Ferien vom Ich

Chapter 6

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„Was er kostet, wie er balanciert, weiß ich nicht. Das ist nicht meine Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofür sind Sie da?“

„Fürs Geldgeben!“

Er schüttelte melancholisch den Kopf.

„Ihr Plan ist unrentabel“, sagte er düster.

„Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzählen. Ein Schlächter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer führte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte der Schlächter: ‚Aber Mensch, wie kann ich Ihnen für ein so elendes Tier so viel Geld geben, wie Sie verlangen?‘ – ‚Sachte‘, sagte der Bauer, ‚das hier ist nur der Rübenraum, die Kuh steht erst hinter der nächsten Tür.‘“

„Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?“ grollte Stefenson.

„Fahren wir erst nach Hause“, entgegnete ich. „Und vorher können Sie ja mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus.“

„Das fällt mir nicht ein“, sagte Stefenson kalt. „Ich hasse diese deutsche Sentimentalität.“

So fuhren wir nach Hause. Ich übergab Stefenson meine Zeichnungen und schriftlichen Ausführungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer noch in einem Hotel wohnte. Nach fünf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es hieß, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich darüber nach, wohin Stefenson wohl sein könne. Dann telegraphierte ich an die Vorsteherin des Instituts in Thüringen:

„Ist Mister Stefenson noch dort?“

Am Abend kam die Antwort:

„Stefenson war hier, ist aber eben zurückgereist.“

Darauf machte ich mir das Vergnügen, zum Neustädter Bahnhof zu gehen und den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, daß er Herrn Stefenson mitführen würde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch festgestellt.

Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm plötzlich entgegen, und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn plötzlich auf der Promenadenbank in Thüringen traf.

„Guten Abend, Mister Stefenson“, sagte ich, „wie geht es der kleinen Luise?“

„Wieso – wieso – Luise – was geht mich das Gänschen an?“ versuchte er sich herauszulügen.

Ich blickte ihn freundlich an und sagte:

„Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, daß Sie dort waren.“

Da hustete er.

„Wissen Sie was“, sagte er zornig, „es ist nicht schön, daß Sie mir nachspionieren. Was geht mich das Gänschen an? Aber da Sie schon mal so ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann für diese Schwäche nichts. Meine Mutter war eine Deutsche.“

VORARBEITEN

Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, daß ich ein Tagebuch führe und darin manches über den Ausbau unseres Ferienheims, aber auch über seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit quälte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektüre zu überlassen. Er war neugierig wie ein Backfisch, und es nützten mich alle Versuche nichts, ihm klarzumachen, daß es – gelinde gesagt – sehr indiskret sei, Einblick in ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die Aufzeichnungen in Händen hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.

Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurück und sagte, indem er ein sauersüßes Lächeln zwischen seinen dünnen Lippen zerquetschte: „Sie haben mich sehr schlecht charakterisiert.“

„Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen.“

Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch nichts, und ging wieder nach seinem „Büro“. Dieses besteht aus einer Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstühle, ein Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausrüstung bilden. Der Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Pläne unserer Ferienhäuser, sind Aktenstöße, stehen Modelle. In einem Nebenraume klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal, Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schönste Musik.

In dem Büro sind unsere Beratungen. Dorthin müssen Architekten, Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschließen oder mir doch eine rein zuhörende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut für Engros-Schweineschlächterei, aber nicht für mein romantisches Ferienheim eignen möge, wurde er immer stiller und ließ mich nach und nach mit den Architekten selbständig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von morgens fünf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermüdung zu zeigen. Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt für Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng verpönt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern planmäßige, geordnete Arbeit wird geleistet, Für und Wider werden kurz beleuchtet, Nebensächlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der Beschluß knapp und fast immer schriftlich gefaßt; dann wird aber auch im Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder zurückgegriffen. So wußte man am Schluß solcher Verhandlungen immer: das stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muß es ausgeführt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur, und etwas schwärmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken durcheinander purzeln, können viel von solchem Manne lernen. Nur darf Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen die reinsten Antipoden; aber ich schätze es als Glück, mit einem so klaren Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn über seine Kaltschnäuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben Händel miteinander – je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein größeres Unglück auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden, und kaum einen größeren Vorteil, als einen klugen Freund.

