Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 8

Chapter 83,674 wordsPublic domain

Die beiden Studenten -- Stroche war nicht ganz fremd im Hause -- wurden mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet. -- Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr hinter sich -- die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die erste Bekanntschaft machen müsse.

„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer. Ist wohl vergunnt! -- Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’, heißt’s, mein’ ich --? Na, gelt, weiß es ja. -- Viel dicker auf’s Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der Honig ist gar worden. -- Schau, schau. -- Vor nächst Jahren sind auch einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten, dem Schlederer-Ferl -- heißt er -- der Müh werth ein bissel ein Studentenpulver gegeben.“

„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“

Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt -- für Wildschützen eine gute Sach’.

Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig, der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so stürze zusammen -- vergiß nicht drauf!“

Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster hinaus auf die gegenüberstehende Felswand.

Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel -- sei es wo immer -- aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann fragte er: was denn immer Neues in der Welt?

„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der Kufsteinerfestung -- der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“

„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „+Der+ braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“

„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu. „Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“

„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher hätte.

„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des Räubers Kopf gesetzt!“

Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein wenig mehr können, als Birnen sieden.“

„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s wohl!“

„Weil --“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“

„Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht sich schußfest -- aber vor diesem Pulver“ -- er deutete gegen seine Brusttasche -- „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem. -- Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau den schwarzen Hannes gesehen.“

„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter.

„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am linken Fuß?“

„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal ein Standar in’s Knie geschossen.“

„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen. Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir gesteckt hab’!“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter? Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner. Nu, ’s ist ja recht.“

„Wohl, wohl, aber --“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren haben ganz gewiß eines im Sack?!“

Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann, „etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein kostspielig Ding!“

„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür. Was thät’ der Schuß denn kosten?“

„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der Schuß kostet einen Thaler.“

Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. -- „Es kann aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ -- Der Mann holte seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“

„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet.

„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig. Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine Creatur herum, die -- -- ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der leibhaftige schwarze Hannes ist!“

Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl, wie er hinkt und sich duckt und späht -- ’s ist der flüchtige Räuber.

„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes, einen Kugelstutzen!“

„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“

„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist doch nicht schon geladen?“

„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen Raben losgedrückt.“

„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden Pulvergattungen zusammenkommen.“

„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver.

Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken.

„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar hält,“ versetzte Frischer.

„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und wartet bis ich rufe.“

Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange. Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“ In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend knallte der Schuß.

Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten. Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand.

Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist das Euer Pulver, das nicht kracht?“

„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s ein Unglück!“

Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? -- Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit Schnupftabak. -- Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“

„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem Kameraden geschehen?“

Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse förmlich in den Schoß gefallen war.

„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und dumm sind. -- Ist noch Buttermilch anständig?“

Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das Studentenpulver schnupfen sie selber.

Eine Eisenbahngeschichte.

Und sieben Plagen kamen über Aegypten. -- Es wären sicherlich acht gekommen, aber die +Eisenbahner+ sind damals noch nicht gewesen. -- So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden. Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen, das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was wachsen konnte. Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ -- „Nein,“ sagst Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir nicht feil.“ -- „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt der Ingenieur, „dann aber +mußt+ Du uns den Grund abtreten!“ -- „Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“

Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer, und -- das ist gut. -- Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges nicht ein -- ich auch nicht -- und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.

Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.

Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber zwingt es.

Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.

„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben; ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten Vater auf dem Todbett behandelt hat. -- Aber der Vorwand ist schlau, Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.

Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.

„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“

„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“

Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „+Sechzehntausend Gulden+.“

-- Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke über Haus und Grund des Schotterhans? -- Hier wird eine eiserne Brücke gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.

Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es pfeift auf ihn.

Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über seinem Giebel.

Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen. Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt -- wie er’s stets gewünscht hatte -- im Hause seiner Vorfahren.

Naturforscher auf der Alm.

Im Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.

Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im Land!“

„Was?“ schrie Alles.

„Sie kommen gar auf die Alm.“

„Wer?“

„Sie rücken schon an.“

„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die -- die -- wie hast gesagt, wie heißt der Feind?“

„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja kein Feind nicht!“

„Was +denn+? So red’, wenn Du was weißt!“

„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’ Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber -- mußt wissen -- seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter Herr, und ein bissel zaubern --“ der Fritz ließ einen forschenden Blick umherschießen -- „’s selb’ kann er auch.“

Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den Kopf schütteln.

Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin: „Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“

„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den Halterleuten, die beim Ofen saßen.

„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort, „die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie der Radauer Schulmeister; haben aber -- rath’ ich -- noch größere Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“

Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die Welt haben sie erfunden?! -- Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott Vater erschaffen!“

Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte. „Der Gott Vater!“ murmelte er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. -- Aber -- nachher möcht’ ich schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“

„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der einen neuen Glauben aufbringen will?“

„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört, hätten sie vor Freud’ angezunden über und über -- so viel hätten sie beleuchtet. Bei allen Fenstern -- und es giebt viel Fenster in so einer Stadt -- hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. -- Muß wohl was dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“

So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im Almwirthshaus.

Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten, ihrer Hütte zu. -- Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. -- Dann hat sie -- die Agatl -- auch noch extra was mit ihnen zu reden.

So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. --

-- Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen, schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte -- eine Huldigung der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und rathlosesten aber waren -- diese Dominikanermönche selbst. Sie waren unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise. Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath, wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.

„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber zweihundert Gulden.“

„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.

„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer, „der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“

Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte -- meldete sich ein alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf Oesterreich schwang -- da war es offen, kein Anderer als Der konnte die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte den Kletterer.

Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige „Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem wackeren Veteran soll es -- weiß die Fama -- sein Lebtag nie besser ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner „gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.

Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen; der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen, zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse ausgezogen.

Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.

Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm, wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.