Ferien vom Ich

Chapter 4

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Dann ging er. Ich saß an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal auf, trommelte mit den Händen, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa, rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernünftiges – ich ging an die frische Luft.

So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Führung einer Kriegsarmee berufen wird, oder einem Dichter, dessen großes Stück über die Bühne gehen soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schöner Traum war, mit einemmal vor die größte und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein – wo wäre ein berauschenderes Glück?

Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein über deinen schrägen Dächern und alten Giebeln, wie schön singen die Spatzen am Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus!

Warte nur, mein altes Waltersburg, für dich kommt, wie für das Dornröschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will dich küssen mit einem heißen, so lebenspendenden Kuß, daß alle Starrheit von dir fällt und du mitten in wonnigem Leben stehst!

Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen – der Träumerglanz soll in deinen Augen bleiben, der weiße Schimmer auf deiner Stirn, das schöne, stille Lächeln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen berühmt werden als eine Wohltäterin der Menschen.

Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draußen in der Welt, drüben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur, stehe ich vor der bunten Bühne, und weil ich so lange und so oft zuschaute, täuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiß, hinter den bemalten Wänden liegt unordentlich Gerümpel und geht rauhe Zugluft durch schlecht schließende Türen. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da keine Chaussee; eine alte Landstraße führt ins Grüne. Am Hasenhügel setze ich mich auf einen Stein. Mir gegenüber lag der Ostabhang des Weihnachtsberges. Über den Fluß ging der Blick auf ein Hochplateau von Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das wäre der rechte Ort für mein Ferienheim.

Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort für mein Ferienheim finden, in dieser freundlichen, närrischen, gesunden Stadt!

Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land.

LUISE

Es ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein „kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.

Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauenseele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem „Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.

Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das weiß ich nicht!“

Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.

Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.

Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.

Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.

„Lies den Brief!“ sagte ich.

Sie schüttelte zornig den Kopf.

„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.

Sie starrte mich an und wurde blaß.

Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.

Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.

Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.

„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.

„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!“

Schmerz und Grauen schüttelten sie.

Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.“

*

Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.

Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?

Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!

*

Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.

Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“

Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“

„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“

Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.

„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“

Das Mädchen brach in Tränen aus.

„Sperren Sie mich nicht ein!“

„Warum soll ich dich denn einsperren?“

„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“

Das Kind weinte noch lauter.

„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“

Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:

„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...“

„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“

Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloß.

„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.

„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n Lump.“

Der Schutzmann stand wie ein Fels.

„Wer sind Sie?“

Ich zog eine Legitimationskarte heraus.

„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.

„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...“

„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“

„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.“

Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.

„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.

„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.

Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:

„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“

Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.

Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:

„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie, Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“

Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.

„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“

Da sprach ich endlich.

„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“

„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“

Er brach in ein meckeriges Lachen aus.

„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich außer mir.

„Sie wollen mich – was wollen Sie?“

Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.

„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“

Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.

Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.

Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.

SAMARITERDIENSTE

So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission ging, anderen zu helfen.

Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.

Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein silbernes Mütterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, einen Anwalt zu befragen.

*

In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte mich jemand auf die Schulter.

„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“

Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.

„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.

„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“

„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“

„Was gefällt Ihnen nicht?“

„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“

„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“

„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim soll ihr etwas liegen.“

„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“

„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“

Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich an unsere Aufgabe gehen kann.“

„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung haben.“

„So rasch geht das nicht.“

„Wie lange kann es denn dauern?“

„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“

Herr Stefenson lächelte sanftmütig.

„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“

Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.

„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für mich?“

Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:

„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“

„Ja, ich fand ihn nicht eher.“

„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“

Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ mich. –

Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.

Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.