*

Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger ungefähr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hört. Die Leute wunderten sich rasend. Sie steckten die Köpfe zusammen, redeten viel auf den Bierbänken und kamen doch, da sie immer nur Gerüchtsbrocken sammeln konnten, zu keinem klaren Bilde.

Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geäußert hat: es scheine sich um eine Art Verrücktenanstalt im großen zu handeln; den nötigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat an Tollheit ergänzt.

Günstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu dem neidischen und verärgerten Gefühl, das einem unerwarteten Werk vom lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer Verdruß. Stefenson hatte erklärt, daß er eine ganz neue Gemeinde begründen werde mit einem eigenen Bürgermeister und einer Verwaltung, die alles im Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.

Darüber waren die Waltersburger wütend. Nachdem ihnen schon die Neustädter untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig über den Kopf gewachsen waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs verkürzte und die eigene Stadt in immer kümmerlichere Unberühmtheit drängte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmäßigen Anlagen, die sich ärgert, wenn ihre Töchter in der Gesellschaft Glück haben.

Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild, das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begüterter Graf, der ehemals hier residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht für die Waltersburger, die das Gemälde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, „das Färberchen“, hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stücken viel Mittelmäßiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein großes neues Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttäuschung war groß; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem Handbuche überhaupt nicht erwähnt. Der Schrei der Empörung, den damals der gebildete Teil der Stadt ausstieß, hat noch heute ein Echo in vielen Herzen.

Für uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem Saale des größten Waltersburger Hotels, den „Drei Raben“. Er lud zu dieser „freien Zusammenkunft, in der er Aufschlüsse über seine Neugründung geben werde“, nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen, sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bäcker, wie alle anderen Handwerkszweige mit ihren Frauen. „Es muß wie bei der Arche Noahs sein“, sagte er gut gelaunt, „von jeder Art ein Pärchen.“ Der Erfolg war schwach. Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten unparteiischen Art, aber andere rümpften außerordentlich stark die Nasen, und als die Versammlung begann, zeigte es sich, daß fast gar keine Frauen da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrüstet erklärt, man könne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen, und fast alle anderen „Damen der Gesellschaft“ hatten sich dieser Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich „geniert“, zu kommen. Aber auch die Männer waren nur in schwacher Anzahl erschienen. Der Magistrat ließ sich durch einen Beisitzer vertreten. Am meisten freute es mich, daß der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum Leiter der Versammlung gewählt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, daß Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war, daß aber sein Großvater bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in Hamburg gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hieß. Stefenson hat rein deutsches Blut in sich.

Der „Mister“ sprach. Er sagte, über die Idee seiner geplanten Kuranstalt wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhörtes, geniales Problem (dabei trat er mich grob auf den Fuß!), daß er es im Rahmen einer so kurzen Aussprache nicht erläutern könne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend günstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der Umgebung wesentlich übertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein Freund und ärztlicher Beirat sei ja, wie alle wüßten, ein Waltersburger Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelände für die Ausführung seiner Idee gewählt. Er gehöre zu den Leuten, die sich eher das eigene Hemd ausziehen, als daß sie zugeben, daß der Freund friere. (Frau Postschaffner Hempel verließ entrüstet das Lokal.) „Kommen Sie gut nach Hause, Frauchen!“ ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm. Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrüstung: „Das ist ja kolossal!“ und stampft seiner Ehehälfte nach.) „Also“, fährt Stefenson ruhig fort, „was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige nicht, eine neue politische Gemeinde zu gründen; ich werde meine Siedelung unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen.“ (Freudige Verblüffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit den Fingern auf den Tisch.) „Ja“, geht Stefensons Rede weiter, „wir werden unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen ‚Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich‘ geben, und der Schnickschnack vom sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugründung. (Der Beisitzer springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und stürmt aus dem Saal.) Mitbürger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von den Damen ist nur noch die phlegmatische Gärtnersfrau Bächel anwesend.) Es macht mich glücklich, daß Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, daß binnen zwei Jahren unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern tragen wird, so daß Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo. Bäckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stürzen im Geschwindschritt von Siegesboten auf die Straße.) Ja, aber, meine sehr teuren Mitbürger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen müssen. (Kunstpause des Redners. Bedrücktes Schweigen der Zuhörer.) Wir haben nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir müssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muß alles fix und fertig sein. Sie werden begreifen, daß dafür ein Heer von Architekten, Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Töpfern, Tischlern, Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gärtnern und Hilfsarbeitern aller Art nötig sein wird, nicht zu rechnen die Legion derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern, Schuhen, Mützen und Wäsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbürger, Ihre ganze prächtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muß ich mobil machen, um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb verzehnfachen müssen ...“

