Ferien vom Ich

Chapter 13

Chapter 133,783 wordsPublic domain

So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine Bauernstube, heiße ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja mit Tausenden seinesgleichen aber ist er glücklich, legt er alle Tage Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurück, deren er sonst nie fähig wäre, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzärteltes, tyrannisches Ich zum Siege.

LORELEI

Mein Bruder Joachim guckte über den Gartenzaun. Und als sich die Gesellschaft auflöste zum Abendspaziergang, fügte es sich leicht, daß Eva und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Männer zur Laute:

„Rosenbusch holderblüh, Wenn i mei Mädle g’sieh –“

Wir blieben stehen und hörten zu. Die Sänger reichten zwei volle Gläser zum Fenster heraus, und unsere Mädchen nippten daran und lachten.

Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der fröhliche Singsang überging in „Drauß’ ist alles so prächtig, und es ist mir so wohl“, bemerkte ich, daß Joachim heimlich nach Annelieses Hand faßte, die ihm das Mädchen traumverloren überließ.

Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die Sinne. Glühwürmchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden ich kenne, Eichendorffs traurige Weise:

„Sie hat einen andern genommen, Ich war draußen in Schlacht und Sieg, Nun ist alles anders gekommen, Ich wollt’, es wär’ wieder Krieg!“

Über die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine:

„Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schön gesungen!“

Die Frau schüttelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es auch schon dämmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich sah, daß das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste Frau, Luises Mutter, war.

Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine weltmüde und doch immer noch glücksuchende Rechte nach der kleinen Anneliese keuscher Hand.

„Magdalena, kommen Sie hierher!“ rief das Kind abermals und dringend.

Die aber schüttelte den Kopf und ging davon.

Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hörte aus dem Klange des Hornes die Worte:

„Ich aber war weit schon gegangen, Jetzt sieht sie mich nimmermehr.“

Die Nacht war schwüler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heiße Gewitterluft über unsere Häupter getragen würde. Ich saß wach am Fenster. Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er machte mir Mitteilung, daß er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen übertragen wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: „Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Freund, daß meine tiefe Neigung für Fräulein Eva Bunkert, deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie – dessen versichert mich Ihre ehrliche Freundschaft – immer Rechnung tragen.“

Wie schwül die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wünsche, heißer Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schöne Traumbild von Liebe und Glück von drohendem Wetterleuchten überstrahlt an meinem Himmel stand.

Da bäumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho, mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher, in dem du mich überbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave, dem du befehlen kannst: Laß ab von jenem Mädchen, das ich für mich will! Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in der Welt Freundschaft stärker als Liebe, wo wäre sie im Kampfe mit ihr nicht unterlegen?

Komm nur zurück, alter Geschäftemacher, und kämpfe um die Braut! Wenn du zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiß nicht mehr entreißen.

So wollte ich das Recht auf mein Lebensglück wahren. Aber neben dem Willen saß der Zweifel. Ich wußte, daß Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte als zu mir. Ich war wohl für das Glück der Liebe nicht bestimmt. Niemals im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu verträumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die junge, rote Rose, hatte ich übersehen.

Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin.

Auch da fühlte ich ein böses Wetter aufsteigen.

Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das dir den Tag grau färbt und deine Nächte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu der herben, tüchtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen, mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, daß du das Haupt hochheben und tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tüchtige Frau, sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedrängnis und dich wieder auf eine feste Straße stellen; hast du Güter verloren, welcher Art es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen und leere Herzen immer neu zu füllen vermag; sind dir alle Unterhalterinnen des Lebens überdrüssig geworden, laß die Arbeit an deinem Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft!

Denn sie ist deine beste Freundin; sie schützt deine Gesundheit, sie stärkt deine Muskeln; sie würzt dir das Mahl und salzt es, daß es nicht faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte über deinen Wert ins Ohr und hütet dich doch vor Übermut durch kleine oder große Mißerfolge; sie gibt dir für deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu deinem Becher den rechten Durst und schließt dir alle Abende mit leisem Finger die Lider!

So bin ich durch die Arbeit über meine Zweifel und Leiden hinweggekommen, so sind meine Eigenwünsche still geworden und wie kleine Heimatbächlein hineingerieselt in den großen Strom des Willens zum Dienst der Allgemeinheit.

Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der starken Alltagswelle, die mein Schiff trägt.

Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Männer wie Frauen. Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluß die Lorelei und in dem scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein „golden Haar“ kämmt, sondern vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber schönes Geschäft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe verunglückte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwächen haben möge, und wird die Frage ein wenig zähneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter, bis sich ergibt, daß die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat, eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte, wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Unglücksfahrt eine Torheit gewesen, nach welcher man klüger geworden und gottlob ans feste Land und in trockene Kleider gekommen sei.

