Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 7
Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so verführt, und bei der nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht losgesprochen worden.“
Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder, Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen, voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu. Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen -- mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“
Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in die Höllen hinab!“
Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt! Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“
Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe. Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die Höhe glaube.
Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“
Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß Kranichsberg erstrecken?
Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.
„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett beiseite, und siehe -- das helle, holdselige Tageslicht und das weite Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.
„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“ Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht, so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“
So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte, sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“
Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen, stand ein freundlicher Altar.
Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl dauerte -- doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche wieder herstellen.
Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er mit seinem Herzlieb getraut worden.
Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die Welt hier oben.
Der Junge und der Alte.
„Na, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! -- Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel. Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen, nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn +das+ nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit +solchen+ Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der gescheit’ Seppel thät sein -- auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“
„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater hat doch auch Eine genommen.“
„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)! Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“
„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“
„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf -- hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen (entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“
„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“
„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater ist.“
„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, +warum+ er’s ist.“
„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“
„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich schlafen.“
Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.
Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.
Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.
„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.
„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns Zwei -- was wir ausgeredet haben -- ist’s dieweilen noch nichts. Ich verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir gach einfallt, daß ich komm’!“
Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner Feinheit -- Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde. Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt. Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt -- sie soll nur warten, ’leicht wird sie wärmer -- und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten, auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. -- Deswegen war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft geben.“ -- Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.
Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch auf den Vater nicht ganz vergessen.
Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. -- Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus sechs Brettern...
„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.
„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug dazu.“
„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr dermacht er’s.“
„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett kosten. -- Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“
„Ja, wer -- wer denn?“ fragte der Sohn.
„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt. Keine Mutter haben, ein Waisel sein -- ’s ist eine arme Sach’. Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch eine Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen Gedanken noch da.“
Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“
„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin. Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.
Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“
Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.
Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her, jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“
„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den Mann.“
Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die Christine: „Na, welchen denn?“
„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr. Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s Eil!“
„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt möcht’ er was dreinreden.“
„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich fürchterlich vor dem Vater auf.
„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“
„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal lieber,“ drauf der Alte.
„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt, und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“
Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau Keine an, außer Dir!“
„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von Dir hab’ ich genug!“
Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr -- es bleibt ja Alles aus!
„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“
„Das mußt erst sehen,“ sagte diese -- und war fort.
-- Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.
„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß, „einen Spaß wirst doch verstehen.“
„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“
Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der Schneider und der Tischler sind fertig.“
Nun --? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.
Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd.
Im Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der Preiner-Michel den Bock geschossen.
Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal fuhr. Der Oberförster -- Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher die Geschichte erzählt -- hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog, wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“
„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.
„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“
„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“
„Der kann’s +nicht+ thun,“ sagte der Oberförster.
„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“
„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt --“ und machte mit den zwei Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken wüßt’.“
„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.
„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“
„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“
„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“
„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.
„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß es ausgeführt werden.“
„Nachher ist’s ja recht.“
„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“
Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.
„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich +nicht+!“
„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“
„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“
„Nun, zu Deiner Beruhigung -- Du weißt ja, daß ich dem Herrn den Büchsenspanner abgebe -- werde ich das Gewehr blind laden.“
„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn schießen?“
„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat. Nicht vergessen auf’s Balzen!“
„Ist recht.“
Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. --
Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine klare stille Nacht.
„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“
„Soll Sein Schade nicht sein. Doch -- hat Er’s gehört, jetzt? Ist das nicht ein Schuß gewesen?“
„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts Seltenes.“
Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.
So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine Lust war.
Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.
„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“
„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der kleine Punkt....“
„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur Wange. -- Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu früh, aber siehe -- diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.
Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger Vogel. -- Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! --
Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen! Aber -- was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen -- was das sein mag? -- Sogleich ist Licht gemacht -- welch’ eine Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.
„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne bisweilen in die Nähe der Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“
Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen; auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den todten Vogel herabgeschleudert hatte.
„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“
In acht Tagen war das Revier verkauft.
Studentenpulver.
Da gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld. Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine, zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn -- einem weitläufigen Verwandten Frischer’s -- eine feine Aufnahme und noble Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen.
Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland.
„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen, wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte Tausender genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei Kreuzköpfeln --“
„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt, „Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. -- Und jetzt habe ich eine Idee.“
„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal, daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das nicht glauben.“
„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer, willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. -- Und Du, Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“
„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte.
„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. -- Der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“
Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche.
Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem „Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet, es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die Halterhütte. Der Halter -- Duckmichel hießen sie ihn -- war ein kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist. Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten, Alraunen u. s. w. behangen.