Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 28
Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie willst mir sie verkaufen?“
„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel, „willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr mitsammt der Kette.“
„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“
„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s. Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und --“ er legte die Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“
„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“
* * * * *
Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab, welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte: Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? --
Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in das Häuschen seines Freundes.
„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem Kameraden ein Stück Blei hin.
„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“
„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“
„Das mag auch sein.“
Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war, als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.
„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich, „da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“
Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.
„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß ich Dich frag’ Franz, -- hast Du Dir’s überlegt?“
„Was?“
„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“
„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.
„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz, und wir wollen alleweil zusammenhalten.“
„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt -- thätest Du nicht sein -- mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“
Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden. Beide schüttelten sich die Hände.
Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.
„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere nickte mit dem Kopfe.
„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu beweisen.
„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“
„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“
Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir schwören, daß Du mir hilfst?“
„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’, das wird doch nicht vonnöthen sein?“
„Man kann’s nicht wissen.“
„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’ kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“
„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“
„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird doch nichts Unrechtes sein.“
„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“
„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was kann ich Dir denn thun?“
„Rath’ einmal.“
„Wieder Korn tragen helfen?“
„Nein, Franz.“
„Brauchst etliche Groschen Geld?“
„Nein, Franz!“
„Soll ich Dir Eine überreden?“
„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“
„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“
„-- -- Nein, Franz.“
„Ihm das Haus anzünden?“
„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“
„Kunnt’ nicht mehr rathen.“
„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es -- aber greif’ zu, trink’, trink’ -- Du mußt mir schwören, daß Du es Niemand sagst!“
„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“
„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand! Bei Gott und Deiner Seel’! -- Du willst nicht? Nicht einmal den Arm heben, mir zu Lieb?“
„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier kann ich’s noch weniger.“
„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“
Dem Wachszieher -- wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ -- vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen Seele!“
Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.
„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin. -- „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt, daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“
„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber gleich, was Du verlangst.“
„Ich? Was ich verlang’?“
„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“
Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den Steghofer um.“
Der Franz prallt zurück.
Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen, wie ernst es ihm ist.
„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab: „Geh’, geh’! -- Geh’!“
„Also, Du magst nicht?“
„Mein Lebtag nicht. +Mein Lebtag nicht!+“
„So. -- Also +meineidig+ willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.
„Daß Du +so+ was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“
„Und hast doch geschworen!“
„Hätt’ -- hätt’ ich Dir +das+ geschworen?“ ächzt der Franz und ringt nach Athem.
„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir nicht zu helfen.“
Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.
„Nun?“ frägt der Soldat.
„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor behüt’ mich Gott.“
„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du, einen +Vatermord+! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur, hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich einen Schurken, Dein Lebtag lang.“
Der arme Franz -- in Wahn befangen -- rang die Hände, starrte stumm vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und ein zweifacher Mörder sein! -- Aber Vatermord und Meineid sind die schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst -- Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben -- die Hand hat falsch geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht ihn aus? --
Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.
„Nun?“ fragte der Crispin wieder.
„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“
„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“
„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“
„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei still.“
Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: „Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s Bestimmung. -- Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei in sieben Tagen ausgeräumt!“
Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und stürzte aus der Stube -- in die erste finstere Nacht des neuen Jahres hinein.
* * * * *
Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn doch nicht der Rechte.
Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.
Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.
Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.
Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.
Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. -- Wenn das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter +diesem+ Manne brechen, er +muß+ brechen. -- Der Bursche nahm eine Handsäge unter den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel durch.
„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten Zeit brechen.“
Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.
Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; -- sie läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. -- Heute saß er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden. Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben, dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.
„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“
„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.
„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“
„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“
„Wer?“
„Nun, wer denn? Der Crispin.“
Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin +ich+!“
„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die Sense.
„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.
„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“
„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern über den Waldsteig.“
„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur Herdgluth.
In demselben Augenblicke knallte ein Schuß -- gellte ein Schrei -- klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.
Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.
Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.
* * * * *
„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz, der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“
Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn geschossen habe.
„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf, um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden, und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.
Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee leitete sie gegen die Natterklamm.
„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die Leute.
„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.
Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu -- und der Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren die Tritte nicht mehr zu spüren.
„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.
Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.
Als sie nach zwei Tagen -- es war der siebente Tag nach der Neujahrsnacht -- den Sarg des Crispin durch den Wald und an den Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten Tagen benommen hätte. -- Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen, daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er! Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“
Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen; der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er. Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.
In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin -- Gemordete liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ --
Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft, Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.
Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.
Der Thürmer von Münsterwald.
In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.
Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in demselben für ihre Abende vorbereiten können.
„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird sich der Thürmer die Zeit vertreiben? -- Jetzt liegen sie neun Stunden lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!
Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön seine Glocken klingen.
Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht tiefer; sein Mund murmelt:
„Die Lust hat uns verbunden, Die Schuld hat uns getrennt.“
Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.
Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der Töne -- er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande -- der Eine wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.
„Die Lust hat uns verbunden, Die Schuld hat uns getrennt.“
In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.
Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. -- Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser Jahreszeit bei uns nicht viel herum!
Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.
Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, da wurde die Kirche zu klein -- und das will in Münsterwald was sagen! Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“
Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.