Stefenson antwortete mir nicht, schüttelte aber dem Bruder herzlich die Hand.
„Das ist schön, daß Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar nicht; denn ein Mann wie Sie läßt sich nicht herzaubern. Aber daß Sie gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glück; denn Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften, aber im ganzen ist er ein Schwärmer.“
„Danke, Mister Stefenson!“
„O bitte!“
Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschäftliche.
„Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Bäder, überhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis jetzt nur in den Außenumrissen fertiggestellt; die endgültige innere Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kämen; denn Sie haben in solchen Dingen große Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr bewährt haben.“
„Woher wissen Sie das?“
„Na, ich habe mich doch selbstverständlich in mehreren guten Auskunftsbüros über Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt hätten, hätte ich mich doch auch nicht um Sie bemüht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb schickte ich Ihnen das Tagebuch.“
Verärgert fuhr ich den Krämer an:
„Sie haben also wieder nur ans Geschäftliche gedacht?“
„Na selbstverständlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man denken als ans Geschäftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter Kaufmann ist?“
Joachim lächelte; mir aber stürzte wieder einmal ein gläsernes Tempelchen ein, in das ich meinen Götzen Stefenson gesetzt hatte.
Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte über tausend Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, daß der durch die Heimkehr äußerst aufgeregte Bruder zunächst durch die trostlos nüchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.
Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er erzählte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an einen gefühllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjährigen Knaben ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heiße, mal probeweise zu sich nehmen; vielleicht, daß etwas aus ihm würde. Die Gründung einer so neuen Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran müsse ja auf einen Jungen einen tiefen Eindruck machen und ihm fürs ganze Leben einige stählerne Gerüstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug reisen, und er hätte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er wegen der Vertretung manches Geschäftliche mit mir noch zu erledigen habe, womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Straße waren, sagte Stefenson: „Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht hinterher wieder aus dem Häuschen fallen und alles verderben. Also, mein kleiner Neffe, der Georg, ist nämlich gar kein Junge, sondern ein Mädchen – er ist die kleine Luise.“
„Stefenson, Sie sind toll!“
„Nein. Ich bin vernünftig. Die kleine Luise muß Ferien von ihrem Ich machen. Als Mädel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken abgewöhnen, wenn eine Hand nach ihr faßt; nein, sich selbst ’rumhauen mit Buben und Straßenbösewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte Behandlung haben.“
Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Großes an meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.
Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in dem Thüringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewußtsein seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.
Ich wußte, daß Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je ein Vater oder Großvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter irgendeinem Vorwand einmal nach Thüringen verschwunden; das Mädchen hatte sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte, jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den wahrscheinlich nie eine zärtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese Kindesliebe so wohl, daß er diesmal auf allen kaufmännischen Vorteil vergaß und wie ein verliebter Narr handelte.
Mochte er es tun!
Stefenson reiste ab.
Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind zunächst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.
Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.
„Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben. Denn sie will nicht. Sie heult, daß sie ein Junge werden soll. Auch die Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise bleibt ein Mädel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu schlecht. Ich will mal sehen, daß ich das Kind zunächst in Neustadt unterbringen kann. Ich weiß da eine gute Familie, die mir den Gefallen gegen Entschädigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung täglich beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der mir für die Erziehung des nur außerordentlich geschickt zu behandelnden Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.
Stefenson.“
*
Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.
Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.
Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte. Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu sein. Endlich sagte ich mir, daß ich ein Geselle von kindischer Eifersucht sei, und ging in das Zimmer der Mutter.
„Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!“ sagte ich, und die nervöse Frau erschrak natürlich aufs schwerste.
„Es handelt sich um Joachim!“
„Um Gottes willen – ist ihm etwas passiert – ist er in Not – willst du zu ihm fahren?“
Ich mußte lächeln. Zu ihm fahren! – Daß ich damit mein Lebenswerk aufgegeben hätte, daran dachte die Mutter nicht.
„Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von Joachim zu sagen habe.“
„Sage es mir, Fritz, will er – will er nach Hause kommen?“
„Ja, er kommt schon heute.“
Da stieß sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die Händchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der ihr das größte Glück beschieden habe, das es für sie gebe. Als sie etwas ruhiger wurde, fragte sie:
„Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal geschrieben, daß er kommen soll?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ganz von selbst gekommen“, sagte sie selig; „der treue Sohn!“
In trockenem Tone entgegnete ich:
„Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in Neustadt abhole. Erst in der Dämmerung kommen wir. Inzwischen rege dich nicht allzusehr auf und vergiß nicht, deinen Baldriantee zu trinken.“
Das nahm sie ungnädig auf.
„Baldriantee – wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natürlich mit nach Neustadt fahren.“
„Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, daß er von den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine Kuranstalt eintreten.“
„Und nicht bei mir wohnen?“
„Nein, er wird im Ferienheim wohnen.“
„O – o du nimmst ihn mir?“
„Ich nehme ihn dir nicht –“, entgegnete ich unwillig; „mache mit Joachim selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen.“