Ferien vom Ich

Chapter 2

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O du großmächtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August Bunkert erworben, an den grünen Wiesen, am Flußufer, den Weihnachtsberg hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen, Einfamilienhäuser, Sommerwohnungen, Baderäume, ein Kurhaus, eine „Wandelhalle“ bauten sich auf, ein Basar für Lebensmittel, ein anderer für „Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstände“ wurde errichtet, Hunderte und aber Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschäftigt. Und alle Häuser baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann.

Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spöttisch und verächtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei sich: Was tut sich? Da erschien in den großen hauptstädtischen Blättern ein Inserat: „Waltersburg-Neustadt, entzückend am Südabhange des 450 Meter hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in grünes Wiesen- und Flußland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des Naturgenusses, bei vorläufig nur fünf Mark pro Quadratmeter Bauland (Anzahlung von 3000 Mark an) für alle, die sich ein Eigenheim gründen wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fünfviertel Stunden von der Hauptstadt entfernt. Großer Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller Schnellzüge. Täglich zwölfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten.“

Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so großen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer Beklommenheit. Am Abend saß ein ganzer Stammtisch im „Goldenen Löwen“ mit der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen Land koste, wenn das Quadratmeter auf fünf Mark komme. Niemand kriegte es heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den Amtsrichter Knopf verließ seine akademische Bildung; er knurrte, er habe ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben könne überhaupt immer nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer Herder, und der erklärte:

„Ein Morgen altes Maß ist ungefähr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat 10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter groß. Kostet ein Quadratmeter fünf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel, also 12 500 Mark.“

Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Männer, die noch mit am Tische saßen, heftig mit den Fäusten auf den Tisch, und zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er müsse sich täuschen. Der aber saß mit der Würde eines Mannes, der von der Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl überzeugt ist. Sein ganzes Wesen sagte: meine Rechnung stimmt.

Da wurde zunächst eine große Stille. Dann sagte einer: „Wenn das wahr ist, sind die Kerle große Gauner; 1000 Mark haben sie für den Morgen gegeben, 12 000 Mark verlangen sie.“

Schweigen. Nach fünf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten Ziffern auf und sagte:

„Sie arbeiten mit elf Prozent.“

„Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu“, bemerkte der Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter.

Der schüttelte den Kopf, was in diesem Falle „ja“ und „nein“ heißen konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte:

„Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000 Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent Gewinn.“

Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Bäckermeister Schiebulke, der gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Grübeln. Seine Seele wanderte zurück bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er:

„Ja, natürlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent.“

Da hoben sich die Fäuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese Überraschung war zu groß und schwer; die Hände sanken still herab ...

Was die allergrößte Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg zum großen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte, war auf dem besten Wege, ein aufblühender Badeort zu werden. Zwei „Quellen“ waren entdeckt worden, von denen die eine „Kaisersprudel“, die andere „Felsensprudel“ hieß, und die beide nach dem Gutachten eines sachverständigen Professors aus der Hauptstadt „hervorragend radioaktiv“ waren. Die Neustädter feierten Siegesfeste, während die Waltersburger vier Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort „radioaktiv“ richtig aussprechen konnten, und natürlich auch dann noch nicht wußten, was das sei.

Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im „Löwen“ statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die Decke.

„Wie – wie bei Champagner“, stammelte Herr Hirsemann.

„Blödsinn“, knurrte der Amtsgerichtsrat; „das is Kohlensäure; die is dem Wasser eingepumpt; alles künstlich, nichts natürlich; ich kenn doch die Wasserpfützen drüben – Betrug is es, glatter Betrug!“ So wartete man, bis sich die Kohlensäure verflüchtet hatte, dann trank der Bäcker und sagte:

„’s schmeckt ’n bissel salzig.“

„Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben“, grollte der Richter.

„Salzig kann man nicht sagen“, meinte der Getreidekaufmann Schneider, „sondern so mehr säuerlich!“

„Ja, weil Sie von gestern noch ’ne saure Schnauze haben“, zürnte Herr Knopf.

Unter solchen Umständen hätte der Löwenwirt, der auch mit probierte, mit seiner Äußerung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu schmecken, zurückhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr ihn an: „Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre eigenen Zigarren, muß Ihnen natürlich alles nach Schwefel schmecken.“ Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere gewöhnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert.

Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die Neustädter hatten sich für ihr Bad einen Propagandachef engagiert.

„Propagandachef!“ – Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustädter aber wußten nicht bloß, daß es so etwas gäbe, sie engagierten es sogar. Und der Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Bäcker abends im „Löwen“:

„Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefühl.“

Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsächlich deswegen, weil er immer widersprach:

„Jude hin, Jude her! Es is ’n alter Witz, daß in den ganzen Antisemitismus nich eher ’n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst machen. Wenn die Neustädter ihre faule Sache deichseln wollen, mußten sie ’n Juden nehmen, ’n Christ ist viel zu dämlich dazu.“

Der Bäcker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden, verließ er das Lokal.

Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt. Es war ein entzückend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen pries Neustadt in so berückender Form, daß eigentlich jeder Mensch zu bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach Neustadt abreiste ...

*

Die feindlichen Städte! Vielleicht, daß mir der lustige Hader die Zeit verkürzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. „Ich kann nicht mehr schweigen; ich grüße dich und Fritz. Aber schreibt mir keine Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid.“

Mit diesem Telegramm saß die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach Hause kam. Sie sprach nicht, sondern übergab mir nur wortlos die Depesche; aber sie sah mich stolz und verklärt an, als wollte sie sagen: „Sieh, solch einen guten Sohn habe ich!“ „Ich freue mich über Joachim“, sagte ich und ließ sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen hinunter, dessen Wasser einförmig rann.

Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hölle gewandeltes Paradies. Es gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm näher stand als der Bruder, und es war eine schöne Stadt, die ihm lieber war als der Geburtsort; das war Heidelberg.

In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen.

Darüber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her fährt, nicht mehr hinweg.

DAS MODEBAD

Dieser 5. April war ein sehr merkwürdiger Tag. Ich war drüben in Neustadt und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des alten Sanitätsrats in Waltersburg übernehmen solle. Der Alte will sich zur Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fällt es niemals ein, krank zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: „Wenn einer nicht gerade unverschuldet verunglückt, ist es eine Schweinerei, krank zu werden. Denn wenn einer vernünftig lebt, wird er eben nicht krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrißt.“ So erschien dem Pfarrer der Sanitätsrat immer höchst überflüssig, wie andererseits dem Sanitätsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer überflüssig erscheint. Persönlich aber vertragen sie sich recht gut, spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitätsrat beide für überflüssig halten; denn außer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch höchstens drei Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem „Grüßfuß“, und der Sanitätsrat behauptet, daß der Richter seinem einzigen „Kunden“ immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also für einen, der keine Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu werden. Im Herzen wäre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht traue, und mich also dort gewissermaßen mitschuldig zu machen, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Heute war ich drüben in Neustadt. Während der fünf Jahre meiner Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit amerikanischer Rapidität emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel über den „Sprudeln“, die „Promenade“ mit ihren unendlich gepflegten, unendlich bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das „Polnische Lied“, den „Einzug der Gäste in die Wartburg“, das „Frühlingslied“ von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und der Flötist an der Rampe des „Musikpavillons“ wie überall mit den vorbeiflanierenden Mägdelein liebäugelten; ich sah auf den Estraden leerer Restaurants Kellner lauern, die wie Bräutigame gekleidet waren oder wie Leichenbitter, fünfunddreißig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte Köchin bereitet; ich sah eine „Wandelhalle“ mit Schauläden, in denen die schönen und ach so „preiswerten“ Broschen prangen, die man den Dienstmädchen als „Mitbringe“ schenkt und deren Goldglanz mindestens anhält, bis das Mädchen am nächsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte Gläser mit der Aufschrift „Zum Andenken“ oder „_Souvenir de Neustadt_“, Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei Bären auf einem Amboß pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele Kunstgegenstände, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkündete, daß ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter debütieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk „Geheimnisse von Neustadt“ zur Aufführung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bühne, die Hauptrolle kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in ein Café und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der schon immerfort nervös hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzählte mit unerträglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner Krankheit, wofür sich dieser so interessierte, daß er während der Zeit des Zuhörens das ganze Mittagsblatt durchschmökerte; drüben an der Wand stritten zwei rote Köpfe laut über Nietzsche; eine vorübergehende Mutter machte ihrer bleichsüchtigen Tochter Vorwürfe, daß sie ihren Brunnen statt um fünf erst um fünfeinhalb Uhr getrunken habe, was natürlich furchtbar schaden könne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tänzelten vorüber, und in der Kapelle drüben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen: „Das Meer erglänzte weit hinaus im lichten Abendscheine“.

„Auch Sie, Fräulein Trude“, hörte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu seiner sechzehnjährigen Begleiterin sagen, „haben mein Herz vergiftet, zwar nicht durch Ihre Tränen, wohl aber durch Ihr Lachen.“

„Aber Herr Lempert“, sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh nach Waltersburg und ging. Draußen auf den Promenadengängen das gewohnte Publikum; die galizische Jüdin mit etwas schmierigen Spitzen am Halsausschnitt und den großen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem hocheleganten weißen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der „Künstler“, dessen Kraft wie bei Samson in der Fülle der Locken sitzt und der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen Mundwinkel eingeübt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiß weder er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch); die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende Einsame, der keinen Anschluß findet; das laute Mädchen, das immer zehn Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschäftsfreunde, die auch hier über ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die „Patienten“, die gewissenhaft aus geschliffenen Gläsern das Neustädter Wunderwasser schlürfen, als könnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen Jahren krank ward.

Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach Hause und wählte als Heimweg den Pfad über den Weihnachtsberg, der als Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.

AUF DEM WEIHNACHTSBERG

Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwürdiges Gasthaus. Es sieht aus wie eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbrücke, Butzenscheiben und was so dazu gehört. Das echteste von dem ganzen romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hieß, weil er einen langen Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er Eberhard hieß. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Höhe so gute Tage, daß ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war für die Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie ängstlich, sehnsüchtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den Gipfel hüllte, flammte da oben ein mächtiges Bergfeuer zum Himmel, und eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“

„Er kommt, er kommt!“ stießen da die Kinder heraus, und die kleinsten zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Geläut der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die reichen wie die armen, die großen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und Großmütter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam, winkten die Kinder mit den Händen, die Väter nahmen die Mützen ab, und die Tanten und Großmütter machten tiefe, ehrfürchtige Knickse. Der Knecht Ruprecht aber saß da auf seinem tannenbekränzten Thron wie ein König und nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und Reichen, an die Gerechten und Ungerechten.

Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die Fackelträger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich.

Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustädter und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war, sein Gasthaus für einen guten Preis ab. Die Neustädter machten aus der alten edlen Burgherberge ein „Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm und im übrigem allem Komfort“. Es wurden hölzerne Veranden mit großen Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte öde Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der modernen Zeit.

Daß schweres, reines Altgold in dünnes Flitterblech gewalzt wurde, empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend vergebens ausspähten nach dem leuchtenden Höhenfeuer und der süßen, verheißungsvollen Melodie: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“

In Gedanken an alte, schöne Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So sentimental war ich aber nicht, um dem neuen „Etablissement“ auszuweichen; dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel Schifflein scheitern sehen, um so eine Unglücksstelle feig zu umsegeln. Ich kehrte in dem „Etablissement“ ein. In der großen Glasveranda waren drei Kellner und ein Gast anwesend.

Dieser einzige Gast saß am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tür hereintrat. Daraus erkannte ich, daß er kein Deutscher war. Im übrigen genügte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter den bunten Finken.

Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen, wenn es gilt, einen „Uncle Sam“ zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den glattrasierten, rasiermesserdünnen Mund, die etwas schlottrige Figur mit den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die Stube, stellte fest, daß achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war, und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenüber, ohne ihn zu grüßen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins Tal. Ich beachtete ihn auch nicht.

Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz still.

Endlich blickte der Mann mir gegenüber auf und sagte, indem er nach Neustadt hinunterwies:

„Das ist ein sehr albernes Nest da unten!“

Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch:

„So kann man schon sagen. Es gefällt mir auch nicht.“

„Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben.“

„Woraus schließen Sie, daß ich in Amerika war?“

„Ich denke es mir.“

„So, so!“

Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm „Uncle Sam“ das Gespräch wieder auf:

„Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?“

„‚Nichts‘ kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig unnütze. Das sage ich.“

„Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?“

Ich zuckte die Achseln.

„Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die nötige Muße zu solchen Träumen hatte.“

„Sie sind Schiffsarzt?“

„Ich war es.“

Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein wenig vom Stuhle auf und sagte:

„Mister Stefenson. Öl und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?“

„Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrückte Idee!“

„Verrückte Idee ist schön. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet einen sehr großen Mangel an verrückten Ideen. Es ist zu brav, es macht zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die überraschende Pointe. Der Amerikanismus ist besser.“

„Das sagen Sie so!“

„Es ist so.“

Ich war verstimmt und schwieg.

„Nun?“ fragte er ungeduldig.

„Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, würden wir viel Zeit brauchen; am Schluß würden Sie mich doch nicht verstehen. So was liegt Ihnen nicht.“

„Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir“, gab er zur Antwort.

Da kam ich in Laune und sagte:

„Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreißen. Ich will mal annehmen, meine Heilanstalt bestände schon und Mister Stefenson käme zu mir als Kurgast.“

„Das ist gut! Das ist instruktiv!“ rief er. „Wie heißt Ihr Sanatorium?“

„Ferien vom Ich.“

„Wie?“

„Ferien vom Ich.“

„Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht nicht.“

„Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde ich Ihnen kein Wort über meine Heilanstalt sagen. Daß Sie den Namen nicht ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute.“

„_Well_; ich sage nichts mehr. Ich höre.“

„Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt ‚Ferien vom Ich‘. Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehört und hauptsächlich darum, weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern an.“

Mein Gegenüber nickt.

„Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser.“

„Der Ankömmling findet in der Nähe von Waltersburg ein Gelände von Wald, Hügeln, Gärten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, über die kein Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt alle, hier ist eine Welt für sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor. ‚Ferien vom Ich‘ steht darüber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlägt einmal an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der öffnet das Tor. Er ist nicht in der weltüblichen Tracht, er trägt Pluderhosen, Sandalen an den Füßen, eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhäuptig. Vor Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: ‚Lieber Freund, Sie sind wohl wenig unterrichtet, sonst kämen Sie nicht mit solch unnötigem Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepäck unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.‘