Chapter 19
Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.
Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.
Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.
Ich riß das Fenster auf.
„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“
Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.
Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.
Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.
Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.
„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.“
„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.“
„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!“
„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“
„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“
„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!“
Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.
Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.
Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...
Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.
Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das traurige Vorkommnis wußten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.
Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung war, und sagte:
„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“
Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.
„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.“
Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.
Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und rang die Händchen ineinander.
„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“
Ich sah sie streng an.
„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim in die Klause eindringen wollte?“
„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.“
„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“
„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.“
Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.
„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“
„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“
Die Mutter weinte.
„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“
Ich lachte.
„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“
„Ihr werdet euch nie verstehen.“
„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...
Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.
Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:
„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“
Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.
Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.
„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“
Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:
„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.“
Das Kind klammerte sich an mich.
„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“
Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.
„Kommt der böse Mann wieder?“
„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“
„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.“
„Hast du Magdalena lieb, Luise?“
„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“
„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“
„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.
„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...
Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.
In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:
„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“
Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...
In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:
„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“
Und sie jammerte nach dem Kinde.
Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: „Luise ist fort!“
Da sah ich sie lächelnd an.
„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“
„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“
Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.
„Ich bilde es mir bloß ein!“
„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“
„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?“
„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.“
„Es ist so schön, wenn es lärmt!“
Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.
Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, dann ...“
Ja, wenn!
Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.
„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“
So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.
Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:
„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!“
Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.
Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.
„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den Augen.
„Ja, es ist überwunden!“
Da atmete er auf.
„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; „deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“
Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:
„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.“
Ich wandte den Kopf zur Seite.
„Und Luise?“
„Luise werde ich ihr lassen.“
Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:
„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?“
„Ja.“
„Ich danke dir!“
Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.
„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“
Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:
„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“
Ich blieb stehen.
„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.“
„Ja, ich kann es mir denken.“
Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.
„Wann wollt ihr denn fort?“
„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“
Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:
„Ja, ich werde kommen.“
Joachim blieb stehen.
„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.“
Es wurde ihm schwer.
„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du neulich so mit mir gesprochen hast.“
Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:
„Behüte dich Gott, Joachim!“
Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.
Joachim wandte sich noch einmal um.
„Ist sie das?“
Ich nickte mit dem Kopf.
Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.
Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.
FREUND STEFENSON
Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.
Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.
Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.
Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.
Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.
Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.
Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:
„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“
„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“
Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:
„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so ’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen, und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“
„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“
„Ja, nur deswegen!“
Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.
„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“
Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.
Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:
„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.“
„So sagen Sie es mir – bitte!“
Er war verstimmt.
„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.“
„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“
„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“
„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“
„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärken würde.“
„Was bezwecken Sie damit?“
„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.“
Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:
„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“
„Und welcher von uns beiden soll das sein?“
„Sie!“
Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.
„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.“
„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“
„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“
Er lachte.
„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.“
„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“
„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“
„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“
„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“
„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“
„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“
So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.
Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter Umschau“.