Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 4
Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was ging ihm das Herz auf!
An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.
* * * * *
Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.
Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das Leible z’samm!“
Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles geschlichtet.
Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden -- geschnitzt hat sie der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste -- das erst seit Kurzem seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum Anpacken -- langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem „Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit -- der Anderlacher ist haushälterisch im Genuß -- ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein -- aber inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er hat es.
Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?
Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben, sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind, während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“
Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am Spulen, sei’s beim Nähkorb -- so kommt gleich die Maus der Gertrudis und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.
Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht „g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. --
Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den Platz erobert hat. Der „süße Namen“ ~JI[±▼]IS~, der zu Häupten der Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle, das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.
„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer vom Himmelreich.“
Sie schaukelt und singt:
„Nutz Heidl, mei Schatz, Auf’m Ofen steht die Katz, Die schwarze und die weiße, Die will das Büble beiße.
Nutz hei ab, nutz hei ab, Das Katzl lauft den Steig ab, Lauft ein schwarzes Hündl nach, Beißt dem Katzl ’s Fußel ab.
Nutz Heidl Grüne Stäudl Rothe Beerl dran, ’s Büble schlaft schon.“
Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.
’s ist aber auch kein Fried’ im Haus -- ein ketzerhaftes Poltern vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und -- sonst doch so ein gescheites Thier -- bellt er und winselt heute, wie närrisch.
„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“
Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“
Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“
Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein. Nur der Vater -- so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet -- trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm -- gottlob, diesen Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So kommen sie zusammen..
„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.
„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.
Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! -- Man weiß nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die Tannen wachsen.
Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt, dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch, der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.
„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden Enkel zitternd die alten Hände entgegen.
„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? -- Was schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu, „jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“
„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“
Sie schauen sich gegenseitig an.
„Sicherlich wieder so ein Soldat?“
Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege, jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, +der+ ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“
Da macht der Bursche große Augen: Der!
„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.
Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. -- Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.
Der Maler -- Franz Defregger ist sein Name -- hat diese liebliche Scene geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust dargestellt.
Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.
Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da hab’ ich auch noch so Einen! -- Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz, noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St. Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut, rechtschaffen und schön -- und aus der Sacristei kommt der Bruder, der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem Martinele das, was er selbst nicht hat -- ein liebes Weib.
Als Hans der Grethe schrieb.
„Ist sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“
Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen -- gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s ’leicht d’rauf? Und von wem denn?“
„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“
„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’ ich Schaden than!“
Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie den Brief mit Müh’ und Noth -- was er denn schreibt, wie’s ihm denn geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß kriegführen gehen!?
Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster, das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.
Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt, und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er, freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“
Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit nieder gegen den Busen so jung, und zart -- ließ den Brief dort ruhen. Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd: „Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ -- Dann später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er wär’s selber -- wie er da so sauber gemalt ist.“
So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt. Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“
Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’ Sünd’, so viel Sünd’!
Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl.
Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die Christl.“
Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte, allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.
So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’. Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.
Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt. Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht, was er Einem schreibt.
Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- that sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.
„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“
Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen und Stecken, wie sie waren, dazwischen.
„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans, freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.“
Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“
Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen, Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus den Fingern zerren.
„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt, Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“
Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“
Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so, nur Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht; freilich trau’ ich mich nicht. -- Ging Dir halt nicht von statten, meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st probiren -- leicht ging’s, Christl.“
„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“
„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“
„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.“
„Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“
„Um so besser,“ rief die Christl.
„Nein, ich -- weißt, er soll’s halt nicht wissen, und -- wirst steh’n bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! -- Er leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ -- ich weiß, daß er’s nicht leid’t -- freilich nit.“
„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“ sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’ +still+ lesen lassen? +Laut+ soll er ihn lesen, Dir vorlesen soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein Wort davon -- kein Wort.“
Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja -- weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin steht.“
„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein, auf alle Mittel und Weis’!“
„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“
„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’ er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’ Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“
„Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl, „bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit, thät’ mich der Hansl heiraten. -- Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen ’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen. Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen -- ja, laß Dir Zeit!“
Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.
Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“
„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief diese noch aus dem Walde zurück.
Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie nicht.
Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.
Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze, seitdem Vater und Mutter gestorben.
„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt, seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling, Tochter, Kind.
Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann sagen, der Schwanenwirth-Christl.“
Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.
„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.
„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen befangen schnell.
Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand, da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“
„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ --
„Der Schwanenwirth-Christl ihrer --“
„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim, aber gleich wieder.“
Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich. „Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern. Innigstgeliebte Margaretha! -- steht’s geschrieben.“
Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber so heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“
„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde, was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab
Dein Johann Kinigl, Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“