Chapter 15
Tja – Ferien vom Ich!
Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen, sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust – halbbeleuchtete Höhlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Wänden doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens, ein Wissen und Bekennen: draußen ist Nacht. Alles andere grellere Licht lügt den Tag vor.
Im Hausflur unten sagt die hübsche Magd Emilie: „Hoppla!“, weil Herr Gottfried an ihre Milchkanne stößt. Und dann tritt er in die große Bauernstube. Da umfängt ihn das ganze große Behagen des zu früh Erwachten, der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao, andere löffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muß ihm den hübschen, wahrhaft künstlerisch geformten Napf zweimal füllen. Die Frühstücksunterhaltung ist spärlich und nüchtern wie überall. Zu Hause würde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bißchen Koffein würde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber daß er die Zeitung wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknüllt an die Wand schmeißen würde – das wäre schlimmer. Hier gibt’s keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist’s ihm völlig egal, wer dabei zugrunde geht, gleichgültiger als der vom Dackel zernagte Latschen.
Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein „Sauwetter“ würde er zu Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und auf dem schnellsten Wege zur Straßenbahn trachten, um zum Gericht zu fahren.
Hier – Gottfried Stumpe – oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel besser, und er hat Dünger fahren müssen. Die Arbeit verteilt Vater Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls – das steht fest – dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist’s schön und warm, daß er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben kann, geht er hinaus; regnet es und bläst der Wind, wird er zu häuslichen Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr. – nein, Gottfried Stumpe, hätte nie gedacht, es nötig zu haben, sich um das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne bemühen zu müssen. Er verschmäht auch alle Liebedienerei, um sich Vergünstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem – er ist ja sonst ein netter Kerl – ist schon fünf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher; denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft geschmeichelten Weise porträtiert haben, daß er, trotz gelegentlicher Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild hängt jetzt in einer Münchener Ausstellung; das schmeichelt natürlich solch alter Schachtel gewaltig.
Die dicke Lene drüben am Nachbartisch – Gottfried müßte sich furchtbar täuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt hätte – sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei über seine Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und sagt:
„Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schön; aber Rüben abkloppen müssen Sie heute trotzdem.“
„Es ist so furchtbar kalt!“ stöhnt die Dicke.
„Lene“, belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; „es is kalt, das is wahr. Aber Sie sind hier, um dünner zu werden, und Kälte zieht die Körper zusammen.“
Sämtliche Frühstücksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als er Dünger fahren mußte, hat er sich bloß damit getröstet, daß es die Arbeiter auf dem Rübenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rüben aus dem naßkalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu „klopfen“, damit überflüssige Erde abfällt, und sie für den Wagen zu sammeln, ist an solchen Regentagen keine schöne Arbeit und nichts weniger als Manikure. Die Finger werden blaurot. Nur Pulswärmer helfen etwas. Scheußlich. Er – Gottfried – freut sich auf seine Düngerfuhre. Da pendelt er so langsam neben seinen beiden nachdenklichen Rößlein einher, und der Ammoniakgeruch, den seine Ladung ausströmt, stört ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet gesund für die Lungen sein.
„Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!“ hört er Vater Barthel weiter reden.
Richtig! Es regnete – folglich blieb Methusalem im Trockenen.
Gottfried haßte in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den Kollegen gehaßt hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche Leute verstehen es eben, immer „nach oben“ zu schielen.
„Oben“ – das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne.
Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei.
„Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!“
Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern fleißig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Briefträger in die Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehängt, und in dieser Tasche steckte ein einziger Brief.
„Herrn Methusalem auf dem Forellenhof.“
Methusalem öffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie ohnmächtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne. Barthel hob den auf den Fußboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne weiteres vor:
„Sehr geehrter Herr!
Ihre von der gesamten Fachkritik glänzend beurteilte Zeichnung ‚Bäuerin auf dem Schaffboden‘ ist heute für den Preis von fünftausend Mark verkauft worden.
Die Ausstellungsleitung.“
Große allgemeine Verwundernis.
Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschürze vors Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte:
„Mutter, schäm dich nich! Was kannst du dafür, daß du so ’ne interessante Frau bist!“
Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers.
„Kinder“, sprach er mit zerknirschter Stimme, „ihr alle kennt mich und werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich bloß noch zu leben. Und nun werd’ ich plötzlich ein Krösus. Daß ich in der kurzen Spanne Zeit meines irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fünftausend Mark ausgeben kann, werdet ihr einsehen. Und doch muß sie mangels jeglicher Leibeserben weggeschafft werden. Ihr könnt glauben, daß dieser Fall mein Gemüt hart bedrückt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erlöst bin.“
Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornsprühende Rede über Sparsamkeit, Mäßigkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schämig flimmernden Augen hin und her.
„Denken Sie doch, Frau Susanne – fünftausend Mark – in München auf der Ausstellung! Für Ihr Bild!“
„Ruhe!“ kommandierte Barthel. „Wir müssen wieder an ernste Dinge denken. Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr’n ’runter nach Waltersburg zum Kaufmann Scholz und hol’n das Fäßchen Heringe ab, das ich bestellt hab. Lassen Sie sich’s aber recht festbinden, daß es nicht ’runterkugelt!“
„Jawohl!“
„Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen.“
Vierstimmiger piepsiger Frauenchor:
„Jawohl!“
„Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann Henschel werden Äppel pflücken. Bärbel und die Lustige Witwe werden die Äppel nach der Äppelkammer tragen.“
Septett: „Jawohl!“
„Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt; Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer, Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen helfen beim Rübenabkloppen. Fehlt noch jemand?“
Herr Amtsgerichtsrat Dr. – nein Gottfried Stumpe, erhob sich.
„Ich!“
„Ach so – Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Rübenabkloppen.“
Gottfried erblaßte. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hörte nur noch mit beißendem Ingrimm, daß Barthel den Methusalem aus Anlaß seines Briefes einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurück.
„Nimmermehr!“ rief er pathetisch, „denn sehen Sie, Vater Barthel, eine ungeheure Lebenslust, ein Kraftüberschuß durchströmt plötzlich meinen fast tausendjährigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fünfunddreißiger. Wo soll ich hin mit der Freud? Austoben muß ich mich. Und das kann ich nur, wenn ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!“
Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklärte Barthel das Frühstück für aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den Badehäusern, um ihre „Anwendungen“ zu machen. Auch Gottfried Stumpe schritt hinaus in den fein sprühenden Regen. Er war sehr schlechter Laune. Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des Magens (er litt an Magennerven), dann ein Bürstbad mit nachfolgendem kühlen Abguß. Was so die Nervösen bekommen! Früher war er auch massiert worden und hatte im Gymnastiksaale turnen müssen. Jetzt fiel das weg. Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anständiger Behandlung. Jetzt mußte er einfach arbeiten. Rüben abkloppen. Mit Mägden und alten Weibern zusammen. Scheußlich!
Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen ließ. Daß man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab! Solche Schweinerei, wie Rüben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wußte, daß sich die Kurverwaltung aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war nicht zu leugnen, daß man hier absolut von Grund auf gesünder wurde.
Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mußte er sich nach der kühlen Abgießung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses verpusten.
Dann aber mußte er unwiderruflich aufs Feld.
Rüben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprühregen aufhörte. Ein einziger Trost war, daß bei solchem Wetter das Äpfelpflücken vom nassen Baum auch kein Heidenspaß war.
Wie kämen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel dazu, daß sie ...
Neid und Mißgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, das Klopfen des Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt – wer diesen Dackel und diesen Vater Barthel vertrug, ohne tobsüchtig zu werden, mußte schon sehr gesund sein.
Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Körbchen und einem Messer bewaffnet, hatten einander gegenübergestanden und gelacht. Dann hatten sie sich einander vorbestellt: „Emanuel Geibel vom Sonnenhof – Gottfried Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!“ Und am sonnigen Waldrande gesessen und geschwatzt. Allmählich aber waren sie in zivilisiertes Gespräch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches, auf hohe, schließlich auf ganz hohe Politik, dann noch höher hinauf auf die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte Gipfelhöhe der Menschheit gesetzt – auf den im Blauschnee glitzernden, aller gewöhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der heiligen Jurisprudenz.
Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter Verstandesmensch, als einer, der nicht nur über den Hanswurst, den jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmaß die Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Größen mit geradezu souveräner Überlegenheit die Sonde legte. Wie er allein über Liszt urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, daß der Mann, der sich unter dem Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Größe der Rechtswissenschaft war, hoffentlich der künftige Minister. Dann würde vieles an den unhaltbaren verrotteten Zuständen der heutigen Rechtspflege gebessert werden. So beschloß der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu lassen, daß er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige Gegenströmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaßen auch etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brüderschaft gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein poetisches Gemüt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von denen jedes mit Schwefelsäure getränkt war, konnte plötzlich traumversunken stehenbleiben und seufzen:
„Oh, darum ist der Lenz so schön Mit Duft und Strahl und Lied, Weil singend über Tal und Höh’n So bald er weiterzieht.“
Oder, weil ihm eben einfiel, daß gar nicht Frühlingszeit sei:
„Herbstlich sonnige Tage, Mir beschieden zur Lust, Euch mit leiserem Schlage Grüßt die atmende Brust. Oh, wie waltet die Stunde Nun in seliger Ruh; Jede schmerzende Wunde Schließet leise sich zu.“
Der eiskalt schließende Jurist hatte sich ganz in die süßen, goldenen Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des Dichters Namen für seine Ferien vom Ich gewählt. Die Gegensätze berührten sich auch hier.
Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgießung „trocken lief“. Die Begegnung war nicht ganz zufällig. Gottfried wußte, daß Emanuel abreiste. Er habe nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er könne nicht länger abkommen. Natürlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kräfte.
Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum „Zeughaus“ hinunter.
„Nun gehe ich da hinein“, sagte Emanuel traurig, „und komme nicht mehr durch diese Tür in unser liebes Heim zurück, sondern trete auf der anderen Seite in meinem Weltanzug auf die Straße hinaus, die ins kalte Leben zurückführt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte, wir wären jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern gehabt.“
Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben:
„Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt, Das ist ein großes Leiden, Wie’s größ’res nimmer gibt;
Es klingt das Wort so traurig gar: Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar! Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt.“
Wohl verwunderte sich Gottfried über diese große Zartheit, aber sie packte ihn, und die Augen wurden ihm feucht.
Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite würde er nun hinaus auf die Straße treten, die aus diesen friedlichen Ferien zurückführt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus herum und gelangte durch ein Seitenpförtlein ebenfalls hinaus auf die Straße. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spät auf Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei.
Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast hätte ihn Gottfried in dem nüchternen Reiseanzug nicht erkannt.
„Ah, da bist du noch!“
„Ja, ich wollte dich noch einmal sehen.“
„Das ist lieb von dir!“
Emanuel zog die Uhr – eine einfache silberne Taschenuhr.
„Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zählt Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da dürfen einem nur eine Glocke oder der Großknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spät es ist. Und dann das Geld, das bedrückt mich am meisten. Was soll ich mit den paar Kröten tun? Mir eine Burg des Glücks davon bauen? Lieber Gott!“
„Du wirst noch hoch hinauf kommen!“ tröstete ihn Gottfried.
„Nein!“ sagte Emanuel bitter. „Da drinnen, da ist es ja geboten, über das eigene Ich zu schweigen. Aber hier draußen auf der Landstraße will ich mich dir gegenüber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Hätt’ gern studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da mußte ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretär am Amtsgericht zu H.“
„Emanuel!“
Gottfried rang die Hände ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser Ministerstürzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstürzler von oben! Ein Sub – sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch wüßte!
„Emanuel!“
Gottfried stand so verdattert da, daß in die weichen Züge Emanuel Geibels wieder die essigsaure Schärfe trat, die aber doch nur zu den resignierten Worten führte:
„Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel – wer wir draußen sind, braucht uns nicht mehr zu kümmern, braucht Sie nicht zu genieren.“
„Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein“, sagte Gottfried noch ganz benommen.
„Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche Kur zu wünschen“, sagte Emanuel höflich, verneigte sich, ergriff seine kleine Handtasche und wollte gehen.
Da aber hatte ihn Gottfried am Arm.
„Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde – auch draußen –, verstehst du? Von dem blödsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden.“
Emanuel setzte die Handtasche auf die Straße.
„Ich danke dir!“ sagte er schlicht, aber in tiefer Freude.
Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen, das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Rübenfelde. Da waren die Leute fleißig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen, der auch zum Rüben „abkloppen“ kommandiert war, sprang in kühnen Husarensprüngen über ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich warm zu machen, in Wirklichkeit aber – wie der Amtsgerichtsrat mit neidischem Grimm bei sich feststellte –, um sich von der Arbeit zu drücken.
Zehn Minuten später sprang er mit über das Feuer, bis von ferne die Gestalt Barthels auftauchte.
Da begaben sich die beiden Drückeberger schleunigst an die Arbeit.
VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN
Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem Haufen spielender Kinder trennte.
„Willst du schon aufhören zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so schön.“
„Ich will zu meiner Mamma.“
„Zu deiner Mamma?“
„Ja, nach Hause!“
„Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?“
„Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma soll Magdalena sein.“
„Hast du deine Mamma lieb?“
„Lieber wie dich!“
Das klang nicht frech, nur tief überzeugt.
„So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schön zusammen?“
„Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid für mich. Aber es paßt immer nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben.“
Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas schwierige Alte. Das Mädchen ging neben mir her. Mit großer Munterkeit sagte sie:
„Wenn Pappa Stefenson da wäre, würde er die Selma mächtig ausschimpfen, weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man für ein Kinderkleid vierzig Mark verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schön! Wir nähen alle Tage neue Schleifen dran.“
„Ich werde mit der Selma sprechen.“
„Ja? Wirst du wirklich? Fürchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir müssen ein Meter schottische Seide haben und unten ein bißchen Pelzbesatz. Ich hab mir’s so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen, in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird sehr fein!“
„Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?“
„Mamma will so, wie ich will.“
Das war das Mädel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstraße Schnürbänder verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist in ihr völlig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwünsche verstand ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht umher. Aber ein Mädchen hatte geprahlt, es hätte zu Hause ein Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer Seide großgetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt über die höchsten Mauern, die man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen läßt sich nichts tun. Auch unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten „modernisiert“ und „stilisiert“. Was man allein mit einer heimlich angebrachten Sicherheitsnadel alles „raffen“ kann, wieviel „Schick“ man durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann, grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim überhaupt mal ein Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs wollte ich für alle weiblichen Feriengäste ein und dieselbe Tracht. Aber selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem preußischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel „anprobiert“, weit überlegen ist, kam mir schließlich mit dem Vorschlag, vier verschiedene „Modelle“ müßten eingeführt werden, eines für die Dicken, eines für die Dünnen, eines für die Langen, eines für die Kleinen. Damit habe ich mich einverstanden erklärt; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden, daß die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen.
Für die kühlen Abende werden farbige Umschlagtücher geliefert. Oh, wie groß sind die Wunder der Schöpfung! Manche unserer Damen drapieren das Tuch vom Gürtel abwärts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch rechts oder links über die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich eine „ungarische Schürze“ daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur über dem Arm, und einige wenige greifen auf den ursprünglichen Zweck zurück, die schlagen das Tuch um die Schultern.
Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen für eine unheilbare Krankheit erklärt. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib muß sich putzen, so wie sich das Kätzchen beschlecken muß.
Neulich kam Piesecke zu mir, außerhalb der Sprechstunde. Er war noch erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunächst eine Menge wirres Zeug durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, daß er der unglücklichste Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn.
„Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle Umschweife, was los ist.“
Er rang die Hände ineinander und jammerte:
„Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!“
„Wen? Mich?“
„Ach, doch nicht Sie, sondern sie!“
„Also Hanne vom Forellenhof.“
„Woher wissen Sie ...?“
„Ich weiß es. Sie haben sich oft genug auffällig benommen.“
„Und wissen Sie auch, daß sie fortzieht?“