Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich

Part 2

Chapter 23,515 wordsPublic domain

Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle Haar.

Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.

»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.

»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus +einem+ Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« Zuweilen erwische ich sie aber doch.«

»Wie so denn?«

»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich nicht.«

»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«

»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten -- mein Gott, hätte ich nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm verloren gegangen.

Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, Netze und Wild.

Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das Sprichwort »~Se non è vero, è ben trovato~« anwenden mußte, bin ich immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der nördlichen Adria hübsch präpariert.

Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an sich gefesselt hat.

Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die heranwachsende Jugend baut.

Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum. Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten waren.

Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg -- und manch ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu verdanken.

Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man kommt, sieht man etwas Neues.

Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der adriatischen Nordküste.

Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß, zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.

Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter, im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite Meergebiete bloß.

Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken, ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die zurückweichende Flut und sammeln ihre »~frutti di mare~.«

Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken, zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, hineinzugreifen.

Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge, als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.

Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung.

Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt:

»~Il mar' è turpido E la barquetta pendole E nome tei è tendere Ch'è amic' sola me.~«

Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt, und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart macht, den zukünftigen adriatischen Seemann.

Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.

Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück, da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.

Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die melancholische Poesie der Steppe schwebt.

Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers, aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.

Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und werden zum fortwährenden Fäulnisherd.

Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.

Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit schleppt, dafür.

In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten sind so verachtet wie die »~doganieri~«; ich aber, der ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.

Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.

Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm gefunden.

Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. -- Waren es Wolken -- waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.

Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die Felder deckt.

Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.

Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.

Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.

In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.

Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul -- so bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts -- den Fremden durch eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann geblieben.

Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.

Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen hat.

Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.

Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta, nicht mehr.

Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.

Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.

Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und wohltuenden Eindruck.

Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben Bevölkerungszahl.

Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück; denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern ist mit slavischem und deutschem versetzt.

Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten slavischen Wesen.

Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar und wasserblauen Augen.

Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt, dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet.

Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die Bürgermeister nicht schreiben können.

Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung, grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine Felsenwüste.

Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige Grün in dieser Steinwildnis.

Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man aus den Wundern nicht herauskommt.

Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales.

Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst, dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.

Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine ~grotta di columbe~, eine Taubenhöhle.

Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen. Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals, unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.

In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen Pistolenschuß erschreckt.

Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein Blutbad anrichten.

Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der Adria brechenden kurzen Strom erreichen.

Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser umblühen, mitgenommen.

Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »~Cotonificio triestino~« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? -- Von solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter.

Österreichisch Nizza.

Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische Nizza« ist?

Wo aber ist »österreichisch Nizza?« -- Es ist Görz, eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.

Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.