In den meisten Fällen hilft meine Methode; sie führt durch das Türlein: „Er ist es nicht wert, daß ich mich opfere“, in den Garten der Gesundung.

Einige Fälle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, daß immer nur auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt. Die stehen dann wie verloren und verzürnt in dem lustigen Ferienheim vom Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht hält, und steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal zurück.

DIE „KRUMMBEINIGE MEDIZIN“

Meine Kurmittel sind nicht ganz gewöhnlicher Art. Es gibt Ärzte, die den Sitz alles Übels im Magen suchen; andere begeistern sich für die Leber; wieder andere schwören auf warme Füße; ganz alte, bequeme Knaben geben immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen, außer mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei überhaupt nichts anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren „Giftmischer“ genannt, und alle werden von den Homöopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein; ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am meisten.

Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfünfzig Fällen die Anschaffung eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der medizinischen Wissenschaft gewißlich ein Novum, aber er ist gleicherzeit – das kühne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt – nichts anderes als ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in Amerika drüben nennen sie ihn _german __dog_), er heißt „Spezi“, weil er mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die gesundheitsfördernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als daß ich in meiner Nächstenliebe nicht auch anderen das Glück eines solchen Besitzes gönnen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase über den „Chef“ rümpfen, der so viele „krummbeinige Medizin“ verordnet, daß neulich sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung abhielten und greulichen Unfug verübten. (Dr. Fristen hat mir damals gekündigt mit der Begründung, daß er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spießer, die nur ihr Schuleinmaleins ableiern können!)

Einen Dackel verordne ich zunächst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel seiner Leiden zu große Eigenliebe erkenne. Die gewöhnt ihm der Hund alsbald gründlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet auf die Dauer seinem Dackel gegenüber die „Herrchen“-Natur.

Das „Herrchen“ ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende Dackel – einen Igel erschnuppernd – biegt gen Süden ab. Der Philosoph wird sich anfangs um den kläffenden Köter ganz und gar nicht kümmern; aber dann wird er pfeifen – einmal, zweimal, dreimal leise – dann laut, immer lauter rufen, drohen, die Fäuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn geschleudert werden, umkehren, gen Süden wallen und Betrachtungen darüber anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Höhe eisigen Denkens ist durch einen Dackel ertrotzt.

Gut so – in den Ferien vom Ich!

Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenüber mit der ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn in hundert Runzeln, die Ohren hängend, den Schwanz melancholisch eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd, stöhnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen, mit dem Vieh auf die Straße flüchten und sich nicht schlecht wundern, daß der scheinheilige Jämmerling plötzlich wie ein Berserker der Lebenslust umherrast. Etwas abfärben wird es schon. Das nächste Mal, wenn er und der Dachs so trübselig einander gegenübersitzen, wird sich der Misanthrop selbst nicht recht trauen und auf die Straße gehen.

Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und füttern kann.

Die kleinliche, ordnungswütige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines Zigarrenstäubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte, bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhält als Antwort auf ihre entrüstete Klage, daß ihr das „entsetzliche Vieh“ die Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur nebensächlicher Bedeutung, und ohne Dackel könne sie nicht gesund werden.

Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt im verschlossenen Briefe mitteilte, sie brächte ihre Nachbarschaft durch ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen Dachshund verordnet.

Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und verheult, daß ihr die Drahtkommode zur Unmöglichkeit wurde.

Allen den sehr nervösen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiß, daß sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draußen in der Welt als Richter oder Examinatoren auf arme Opferlämmer losgelassen werden, verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner künftighin auch vor ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen Menschen ohne äußerste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch so ruiniert sind.

Ferien vom Ich!

Das ist so die fieberstillende Wirkung der „krummbeinigen Medizin“. Aber der Dachs wirkt auch stärkend und aufbauend.

Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle Kreaturen, ein „untreues Luder“. Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen täten! Vier Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir:

„Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauselöcher, in die ich schnuppern möchte, aber es ist doch am schönsten bei dir! Das ist immerhin eine gewisse Treue!“

Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes, hoffärtiges Gebaren haben, denen, die „sich tun“, wie die Leute sagen. Es sind ihrer sehr viele. Wer „tut sich“ heutzutage nicht? Der Dichterling, der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt, gleich ist ihre Hoheit dahin.

Man kann nicht geziert, nicht unnatürlich tun und sein, wenn man mit einem Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil, zerrt einen widerwillig in die Natürlichkeit zurück.

Gewiß, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein täppischer Biedermeier, ein Kleinbürger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein genialer Spötter.

