Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 9

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Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.

Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.

Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der Welt und an sich selber. -- Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren, auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem Arm -- so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte -- da stürmten sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie keck an der Hand und streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den Sonntagen.

Und das -- meinte die Agatl bei sich -- sollten die Herren sein, die dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten die großen Gelehrten sein, die -- wie der Fritz erzählt hat -- den Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver, und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben, und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat), und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen Kopfhaar’ -- ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten soll das Alles kommen? -- Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’ muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar -- ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist, gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. --

Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand gedrückt hatte. -- Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer Hälfte gern die Herzen und Nieren.

Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei, wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die Wurzel des Weiderich. -- Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute, die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken, sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.

„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen, weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“

„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“

Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.

Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind so gern frißt -- mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.

„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur einmal treibt. Und das -- kennst Du das auch nicht? -- das ist die blühende Untreu.“

„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.

„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“

„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.

„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“

Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor: „Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“

Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“

„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen, wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand -- die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.

Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle geprüft -- es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben und Schwaighütten hin verloren.

Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu. Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.

Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt -- sie war doppelt schön.

Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“

Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. -- Aber es ist halt schwer, mit so einem weltfremden Herrn. -- Freilich ein großer Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....

Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte. Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge -- lang’ thäten wir uns nicht aufhalten.“

Der junge Mann ging mit ihr -- leisen Schrittes und im Herzen Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und sie standen vor den Kühen.

„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’ ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“

Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in der That, die Milch war ganz röthlich.

Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“

Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“

„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief das Mädchen.

„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.

Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer Stimme den Namen „Hansel“ rief.

Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja, wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die rothe Milch. Adieu!“

Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche getreten.“

Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.

Eine mit Geld.

Der Junge, der Samuel, trieb’s, -- er trieb die Ziegen auf die Weide und hütete sie.

Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt, so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.

Diese Silberlinge!

Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben -- vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der Sammel -- der alte -- denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge, sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie entgegen. Doch sollten sie -- wie Kaiser Rothbart -- so lange als möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt werden. Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.

Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich -- thust am besten -- grabst ein, aber den Schatz -- wenn Du einmal auf ihn anstehst -- grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“

Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe. Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können. Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur Zeit der Noth.

Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem Schatten ruhen -- zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der Söllertanne.

Unter ihr selbst aber nie -- schon um keinen Verdacht zu erregen. Die Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund. Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen sollte, selbst wenn -- kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern -- und selbst in diesem Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden konnte.

Es hätte sich Alles fein geschlichtet -- wäre nur die Marianka nicht gewesen.

In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel -- wollte er sich überhaupt gesellen -- gern zum Förster, der oft durch den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.

„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka, das ist +mein+ Revier.“

Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare, einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch die blühende Tochter Marianka hatte.

Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die Schafe vor den Wölfen.

’s war kein Wunder -- bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein und sann und im Sinnen einschlummern wollte, da war sie werth, daß man sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.

Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im Walde, an sein Weilen bei ihr -- aber spricht nicht gern davon.

Der Sammel und die Marianka -- nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am liebsten hätte der Grabenbursch auch +diesen+ Schatz vergraben -- so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt mitten in der Liebesgeschichte.

Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl, willst sie nehmen, die Marianka?“

„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.

„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf. „Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“

Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:

„Lieber Fok!

Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger

Sammel.“

So ein Brief da!

Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor dem Burschen. Was der Sammel wollte -- war es nicht ganz ehrenwerth? Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. -- Die Armen haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!

Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das -- was man Herz nennt -- rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt den Geldbeutel in die Brust!

Den Geldbeutel? Die Silberlinge?

In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses schöne Geld! -- Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie der Will’, ihr bleibt da drin liegen. -- +Ich+ hab’ zwei Hände, +sie+ hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ --

Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können, insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.

Zur selbigen Zeit -- er wurde gesehen -- ging der Fok einmal wie gewöhnlich mit seinem Pechsack aus -- und hatte auch eine großmächtige Kraue bei sich.

Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der Welt. -- Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und die Alten. Die Marianka -- die arme -- wurde ganz blaß und tiefäugig vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.

Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel nicht sollte verloren gehen.

Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja, warum nicht?

Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der Söllertanne zusammenführen ließ. -- Da haben sie gut liegen, wenn sonst auch nichts will wachsen.

Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter, hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.

Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.

Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“

„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“

„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst -- daß ich Dir’s schon sag’ -- zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch nicht +viel+ d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s -- so lang mir der Herrgott die Gesundheit schenkt -- etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein Hunderter zum Anfangen -- was meinst?“

Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!

„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“

„Eine Red’!“

Ein Wort -- ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die Marianka.

Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze, welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete -- die Hochzeitskränze.

Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu, so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“

Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.

Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.