Der Redner hielt inne; denn die Zuhörerschaft keuchte zu laut. Die Erregung stieg aufs höchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlußbemerkung: „Ich möchte mit Waltersburger Bürgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt werden.“

Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gärtnersfrau wappelte sich empor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.

„Das ist gut!“ rief er; „das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!“

„Hoch!“ schrien die paar Männlein, die noch da waren. Im selben Augenblick stürzte der Beisitzer in den Saal.

„Der Herr Bürgermeister“, keuchte er, „der Herr Bürgermeister, der bis jetzt leider verhindert war, kommt selbst.“

Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe, Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren, auch der Bürgermeister, sagte er:

„Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.“

Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer glänzenden Erfassung der Situation sagte:

„Ich schließe die Sitzung!“

DIE „NEUSTÄDTER UMSCHAU“

In Neustadt erscheint ein Blättchen, die „Neustädter Umschau“. Es kommt wöchentlich zweimal heraus in einem Umfang, daß eine einzige Nummer genügt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben ehemalige Lehrer, ein „sehr gebildeter“ Schlossermeister, davongejagte Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der Verleger wählte von der ganzen Rotte den Unfähigsten, einen herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der „Umschau“ mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die „Umschau“ in der Art, daß er in seiner nüchternen Tagesstunde, die vormittags nach seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustädter Kurhauses den Stoff für die nächste Nummer aus großstädtischen Zeitungen abschreibt. Einen lokalen Teil hat die „Umschau“ kaum; jedenfalls war er stets äußerst jämmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte, wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim brachte.

Der erste Artikel beschäftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgeführt, daß ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden Menschheit meine ärztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden, mit dem ich zu tun gehabt hätte, wäre die Seekrankheit gewesen, und da sich gegen diese bekanntlich überhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum Ausruhen gehabt, daß ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluß der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt „Ferien vom Ich“ gekommen sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch sonst alle mögliche Förderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es wäre nur zu bedauern, wenn sich die Neugründung nicht bis zum nächsten Fasching hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnügungsprogramm von Neustadt würde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit hieße: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt „Ferien vom Ich“. Ängstliche seien versichert, daß ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu befürchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz harmlos und kindlich äußere.

*

Das war der Begrüßungsartikel, der meiner Gründung von dem freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir persönlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las.

„Niedlich!“ sagte ich; „ich hätte das den Kerlen gar nicht zugetraut.“

„Na, sehen Sie“, atmete Stefenson auf, „es freut mich, daß Sie nicht entrüstet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen wollen. Der Artikel ist wirklich nett.“