Ich wüßte nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte!

IN DER GENOVEVENKLAUSE

Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer über wohnte eine Witwe mit ihrem Söhnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres Eheglücks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause flüchtete. Das Häuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist über dem Felsen, der Bach fließt vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner Tür. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fußweg führt zu ihr hin, und es ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso still.

Nun ist die Frau fortgezogen. Sie mußte in die Welt zurück und hatte Tränen in den Augen, als sie Abschied nahm.

„Wenn das Grab meines Gatten hier wäre, möchte ich nie mehr ausziehen aus der lieben Klause“, sagte sie.

„Sie müssen es wegen Ihres Sohnes“, entgegnete ich ihr; „Sie dürfen keinen Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie müssen ihn vorbereiten für das Leben.“

„Mir graut vor dem Leben“, sagte Frau Herzeleide und zog davon! ...

Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich mußte ein wenig warten. Da kam sie zur Tür herein – Magdalena vom Forellenhof –, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak sie und strebte zur Tür wieder hinaus. Ich hielt sie zurück.

„Was wünschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein. Warten Sie nur einige Minuten!“

Sie war äußerst verwirrt.

„Ich wollte – ich möchte – ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht möglich sei, daß ich in die Genovevenklause ziehen könnte, da sie frei geworden ist.“

„Gefällt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?“

Sie wich aus.

„Ich möchte sehr gern in tiefere Einsamkeit.“

„Ist Ihr Arzt damit einverstanden?“

„Ja.“

Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn gefahren.

„Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort steht. Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie die Klause bekommen.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich möchte Ihnen meinetwegen den Weg nicht zumuten.“

„Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!“

Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blaß, und ihre Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz gefärbt; das veränderte sie am meisten. Aber auch der früher so rosige Teint war verloren; die Haut schimmerte blaß und feucht; die Kinderaugen, die so übermütig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare Schönheit noch, aber sie blickten müde und traurig.

Während wir so gingen, sprach ich über harmlose Dinge, über die Ernte, über Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, daß ich voranschritt.

So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erlösers, und ich dachte an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich nicht grausam sein. Diese Frau war so müde, so geschlagen; sie brauchte keine Strafe mehr.

„Magdalena“, sagte ich, „ich habe gehört, daß Sie gern mit unserer kleinen Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen hier nicht fehlen?“

Sie seufzte schwer.

„Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das junge Fräulein, die Bärbel, und mir hat Luise versprochen, daß sie mich alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh.“

„Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzählt?“

„Ja, sie hört gerne Märchen.“

„Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?“

„Ja, ich tue das sehr gern.“

„Hm.“

Ich machte eine Pause.

Dann sagte ich:

„Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin austoben. Aber als ständiges Unterkommen hätte ich für die Kleine gern ein stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen in Pflege.“

Da schrie sie kurz und jäh auf.

„Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine große Gnade!“

Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: „Ich werde es tun.“

Nun faßte sie mich an den Händen; ihr ganzer Körper bebte.

„Eine Gnade!“ wiederholte sie. „Ich bin so verlassen, und ich habe das Kind so lieb!“

Sie ließ mich los, legte einen Arm über die Augen, trat ein wenig zurück und stand so ein Weilchen still da. Plötzlich begann sie bitterlich zu weinen.

„Was ist Ihnen, Magdalena?“

„Es geht nicht; es geht nicht!“ schluchzte sie; „wenn Sie – wenn Sie wüßten, wer ich bin, würden Sie mir das Kind nicht übergeben. Ich bin eine – eine schlechte Frau!“

Ich ging zu der Unglücklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte erschüttert:

„Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiß, wer du bist!“

Sie prallte zurück.

„Sie wissen – wer ich ...“

„Ja, Käthe, ich hab dich erkannt!“

Da warf sie die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und verschwand um den Felsen in den Wald.

Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mühe ein.

„Wenn Joachim mich erkennt, schlägt er mich tot!“ wimmerte sie.

„Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich außer mir. Und ich werde dich schützen!“

Sie mußte sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurückführte. Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustür und streichelte ihren Scheitel.

„Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen früh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fürchten Sie nichts, ängstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!“

Ich ließ sie allein.

Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie auf, läßt sie leiden.

Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich glaube nicht, daß sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig.

Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen. Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte die Mutter zu mir:

„Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.“

„Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, daß er überhaupt existiert.“

„Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!“

„Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muß!“

Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und Trotz.

„Ich werde Joachim aufklären!“ sagte sie bestimmt.

„Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner Tochter geworden ist. Laß ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig verfehlten Ichleben.“

„Er ist schuldlos an seinem Unglück!“

„Nein! Er ist nicht ohne Schuld.“

„Fritz!“