Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers
Part 14
Es ist in diesen Sätzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man zweierlei nicht vergessen. Erstens, daß, ein so wichtiger Faktor des Fortschritts der Völker die Rivalität der Regierenden sein kann und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, daß ein äußerer Krieg zwar ein großes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslöschen, es aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schädigen kann, daß er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwähnten Beispiel tut Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlußsatz und seine Briefe zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt -- eine übrigens weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekämpfende Tendenz.
[22] Auf 3428457 selbsttätige Personen in der Landwirtschaft kamen damals in Preußen erst 766180 selbsttätige Personen in der Fabrikindustrie, die Geschäftsleiter und Beamten eingeschlossen.
[23] Ursprünglich hatte es in Rodbertus' „Offenem Brief” geheißen: „Und ich wiederhole, daß ich mir auch von den Produktivassoziationen nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die Lösung der sozialen Frage nennt.” Auf Wunsch Lassalles wurden aber diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen Form aber notwendigerweise „die Arbeiter, wenn sie so schroffen Widerstreit zwischen ihren Führern sehen, entmutigen müsse”. (Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.)
Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreiben.
Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit.
Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das Beiwort „ehern” gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24] nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode -- der Manufakturindustrie -- und einem auf ihr beruhenden Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen Großindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperität, der rasch sich vollziehenden Steigerung der Produktivität der Arbeit usw. zum mindesten überlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestört ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert gegenübertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung des Arbeitsverhältnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als Lassalle.
Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn bestimmenden Gesetze, weil er den stärksten Schlag gegen die moderne Gesellschaft damit zu führen meinte, daß er nachwies, der Arbeiter erhalte unter keinen Umständen seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch höchst wirksam erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den früheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein „ehernes” Gesetz es verhindert, daß der Lohn dauernd unter ein bestimmtes Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber -- wie Lassalle ausdrücklich zugab -- im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam hebt, aber doch hebt, so war der Beweis für die Notwendigkeit der von ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen.
Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst später, und nur beiläufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen Existenz, die Abhängigkeit des Arbeiters von den in wechselnden Zeiträumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von beständigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhältnisse -- der schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die wachsende Unmöglichkeit für den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten Abhängigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfällen des industriellen Zyklus sich zu befreien, die beständige Bedrohung mit dem Hinausgeworfenwerden aus einer Sphäre der Industrie in eine andre, tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen -- das ist es, was die Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unerträglich macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum Schlechteren unterscheidet. Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der scheinbaren Freiheit nur größer geworden. Sie ist es, die mit eherner Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhöhe dagegen wechselt heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstäblichen Verhungerungslöhnen bis zu Löhnen, die tatsächlich einen gewissen Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils höher, teils aber auch geringer als in früheren Produktionsepochen. Beide hängen von sehr veränderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den größten Veränderungen unterworfen, und beständig ist nur die Tendenz des Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhöhen, zusätzliche Mehrarbeit auf die eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen.
Dadurch, daß Lassalle als die wesentliche Ursache der Leiden der Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte, die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen Produktionsweise ist -- denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten -- war der Hauptfehler seines Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle auch nicht Unrecht zu tun, es unterschätzt die Stärke und den Umfang der Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale Rückwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir müssen hier wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel. Sein Ziel war natürlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel aber ließ sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die sich von der Schulzeschen zunächst nur dadurch unterschied, daß sie mit Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der freiwilligen Entschließung jener überlassen -- es wird von ihnen erwartet, aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern, die sich zu assoziieren wünschten, die erforderlichen Mittel dazu auf dem Wege der Kreditgewährung vorstrecken.
Die Assoziationen einer bestimmten Industrie würden also, solange sie nicht diese ganze Industrie umfaßten, mit den bestehenden Unternehmungen ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche Folge auch gegeben, daß sich im Schoße der Assoziationen Sonderinteressen herausentwickeln mußten, daß jede Assoziation danach streben mußte, ihren Gewinn so hoch als möglich zu steigern, sei es auch auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen von mehr oder minder großen Gruppen von Arbeitern. Individuelle Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glückschancen mußten daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn und Verlust für sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie für andre Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens -- gestützt darauf, daß 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr stark war --, daß sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter Industrien an den einzelnen Orten zu je einer großen Assoziation zusammentun würden, und sprach sich zweitens im „Bastiat-Schulze” später sogar dahin aus, daß der Staat in jeder Stadt immer „nur einer Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil werden” lassen würde, „allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in dieselbe offen haltend”, aber selbst solche örtlich einheitlich organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz. Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch große Assekuranz- und Kreditverbände der Assoziationen untereinander in ihren ökonomischen Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, daß diese Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war für nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie. Sonst mußte die Überproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft sprengen. Und die Überproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie es oben heißt, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die Assoziationen „offen hielt”. Lassalle verwickelte sich da, von seinem sozialistischen Gewissen getrieben, in einen großen Widerspruch. „Den Eintritt offen halten” heißt die Assoziation zur Aufnahme jedes sich meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem „Offenen Antwortschreiben” sollte aber die Assoziation dem Staat gegenüber vollkommen unabhängig sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle der Geschäftsführung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhängigen in ein öffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhältnissen staatliches Institut umgewandelt -- ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt hätte scheitern müssen.
Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehörigen eines bestimmten Industriezweiges umfaßten, unterstanden sie den Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja gerade die Betriebe fabrikmäßiger Großproduktion im Auge hatte, die zugleich die großen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz besteht, besteht auch geschäftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder eine Assoziation, sich der Möglichkeit auszusetzen, daß sein Produkt jeweilig als unterwertig -- d. h. als Erzeugnis von nicht gesellschaftlich notwendiger Arbeit -- aus dem Markt geworfen wird. Konkurrenz und Überproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur möglich nach Maßgabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar durch das Monopol. Während aber die Konkurrenz in der heutigen Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor Übervorteilung zu schützen und die Produktionskosten beständig zu senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten der Monopolinhaber zu überteuern und den Fortschritt der Technik, wenn nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die Aufhebung des geschäftlichen Risikos für die Assoziationen würde also im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn überhaupt zu verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenüber die große Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wäre ein unlösbarer Antagonismus.
In einem sozialistischen Gemeinwesen wäre das natürlich leicht zu verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die Lassalleschen Produktivgenossenschaften würden sich von den Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Größe, nicht dem Wesen nach unterschieden haben.
Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu durchgebildeter Ökonom war, als daß ihm diese schwache Seite der Lassalleschen Assoziationen hätte entgehen können. Wir haben bereits aus dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus sich in seinem „Offenen Brief” über sie hatte äußern wollen, und die auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war. Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an Rudolph Meyer hervor, und es dürfte nicht uninteressant sein, einige der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen.
Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus:
„... Hieran läßt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, daß dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen, das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel schlechteres, zu weit größeren Ungerechtigkeiten führendes Grund- und Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich überführt, zu welchen Absurditäten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen müsse und (was ihm besonders unangenehm war) daß er gar nicht der Schöpfer dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Idée générale de la Révolution entlehnt habe.”[25]
Brief vom 24. Mai 1872: „Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe ich gegen diese Löhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am Geschäftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie Settegast mit Recht sagt -- und mit ‚Biergeldern’ wird die soziale Frage nicht gelöst -- oder sie entwickelt sich auch zu einem Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schließlich zu einem Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis würde mich zu weit führen, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon in unserer Korrespondenz getrieben, daß er mir in einem seiner letzten Briefe schrieb: ‚Aber, wer sagt Ihnen denn, daß ich will, daß der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe _gehören_ soll!’ (sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter an den einzelnen Betrieben wäre ein weit übleres Eigentum, als das individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer Kapitalistenassoziation.” ...
Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur Veröffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber kaum anzunehmen, daß Rodbertus sich so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt hätte. Möglich, daß er gerade diesen Brief später verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht nämlich dagegen, daß Lassalle sich nicht in der Tat einmal so ausgedrückt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat für das vorgeschossene Kapital zu zahlen hätten. Es liegt also in dem Satz noch nicht einmal ein Zugeständnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein solches, und zwar ein so starkes, daß es zugleich in eine -- unbeabsichtigte -- Verurteilung der Produktivassoziationen umschlägt, findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai 1863. Dort heißt es:
„Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, daß, wenn dem Arbeiter Boden, Kapital und Arbeitsprodukt gehört[26], von einer Lösung der sozialen Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch annähernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehört. Bei der ländlichen Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses weiß ich genau und würde es, wenn ich mein ökonomisches Werk schreibe, sehr explizit nachweisen.”
Im nächsten Brief erklärt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der vorstehenden Sätze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier gleichgültigen Zwischensatz lasse ich fort):
„Meine Äußerung: ‚bei der ländlichen Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben’, ist jedenfalls in bezug auf das ‚mehr’ doch leicht zu verstehen. Ich verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz stattfinden könnte.
Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw. Äckern würden doch zunächst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben.
Allein schon daraus allein, daß einer in der Gesellschaft mehr hat als sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, daß ein andrer weniger haben muß, als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns dieselbe übereinstimmend (vgl. den Schluß Ihres dritten sozialen Briefes) denken, auf die Vergütung seiner Arbeit kommen würde.
Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgültigen Lösung der sozialen Frage, also im Sinne der ‚Idee’, die ich hier immer als Norm und Vergleichungsmaßstab bei dem ‚mehr oder weniger’ unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich ländlich oder industriell unter beliebigen Verhältnissen individuell hervorbringen kann, während ein anderer unter günstigeren Verhältnissen mit derselben Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungünstigeren mit derselben Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wäre der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivität, der bestimmt wird durch das Verhältnis, in welchem mein Arbeitsquantum zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht.
Nach dem Schluß Ihres dritten sozialen Briefes können Sie das unmöglich bestreiten.
Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes Arbeitsprodukt.”
Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die „Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt, ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden -- „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern aus jenen theoretischen Gründen”.
Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll -- die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die assoziierten Arbeiter und -- wie es bei Lassalle heißt -- „schon aus Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen „leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut Überproduktion und Handelskrise nennt?”
Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht, solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.
Hören wir noch einmal Rodbertus.
Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der „weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint, das sei wohl richtig, es sei
„aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue) ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar). Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt, setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation vermittelt werden können?”