Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers
Part 15
Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem ‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß, würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum. Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von Rodbertus-Jagetzow.)
Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet, wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel, und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” -- worunter er den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand -- bereits zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte, stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er „listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht, wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend, der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” -- Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits enthalten, daß hier in der Tat -- worauf er so großes Gewicht legte -- „das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen” sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit, und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen, welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige „wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29]. Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen. Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.
Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte, welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen „sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes Gebrochensein” -- er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft, die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag, konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen, dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind zu täuschen, Klassen niemals.”
Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen.
Fußnoten:
[24] „Neue Zeit”, Jahrgang 1890/91: „Zur Frage des ehernen Lohngesetzes.” Die so betitelte Abhandlung ist von mir später gesondert in das Buch „Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes” (erster Teil der Sammelschrift „Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus”, Berlin, Ferd. Dümmler) übernommen worden.
[25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc „entlehnt” -- richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlägen ein; mit dem ersteren hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbständigkeit der Assoziation gemein.
[26] In der von Prof. Ad. Wagner besorgten Ausgabe der Lassalleschen Briefe heißt es „nicht gehört”. Das „nicht” beruht aber, wie sich im folgenden zeigt, auf einem Druckfehler. Es fehlt auch in dem Abdruck des Briefes bei Rudolph Meyer (vgl. a. a. O. S. 463).
[27] D. h. als der Überschuß des Bodenertrags über einen gewissen Mindestsatz, unter dem Boden überhaupt nicht bewirtschaftet wird, weil er nicht einmal vollwertige Bezahlung für die in ihn gesteckte Arbeit abwirft.
[28] Hier nicht zu verwechseln mit den Vorschlägen von Henry George, Flürscheim usw., da Lassalle die allgemeine Verwirklichung der Assoziationen voraussetzt, ohne welche, wie wir früher gesehen haben, jede Steuerreform nach seiner Ansicht am ehernen Lohngesetz scheitern müßte.
[29] Auch war es bei solcher Auffassung nur logisch, wenn Lassalle z. B. in seiner Leipziger Rede „Zur Arbeiterfrage” den sogenannten Manchestermännern u. a. schon daraus einen Vorwurf machte, daß sie, wenn sie könnten, den Staat „untergehen lassen würden in der Gesellschaft”. Tatsächlich liegt das Bezeichnende jedoch darin, daß die Manchestermänner den Staat in der kapitalistischen Gesellschaft untergehen lassen wollen.
Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben.
Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung, die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk, sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben. Aber -- die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der Fortschrittspartei -- als einen Handlanger der Reaktion.
Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen wahren Sturm erregt -- nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe, hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen[30].
Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne, der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen, man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte? Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten.
Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist, um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken, Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858 erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” -- eine Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt, Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b) Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu sein, um mit ihr fertig zu werden.
Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger Schloßkirche genagelten Thesen -- wie sie Lassalle sich laut dem bereits erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach -- konnte zunächst auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen „Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet, auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte. Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische, was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an. Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein. Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.
Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige Erholungsreise an -- zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee. Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen. Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”, womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu schweben.
Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt, stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium, andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul. Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das Werbegeschäft fördern solle.
Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser Frage einzugehen -- vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation usw. S. 83) --, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.
Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag”.