Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 30

Chapter 303,825 wordsPublic domain

Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte -- aber vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den Hochaltar begleiten wollen -- da ist sie vorgestern in der ruhsamen Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub. Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.

Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke. Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!

Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken -- guck’ ich ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der alten Aga.

Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen Gottes hat geschrieben.

Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit, schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein? Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen. Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort gewesen.

Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen Blättchen vom Heidegestrüpp -- da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern Hausbedarf.“

Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.

Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen; sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie zusammenströmte.

Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.

Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will ich’s der Mutter heimtragen!“

„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann, „ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“

So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz liegt verborgen. --

Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“

Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage, da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen ihre Herzen nicht mochten erklimmen.

Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte, und grüßten mit Anstand und verlangten -- das Mädchen. Da fragte die Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’ Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.

Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter. Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.

Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe senden.

Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte, so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit -- sie wolle bei der nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr. Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie eines Tages -- als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen -- gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte versüßen. -- -- --

Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.

Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder gehen, wohin es ihm beliebe -- er halte es nicht auf.

So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh ist die Mutter gelegen -- kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der Wange.

Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt, wie lange sie müsse dienen und arbeiten?

Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“

An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in langer Noth und Drangsal.

Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen. Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’ entblättern!

Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein neues Jahr der Lasten zugetrunken.

Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich entlockt ward.

Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner Markung.

Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’ hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur Zeit der Heidelbeerenblüthe zum erstenmale hatte gesehen, lag seit fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen: im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. --

So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen, da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie freundlich diesem Hohne der Erde entführt. -- -- --

Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.

Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.

Drei Stunden vor dem Sterben.

Sie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.

Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.

Der Andere -- Lorenz -- schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete. Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in Arm gingen -- denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten -- denn der Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn Einer zu tief in den Wald hinausging -- denn der Orden sprach von den heiligen Mauern. -- Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die Büsche.

Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.

„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.

„Nur beten,“ versetzte der Andere.

„Beten? Kannst Du’s jetzt?“

„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen steht, nur selten.“

„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“

„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich selber beten -- Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“

„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht zur goldenen Kette brächte!“

„Golden, golden -- wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders. Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich -- Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das Stift und seine guten Weine.“

Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das Haupt und blickte gegen die blauenden Felswände auf. Ueber denselben stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.

„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das himmlische Zion.“

„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen, heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“

„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen Glauben!“

„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“

„Und Menschen fischen?“

„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“

„Wie, Du wolltest --?“

„Baden.“

„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? -- Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“

„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen! Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“

„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus, machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht abschreckend wirken sollte.

„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“

„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.

„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser Welt!“

„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute in der Luft liegen.“

Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu sein, hätte erst auch sein Schönes!“

„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.

Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. --

Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.

Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende Blicke um sich. -- Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras -- und bald standen sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. -- Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.

Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.

Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“

Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser, seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.

Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den See. -- So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.

Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde, verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde, das Haupt dem Himmel.

Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu sein. -- Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’ verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn, tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen, rieselte das Wasser.

Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt, welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See, kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.

Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.

Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht, an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten. Lorenz meinte, es sei auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden -- demselben nach.

Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu holen.

Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen, weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.

Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde. Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu kommen.

„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“

„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“

Das Wort hat ein Drittes gehört.

Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten, welche zerstreut mit Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.

Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.

In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.

Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen. Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige Minuten vor sechs.

Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden, die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. -- Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.