Chapter 16
„Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater bekommen.“
„Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie können machen mit mir, was Sie wollen, Sie können der beste Arzt der Welt sein, Sie können hundert Sanatorien für mich bauen, wenn mich dieses Mädchen verläßt, bin ich verloren.“
„Gruselig!“
„Was sagten Sie?“
„Gruselig!“
„Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich nicht; er bedeutet mein Ende.“
„Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schöner Nekrolog über Sie erscheinen.“
Er war empört.
„Sie haben kein Herz für mich. Aber es ist gut, daß Sie von unserer Landeszeitung gesprochen haben. Schließlich bin ich doch ein Prinz!“
„Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke.“
„Das weiß ich; aber ich vergesse nicht, was ich draußen bin. O nein! Sehen Sie, und das habe ich ihr gesagt.“
„Was? Wem?“
„Der Hanne habe ich gesagt, daß ich ein Prinz bin.“
„Sie sind wohl verrückt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt.“
„Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft worden.“
„Was hat denn Fräulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?“
„Ausgelacht hat sie mich. Sie hält mich für einen Sargfabrikanten aus Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet für einen Sargfabrikanten hält sie mich.“
„Das Geschäft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares.“
„Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Fräulein Hanne sagen, daß ich wirklich ein Prinz bin und daß sie ein Engagement an unserer Hofoper annehmen soll.“
„Was hätten denn Sie davon, wenn Fräulein Hanne in Ihrer Residenzstadt sänge und Sie inzwischen hier bei uns Dünger fahren müßten?“
„Ich hatte gehofft, Sie würden mich für ein paar Wintermonate beurlauben.“
„Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn Bruders, des regierenden Fürsten.“
Piesecke saß gebrochen vor mir.
„Mit mir ist’s alle“, sagte er tonlos.
„Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft gesammelt.“
Er schüttelte trostlos den Kopf.
„Wohl bin ich gesundheitlich vorwärts gekommen; aber das nützt mir alles nichts mehr – ich muß sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht verwinden kann.“
Ich stand auf.
„Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!“
Da faßte ihn der Zorn.
„O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach ‚Mahlzeit‘, wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da muß ich Ihnen sagen, daß Ihr Sanatorium eine Mördergrube ist.“
„I, der Dauz!“
„Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?“
„Nein!“
„Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn wiedererkannt; denn ich hatte früher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu überwachen. Denn er hat mich früher schon mal überwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er mir gesagt, daß er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er wird den Beweis erbringen, daß Ignaz ein langgesuchter Raubmörder ist, ein früherer Fleischergeselle.“
Ich setzte mich wieder.
„Also, Piesecke, ist das wahr?“
„Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?“
„Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber täuscht sich auch Herr Steiner nicht?“
„Das weiß ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab – ich glaube, Fingerabdrücke oder so etwas – und dann will er zur Verhaftung schreiten.“
Mir wurde unbehaglich.
„Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?“
„Jawohl. Er will mich umbringen.“
„Bitte, erzählen Sie!“
„Er hat mich schon immer verfolgt und gemißhandelt; er ist ein sehr roher Kerl. Wie ich nun Fräulein Hanne das gesagt hab, daß – nun, daß ich eben doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel allein in der großen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem Ofen hervor, hat grüngelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Fräulein Eva mir nicht geholfen hätten, hätte mich der Kerl erwürgt. Wir haben dann den Mordgesellen zur Tür hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen.“
„Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, daß mir dieser Knecht Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft, der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde ich der erste sein, ihn den Behörden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen.“ Piesecke sank schon wieder in sich zusammen.
„Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat, nicht einmal einen guten Freund!“
Da tat er mir leid.
„Piesecke“, sagte ich, „das dürfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, daß ich Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehört hat. Auch ich, Piesecke, habe die schöne Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewünscht, als daß sie meine Frau werde.“
Er starrte mich an.
„Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?“
„Weil sie mich nicht will.“
„Sie nicht will?“ wiederholte er verwundert. „Sie will nicht mal Sie, und da soll sie mich wollen?“
Es lag eine rührende Demut in dem Ton, in dem er das sagte.
„Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du glücklich! Es ist etwas Großes und Schönes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es gibt Frauen, die das Glück oder vielmehr das Unglück haben, daß alle Männer sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wünschen, daß sie glücklich wird, und wir zwei wollen zusammenhalten.“
Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmütigen Augen schauten mich feucht an.
„Ich glaube, daß Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!“
„Ich habe Sie gern, Piesecke“, sagte ich und legte ihm fest die Hand auf die Schulter.
ABSCHIEDSABEND
Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.
Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er in Glanz und Lärm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.
Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...
Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.
Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:
„Die Sonne geht unter.“
Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –
Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:
„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“
Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. „So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.
„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu mir!“
Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast „Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.
Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:
„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“
Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.
„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!“
Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.
„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“
Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:
„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“
Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:
„Morgen muß ich fort von hier Und muß Abschied nehmen –“
Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße Mauer.
Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.
Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:
„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß sonst sterben!“
Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.
„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich sagte:
„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!“
Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:
„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“
Die Umstehenden starrten den Sprecher an.
„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.
„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.“
Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.
„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter Raubmörder!“
Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.
„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“
„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, „ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.
GERICHTLICHES
Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.
Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer dasselbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.“
Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.
Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.
„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“
„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“
„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“
„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“
„Wo ist der Direktor?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wo ist Mister Stefenson?“
„In Amerika.“
Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.
„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?“
Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, daß ich aber – außer einigen Grobheiten oder auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.
„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“
„Jawohl, Ignaz Scholz.“
„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“
„Das soll doch nicht heißen ...“
„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“
Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.
„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“
Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.
„Kommen Sie!“
Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß ich seine Stimme nicht wiedererkannte:
„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“
„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.“
„Woher wissen Sie das?“
„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“
Piesecke sah den Mann durchdringend an.
„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.“
„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“
Piesecke lachte verächtlich.
„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“
Der Polizeimann wurde dunkelrot.
„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“
„Zu Befehl, Hoheit!“
„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“
„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.“
„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“
Diese Frage war an mich gerichtet.
„Nein – nichts!“
„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“
„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.“
„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“
„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier aus nichts verschleiert wird.“
Der Kommissar verneigte sich.
„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.
„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“
„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.“
„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“
„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“
Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.
Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich hätte das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.