Eine der nächsten Nummern der „Umschau“ beschäftigte sich mit Mister Stefenson. Es hieß darin, nach authentischen Auskünften aus Amerika sei Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwürdigsten Geschäftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Seine geschäftliche Laufbahn habe Stefenson als Küchenboy in einem Hotel vierten Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Löffel, über den jenes Hotel verfügte, eines Tages verschwand und ganz zufällig in der Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte, aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz unerklärliche Art gekommen wäre, sei der vielversprechende junge Mann nach Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglück verfolgt worden. Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Jüngling wegen angeblichen Pferdediebstahls hingen, riß und also gewissermaßen ein Zeichen vom Himmel für die Unschuld des Gerichteten vorlag, hätten die barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so fürchterlich geprügelt, daß Stefenson zwei künstliche Rippen als Andenken an jenes Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die Waltersburger im Begriff ständen, zu ihrem Ehrenbürger zu machen, sei ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfällen gewesen. Stefenson sei einmal als Kutscher bei einem großen Petroleumtransport engagiert gewesen. Dieser Transport sei von Indianern überfallen, die ganze Begleitmannschaft tot- und sämtliche Petroleumfässer entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefügt, daß Stefenson am nächsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelände aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des Überfalls gründlich beseitigt hatte, auf das Gelände geführt, allwo noch ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen hätten sich bereit erklärt, an Stefenson zunächst mal fünfhundert Pfund zu zahlen, damit er alles Nötige für die Erschließung der Quellen in die Wege leite. Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst überlegt habe, hätte er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, müsse er an der Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern lieber weitere unnötige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch „Good bye“ und andere Abschiedsförmlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago verschwinden.

Die fünfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark), die Stefenson mitgenommen habe, hätten die Basis für seine weiteren geschäftlichen Unternehmungen gebildet, für Unternehmungen, die nicht weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermögen gekommen. Da aber die engherzigen amerikanischen Richter öfters an Herrn Stefensons Geschäftsusancen Anstoß genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen Manne trotz der geradezu luxuriösen Ausstattung der amerikanischen Gefängnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall gekommen, sein Wirkungsfeld vorübergehend mal nach Deutschland zu verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das weiße Lamm im grünen Felde in ihrem Wappen führe.

Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in große Aufregung. Stefenson verstand mich nicht.

„Es ist wahr“, sagte er; „der Artikel könnte farbenreicher gehalten sein, die Geschehnisse sind etwas nüchtern gegeben, aber, mein Lieber, der heutige Geschmack verpönt das Allzukrasse. Ich finde den Artikel ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich über Sie in dieser Zeitung stand.“

„Stefenson!“ schrie ich ihn an; „sehen Sie denn nicht ein, daß uns dieser Zeilenschmierer, dieser Süffling unmöglich macht? Jetzt bleibt nicht anderes mehr übrig, jetzt müssen Sie den Mann verklagen.“

„Ja, glauben Sie, daß ich toll bin?“ entgegnete Stefenson. Ich erzählte ihm, was schon der Artikel über mich für allerhand Unheil angerichtet habe. Nicht bloß, daß sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe geweint habe, ich hätte gehört, wie die Leute hinter mir zischelten. „Stefenson, unseren guten Ruf müssen wir behalten, sonst sind wir ruiniert.“

„Guten Ruf?“ verwunderte er sich. „Wie kann man seinen guten Ruf behalten, wenn man Geschäfte macht? Das ist doch unmöglich. Er wird einem doch selbstverständlich kaputt gemacht. Wenigstens äußerlich – in der gegnerischen Presse – das ist ja unausbleiblich. Darüber regt man sich doch nicht auf!“

Ein Brüllen tönte von der Straße herauf.

„Der Pferdedieb! – Der Löffelstehler! – Der Petroleumstänker! Raus, raus!“

Stefenson lugte durch die Gardine.

„Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstädtisch. Petroleumstänker ist bei der Kürze der Zeit schon ein ganz gut geprägter Zuruf!“

„Stefenson, es geht nicht – Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren.“

„Desto besser.“

„Die Geschäftsleute werden nicht mehr liefern.“

„Gegen bar werden sie bestimmt liefern.“

„Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen Artikel nicht Zeile für Zeile in öffentlichem Gerichtsverfahren als Lüge brandmarken.“

„Das soll mir gewiß nicht einfallen“, lachte er.