Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich

Part 4

Chapter 43,506 wordsPublic domain

An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.

Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen.

Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.

In einer halben Stunde -- in Roncchi -- hatten wir den Zirkel unserer Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone.

Aquileja.

Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf, als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria niederzulassen.

Das war die Sorge der Väter zu Rom.

Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel kamen, wo -- um mit den jetzigen Namen zu reden -- der triestinische aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus, das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica, einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut; denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!

Dreitausend Kolonisten bebauten den ~ager colonicus~ um sie her; die Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los gefallen.

Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.

Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer -- denn diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde -- aber diejenigen unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.

Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des Römerreichs und unter den neun -- die Hauptstadt ausgenommen -- die reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben haben.

Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein.

Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des Reichs.

Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ~ager colonicus~ seine Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert.

Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.

Da kam -- fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel -- sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.

»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort, Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. -- Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort, Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort. Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt, Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat. Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an. Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann, Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat. Aquileja, Aquileja wurde so berannt, Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«

A. Kopisch.

Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.

Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte ich nicht gedacht.

Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden und Tausenden gefunden werden.

Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.

Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im Bereich des alten Aquileja!

Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.

Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja übergegangen.

Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur -- ihre Ställe -- zu zeigen.

Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein.

Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich behaglich den Tod anfüttern.

Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen -- und fort geht's von Monastero.

Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so treffend sagt,

»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte --«

findet.

Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der 37000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; ja sie hat -- der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür -- eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich.

Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.

Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.

In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig.

Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen ergingen.

Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig!

In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter Aquilejas.

Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden!

Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor.

Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre Flügel schlägt.

Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.

Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen Geschmeid der Römerin.

Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.

Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom ~pozzo d'oro~, dem Goldbrunnen.

»Lange bevor Aquileja unterging«, -- so lebt sich im Friaul die Erzählung fort, -- »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat ihn entdeckt.«

So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des ~pozzo d'oro~ das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden sollte.

Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.

Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen.