Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers
Part 12
Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.
Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten. Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten, sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein „Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.
Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und tauchte später als -- preußischer Polizeibeamter auf.
Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878, August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung für sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage” veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte sich als -- das Berliner Polizeipräsidium.
Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind, bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte, einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren. Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze, es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten, und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an, wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.” Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und das Knie auf die Brust”.
Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe” alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe, unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese „Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine Herren, der Vergangenheit”!
Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.
Fußnoten:
[18] Daß die Führer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die Veröffentlichungen R. Rüeggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im Jahrgang 1888 der „Neuen Zeit”, S. 458 usf.
[19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.) So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht.
Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene Antwortschreiben, politischer Teil.
Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut, wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig -- mit einer Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand” hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut, „waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewöhnt und den Streit der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit zu betrachten geneigt.”
Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er, gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom ‚Recht’ zu sprechen” -- ruft er aus -- „als die Demokratie, die alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr allein wird die Macht sein!”
Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere -- für die Lassalle noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.
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Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862) und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen, dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.
Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das „Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen. Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald, daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu schicken, der auch tags darauf abging:
„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.
Sehr geehrter Herr!
Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt, genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6) hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug leisten könne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung: Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:
Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse, auszusprechen.
Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gruß und Handschlag!
Leipzig, 11. Februar 63.
Für das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses
Otto Dammer.”
Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte „Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand Lassalle”.
Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins”.
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Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur .... das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?” als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde anrechnete, daß sie
„sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”
Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches Lassalle dieser Bewegung gab.
Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff „Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene modernen Barbaren” -- nämlich die Manchesterpartei -- ruft er in der Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor. Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin, die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem Distichon Schillers zu antworten:
„Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen, Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” --