Chapter 20
„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat ans Fenster.
„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.
„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.“
„Da – da ...“
Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:
„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!“
„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.“
„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?“ brüllte Stefenson.
„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!“
„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!“
Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.
„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...“
„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“
Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:
„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.“
„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“
„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?“
„Das kann ich nicht beurteilen.“
„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen oder _sub_ Luder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen wird.“
„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.“
„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?“ Er war wütend.
„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!“
„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“
Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:
„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“
„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“
„Und stimmt es, was sie sagt?“
„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“
Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:
„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“
„Gewiß – gewiß!“
Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.
„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“
Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.
DER FUCHS UND DIE SIBYLLE
Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.
„Wird er kommen?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten Sie sich genau an unsere Abmachungen.“
„Jawohl!“ nickte das Weib.
Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und vorsichtig umherspähen.
„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre Sache gut.“
Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.
„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“
Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte kein Wort.
„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.
Keine Antwort.
„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner auf.
„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.
„Wa–as?“
„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.
„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich hier!“
Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem Guckloche königlich.
Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte mit erzwungener Höflichkeit:
„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“
„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.
Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet fünfundzwanzig Pfennig.“
„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte wütend:
„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“
Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig auf den Tisch.
„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal abheben und sagte:
„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“
Stefenson lachte ärgerlich.
„Neununddreißig bin ich.“
„So sehen Sie nicht aus!“
Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.
„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.
„Am 14. April geboren.“
„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.
„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.
„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“
Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.
„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“
„Ja“, murmelte Stefenson.
„Ihre Braut heiratet einen anderen.“
„Ist das wahr?“
„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt und sie betrogen.“
Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:
„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie ihn töten.“
„A–ah!“
„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“
„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.
„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen wäre sie unglücklich geworden.“
„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.
„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche Amerikanerin heiraten werden.“
„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“
„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die Karten zusammen.
„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.
Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.
„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig bezahlt.“
Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.
In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die Vorderstube.
Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.
„Sie – Doktor?“
„Sie – Stefenson?“
Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur der Wissenschaft halber ...“
„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon dran?“
„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr erfahren.“
„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“
Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein Gekrabbele.
„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.
„Jawohl!“ antwortete Stefenson.
Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:
„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“
„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch auf einige Fragen Auskunft.“
„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“
Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.
„Eva!“
„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.
„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:
„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“
Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in der Stimme:
„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl verdient.“
„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff ich ein.
„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva selbst.“
„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“
„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“
Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.
„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, da ich erst heute morgen in der Zeitung –“
Ich griff wieder ein.
„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel eine kleine Änderung gemacht worden.“
„So ist wohl alles gar nicht wahr?“
„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne noch schief ausgehen, und sagte deshalb:
„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List eine äußerst gelinde Strafe ist.“
„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“
„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns existieren doch gar nicht.“
„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine große Schauspielerin.“
Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:
„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch selbstverständlich.“
Seine Augen irrten umher.
„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. Man sollte sie jetzt herunterrufen.“
Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte albern und blinzelte verlangend mit den Augen.
„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“
Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen wir hinaus!“ sagte ich. Ich half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.
Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein Kollern.
„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“
Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah ich in ihnen ein glückliches Paar.
Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher zu mir:
„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre auch genug gewesen.“
„Woher wissen Sie den Preis?“
„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“
„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“
„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel heraus.“
„Das ist infam!“ rief ich.
„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.
„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und ich ging zu der alten Sibylle.“
„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“
„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine schrecklichere Theaterhexe gesehen.“
„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was vormachen!“
„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“
Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.
ADVENT
Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte Friede ist wiedergekehrt.
Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.
„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir, „wenn mich die kleine Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich verloren.“
„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“
„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.
„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“
Da fügte er sich. –
Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise ganz allein sein.
Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht selbst das Lernen zur Lust.
Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.