Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 31
Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener Seelen -- so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in Andacht -- in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. --
Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da -- jählings war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall -- -- die Mauern des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm. Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. --
„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen, wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ -- Sie bewegten sich nicht. Man faßte sie an -- jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an ihren Chorröcken waren geschmolzen.
Zwei junge Leben waren dahin.
* * * * *
Nun fragen wir Alle: Warum?
Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr und an diesen senkrecht nieder -- in ihr Leben.
Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet! -- Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das Fatum, der Zufall kennt keine Moral.
Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.
K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.