Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 5

Chapter 53,846 wordsPublic domain

Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- „Von der Muhme das!“ sagte er endlich.

„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der Schwanenwirth-Christl ihrer --“

„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen, verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.

„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen werden im Himmel geschlossen.“

„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er sonst nichts, den Bettelsack um.“

„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl, rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen; kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den Büchern lesen --“

„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet. Marsch in Deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’ -- ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich nit!“

Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte ihrem Hofe zu.

Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in ihrem Namen:

„Lieber Hans!

Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.

Margaretha Krautwascherin.“

Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.

Wie ein Kaiserjäger fensterln ging.

Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet; ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen Tropfen Wein geben.

Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.

Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’ die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das Gemüth und wird zur Pein.

Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die treue, stille Heimat -- desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.

Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.

Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat geduldet -- ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben, oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat wieder.

Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat zugetragen hat.

Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.

Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger, sondern erst die Einleitung.

Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte Allegorie. +Josef’s+ Herzensgebieterin aber war sehr jung und schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag in Steiermark.

Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hatte.

Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich desertir’!“

Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“

Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt. Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um Viele damit zu beglücken?

Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen. Josef jubelte über diesen Befehl -- jetzt fährt oder marschirt er in wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch Minna wieder.

Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er --“ Er gab dem Diener einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder vermehrte noch verminderte.

Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’ nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“

Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria, das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das -- wie zum Trotze -- alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.

Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden Gemächern allein. -- Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte: „Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“

Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die Gassen dem Bahnhofe zu.

In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.

Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß, daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach und ohne die geringste Beschwerde.

Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“ -- Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest und küssest, so wird sie es begreifen -- aber in zwei Stunden mußt Du wieder auf dem Bahnhofe sein.

Josef ist glückselig.

Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder, wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.

Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter; jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen. „Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch noch die Scheibe ein!

In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet. Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“

Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“

Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und brummte.

„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“

Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen, diesem verdächtigen Mauser!“

Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte -- jubelte über die Schläge, die er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten Nebenbuhler zugedacht. Wohl erzählt die Chronik auch von einer zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.

Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien: „Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe schlug das Signal des Zuges nach Süden.

Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.

Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.

„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel geträumt.“

„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“

„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“

Der Schalk!

Arthur heißt er!

Wenn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten, fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!

Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.

Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“

In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte und bestrebt war, meinen Wunsch zu proclamiren, fühlte ich in meiner Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz gewesen.

„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie will nicht gehen.“

„Schön! Ist sie aufgetrieben?“

Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette gemacht haben!

„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so liebenswürdigen Fräuleins --“

In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch trat herein.

„Servus, Malchen! -- Numero sicher?“

„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause begleiten!“

Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.

„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“

„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“

Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.

„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.

„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“

„Werden Sie die Uhr selbst holen?“

„Jedenfalls.“

„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“

Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen Diener“ wird.

Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten Zustand versetzt hatte.

Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.

Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor -- und +wenn’s+ auch ein wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! -- Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.

Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet, daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in einem einzigen Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. -- Plötzlich rief er aus: „Pardon!“

„Was haben Sie?“

„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn glatt scheeren?“

„Pfui Teufel, so geschmacklos!“

„Ich dächte, Fieschi?“

„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“

„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“

Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück -- Gott im Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!

Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht -- in stiller Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die Stirne.

Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch, wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen; da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.

Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen; also nur kein +graues+ Haar wachsen lassen, es wird schon noch dunkelbraunes kommen!

Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine Eintrittskarte in das Opernhaus.

Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.

„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.

„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“

„Haben Sie die Güte -- die Marke!“

„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“

„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“

„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“

„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“

„Ja, ja, das war ich.“

„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr persönlich holen.“

„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.

„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.

Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.

„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Abenteurer, Sie, wenn Sie nichts vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die Polizei in der Nähe!“

„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie keine Marke verabfolgten; -- es war auch sonst noch Jemand da --“

„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte das Mädchen.

„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise, „und möglich, daß er heute wieder kommt -- +Arthur heißt er+!“ Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.

Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie nicht auf den ersten Augenblick -- bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“

Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. --

„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.

„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem Opernhause zu.

„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr -- sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.

Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.

Eine Schatzgräberhistorie.

Kann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein.

Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben; hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber, das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll.

Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit ihm schon zur Hälfte im Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne Capelle oben auf dem Birkenberg!“

Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen Versunkenheit zogen.

Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein erbauen zu können. -- Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? -- Der gute Guido wußte wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’ ihm zur höchsten Freude.

Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem Unterhalte; doch der Schatz -- es war gerade, als ob der Böse darauf säße -- den Schatz stach er nicht.

Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld zu schaffen für den gelobten Bau.