Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich
Part 11
Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden, sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu finden.
Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz im Süden der Halbinsel liegt.
Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien -- Promontore -- und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von Sonnengold.
So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das Meer herauf.
Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut; dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück.
Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin, die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich her trieb.
Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte, bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht geschlafen habe.
Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich auf mich zu.
»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten. Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht, als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind; ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun in stummer Verzweiflung an einen Warenballen.
Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »~O poveretta, poveretta!~« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte, und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.
»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde.
Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.
Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten, da dachte ich an das »~male di mare~« wie an ein Erlebtes und wünschte glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das schöne, falsche Meer.
Der Karst und die Grotte von Adelsberg.
Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, die zu Zielpunkten eines allsommerlichen Touristenstromes geworden sind. Seit sie jedes Reisehandbuch bespricht, seit sie nur noch durch die Spießrutengasse der Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk aller Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen Touristen nur noch mit halber Anziehungskraft. Es mutet ihn an, als ob sie durch den ihnen überreich dargebrachten Tribut gelitten hätten, und das Reizendste an ihnen, die Frische und Unmittelbarkeit des ersten Eindrucks dahin sei.
Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten Nähe zu flanieren, mit der größten Gefahr für die lieben Knochen sein Karrengefelse zu durchwandern, um einige Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner in verlorenen Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern dieses eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu schauen, wäre denn doch gegen mein Gewissen gegangen.
Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde ich aus einem Saulus ein Paulus.
Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest, als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug.
Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.
Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten.
Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina, der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer, wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen schauen.
Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift, das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des Landschaftsbildes zu verhüllen.
Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge, der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.
Ein toniger Humus, die ~terra rossa~, füllt die Karstklüfte und Mulden aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte; der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn und Pappeln, welches die Klippen begrünt.
Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo andeuten.
Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!
Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut.
Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das Adriabecken ist.
Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St. Peter, der zweiten Station von Adelsberg.
Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage, die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden.
~Vox populi, vox Dei!~ Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der Karstbauer mit seinem Weidgang.
Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den Wald vor, wo der »~contadino~« nicht warten mag, bis sich durch die Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.
Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder vierzehn Jahre geschlagen wird.
Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.
Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k. k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt: »Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft, durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten Humus wieder zu gewinnen.
Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein die Anlagen sind teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden selber leisten Widerstand; der Bauer läßt sich seinen Weidgang nicht gern beschränken. Ob der Karst je wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes prangen wird? Künftige Generationen werden es sagen können. Wer ihn jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben.
Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden Station aus, bei Prestanek, wo das grüne Wald- und Wiesental der Poik, das sich zur Linken öffnet, unsern Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen wir auf der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen gar freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur die öden Berglehnen verraten, daß wir uns noch mitten im Karst und zwar auf seiner höchstgelegenen Station, 583 Meter über der See, befinden.
Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus dem engen Bahnwagen hinaus in den österlichen Sonnenschein traten. Um der Zudringlichkeit der Führer und Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. Während die Pferde davontrotteten, überblickten wir von seinem Imperiale herunter das bergumrahmte, grüne Tal, auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und streng die Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken.
Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg in der Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. Seine stattlichen, blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern muten uns mehr deutsch denn slavisch an. Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir zu dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im Norden des Städtchens.
Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum Trotz schien außer dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal noch im Winterschlaf zu liegen, bis endlich ein erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig gesprächige Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume wies. Während sie wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar wurde, bemerkten wir, die Fensterläden öffnend, daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten Lesesaal, aber jedenfalls noch nicht in der ~haute saison~ von Adelsberg befanden.
Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn doch ein frugaler Morgenimbiß auf, und bald kam die Nachricht, daß sich in den verschiedenen Gasthöfen der Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche der Grotte eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf Uhr in Szene gehen könne.
So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es werde der Ostermontag, dieser in Nord und Süd gleich beliebte Ausflugstag, auch ein Häuflein Neugieriger am Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht getäuscht. Es ist für die Touristen, welche alljährlich zu den Höhlenwundern der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück, daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne und so der Privatspekulation entzogen ist. Sie steht unter einer aus Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten Verwaltung, welche den Grottenbesuchern durch eine wirklich liberale Besuchsordnung entgegenkommt und den Grottenapparat, den Führerdienst, die Wege und die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, der allen Ansprüchen genügt.
Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von der Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg zu verdanken, daß es ein so blühender Touristenort ist, der seine zweitausend Einwohner unmittelbar oder mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt.
Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines nicht gar hohen felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor der Grotte, die als ein stundenlanges Labyrinth den Leib dieses Höhenzuges mit ihren Tropfsteingängen durchzieht. An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs geschmückten Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes Wasserband, die Poik heran, und verliert sich, nachdem sie noch ein klapperndes Mühlenrad geschlagen hat, mit raschem Wellenzug ins Innere des Berges.
Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute um fünf Kreuzer billiger wurden.
Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel, dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die nur 8--9° ~R~ betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls umgeworfen, in die Grotte ein.
Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch -- verlorenes Wasserrauschen -- da sieh -- eine weite Halle über uns und herrlich hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht.
Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des »großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben, auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer bewundernden Andacht aus.
Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt.
Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.
Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.
In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang ohne Nahrung lebe.
Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz ~I.~ feiert, der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit bergeinwärts gestoßen werden können.
Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den guten Geschmack zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken antasten darf, verschiedener Meinung sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, welche die frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen, das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, ohne zugleich diese Schiebbahn, die denn doch nur einem winzigen Teil der Adelsberger Gäste wirkliches Bedürfnis ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu müssen.